Ron Jeremy: Pornostar & Schmuddelimage

Der größte Lover aller Zeiten

Auch mit gut 60 Jahren ist Ron Jeremy ein Superstar des globalen Porno. Niemand hat so viele Sexfilme gedreht wie der haarige New Yorker. Für die Goldenen Jahre des Genres steht er daher wie sonst nur Linda Lovelace, deren Leben 2013 verfilmt wurde (11. Mai, 22.15 Uhr, ZDF). Anders als das gefallene Sternchen aus Deep Throat hat es Jeremy allerdings als einer der wenigen Darsteller zu Reichtum gebracht. Porträt eines Getriebenen des lukrativen Treibens.

Von Jan Freitag

Sex und Lüge sind Geschwister. Ob zur Anbahnung, Durchführung oder Nachbereitung erotischer Erlebnisse jeder Art – stets ist die Unwahrheit mit im Liebesspiel des Größerlängerbesserhärterzarteröfter. Und wenn dann noch einer wie Ron Jeremy behauptet, 4000 Frauen im Bett gehabt zu haben, auf Tischen, Stühlen, Bänken, Straßen, Stränden, Stahlträgern, wer weiß wo, dann scheint das Blendwerk perfekt. Mit Schmerbauch, Doppelkinn und ergrautem Schnauzer hat der winzige Kerl schließlich in etwa die sexuelle Attraktion eines Mopsterriers. Und das soll der größte Lover aller Zeiten sein?

Er ist es und Ron Jeremy hat Beweise. Besser: halb so viele wie die Anzahl seiner Gespielinnen und einer steht sogar im Bestleistungskompendium der Welt, dem Guinnessbuch. Mit 1750 Rollen in Pornofilmen ist Ron Jeremy dort verzeichnet und es kommen auch in einem Alter neue hinzu, da viele Männer auf Penetration zu verzichten beginnen. Erst kürzlich gab es wieder einen. Jeremy lacht: „Sobald ich für einen Ständer Viagra bräuchte, ziehe ich mich aus dem Pornogeschäft zurück“. Noch muss er nicht, behauptet er. Wie gesagt: Wir befinden uns im Kosmos der Sexualität, der professionellen zumal. Es ist ein Märchenland. Genau so muss dem 62-jährigen Amerikaner das Leben vorkommen, seine Arbeit, sein Ruhm und vor allem: dieses Stehvermögen. „Bin ich ein verdammter Glückspilz oder was?“, lautet die rhetorisch gemeinte Frage in seiner Biografie, gänzlich unbescheiden mit Ein Mann und viertausend Frauen betitelt, „es ist noch nicht mal Mittag und ich habe schon Sex mit 14 Frauen gehabt“.

Nun ist hier die Rede von Pornografie. Harter Pornografie. Ein System extremer Ausbeutung, an dem zumeist nur eine winzige Minderheit der Beteiligten gut verdient. Und wenngleich Jeremy, in gewisser Weise ihr Uropa, lieber arglos von „Erwachsenenfilmen“ spricht, die ein gigantisches Publikum finden, ist ihr Ruf unterm Strich erbärmlich. Porno steht für Frauenverachtung, Ausbeutung, Verrohung und Warenförmigkeit, für Ekel, Gewalt, ja Prostitution und Unterwelt. Ein Männergewerbe voller Sklavinnen, klagen nicht nur Feministinnen. Ron Jeremy sieht es, nun ja, differenzierter. Und das wirft vor allem auf die deutsche Sexindustrie kein gutes Bild. Hier würden die richtig harten, grenzwertigen, die „perversen“ Filme gedreht, sagt er und tut dies ohne Groll. Sein Credo ist das der Toleranz. Solange kein Zwang herrscht… Dennoch: er selbst mache „nur lustigen Blümchensex“.

