Bernhard Schütz: Schlingensief & MdB

Ich sehe Politik als Kunst

Er hat schon diverse Kanzler verkörpert, dazu Minister und mit Christoph Schlingensief eine Partei gegründet. Als Schauspieler jedoch steht Bernhard Schütz auch nach vielen Jahren im Geschäft nur im zweiten Glied, zumindest vor der Kamera. Als desillusioniertes Politfossil Eichwald, MdB rückt der Rheinländer nun endlich an die Spitze eines grandios bissigen Vierteilers über die Berliner Republik und erzählt, wie es dazu kommen konnte.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schütz, Ihr windiger MdB Eichwald lädt vermutlich jeden Zuschauer zum heiteren Parteienraten ein. Welcher gehört er so ungefähr an?

Bernhard Schütz: Was meinen Sie denn?

CDU, alter Blüm-Flügel.

Da müssen Sie sich zweierlei bewusst machen. Grad die Volksparteien machen längst keine Politik mehr, die entlang der alten Grenzen erkennbar ist. Und Eichwald, MdB ist Science Fiction in der Art Stanislaw Lems, wo es kein Oben, kein Unten gibt. Die wissen selbst nicht so genau zu welcher Partei sie gehören. Ich würde also sagen: linker Flügel CDU oder rechter der SPD.

Geht es im Vierteiler denn um dieses Ratespiel?

Es geht eher um eine die Bonner Republik in Berlin. Eichwald ist in der alten BRD groß geworden, Bochum II, als es noch echten Streit gab, Wehner gegen Strauß, Politiker, die ihr Mandat noch als echten Beruf im Sinne Max Webers aufgefasst haben, mit Arbeiterkindern von der SPD und Beamten in der Union

Wo sehen Sie sich als Sohn eines Polizisten und einer Hausfrau?

Mein Vater kommt aus Wuppertaler Lehrerverhältnissen, aber meine Mutter ist tatsächlich Duisburger Arbeiterklasse, ihre Mutter alleinerziehen mit sieben Kindern, Stahlindustrie. Dennoch war sie CDU, wenngleich frauenbewegt.

War ihre Kinderstube politisch geprägt?

Schon. Meine Mutter war Kommunalpolitikerin, mein Vater hat als Soldat noch die letzen Kriegswehen erlebt, alte Schule. Er war mit 18 in Gefangenschaft, sah das Berliner Schloss brennen, das hat seinen Umgang mit Politik geprägt. Ich hingegen war Kriegsdienstverweigerer, Atomkraftgegner, meine Freunde waren alle Trotzkisten, die RAF spielte eine Rolle. Politik hat mich immer bewegt.

Sind Sie auch aktiv politisch?

Wenn Politik überall stattfindet, wo man Einfluss nehmen kann, vom Arbeitsplatz bis ins Private – dann ja. Politische Dynamik entsteht meiner romantischen Ansicht nach überall, wo jemand seine Kraft nach den eigenen Möglichkeiten fürs Ganze einsetzt.

Das klingt nicht nach Parteipolitik.

Die wäre mir auch zu frustrierend. Deshalb habe ich mit Christoph Schlingensief vor vielen Jahren eine Alternative gegründet: Chance 2000. Viele haben sie als Spaßpartei betrachtet, aber das war’s nicht; gerade Christoph ist da völlig unironisch rangegangen. Es ging um Verstehen durch Nachspielenund einen kreativen Umgang mit den Mechanismen des deutschen Vereinigungswesens mit Kassenwarten, Satzung und allem.

Sind Sie mit ihm etwa auf dem Wörthersee zu Kohls Ferienhaus gepaddelt?

Leider nein, da wollte ich lieber selber Urlaub machen. Den Wahlkampfzirkus in Berlin hab ich aber schon mitgemacht. Aber sobald die Politik zu praktisch geworden ist, war ich dagegen. Realität interessiert mich daran nicht so sehr, ich sehe Politik als Kunst.

Ist Ihr Abgeordneter Eichwald also ein Kunstprodukt oder realistisch?

