Interview-Classics: Dieter Baumann

Das bin nicht 1:1 ich

Lebende Personen werden eher selten verfilmt. Einer von ihnen war vor zehn Jahren der Weltklasseläufer Dieter Baumann. 2004 hatte das Erste die aberwitzige Karriere des Olympiasiegers unter Dopingverdacht in Spielfilmform gegossen – allerdings nicht im Auftrag des weißen Kenianers, wie seine Konkurrenz den Ausnahmeläufer seinerzeit ehrfürchtig nannten. Freitagsmedien dokumentieren das Interview zu Ich will laufen mit einem bemerkenswert übellaunigen Sympathieträger.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Baumann, wie oft wurden Sie seit Herbst 1999 frei vom Thema Doping interviewt?

Dieter Baumann: Keine Ahnung.

Und der Tendenz nach?

Ich glaube, es gehört zur journalistischen Sorgfaltspflicht, das Thema anzuschneiden. Damit lernen Athleten umzugehen. Insofern findet es in jedem Gespräch mit Journalisten statt.

Nur die Ebene hat gewechselt – vom Saubermann zum Sünder.

Ja klar, die Rolle hat sich geändert, aber dann eben auch wieder. Das ist ein ständiger Wandlungsprozess. Ich weiß, was Sie jetzt von mir hören wollen.

Ob sich bei ihnen alles um Doping dreht.

Mein Leben beschränkt sich nicht aufs Thema Doping. Es ist mit tollen Projekten erfüllt und die paar Interviews verkrafte ich halt.

­Sie waren stets offensiver als andere.

Das bin ich noch. Ich habe ja nichts zu verbergen.

Wann haben Sie beschlossen, sich selbst an die Öffentlich zu wenden.

Das war schon während der ersten Monate. Ich hatte mir viele Notizen gemacht und gemerkt, es tut mir gut, wenn ich die Tagesverläufe quasi als Tagebuch festhalte. Irgendwann ging mir auf: da könnte ein Buch draus werden.

Und wann wurde das Filmprojekt an Sie herangetragen?

Kurz vor der EM 2002.

War das eine Chance, alles noch mal mit größerer Resonanz aufzurollen?

Eigentlich habe ich mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Natürlich sehe ich diese Gefahr, dass alles wieder angerührt wird. Deswegen habe ich sehr lang versucht, das Projekt nicht zu machen.

Wenn auch ohne Erfolg.

Na ja, ich bin dem Charme vom Regisseur Diethard Klante erlegen und habe ihm gesagt: Gut, wenn es dein Lebensglück erhöht, machen wir’s eben. Er ist da sehr hartnäckig.

Wie finden Sie seinen Film?

Ich kann da keine Wertung abgeben. Das ist als Betroffener nicht möglich. Es gibt aber diese Ambivalenz – auf der einen Seite war alles so wie im Film dargestellt, auf der anderen wurde vieles weggelassen, das mir wichtig wäre. Und Hans-Werner Meyer…

Der Sie im Film spielt.

… kann ich beim besten Willen nicht beurteilen. Da muss ich mich neben mich stellen und sagen, dass ist künstlerische Freiheit. Der schneidet den Dieter Baumann so auf sich zu, dass er den spielen kann. So muss man auch den ganzen Film verstehen. Das bin nicht 1:1 ich, das ist ein Schauspieler, der sich dieser Figur annähert.

Wie groß war ihr Einfluss?

Diethard Klante hat mit unzähligen Menschen Gespräche geführt, die involviert waren. Natürlich auch mit mir. Irgendwann hat er uns das Drehbuch vorgestellt. Aber konkrete Einflussmöglichkeiten waren nicht vorgesehen oder gewollt.

Wie war es, als sie erstmals den Rohschnitt gesehen haben?

Da blieb die Ambivalenz erhalten, dass ich die ganze Geschichte noch mal erlebe und wieder einen kleinen Schritt zurückmache. Eigentlich wollte ich nur noch nach vorn stürmen. Aber manchmal ist es auch okay, einen Rückblick zu wagen.

Sie kommen im Film sehr gut weg. Es könnte der Eindruck entstehen, Dieter Baumann wäscht sich hier rein.

Die Sorgen mache ich mir nicht, weil ich mit dem Film gar nichts zu tun habe. Ich hab Gespräche geführt, Herrn Klante Unterlagen zur Verfügung gestellt, und er hat Rechte meines Buches „Lebenslauf“ erworben; das ist ja die Handlungsgeschichte.

Haben Sie sich mehr über die Affäre an sich geärgert oder darüber, dass die Zahnpastaversion belächelt wurde?

Ärgern ist das falsche Wort – man ist hilflos, machtlos. Es ging ja auch um eine existenzielle Bedrohung. Aber es gibt jetzt hier keine Medienschelte; jeder hat da auf verschiedenen Ebenen seine Rolle gespielt, in seinem Bereich und mit seinem Motiv. Ich war da nur der Spielball. Es ging nicht mehr darum, ob ich’s getan habe. Eine differenziertere Betrachtung konnte ich irgendwann eh nicht mehr erwarten.

Hätten Sie gedacht, dass die Geschichte irgendwann mal Filmstoff wird?

Ach, mich überrascht im Leben nichts mehr. Aber ich hätte es auch nicht vorhergesagt. Ich habe einfach überhaupt nicht gedacht.

Können Sie sich nach dem ersten Einblick ins Filmgeschäft vorstellen, dort aktiv zu werden?

Grundsätzlich bin ich für alles offen. Die Welten des Athleten und die des Schauspielers liegen ja gar nicht so weit auseinander. Beides hat immer mit einer Bühne zu tun und meine ist das Stadion. Ich habe dieses Projekt genutzt, über den Zaun zu schauen.

Vermissen Sie nach dem Rücktritt Ihre alte Bühne?

Nein. Ich hab 20 Jahre Leistungssport gemacht. Eine tolle, schnelle Zeit. Aber ich habe auch gemerkt, dass es sich abnutzt. Es hat viel Kraft gekostet. Ich genieße es, ein Freizeitläufer zu sein. Es geht um nichts mehr, das ist wunderbar.


Günther Jauch: Plaudertasche & Talkpensionär

Irrtum ade!

