Rah Rah/White Hills/Adna/Young Fathers

Rah Rah

Wenn Krokusse durch den Winterboden blinzeln und Frühjahrspracht die Herzen wärmt, beginnt die schizoide Zeit saisonal verwirrter Gemüter. Um dem Trübsinn der dunklen Jahreszeit auch atmosphärisch den Garaus zu machen, schwelt alle Welt bereits im nahenden Sommer, was rasch so auf die Nerven geht, dass man sich Regenwolken ins Himmelblau wünscht. Dieser Zerrüttung angemessen zu vertonen, ist eine echte Herausforderung – und führt direkt zu Rah Rah. Das kanadische Trio, dessen Umfang sich seit der Gründung 2008 fast verdoppelt hat, macht einen Power-Pop, der dem Winter Osterfeuer unterm Hintern macht. Mit vielstimmigen Woohoo-Chorälen treibt ihr neues Album Vessels die süffigen Fuzzriffs auf Eisverkäufer-Niveau, regelt die gute Laune sodann mit dumpferen Wave-Flächen auf bedeckt, bis A Love That Sticks ein paar Strahlen hindurch lässt, die noch lange nicht zum Sonnenbad anregen. Man kann den Frühling cooler begrüßen, klüger, seifiger sowieso, aber kaum lässiger. Heiter bis wolkig, würde der Wetterbericht sagen. Gibt es angenehmeres Wetter?

Rah Rah – Vessels (Devil Duck Records)

White Hills

Wobei gutes Wetter wie erwähnt nicht nur eine Frage von Azorenhochs oder polaren Tiefs ist, sondern der ganz persönlichen Wahrnehmung dessen, was die jeweilige Seelenlage gerade am besten untermalt. Für all jene also, denen schon das morgendliche Lüften zu viel der Lebensbejahung darstellt, bieten White Hills das nächste Stück elaborierter Übellaunigkeit, die sich nicht im Zweckpessimismus verläuft, sondern sämtliche Farben des Trübsinns neu verrührt. Auf ihrem grob geschätzt 150. Album in kaum zehn Jahren ist das New Yorker Psychobeat-Duo Dave W. und Ego Sensation wieder in seinen Krautrockkeller gekrochen, um darin alles auf Moll zu drehen, was nicht bei drei auf dem Dur-Baum ist. Sie mögen zwar von frühlingshafter Wanderlust singen, die einige von uns haben. Der Rest jedoch is „lying face down in the dirt“. Auf zertrampelten Krokussen womöglich, was unzweideutig daraufhin deutet, dass Walk for Motorists fern vom Tageslicht entstanden ist. Die Vorhersage für heute: Zäher Bodennebel, der sich bis zum Abend nicht auflöst. Aber manchen macht ja erst das akzeptable Laune.

White Hills – Walk for Motorists (Thrill Jockey)

Adna

Gewitterwolken im Kopf als Distinktionsmerkmal vom Eiapopeia-Fieber des frühlingserwachenden Mainstreams ist allerdings immer noch ein Privileg schwedischer Kommissare und der Pubertät im Ganzen. Bis aufs Kriminelle vereint Adna einen Großteil dieser Attribute auf sich, auch wenn die Sängerin vom Bottnischen Meerbusen mit ihren 20 Jahren schon aus dem Gröbsten raus sein sollte. Da sie aber locker fünf Jahre jünger aussieht und in ihrer gravitätischen Tristesse so skandinavisch wie ein Satz Ystader Ritualmorde, ist die düsterhaarige, düstergekleidete, düsterdaherkommende Wahl-Berlinerin der Inbegriff jugendlichen Katzenjammers. Ein bisschen wie ihre Generationsgenossin Birdie, ebenfalls mit hinreißenden Coverversionen groß geworden, nun eigenkompositorisch der Kindheit entwachsen. Ihr zweites Album Run, Lucifer wimmelt nur so von Lonesomes, Shivers, Silent Shouts und transportiert darin eine ergreifende Traurigkeit, dass man wie sie seinen Kleiderschrank instinktiv von aller Farbe befreien möchte. Doch die spärlich instrumentierten Arrangements mit Synthie-Tupfen und Adnas XX-artiger Gitarre kleiden ihr getragenes Organ in derart elegante Harmonien, dass man beim Schwärmen kaum ins Miesepetern kommt. Ist also doch Regenbogenmusik.

Adna – Run, Lucifer (Despotz Records)

Young Fathers

Ohnehin im Sonnenscheinmodus müssten die Young Fathers sein. Gerade erhielt ihr Debütalbum den Mercury Prize als beste Platte 2014, da legen sie schon den Nachfolger mit dem originellen Titel White Man Are Black Man Too hin. Und schon wieder ist es famos, was die drei Freunde aus dem schottischen Edinburgh machen. Wenn Hip-Hop das ist, was seine Urahnen stets beteuerten, ein Kommunikationsmittel nämlich, in dem es um mehr geht als den tightesten Reim, dann sind Alloysious Massaquoi, ‘G’Hastings und Kayus Bankole Kommunikationswunder. Ihre technoid-verspielte Form des Sprechgesangs wirkt wie ein dauernder Diskurs aller unter-, mit und durcheinander, was ihren Rap auf höhere Ebenen hievt. Versetzt mit viel Funk, Rock, Soul, Pop und allerlei Sounds der afrikanischen Wurzeln zweier Bandmitglieder, klingt das in den helleren Momenten, als träfen sich Bootsy Collins mit Outkast zur Bronxparty, in den dunkleren, als fände sie bei Tricky im Keller statt. In den meisten aber treffen sich alle gemeinsam oberirdisch unterm Frühlingshimmel und feiern die Kreativität.

Young Fathers – White Men Are Black Men Too (Big Dada)

Mehr Text und Bilder und Sound unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-03/young-fathers-san-cisco-adna-rah-rah

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