Thorsten Fischer: Onlinedrucker & Offlineraser

77e89c773fDer Überflyer

Angefangen hat Thorsten Fischer (links, mit seinen Geschäftsführern Tanja Hammerl und Markus Schmedtmann) mit einem Würzburger Stadtmagazin. Als ihm die Welt der Anzeigen zu klein wurde, hat er den stationären Online-Dienstleister Flyeralarm gegründet – und damit die festgefahrene Druck-Branche revolutioniert. Porträt eines DIY-Millionärs im Metier der Flugblätter und Sticker, das viel lässiger klingt, als es ist.

Von Jan Freitag

Annahme, Schuss, Tor. Annahme, Schuss, Tor. Einmal, viermal, sechsmal. Kurzes Lächeln, fester Händedruck, dann ist es vorbei nach zwei bis drei Minuten. Ob gegen einen Gegner oder mehrere, für Thorsten Fischer spielt das keine Rolle. Ihn beim Tischfußball zu schlagen, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Fischer zu schlagen, ist auch abseits des Kickers in seinem riesigen Büro schwer vorstellbar. Er spricht es sogar selbst aus, laut, aber nicht aufdringlich – mit einem Selbsbewusstsein, das auf realen Erlebnissen fußt. Siegesgewiss und bodenständig zugleich kommt der 38-jährige Unternehmer rüber. Gegen einen wie ihn zu Null unterzugehen, das brauche niemandem peinlich zu sein. „Ich stell’ mich ja ned her, um zu verlieren.“ Zumal er üblicherweise Gegner ganz anderer Kaliber aus dem Weg räumt – sowohl beim kleinen Pausenwettkampf wie im großen Spielfeld seiner Branche.

Thorsten Fischer ist Chef und Inhaber von Flyeralarm, einer Druckereifirma, die nach eigenen Angaben mit rund 10 000 Aufträgen pro Tag der größte Online-Dienstleister dieser Branche in Europa ist. Dieses Geschäftsfeld hat er 2002 mit einem Hybrid aus E-Commerce und Druckerei „revolutioniert“, wie jedenfalls Christoph Schleunung vom Bundesverband Druck und Medien meint. Zuvor war das Leben des Würzburgers bemerkenswert ziellos verlaufen. Den Beruf des Unternehmensberaters fand er attraktiv, den Weg dahin aber nicht. Sein Vater, ein TÜV-Ingenieur in althergebrachter Alleinernährerrolle, wollte den Filius nach dem Wirtschaftsabitur zu „was Technischem“ bewegen. Doch zuzusehen, wie Beton härte, „das war nicht meine Berufung“, sagt Fischer.

Für ein Studium sei er nicht geeignet gewesen, „zu faul“, kokettiert Fischer und bezeichnet sich zugleich als „für nine-to-five nicht geschaffen“. Eine Versicherungslehre brach er ab und gründete „aus einer Schwimmbadlangeweilelaune“ heraus ein Stadtmagazin mit dem profanen Titel Würzburger Tester. Das Monatsheft warf schon bald solide Erträge ab. Fischer leistete sich eine Sekretärin, einen geleasten BMW und ein mittleres Gehalt. „Echt schöne Zeit“, erinnert er sich. Er war ein Do-it-yourself-Verleger, der viel lernte: Schreiben, Layout, Anzeigengeschäft, Druck und Vertrieb.

Bald aber hatte er eine noch bessere Idee. Statt „noch 20 Jahre lang in Kneipen Anzeigen zu verkaufen“, auf deren Bezahlung man oft Wochen warte, gründete der Drucker ohne Druckerausbildung eine Vertriebsplattform für Drucksachen und nennt sie Flyeralarm. „Ich hatte null Ahnung von dem Geschäft, null Maschinen und null Ahnung, wie die Dinger überhaupt funktionieren“, sagt der Gründer heute. Und doch zeigt er den Platzhirschen im Druckgewerbe rasch, womit man Geld verdienen kann. Fischer holt Getränkedosen mit Bundesligistenaufdruck aus der Vitrine und reiht sie stolz nebeneinander auf: „Wir haben ja quasi einen völlig neuen Markt generiert.“ Bei seinem Start vor elf Jahren trifft er auf eine Branche im Umbruch. Das Druckgewerbe liegt am Boden. Seit man im Internet für einige Euro Flyer basteln kann, sinken die Erträge der professionellen Unternehmen auf diesem Markt. Aber sie werden auch produktiver.