Nach kaum mehr als vier Jahren beendet der König des belanglosen Plauderns an diesem Sonntag seine sündhaft teure ARD-Talkshow – und damit ein großes Missverständnis: Günther Jauch ist weder Journalist noch Anwalt des kleinen Mannes. Sondern einfach ein sehr, sehr guter Geschäftsmann mit gewissen Entertainerqualitäten.

Von Jan Freitag

Irrtümer können ganz schön hartnäckig sein. Derjenige zum Beispiel, nach drei Bierchen könne man problemlos Auto fahren, hält sich bekanntlich selbst unter bayrischen Spitzenpolitikern beharrlich. Auch, dass Hunde den Mond anheulen, Jugendliche immer gewalttätiger werden oder Erkältungen durch Kälte entstehen, wird nicht dadurch richtiger, dass man es dauernd wiederholt. Da könnte man ja gleich dem denkbar größten Irrtum unserer Tage Glauben schenken: Bei einer Direktwahl durchs Volk bekäme Günther Jauch die Mehrheit.

Wer das glaubt, glaubt womöglich auch, Deutschlands beliebtester Fernsehmoderator sei auch ein guter Talkshowmaster oder noch ein bisschen verrückter: Journalist. Aber gut – jetzt ist mit diesem Märchen ja Schluss. Diesen Sonntag hört Günther Jauch auf, zu sein, wofür er einfach nicht bestimmt ist und doch Abermillionen sinnlos vergeudete Euro kriegt: Günther Jauch. Dann wechselt das RTL-Gesicht letztmals zum Wochenendfinale vom privaten Biotop rüber ins öffentlich-rechtliche Exil und begrüßt seine Gäste bei der ARD. Dann ist seine Gesprächsrunde nach vier Jahren auf Sendung trotz konstanter Einschaltquoten überm Senderschnitt Geschichte. Ein Irrtum weniger auf dem Feld beharrlicher urban legends.

Denn Günther Jauch war, er ist alle Mögliche: Ein Kaiser arglosen Entertainments, der König des belanglosen Plauderns, Edelmann diverser Unterhaltungsshows für Bürger, Bauern Bettelleute. Er kann profane Alltagsquizrunden ebenso wie übersteuerte Samstagabendsausen zum heiteren Hochamt gesamtdeutscher Abendgestaltung weihen und dem Altmedium Fernsehen somit eine Art nonchalanter Relevanz suggerieren. Noch besser aber kann Jauch den Hochadel seriöser TV-Dispute so profanisieren, dass sie intellektuell belanglos werden, äußerlich mitunter wärmend, innerlich bedeutungslos und leer.

Dafür muss man nur ein paar Monate zurückwandern auf der Zeitachse linearen Fernsehens. Im April war es, da ertranken im Mittelmeer zwar auch nicht mehr Flüchtlinge als üblich, aber die Medien waren durch ein paar besonders verlustreiche Schlepperhavarien aufgeschreckt. Aus diesem Grund nun lud der nette Herr Jauch nicht nur den rassistischen Brachialpublizisten Roger Köppel aus der Schweiz zum Disput, sondern auch einen freundlichen Philanthropen, der auf eigene Faust Schiffbrüchige rettet und plötzlich etwas tat, das den Moderator an den Rande der Zurechnungsfähigkeit brachte: Er forderte Schweigeminute für die Opfer von Europas Abschottungspolitik.

Und was tat Jauch? Er sträubte sich, stammelte, winkte ab, rang sichtbar um Regelhoheit und gewährte doch eine Audienz der Stille im Quasselforum, nur dass sie keine 60 Sekunden währen durfte, sondern rund die Hälfte – dann brach er den erhabenen Moment ab, ging zur Tagesordnung über und riss sich somit endgültig die Maske vom Gesicht. Günther Jauch, 1958 in Münster geboren, als dort noch Priester statt Grüne den Ton angaben, gilt nämlich im Medium der Machtinteressen als Stimme des kleinen Mannes – obwohl er sich wie kein zweiter Promi seines Ranges den Fangarmen der Springerkrake entzieht.

Er ist also wie gemacht fürs Unterschichtenfernsehen von RTL mit seiner verantwortungslosen Ballermannbespaßung, das die Lüge strukturell zum Faktum verdreht und Sachlichkeit allenfalls homöopathisch dosiert. Hier spielt das sportaffine BR-Gewächs seit 1999 für gut fünf Millionen Zuschauer den vertrauenswürdigen Ratepaten mit lausbübischer Empathie für den rätselnden Pöbel. Spätestens die Flüchtlingssendung vom April aber legt nahe, wie viel Pose darin steckt und wie wenig Wahrhaftigkeit.

Dafür spricht nicht zuletzt der Geschäftsmann im Moderator, dem das mitfühlende Image seit Jahren das Konto bläht, seit 2011 mit geschätzt zehn Gebührenmillionen im Jahr für eine Stunde Wochenarbeitszeit plus Vor- und Nachbereitung, die er zudem von seiner eigenen Firma i&u TV produzieren lässt. Dafür hat der Elitenzögling mit herrschaftlichem Anwesen in der reichen Residenzstadt Potsdam nicht nur die bessere Anne Will vom wichtigen „Tatort“-Anschluss auf den Aschenputtelplatz am Mittwoch verdrängt, sondern die „Gremlins“ der ARD auch sonst am Nasenring durch die Arena des Kampfs um unerreichbare Zielgruppen gezogen.

Selbst Vater Ernst-Alfred, er immerhin tatsächlich Journalist, soll mal über seinen Sohn gesagt haben, „was Günther macht, verstehe ich zwar nicht, aber es wird wohl gut bezahlt“, um hinzufügen: „Kein Mensch weiß, warum.“ Dem kann man, auch wenn es dem beruflichen Standesdünkel eines alten Printreporters vor Wer wird Millionär entsprungen sein mag, nur beipflichten. Jauch Junior ist zwar überaus nett, aber erschreckend beliebig; bildungsstark, aber meinungsschwach; unterhaltsam, aber trivial. Alles Relationen, die einer lukrativen Karriere im Kommerzfunk zuträglich sind. Fürs staatsvertraglich grundierte Hauptabendprogramm des Grundversorgers ARD taugen sie deutlich weniger.

