Skandalbausätze & MdB Eichwald

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

6. – 12. April

Dass Reklame zum Fernsehen gehört wie RTL, Heidi Klum oder Der klügere kippt nach, ist eine Tatsache, die man nicht mögen muss, aber akzeptieren. Dennoch – oder deshalb – macht es Konsumenten schlicht wahnsinnig, wenn darin so gelogen und betrogen wird, wie im Nahrungsmittelsektor üblich. Ein großer Discounter – nennen wir ihn Lödl – etwa, bekannt für ausbeutenden, naturzertörenden, strukturvernichtenden Preiskampf bis aufs Messer, zeigt derzeit, was es heißt, die Kundschaft hinters Licht, also an die Kasse zu führen. In Manufactum-Ästhetik stilisieren aufwändige Spots schäbig fabriziertes Folterfleisch aus Massentierhaltung zur nachhaltigen Gourmet-Ware, als sei McDonalds eine Tochter von Greenpeace. Man kann, um es dem Ärger über so viel Verlogenheit gemäß drastisch auszudrücken, gar nicht genug Lödl-Dreck fressen, um so kotzen zu müssen, wie man möchte.

Womit wir beim zweitliebsten Hassobjekt aufgeklärter Mediennutzer nach dem Privatfernsehen wären: der Bild. Die ist weiter das zweitmeistzitierte Infoprodukt nach dem Spiegel und belegt damit eindrücklich, wie man mit dubiosen, meist populistischen, nicht selten unlauteren Mitteln in den Fokus der Aufmerksamkeitsindustrie gerät. Die Mehrheit der Zitate – oft einzige Recherchegrundlage diverser Billigmedien vom Regenbogenblatt bis zum Formatradio – basiert ja auf Falschmeldungen, Skandalbastelbausätzen und sonstigen Formen des elaborierten Schmierenjournalismus, den das notorische Drecksblatt bar ethischen Anspruchs ins Gehirn seiner Nutzer bläst.

Zyniker würden dem Verlag dahinter glatt mal eine Cyber-Attacke wünschen wie jene, die am Donnerstag den französischen Kanal TV5Monde über viele Stunden lahmgelegt hat. Da das aber ein bisschen viel der virtuellen Gewalt wäre, wünschen wir uns lieber, David Lynch würde eine Serie über die Machenschaften des Springer-Konzerns drehen, die ihn als mysteriösen Machtorganismus inszeniert. Dummerweise macht das Regiegenie knapp 25 Jahre später nun aber nicht mal die heiß ersehnte Fortsetzung von Twin Peaks für den US-Sender Showtime. Der habe einfach nicht genug Geld für sein Anspruchsdenken geboten, erklärte der Regisseur seinen Rückzug, weshalb das Sequel womöglich ohne ihn hergestellt wird. Ein Jammer, eigentlich.

0-FrischwocheDie Frischwoche

13. – 19. April

Wie der Umstand, dass Donnerstag erneut ein Stück der seltenen Brillanz jenseits von Krimi und Schnulze ins öffentlich-rechtliche Asyl abseitiger Nachtsendeplätze (ZDFneo, 22.45 Uhr) geschoben wird. Es heißt Eichwald, MdB und porträtiert einen fiktiven Bundesabgeordneten, der in seiner desillusionierten Selbstgerechtigkeit so wahrhaftig wirkt, dass es fast wehtut. Ein guter Grund, dass es auch noch fabelhaft unterhält, ist hingegen Stefan Stuckmann, der sonst unter anderem die heute show mit Pointen versorgt und nun grandios den Berliner Politalltag persifliert. Ein noch besserer Grund allerdings ist Bernhard Schütz. In seiner ersten echten Hauptrolle gibt der geübte Nebendarsteller dem Wahnsinn eines Politikfossils, das sich in 30 Jahren Parlamentsarbeit zerreiben ließ, ein famoses Gesicht.

Gesichterwechsel dagegen beim misanthropischen ARD-Ermittler Zorn. In seinem neuen Fall am gleichen Tag zur ungleich besseren Sendezeit ersetzt der schicke Lover zahlloser Kommerzromanzen Stephan Luca den Charakterdarsteller Mišel Matičević, was wirklich schlimmer hätte kommen können. Gleiches gilt für Anja Kling als Kommissarin, der das ZDF die eigene Filmtochter zur Kollegin im nächsten weiblich besetzten Samstagsmorddezernat macht. Blöder als bei Die Wallensteins kann die Ausgangskonstellation eines Krimis also kaum sein. Die fabelhafte Hauptdarstellerin aber macht dann doch den Unterschied.

Kein Unterschied ist demgegenüber zwischen Christoph Maria Herbst und Christoph Maria Herbst in der betulichen Zwillingskomödie Besser als du zu erkennen, die fast sämtliche Stärken wie Schwächen des ARD-Freitags vereint: ganz nett, aber so glatt, dass man sich sofort einen Schuss Realität auf den Bildschirm wünscht. Wie die schwarzweiße Lowbudget-Sensation Oh Boy (Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte) mit Tom Schilling als Berliner Antiheld Nico, der stinknormalen Kaffee ohne Latte, Soy, Chichi will und ansonsten einfach nur seine Ruhe. Oder doch gleich die harte ARD-Doku „Countdown zu einem Tabubruch“ (Montag, 22.45 Uhr) übers bedrückende Ringen um die Neuauflage von Mein Kampf, dessen Urheberrechte 2016 auslaufen. Bisschen sanfter, aber ebenfalls gehaltvoll, die Wiederholungen der Woche, in schwarzweiß diesmal Haben und Nichthaben, Howard Hawks‘ legendäres Résistance-Drama mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall in ihrer allerersten Rolle als femme fatale von 1944 (Sonntag, 20.15, Arte). Und in Farbe der ebenso legendäre Tatort: Reifezeugnis, (Montag, 23 Uhr, RBB) mit Klaus Kinskis Tochter Nastassja als Lolita, die mit ein bisschen Offenherzigkeit 1977 noch ein mittelschweren TV-Skandal erzeugen konnte.

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