„Die Arbeit von fünf Maschinen machen heute vier und bald drei“, sagt Fischer. Der europäische Druckmarkt schrumpfe zwar. Aber „weil wir am günstigsten sind“, weil Flyeralarm für 5000 Werbezettel mit 30 Euro heute nur ein Zehntel des Preises von 2002 verlange und daran doch gut verdiene, „profitieren wir selbst vor der Krise“. Das trifft zwar durchaus auf Kritik. Über seine Art gedruckter Massenabfertigung kursiert brancheintern der Vergleich zu McDonalds, Quantität gehe zu Lasten der Qualität, Verbraucherforen sind gut gefüllt mit Klagen über erfolglose Reklamationen, mangelnde Kulanz, dazu die schlechte Bezahlung vieler Mitarbeiter. Doch mit solchen Mitteln hat Thorsten Fischer offenbar die Zeichen der Zeit erkannt. Auf der einen Seite der Entwicklung standen die traditionellen Betriebe mit ihrem Handwerkerethos, auf der anderen junge Start-upper mit ihrem Garagen-Gestus. Die Alten konnten wenig mit der Ästhetik von heute anfangen, die neuen noch weniger mit dem Know-how von einst.

In diese Lücke stieß Flyeralarm. Mit einer aggressiven Preispolitik rollt ihr Gründer seither den Markt auf. Aber eben auch mit echtem Willen „zur win-win-Situation per Handschlag, der bei Herrn Fischer noch was zählt“, wie sein Geschäftspartner Stefan Aumüller vom gleichnamigen Druckhaus in Regensburg lobt. Das sorgt für diese Mixtur aus Reputation und Lässigkeit. Oder ist die womöglich Fassade? Mal ehrlich, Herr Fischer: Ein urbanes Produkt, ein cooler Name, ein lässiges Image  – ist bei Ihnen alles Party, Party, Party? Der Mann im mausgrauen Zweiteiler, der episch über die Vorteile des Sammeldrucks dozieren kann, wehrt ab. Nein, so sei er nicht. „Diskos mochte ich nie.“ Da sei es laut, da könne man nicht reden. „Schon in jungen Jahren ging ich lieber essen“. Ging? Er benutzt tatsächlich die nostalgische Vergangenheitsform und zerstört gleich noch die letzte Illusion: „Flyeralarm hat mit Feiern nichts zu tun.“

Der Herr der Flugzettel, ein kleiner Mark Zuckerberg analogen Sendungsbewusstseins, passt also ähnlich gut ins Bild der Eventindustrie wie etwa die Volksmusik. Die klingt nach großer Gaudi, ist aber bloß ein gutes Geschäft. Fischer beschreibt seines als „solide“. Treffender wäre aber: bombig. Mit drei Mitarbeitern erzielt seine GmbH aus dem Stand 250 000 Euro Umsatz 2002 und schafft rasch den Break-even. Sechs Jahre später knacken 644 Angestellte die 100-Millionen-Grenze. Heute erwirtschaften gut doppelt so viele Menschen mehr als 280 Millionen Euro. Das sind große Zahlen in einer Branche, in der sich rund 10 000 Betriebe einen Gesamtumsatz von rund 20 Milliarden Euro teilen.

Der Erfolg hat Gründe, einer ist das Portfolio: statt nur Flugblatt, Folder, Visitenkarte wie zu Beginn bietet Flyeralarm an vier deutschen Standorten mittlerweile vom Kundenmagazin über bedruckte Schlitten bis zum kompletten Markenauftritt knapp 1000 Produkte in drei Millionen Ausführungen. Rund 300 000 Abnehmer beliefert das Unternehmen, die meisten davon, 95 Prozent, sind Geschäftskunden. „Noch“, sagt Fischer und grinst vieldeutig. Sollte der kleinteilige Business-to-Consumer-Bereich nicht kräftig wachsen, dann nur, weil der margenstarke Business-to-Business-Bereich schneller zulegt.