Dass er mit kaum 60 Jahren nun – aus privaten und beruflichen Gründen, wie er mitteilen ließ – die Reißleine zieht und zum morgigen Finale allein mit Wolfgang Schäuble über Terror, Flucht und Pegida spricht, ist somit ein Schlag ins Kontor des verlängerungswilligen NDR als Auftraggeber. Bedauern sollte sie es dort nur solange, wie sich ein seriöserer Host am wichtigsten Talkshowplatz der Medienrepublik findet. Irgendjemand, der nicht nur über hohe Sympathiewerte beim anspruchsloseren Publikum verfügt, sondern über ein paar andere Dinge, die politischem Fernsehjournalismus dienlich sind: Kompetenz, Informiertheit, Augenhöhe. Irrtum ade.

Mehr Bilder und Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2015-06/guenther-jauch-talksendung-ard-irrtum-ade


Katastrophenfrauen & Christina Große

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

1. – 7. Juni

Seit Herbst besteht die Nachrichtenwelt offenbar nur noch aus Krisen. Die „Tagesschau“ etwa geriet damals so kriegerisch, dass Sprecherin Linda Zervakis auf die Frage, warum sie ab Juli den Summer of Peace moderiert, entgegnet: Arte wolle der „Katastrophenfrau“ wohl eine Friedenspause gönnen. Doch just als der Kulturkanal seinen Schwerpunkt in Hamburg präsentierte, mehrten sich mysteriöse good news: Zuerst liefert Don Sepps Rücktritt Stoff für Dauerschleifen vom Crash seiner Mafia, pardon: Fifa. Dann berichtet Zervakis’ Sendung mehr als die üblichen 25 Sekunden pro Woche über den Kita-Streik, der nun in die Schlichtung geht. Schließlich gibt’s das Freitagsschmankerl dazu: Günther Jauch beendet seine Talkshow im Ersten. Wen man da wohl mehr vermisst – ihn, Blatter, Streiks oder doch Winnetou?

Dessen Alter Ego Pierre Brice ist nämlich Samstag gestorben. Wir werden ihn vermissen. Wen dagegen kaum jemand vermissen würde, wäre Roger Köppel. Bei Frank Plasberg durfte der Schweizer dennoch sein salonfaschistoides Weltbild absondern, in dem er Landsmann (und Kumpel) Blatter eine blütenweiße Demokratenweste attestierte und jeden Journalist, der das bestreitet, zur „Rowdy-Publizistik“ zählt, die Köppels Weltwoche ebenso wie seiner rechtsradikalen Partei natürlich total fremd ist, wenn beide saftig gegen Asis, Schwule, Neger hetzen.

Damit befindet sich der braun(gebrannt)e Publizist in bester Gesellschaft mit Ulrich Marseille, der gerichtlich gegen Günter Wallraff vorgeht, weil er Missstände in dessen Klinik-Konzern recherchierte, ohne vorher förmlich um eine Audienz gebeten zu haben. Wo kämen wir denn da hin, wenn journalistische Arbeit abseits offizieller Pressestellen beginnt…

0-FrischwocheDie Frischwoche

8. – 14. Juni

Dass er sich von derlei Drohgebärden nicht beirren lässt, zeigt RTL in seiner einzigen Sendung, die eine Vorform journalistischer Relevanz erreicht: Team Wallraff, dessen heutiges Thema aus verständlichen Gründen erst um 21.15 Uhr bekannt wird. Wenn Thomas Gottschalk am Freitag (23.40 Uhr) im Vierteiler 40 Jahre Musikvideos allerdings die ersten acht seit Queens Bohemian Rhapsodie Revue passieren lässt, zeigt der Sender, dass man auch ohne Bedeutsamkeit anschaulich unterhalten kann.

Bedeutsam und anschaulich – das schafft aber doch eher Arte, dessen Themenabend zum Thema Flüchtlinge am Dienstag zwei herausragende Dokus darüber bringt, wie Zielländer die Ströme eher blockieren als auflösen. Dazu passt Eric Friedlers preisgekrönte Doku Aghet, die den Völkermord an den Armeniern und das Versagen der Weltbevölkerung parallel auf 3sat (22.25 Uhr) in Form von Zeitzeugenberichten prominent verlesen lässt.

Ähnlich historisch geht es Donnerstag abermals auf Arte zu, wo um 20.15 Uhr die achtteilige Zeitreise 1864 beginnt, dessen Untertitel Liebe und Verrat in Zeiten des Krieges den deutsch-dänischen Konflikt jener Tage banaler erscheinen lässt, als dieses hyperrealistische Stück fiktionalen Edutainments verdient. Fiktionale Realität der besten Sorte ist auf dem Kulturkanal dann Mittwoch zu sehen, wo Nina Hoss in Thomas Arslans schwarzweißem Spätwestern Gold so glaubhaft nach dem Edelmetall jagt, als seien beide einst beim berühmten Rush in Klondike dabei gewesen.

Gelungen ist auch ein Film, der sich gar nicht um Bedeutsamkeit kümmert, sondern lieber ein skurriles Panoptikum Schweriner Plattenbaubewohner erschafft, mit Charly Hübner als scheuem Hausmeister, der sich am Degeto-Freitag in Anderst schön um Christina Große als spröde Ellen bemüht, was zeigt: Romantische Komödien brauchen auch in ARD und ZDF gar keine hübschen Gesichter, um zu gefallen. Das gleiche gilt übrigens bisweilen für Weltsport, weshalb sich beide Sender völlig zu Recht weigern, die „Europa Spiele“ aus der aserbaidschanischen Halbdiktatur zu übertragen, weshalb sie die Farce ab Freitag an Sport1 delegiert haben, dem moralische Überlegungen so fremd sind wie sexhotlinefreie Nächte.

Es wird also öffentlich-rechtlich unsichtbar bleiben, wenn in Baku, sagen wir: Marathon gelaufen wird. Aber immerhin sorgt Arte für eine Art Ersatz, wenn es – Stichwort Wiederholung der Woche – heute Dustin Hoffman als Marathon-Mann auf die Spur von Laurence Olivier als furchtbarer SS-Arzt à la Mengele (1976) setzt. Die nächste Spur (der Steine) wird 100 Minuten später im MDR gelegt, mit Manfred Krug als renitentem DDR-Bauarbeiter. Seit 50 Jahren sehenswert!


Monoklub

Ziemlich british

Die Hamburger Mod-Band Monoklub holt auf ihrem Debütalbum den englischen Sound der Sixties zurück in die Gegenwart und beweist aufs Neue, wie zugänglich die Hansestadt für alles von der Insel ist.