In der Tat, denn als knallharter Macho hat er trotz seiner dichten Körperwolle, die ihm den Spitznamen „der Igel“ einbrachte, nie getaugt. Auch nicht zu Beginn seiner Karriere, Ende der Siebziger, als er noch äußerst durchtrainiert war und der Hardcore seinen kurzen Stopp im Mainstream feierte. Werke wie Deep Throat oder Behind the green Door vertausendfachten locker ihre Produktionskosten an den Kassen, Darstellerinnen wie Linda Lovelace oder Marilyn Chambers waren Superstars, „Porn Chic“ katapultierte nicht nur die offene Ejakulation in Frauengesichter auf die Leinwände großer Kinosäle, sondern inhaltsreiche Drehbücher, fürstliche Budgets, reichlich Drehzeit und echte Requisiten an den Set. Porno war angesagt und da kam ein charismatischer Bursche mit grünen Augen und viel Humor aus New York gerade recht, der seinen Höhepunkt perfekt terminieren konnte und mit einem Viertelmeter im Schritt bestückt war. „Fünf Zentimeter … überm Boden“ – so pflegt er die Länge seines Gemächts zu beschreiben. Gern auf Kleinkunstbühnen, die er seit 20 Jahren als Stand-up-Comedian erfreut.

Als er noch Ronald Jeremy Hyatt hieß, wollte der studierte Theaterwissenschaftler und ausgebildete Sonderpädagoge richtige Rollen haben, natürlich. Dass er es am Ende auch vollständig bekleidet in 60 Filme geschafft hat, spricht Bände über den Rang der Pornografie. Die Talkshowtingelei einer Gina Wild oder Jenna Jameson ist dafür so beredtes Zeugnis wie Ron Jeremys Engagement für die Tierschutzorganisation Peta oder zahllose Fotos im Innern seiner Biografie, die ihn Wange an Wange mit Berühmtheiten von Dustin Hoffman bis Sting zeigen. Jeremy ist Kult, ein Klavierspielender Charmeur aus gutem Hause, einer der alten Schule, als Porno noch Niveau besaß. Behaupten seine Fans.

Ihr dienstältester Hengst hat beides erlebt, gestaltet, geprägt: Qualität und Quantität, millionenschwere Überhöhung als Kunstform und milliardenschwere Fließbandproduktion mit standhaften Männern, vor allem aber gefügigen Frauen als Gebrauchsgegenstände einer gnadenlosen Verwertunglogik, die völlig zu Recht den feministischen Zorn auf sich gezogen hat und immer noch zieht. Dank eines Nacktfotos im Playgirl war er 1978 in die Horizontale geraten und aus Rücksicht auf seine jüdischen Eltern ohne Nachnamen liegen geblieben. Sein Kontostand indes ging stetig in die Höhe. Als Ergebnis harter Arbeit, wie er betont. „Wir machen das nicht zu unserem Vergnügen, sondern zu eurem“. Für Romantik sei so wenig Platz wie für privates Liebesglück, das weiß er, das beklagt er, das will er erst ändern, wenn er mal eigene Kinder hat und glaubt doch gleichsam, den Spaß am Sex nie zu verlieren – daheim und am Set. Schließlich hat er eine Mission. „Ich bin doch der lebende Beweis dafür“, sagt der Weltrekordmann und lacht laut auf, „dass jeder Mann eine Chance bei Frauen hat“.

Der Mensch

Ron Jeremy, 1953 als Ron Jeremy Hyatt in New York geboren, hat in mindestens 1700 Pornofilmen mitgespielt, mehr als jeder andere Darsteller. Der studierte Theaterwissenschaftler und Sonderpädagoge ist seit 1978 in der Szene. In über 100 Pornofilmen hat er selbst Regie geführt und in 60 Nichtpornos mitgewirkt, u.a. bei Killing Zoe und Studio 54. Ron Jeremy lebt allein in New York.

Und das Buch

Ron Jeremy – Ein Mann und viertausend Frauen. Die Autobiografie des größten Pornostars aller Zeiten. Mit Eric Spitznagel. 336 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 14,90 Euro

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