Wie schnell, das ist nicht nur an Flagshipstores in München, Frankfurt und Düsseldorf, an Vertretungen in Österreich und Spanien und an Tochtergesellschaften in vier weiteren Ländern abzulesen. Es zeigt sich vor allem auf dem Firmengelände im Würzburger Industriegebiet. Während von 400 direkten Mitbewerbern die drei Nächstplatzierten selbst gemeinsam nicht das Volumen des Marktführers erreichen, schwillt hier ein imposantes Logistikzentrum an. Und dann diese Lobby: urbanes Latte-Macchiato-Design voll berufsfröhlicher Vertriebler und Marketingleute im Duz-Modus. Man gibt sich jung, man kleidet sich hipp, man hat ja ein eher nostalgisches Produkt im Angebot, der Fachterminus lautet Druckerzeugnis. Um Kunden jeden Alters anzusprechen, hat Fischer das Image seiner Firma frisch aufpolieren lassen: „Bisschen anders, dynamischer, peppiger.“

Die Agentur wollte ihm seinen Namen nehmen, der zwar die Banden bei Spielen der Fußballnationalmannschaft und die Brust von Bayern Münchens Basketballern ziert, aber eben auch etwas kindisch klingt. Doch der Inhaber mahnte: „Flyeralarm hat uns geholfen, vom Billigdrucker zum Kataloglieferanten für Global Player zu werden.“ So blieb der Name. Wenigstens der. Denn statt „Druck deine Idee“ lautet der Slogan jetzt „Powered by Print“ und heißt bei einem Reifenwechsel „auf der Pole Position“ willkommen. Die Botschaft ist klar: Überholspur, Tempo, Sieg. Allerdings nicht mit der prolligen Formel 1, sondern einem lässigen Mini als Werbeträger. Das spricht eher Großstädterinnen mit lustigen Strickmützen an als Vollgasfans mit Benzin im Blut.

Vor allem aber hat es Fischer angesprochen. Der mag zwar seit jeher Autos, fuhr damit aber erst um die Wette, als man beim Marken-Relaunch auf eine Rallye der britischen Kleinwagen stieß. „Wenn wir es sponsorn, können wir auch mitfahren“, erklärt der Badminton-Spieler seinen Pistenabstecher und schwärmt, Beschleunigen auf der Geraden sei „langweilig, aus der Kurve ist toll“. Selbst eine Rennlizenz hat er. Doch der Spaß höre auf, wenn er die Wochenenden fresse.

Denn eins ist Thorsten Fischer geblieben: Ein Genussmensch, ein Freund feiner Weine und guter Hotels. Also hat er sich eins gebaut, gleich beim Firmensitz. Eigentlich, so erzählt er im barocken Stadtchateau unter alten Wandmalereien, sollte die „Wiener Botschaft“ nur ein Ort sein, wo der Österreichfan auch daheim sein Schnitzel kriegt und Geschäftskunden gut unterkommen. Mittlerweile aber sei es ein „echtes Hotel mit einfacher Küche auf Sterneniveau“. Geld verdiene man damit zwar keines, räumt der Hobbygastronom ein, „aber es macht riesig Spaß.“ Der ist ihm zwar vergangen, seit die Nobelherberge standortbedingt schließen musste, doch sein Kerngeschäft boomt weiter. Und das, obwohl das Druckgewerbe alles andere als eine Wachstumsbranche ist. Um 25 Prozent im Jahr, hofft Fischer, solle Flyeralarm im Jahr zulegen, falls nötig auch ohne das Drucken, als reiner Dienstleister. Das wird man sehen. „Ich traue keiner Kristallkugel.“ Aber in zehn Jahren, so fügt der Nachhaltigkeitsfan und Einkommensmillionär mit eigener Kinderhilfsstiftung hinzu, „machen wir Gewinne genug, um die Welt zu retten.“ Und wie er dazu lächelt, irgendwo zwischen bodenständig und siegesgewiss, meint er das womöglich ernst.

http://www.zeit.de/2013/36/flyeralarm-thorsten-fischer



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