Von Jan Freitag

Mode, es ist noch gar nicht allzu lange her, war mal ziemlich simpel geordnet. Röhrenjeans waren für Prolls und Schmalzlocken für Teds, Schurwolle war für Hippies und Zerrissenes für Punks. Popper hatten Polohemden an, Faschos welche mit Lonsdale drauf, alle anderen trugen das Zeug ihrer Geschwister auf. Fertig war die Jugendkultur. Und heute? Tragen Nazis Palästinensertuch unterm Undercut und meiden Lonsdale wie Blumenkinder Plastikhosen. In Modedingen ist auf nichts mehr Verlass.

Beinahe jedenfalls.

Denn dann knattert Justus Lohmann in Parka überm gebügelten Button-Down-Hemd auf seinem italienischen Motorroller durchs neoklassizistische Eimsbüttel heran, bestellt vorm telefonzellenrot gestrichenen Gloria ganz herkömmlich schwarzen Kaffee anstatt neumodischer Milchpanschereien, klappt sein silbernes Zigarettenetui mit Wappen des FC St. Pauli auf und raucht wie damals, als Rauchen weder verrufen war noch lässig, sondern einfach Regelzustand wie Atmen oder Reden.

Ein derart stilsicheres Exemplar der Roaring Sixties wirkt wie eine Reise rückwärts in jene Ära, als das Äußere zweifelsfrei innere Werte preisgab, als die Großstadtwelt trotz rauchender Kohleöfen irgendwie klarer war und Popkultur berechenbar. Als es noch echte Mods gab. Doch was heißt hier gab – es gibt sie ja, diese Relikte einer britischen Subkultur der frühen Sechzigerjahre, in der junge Arbeiterkinder ihre proletarische Herkunft mit schmalem Schlips zum engsitzenden Anzug und aufgemotzter Vespa konterkarierten, ohne sie gleich zu negieren. Besonders in Hamburg lebt dieser Stil – mehr ein geschlossenes Zeichensystem – fort und findet unverdrossen Anhänger wie Justus Lohmann samt seiner Freunde Eike Resener und Florian Hagen. Die drei sind ins Straßencafé gekommen, um mit Fred Perry und Pilzkopf ihre ausgestellte Britishness, vor allem aber um ihr Debütalbum zu präsentieren. Es klingt wie aus der Zeit gefallen und doch seltsam zeitgemäß.

Das Album heißt wie die Band dahinter Monoklub und ist ein feines Stück modernisierter Nostalgie. Mit Lohmanns hochverzerrter Gitarre, Hagens zurückgenommenem Bass und Reseners präzise beschleunigten Drums transponiert das Trio den Sound ihrer Sehnsuchtsepoche mit Eins-zwo-eins-zwo-Uptempo in die Gegenwart permanenter R ‘n’ B- bis Britpop-Revivals. Und würde Monoklub sieben meistens kurze, stets hochenergetische Songs nicht auf Deutsch darbieten, mit Titeln wie Realität oder Tristesse, die trotz alltagsnüchterner Namen gern mal von Mädchen und Partys – Jungsangelegenheiten eben – erzählen, käme also auch noch das Vokabular von der Insel – die drei mittelständigen Mittdreißiger mit bürgerlichen Eltern befänden sich definitiv nicht nur in der falschen Klasse und Phase, sondern auch noch im falschen Land.

Das jedoch tun sie keinesfalls, im Gegenteil. “Wir sind sicher keine britischen Working-Class-Heroes”, sagt Sänger Justus mit Hamburger Akzent, der seine Uelzener Wurzeln breit überlagert, “aber ziemlich anglophil”. Und dafür sei Hamburg nach wie vor das perfekte Pflaster. Schon als Film und Soundtrack von The Whos Rockoper Quadrophenia den Mods 1979 ein bemerkenswertes Comeback bescherten, fand die Rückkehr hierzulande vor allem zwischen Alster und Elbe statt. Hier feierte die Szene nicht nur Wochenende für Wochenende gewaltige Allnighter, die schon wegen ihres exzessiven Drogenkonsums als Vorreiter technoider Raves gelten. Hier bekam man auch die zugehörige Kleidung, traf die zugehörigen Leute, spielte dank der originellen Clubkultur auch die zugehörige Musik. Und das, sagt Florian, auch er natürlich adäquat gekleidet, “hat sich bis heute fortgesetzt”.

Vor allem für die tonale Mod-Grundlage Northern Soul sind Läden wie der kieznahe Komet ein Fixstern, im Hafenklang erweitert um den üblichen Garagensound, der auch das Repertoire von Monoklub kennzeichnet. Im Karo- und Schanzenviertel drängeln sich Plattenläden, die Vintage-Klänge auf Vinyl anbieten. Und überhaupt – diese Atmosphäre in einer Stadt, die nicht ohne Grund Bands wie den Beatles eine zweite Heimat bot, die noch immer Handelskontore beherbergt, die von Nachkommen irgendwelcher Johns & Sons geleitet werden, die zuweilen britischer denkt, fühlt, handelt als deutsch. Hamburg, betont Justus, auch er aus der niedersächsischen Provinz, “ist ein gutes Pflaster für alles, das sich am Vereinigten Königreich orientiert”.

Nur königlichen Erfolg, den darf man mit diesem Sound Made in Germany eher nicht erwarten. Keinen zumindest, der die Bandmitglieder vom Broterwerb als Informatiker, Erzieher, Tischler befreien könnte. In den fünf Jahren Beisammensein vorm Debütalbum hat sich Monoklub zwar einen Namen als umtriebige Live-Kapelle dicker Freunde für gute Bekannte gemacht. Doch wenn Justus in Das Ende beginnt “Was ich brauche / ist ein Ziel” singt, meint er damit selbst mittelfristig eher “eine Platte im Jahr, zwei kleine Touren”.

Immerhin. Dazu das legendär kritische, manche meinen auch phlegmatische Publikum der Wahlheimat weiter zur maximalen Erregungsstufe textsicheren Kopfnickens zu bringen. Dann sei die neue Band alter Hasen mit englischer Attitüde mitten in Hamburg schon zufrieden. In London nennt man das Understatement. An der Waterkant: Paady!