Was dazwischen. Es geht ums Handeln einer realen Kunstfigur wie Stromberg, das aus einer gewissen Bösartigkeit entsteht, die wiederum den Verhältnissen geschuldet ist. Was uns interessiert, ist die Entstehung von politischen Entscheidungen: Wie kommt der Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ins Eisbärenkostüm, wie kommt es bei den Grünen zum Veggie Day, warum agieren Politiker oft so bizarr? In Bonn mussten Politiker Politik machen wollen, um voranzukommen. In Berlin brauchen sie sieben Berufe, müssen gut aussehen, pointiert sein, witzig, rhetorisch begabt, kompetent – sonst kommt man allenfalls ins Landwirtschaftsministerium. Aber selbst dort musst du mitten im Lernprozess suggerieren, alles bereits im Griff zu haben.

Steckt also mehr Wahrheit in Eichwald als uns lieb ist?

Na ja, wir haben in der Vorbereitung eine Sozialdemokratin getroffen, die morgens um halb acht mit dem ersten Ausschuss beginnt, um 23 Uhr den letzten hat, zwischendurch dauernd Akten ließt und extrem diszipliniert, kompetent, fleißig ist. Das kennzeichnet die meisten Abgeordneten. Von daher überhöhen wir ihn schon stark.

Überhöhen oder angesichts dieser Erfahrungen nicht doch eher verunglimpfen?

Nein, denn seine Darstellung hat vor allem mit unseren Ansprüchen zu tun, ist also Konsumentensicht. Und ich glaube, dass in der pointierten Polemik oft mehr Realismus steckt als in der wahrheitsgemäßen Abbildung. Entertainment hilft enorm beim Verstehen.

Und Sie scheinen dafür besonders geeignet, so viele Politiker Sie spielen…

Vielleicht. Ich hab schon fast alle Kanzler durch. Den alten Schmidt. Und Kohl hab ich getötet, damals mit Christoph. Schröder nackt im Fellkostüm als Siegfried in der Berliner Republik und Doris, gespielt von Irm Herrman, angeschrien: ICH WILL EIN SCHWARZES KIND VON DIR!

Ah ja. Gibt es etwas, das Schauspieler dazu prädestiniert, Politiker zu spielen?

Es gibt höchstens eine gewisse Denkfaulheit bei Produzenten und Publikum. Wenn einer wie ich mal einen Politiker gespielt hat, fragt man ihn eben dauernd danach.

Wobei Eichwald Ihre erste große Hauptrolle ist.

Ich habe 25 Jahre Theater durchgerockt, da stand ich dem Filmmarkt gar nicht zur Verfügung. Als ich in den Neunzigern Film ausprobiert habe, war das dann eher ein Lückenfüller. Richtig mit Anspruch drehe ich erst seit fünf, sechs Jahren, da kann ich noch keine Hauptrollen erwarten. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste… Dafür spiele ich öfter mal international mit, Most Wanted Man zum Beispiel. Und demnächst im Independent-Film Dog Wedding zweier New Yorker Juden. Da bin ich ein deutscher Gurkenproduzent.

Fühlen Sie sich in der zweiten Reihe womöglich gar wohler als an erste Stelle?

Nö, Hauptrollen sind viel leichter zu spielen. Man hat 1000 Szenen, in denen man sich ausprobieren kann, und viele Sklaven, die mit weniger Drehtagen dramaturgisch heillos überfrachtet die Geschichte schleppen. Hauptrollen sind toll.

Gibt es eine, von der Sie träumen?

Ich würde wahnsinnig gern mit den Dardenne-Brüdern aus Belgien arbeiten. Die machen Film wie Theater, mit viel Proben und biografischer Vermengung. Und Mike Leigh, der Naked gemacht hat, interessiert mich.

Think global!

Komischerweise, ja. Das ist mir so zugeflogen. Reines Glück.

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One Comment on “Bernhard Schütz: Schlingensief & MdB”

  1. Interessantes Interview mit spannenden Antworten. Bin wirklich ein Fan der Serie!


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