Monoklub – Monoklub (brillJant)

Vor allem für die tonale Mod-Grundlage Northern Soul sind Läden wie der kieznahe Komet ein Fixstern, im Hafenklang erweitert um den üblichen Garagensound, der auch das Repertoire von Monoklub kennzeichnet. Im Karo- und Schanzenviertel drängeln sich Plattenläden, die Vintage-Klänge auf Vinyl anbieten. Und überhaupt – diese Atmosphäre in einer Stadt, die nicht ohne Grund Bands wie den Beatles eine zweite Heimat bot, die noch immer Handelskontore beherbergt, die von Nachkommen irgendwelcher Johns & Sons geleitet werden, die zuweilen britischer denkt, fühlt, handelt als deutsch. Hamburg, betont Justus, auch er aus der niedersächsischen Provinz, “ist ein gutes Pflaster für alles, das sich am Vereinigten Königreich orientiert”.

Nur königlichen Erfolg, den darf man mit diesem Sound Made in Germany eher nicht erwarten. Keinen zumindest, der die Bandmitglieder vom Broterwerb als Informatiker, Erzieher, Tischler befreien könnte. In den fünf Jahren Beisammensein vorm Debütalbum hat sich Monoklub zwar einen Namen als umtriebige Live-Kapelle dicker Freunde für gute Bekannte gemacht. Doch wenn Justus in Das Ende beginnt “Was ich brauche / ist ein Ziel” singt, meint er damit selbst mittelfristig eher “eine Platte im Jahr, zwei kleine Touren”.

Immerhin. Dazu das legendär kritische, manche meinen auch phlegmatische Publikum der Wahlheimat weiter zur maximalen Erregungsstufe textsicheren Kopfnickens zu bringen. Dann sei die neue Band alter Hasen mit englischer Attitüde mitten in Hamburg schon zufrieden. In London nennt man das Understatement. An der Waterkant: Paady!

Monoklub – Monoklub (brillJant)

Der Text ist vorab erschienen auf: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-05/monoklub-mod-band-album-hamburg

 


Hyperlokal vs. Print: Schwörbel & Kotsch

prenzbergExtra nah dran

Der eine trägt Karo und graues Haar, der andere Turnschuhe und Hornbrille – Ralph Kotsch und Philipp Schwörbel (v.l.n.r., Foto: Sebastián Laraia) unterscheiden sich nicht nur optisch, auch inhaltlich stehen sie für verschiedene Positionen: Kotsch als Lokalchef und Mitglied der Chefredaktion der Berliner Zeituung, Schwörbel als Gründer der hyperlokalen Onlinezeitung Prenzlauer Berg Nachrichten. Zu deren Umwandlung in ein digitales Magazin für zahlende Mitglieder dokumentieren  freitagsmedien ein Gespräch über Graswurzeljournalismus und die Zukunft des Lokalen, als die PBN noch rein werbefinanziert waren.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Die Menschen sind wieder Nomaden, ihre Beweglichkeit nimmt zu, die Sesshaftigkeit ab. Welche Rolle spielt da der Lokaljournalismus?

Ralph Kotsch: Lokaljournalismus wird immer wichtig bleiben, egal, wie sich die Menschen bewegen. Immer, wenn sie irgendwo sesshaft werden, und sei es für kurze Zeit, interessieren sie sich für ihr Umfeld.

Philipp Schwörbel: Da stimme ich zu. Weil den Menschen wichtig ist, was vor ihrer Haustür passiert. Gerade auch in Prenzlauer Berg, wo die Fluktuation enorm ist.

Kotsch: Der Nachteil kurzer Verweildauern ist allerdings, dass Leser ihr Zeitungsabo schneller kündigen oder gar nicht erst abschließen. Für das Marketing mögen sich dadurch neue Herausforderungen ergeben, für uns Journalisten bleibt die Arbeit im Kern gleich. Mal abgesehen davon, dass wir Neuankömmlingen die Stadt erklären müssen, ohne Alteingesessene zu langweilen.

Schwörbel: Es ist eine Mär zu glauben, dass unser Leben sich nur noch digital und global abspielt, nur weil wir mobiler geworden sind. Das Leben ist doch zu geschätzten 95 Prozent lokal.

Kotsch: Das sehen wir auch auf unserer Website: Unter den Top 3 der meistgeklickten Beiträge unserer Onlineredaktion sind meist lokale Themen.

Und doch werfen Sie, Herr Schwörbel, regionalen Blättern wie der Berliner Zeitung vor, die Lokalberichterstattung zu vernachlässigen.

Schwörbel: Die Kritik ist etwas differenzierter: Die großen Berliner Tageszeitungen haben sich nicht aus der Berlin-Berichterstattung, sondern aus der lokalen Bezirksberichterstattung zurückgezogen. Das wird Herr Kotsch kaum bestreiten. Doch was Sie da einen Vorwurf nennen, nenne ich eher nüchtern eine Tatsache. Und wir füllen diese Lücke.

Kotsch: Wir machen tatsächlich nicht mehr so viel Bezirksberichterstattung wie in früheren Jahren. Aber man muss das im Licht einer längeren Entwicklung betrachten: Alle großen Berliner Zeitungen haben mit Subregionalisierung und bezirklichen Lokalteilen experimentiert. Für die Auflage hat das nichts gebracht, aber es hat viel Geld gekostet. Und wenn das Leserinteresse derart gering ist, muss man am Ende die Frage nach dem Nutzen stellen.

Wenn die meistgeklickten Artikel lokal sind – warum sind dann alle hyperlokalen Experimente der Tageszeitungen gescheitert?

Kotsch: Ganz einfach: Zu sublokal entfernt sich von der Masse, erst recht in einer Riesenmetropole wie Berlin. Wenn drei Straßenbäume in Zehlendorf gefällt werden, ist das für Anwohner von Interesse, in Friedrichshain aber nicht mehr. Wenn sich von 300.000 Lesern nur 50 für eine Geschichte interessieren, dann ist der Aufwand zu groß und der Platz zu kostbar. Erst recht, wenn durch die Anzeigenkrise die Umfänge schrumpfen.

Schwörbel: Daher haben sich die Großen noch weiter als überregionale Hauptstadtblätter positioniert. Wenn ich Ihre Zeitung lese, Herr Kotsch, bin ich angetan von der nationalen und internationalen Berichterstattung. Der Spagat zum Lokalen ist da strukturell aber gar nicht zu schaffen.

Kotsch: Insofern muss man sich als Zeitung für eine polyzentrische Stadt wie Berlin genau überlegen, wie tief man in sie eintaucht. Da habe ich fürs Lokale die Devise ausgegeben: Jede Bezirksgeschichte muss mit einer Stadtgeschichte konkurrieren können. Es muss ein gesamtstädtisches Interesse geben, sonst hat sie keine Chance.

Schwörbel: Dann kommen wir Ihnen ja nicht in die Quere.

Kotsch: Die Prenzlauer Berg Nachrichten tun uns nicht weh, aber wir beobachten mit Interesse, wie sie eine Ebene unter die Lupe nehmen, die wir vernachlässigen müssen. Zumal Ihr Anzeigenaufkommen ja auf gewissen Erfolg schließen lässt. Man muss nur sehen, wie lange das trägt. Ich nehme das ernst.

Trotzdem hat die Berliner Zeitung die Prenzlauer Berg Nachrichten, als sie vergangenen Winter starteten, in einem Artikel als “Milchschaumschlägerei” verunglimpft.

Schwörbel: (lacht): Ja, aber das muss wohl so sein. Zum Erfolg: Wir haben laut Google Analytics derzeit rund 14.000 regelmäßige Leser im Monat. Nicht immer tägliche Leser – die gibt es auch –, aber unsere lokalen Werbekunden sehen, dass ihre Angebote fast ohne Streuverluste wahrgenommen werden.

Müsste das nicht Ansporn sein, den Online-Auftritt der Berliner Zeitung mehr ins Sublokale zu holen?

Kotsch: Unsere Website wird Anfang Oktober komplett erneuert. So können wir die Stärke der Printmarke digital besser nutzen. Bei der Sublokalisierung unseres Internetauftritts lassen wir uns gern inspirieren. Aber auch die Prenzlauer Berg Nachrichten haben den Onlinejournalismus ja nicht neu erfunden. Die Seite ist zurückhaltend, anspruchsvoll, inhaltsreich, nutzt Facebookund Twitter, aber mit Verlaub: Das machen wir auch. Selbst ich habe von Künasts Krönung zur Spitzenkandidatin getwittert.

Schwörbel: Ist doch super! Wir twittern sogar aus der Bezirksverordnetenversammlung. Und unser Grad der Partizipation geht weiter: Unsere Nachrichten verstehen das Netz als Netz, sie übertragen nicht bloß ein Blatt ins Internet. Offene Kommentare, Twitter, Facebook – Diskussionen gehören selbstverständlich dazu, auch wenn wir da noch viel weiter gehen könnten. Wir bereiten zum Beispiel vor, jeden Eintrag per Geo-Tagging auch räumlich zu verorten. Aber nicht verwechseln: Lokalisiert ist nicht gleich lokal.

Wie wollen Sie es mit den Beteiligungsmöglichkeiten der Nutzer im neuen Online-Auftritt halten, Herr Kotsch? Werden Sie auch Bürgerjournalismus machen wie die Kollegen vom Hamburger Abendblatt?

Kotsch: Eher nicht. Wir haben natürlich Reaktionen von Lesern auf unsere Artikel – ob analog per Brief oder digital von Bloggern, Followern, Facebook-Freunden. Das Leserecho fließt in unsere Arbeit mit ein. Aber die Artikel schreiben wir immer noch selbst.

Schwörbel: Wir auch – da sind wir uns einig. Bürgerjournalismus kann eine wunderbare Ergänzung sein, aber Zeitungen nur von Laien gestalten zu lassen, steht nicht für Unabhängigkeit, Kontinuität, Qualität. Sie bringen Ihren Pkw ja auch zum Experten, nicht zum Autofan, so verhält es sich auch bei Zeitungen und journalistischen Blogs.

Kotsch: Na ja, bei Ihnen schreiben letztlich auch Profis. Bürger sind sie insofern, als sie in Prenzlauer Berg wohnen. Nehmen Sie Gustav Seibt.

Schwörbel: Ja, genau. Wir machen keinen Bürgerjournalismus, aber bei uns schreiben Journalisten zum Teil ehrenamtlich als Bürger. Gustav Seibt macht das, weil er etwas zu sagen hat.

Kotsch: Ihr Modell funktioniert in Prenzlauer Berg ganz gut, weil dort viele Journalisten wohnen, die sich gern über ihr Lebensumfeld äußern. In Reinickendorf wäre das schon schwieriger.

Schwörbel: Ich glaube zwar, dass Sie die Randbezirke da unterschätzen. Doch es stimmt schon: Gustav Seibt wohnt, wie viele andere Journalisten, in der Gegend, das Schreiben für uns macht ihm Spaß, und es entspricht auch seinem bürgerschaftlichen Verständnis. Bezahlen muss und kann ich ihn allerdings nicht.

Gratistexte? So etwas befeuert den Ruf der Onlinemedien, Billigjournalismus zu betreiben.

Schwörbel: Ein unternehmerisches Journalismusprojekt lebt anfangs natürlich davon, dass sich alle auch ehrenamtlich einbringen. Eine ganze Reihe von Kollegen arbeitet rein ehrenamtlich. Andere bezahlen wir. Ich sage jetzt nichts zu unseren Honoraren, aber wir reden nicht nur von 50 oder 100 Euro. Wer jeden Tag für mich arbeitet, könnte seinen Lebensunterhalt davon bestreiten.

Kotsch: Wir zahlen pro Zeile zwischen 79 Cent und 1,08 Euro, je nach Aufwand.

Schwörbel: Trotzdem bleibt das beliebte Argument, online sei minderwertig, Schwachsinn. Es gibt ebenso miesen und guten Onlinejournalismus wie gedruckten, unabhängig von der finanziellen Ausstattung. Gut gemacht schert sich nicht um Papier oder Bildschirm. Die Unterschiede haben eher etwas mit der jeweiligen Nutzung zu tun. Wer das Gegenteil behauptet, diskreditiert meine Kollegen, die im Übrigen teils für die Berliner Zeitung arbeiten.

Als die Prenzlauer Berg Nachrichten vor rund einem Dreivierteljahr starteten, hieß es, Ihre Ersparnisse würden noch ein halbes Jahr reichen. Wie ist jetzt die Finanzlage?

Schwörbel: Das Zitat hält sich hartnäckig. Es ist doch so: Wenn man Einnahmen hat, kommt man auch länger mit seinem Kapital aus. Deswegen können wir gute Journalisten bezahlen.

Kotsch: Wenn man die erfolgreichen Blogs ansieht, werden auch die von Profis gemacht, die zum Teil auch im guten alten Printjournalismus unterwegs sind, Stefan Niggemeier zum Beispiel. Auf lange Sicht sind Onlinemedien auch Geschäftsmodelle, die Gewinn abwerfen müssen. Die Macher können das ja nicht ewig vom Ersparten bestreiten. Wenn es im ersten Jahr nicht läuft, ist es vielleicht nicht so schlimm, im zweiten wird’s schon eng.

Wie groß ist Ihr Team, Herr Schwörbel?

Schwörbel: Im Moment haben wir – neben unseren ehrenamtlichen Mitstreitern – vier regelmäßig arbeitende freie Redakteure, von denen immer einer oder eine für einen Tag oder ein Thema verantwortlich ist. In der letzten Zeit waren fast alle mit der Bezirkswahl beschäftigt, um die sich andere eben nicht kümmern.

Kotsch: Gerade die Bezirkswahlen wurden bei uns liebevoll betreut. Vielleicht erreichen wir nicht die Detailtiefe wie die Prenzlauer Berg Nachrichten, aber die wesentlichen Entwicklungen haben wir im Blick.

Schwörbel: Und da kommen wir und stellen die fünf heißesten Themen für den Prenzlauer Berg vor, befragen die Parteien vor Ort, featuren Kandidaten fürs Abgeordnetenhaus, porträtieren potenzielle Bezirksbürgermeister. Wir können da tiefer einsteigen.

Kotsch: Ist ja auch Ihr Revier.

Schwörbel: Und genau das ist ein Denkfehler: Kommunale Wahlen sind demokratietheoretisch doch mindestens so bedeutend wie eine Landeswahl, weil die Leute im Kleinen verstehen lernen, wie es auch im Großen funktioniert. Den Menschen zu zeigen, dass weder Angela Merkel noch Klaus Wowereit einfach mal so durchregieren können, so was fördert das Politikverständnis.

Kotsch: Ihr Kernterritorium ist für uns eins von vielen. Wenn Sie da nicht stärker gewichten würden als wir, müsste es Ihre Nachrichten nicht geben. Auf der anderen Seite haben wir den umstrittenen Umbau der Kastanienallee, einer der Trendmeilen in Prenzlauer Berg, so wie Sie rauf und runter dekliniert und damit große Resonanz erzielt.

Schwörbel: Der Unterschied ist aber der: Wenn wir über unseren Kiez schreiben, kann das jeder Leser nachmittags selbst erleben. Er muss nur die Straße runterlaufen. Das ist die Extraportion nah dran. Stimmt es eigentlich, Herr Kotsch, dass Sie für vier Seiten Lokales 30 Redakteure bei der Berliner Zeitung haben?

Kotsch: Wir haben fast 30 Redakteure, das stimmt, wir produzieren aber das gesamte dritte Buch mit acht bis zwölf Seiten täglich und schreiben natürlich auch auf Seite eins, dem Tagesthema, auf der Reportageseite, im Magazin. Dazu kommen Kommentare und Leitartikel. Die Leute aus dem Lokalen sind im ganzen Blatt unterwegs. Außerdem beschäftigen wir fast keine Freien.

Herr Schwörbel, die Prenzlauer Berg Nachrichten schreiben auch schon mal über Bäume, die das Pflaster hochdrücken. Wo ist für Sie die Grenze zur Banalität?

Schwörbel: Das waren zwei Glossen, auf die Sie anspielen. Sie hätten auch “über Mülleimer” sagen können. Darüber schreiben auch die Großen. In diesen beiden Fällen standen Themen wie Meinungsbildung und Verwaltungshandeln dahinter. Wir können pro Tag bislang eine Geschichte ausrecherchieren, da sind Baumwurzel-Glossen eine typische Ergänzungsgeschichte. Am besten laufen aber Gentrifizierungs-Themen*. Dennoch versuchen wir nicht in die Klischeefalle zu tappen und permanent über teure Kinderwagen zu schreiben.

Kotsch: Wenn Sie das Latte Macchiato schlürfende Gentrifizierungsberlin nicht abbilden, fühlen sich gerade die vielen Zugezogenen doch von Ihnen unterversorgt. Für Stadtentwicklungspolitik interessiert man sich erst, wenn man richtig angekommen ist.

Laut Hardy Prothmann, mit seinem Heddesheimblog so etwas wie der Pionier des sublokalen Journalismus in Deutschland, machen viele Lokalredaktionen nur unterwürfige Hofberichterstattung und Bratwurstjournalismus.

Kotsch: Ich will nicht arrogant klingen, aber Hofberichterstattung ist vielleicht in einigen ländlichen Regionen ein größeres Thema, wo jeder jeden kennt. In einer Metropole wie Berlin geht es relativ kritisch zur Sache.

Schwörbel: Wir greifen die etablierten Medien ja nicht auf qualitativer Ebene an, sondern auf inhaltlicher. Bratwurstjournalismus, wie ihn Prothmann skizziert, findet in Berlin vielleicht tatsächlich seltener statt.

Kotsch: Und auch wenn es Herr Prothmann anders gemeint hat: Die besten Bratwürste der Stadt sind eigentlich ein super Thema.

Schwörbel: Wir hatten auch schon ein Prenzlauer Burger-Ranking. Ich hätte sogar gern mehr weiche Themen wie zum Beispiel Restauranttests. Wir haben aber eben mit harter Politik und anspruchsvoller Kultur angefangen, um zu zeigen, dass auch auf lokaler Ebene guter und interessanter Journalismus passieren kann. Und wenn hyperlokale Angebote flächendeckend aufpoppen wie in Berlin, wächst nicht nur der geschäftliche, sondern auch der publizistische Druck, Qualität abzuliefern.

Wie wichtig ist die Glaubwürdigkeit im hyperlokalen Journalismus?

Schwörbel: Es ist so: Wenn wir schreiben würden, Pizza XYZ ist gut, jeder aber weiß, dass das nicht stimmt, wären wir sofort weg vom Fenster.

Kotsch: Aber trauen Sie sich auch, gegen Ihre Klientel vor Ort zu kommentieren?

Schwörbel: Das tun wir doch! Wir sind nicht da, um uns Freunde zu machen. Wir versuchen, uns nicht für oder gegen etwas zu positionieren, sondern uns mit allen Beteiligten kritisch auseinanderzusetzen.

Sie haben das sogar mal in gedruckter Form getan.

Schwörbel: Einmal. Hab ich sogar mitgebracht, wurde bei Ihnen im Haus gedruckt, Herr Kotsch, und an 35.000 Haushalte verteilt. (Schiebt eine sechsseitige Zeitung zu Ralph Kotsch, der sie sofort anschaut.) Aber das war kein Seitenwechsel, sondern ein Showcase, um uns einer noch breiteren Leserschaft vorzustellen. Man darf das sicher nicht vergleichen, aber der Umfang ist größer als Ihr Lokalteil in der Berliner Zeitung.

Kotsch: Sieht gut aus, aber das machen Sie eben nicht täglich.

Erwägen Sie für den Lokalteil im Internet eine kostenpflichtige Schranke, Herr Kotsch?

Kotsch: Für das normale Online-Angebot nicht. Für eine App ist ein kostenpflichtiges Modell allerdings vorstellbar. Die Frankfurter Rundschau, die wie wir in der DuMont-Gruppe erscheint, macht damit gute Erfahrungen. Klar ist: Für uns wie für alle anderen Printmedien sind Onlinetechniken angesichts sinkender Auflagen eine Überlebensstrategie. Wir brauchen neue Einnahmequellen, wir brauchen neue Geschäftsfelder. Die Anzeigenumsätze im Internet steigen langsam, aber sie steigen.

Worauf läuft Ihr beider Verhältnis hinaus: Arbeitsteilung, Nebeneinander oder Verdrängungswettbewerb?

Kotsch: Eine verabredete Arbeitsteilung wird es nicht geben, aber eine faktische. Ich wünsche den Prenzlauer Berg Nachrichten, dass sie sich neben uns halten können, und glaube, je sublokaler sie sind, desto weniger tun sie uns weh.

Schwörbel: Wir teilen uns die Arbeit ja schon jetzt. Allerdings würde Sublokalisierung für dieBerliner Zeitung bedeuten, in jedem Bezirk aktiv zu werden. Das heißt, in Neukölln gegen drei Blogs, in Mitte, in Spandau gegen weitere. Von uns mal ganz abgesehen. Und die Lücken füllen sich langsam. Ich wünsche Ihnen, dass Sie dort Ihr Plätzchen finden, bin da aber skeptisch.

Kotsch: Nun warten wir mal unseren Internetauftritt ab.

Schwörbel: Dann sagen wir es so: Ich glaube, der Zug ist abgefahren.

Der Text samt Kommentaren steht auch bei http://www.journalist.de/ratgeber/handwerk-beruf/menschen-und-meinungen/ralph-kotsch-und-philipp-schwoerbel-extra-nah-dran.html


30 Rock: Jack Donaghy & Alec Baldwin

Arschlochfernsehen

Die fabelhafte Sitcom 30 Rock blickt so artifiziell wie realistisch hinter die Kulissen der amerikanischen Comedy-Industrie. Der verdiente Lohn dafür sind allerlei Fernsehpreise und die Primetime, zumindest in den USA. Bei uns hingegen wird die Serie mal wieder abseits der Wahrnehmbarkeit versendet (donnerstags, 22.55 Uhr, RTL Nitro).

Von Jan Freitag

Ein – pardon, das Wort muss jetzt mal sein: Arschloch gilt gemeinhin als Königsdisziplin des Schauspiels. Wen immer man in der Branche fragt, er würde den schlichten Romantiker Romeo leichten Herzens gegen seinen intriganten Widerpart Tybald tauschen, diesen bauchgetriebenen Unruhestifter. Herausfordernd ist ein Bernd Stromberg, kein Prof. Brinkmann. Und süffige Sympathieträger(innen) von Christine Neubauer über Erol Sander bis Veronica Ferres haben ja auch deshalb ein derart lausiges Renommee, weil ihre Figuren frei von jedem Makel sind. Grundsätzlich. Immer.

Arschlöcher hingegen sind in Film und Fernsehen mehr noch als in der Realität vor den Studiotüren Makelmillionäre. Windige Fehlersammler. Vermeintliche Unsympathen, die all das öffentlich raushauen, was sich selbst rückständige Normmänner allenfalls mal daheim am Stammtisch trauen. Unflätige Dinge tun zum Beispiel, etwa einer Mitarbeiterin beim ersten Treffen lächelnd „natürlich kochen Sie nicht“ ins Gesicht zu sagen, „sie sind ja eine New Yorker Feministin mit Collage-Abschluss, die vorgibt, glücklich zu sein als überlasteter, untervögelter Single“.

So unverfroren nimmt der neue Chef einer amerikanischen TV-Varietésendung Tuchfühlung zu seiner fortan wichtigsten Autorin auf. Und wie dieser charmante Soziopath Jack Donaghy auch sonst mit der klugen, aber spröden Liz Lemon umgeht, wie er überhaupt alle Leute seines Einflussbereichs in Grund und Boden ekelt, wie ihm der Hollywood-Star Alec Baldwin zu verachtenswerter Grandezza treibt, ohne ihn aller Menschlichkeit zu berauben – da zeigt sich abermals: Wenn irgendein Land jenseits deutscher Grenzen Fernsehunterhaltung produziert, kann Spaß tatsächlich Tiefgang haben und umgekehrt.

30 Rock heißt die sehenswerte Ausnahmeerscheinung am gesättigten Markt importierter Sitcoms und läuft ab heute – wie hierzulande für alles Serielle von Belang üblich – auf einem Spartenkanal zur Nacht. Das ist schade, nein: unerhört. Denn so fiktiv die permanente Kollision von Donaghys elitärer Selbstgerechtigkeit mit seinem Umfeld bisweilen auch wirkt, so realistisch ist die spielerische Eleganz, mit der Alec Baldwin sein kultiviertes Arschloch auf ein höheres Niveau hebt. Das liegt daran, wie er die Frage, warum er tagsüber einen Smoking trage, mit der Antwort abbürstet, „es ist halb sechs, bin ich ein Bauer?“. Es liegt aber mehr noch an Tina Fey.

Die Hauptdarstellerin verleiht ihrer Liz nicht nur eine hinreißende Balance zwischen Ostküsten-Emanzipation und männerdominierter Wirklichkeit, sie hat 30 Rock auch noch im Ganzen ersonnen, produziert, gemacht. Was zudem nicht ihrer Fantasie entsprang, sondern einem tiefen Blick in die Branche: Vor Feys bislang größten Erfolg, der nach Startproblemen am heimischen Markt weltweit läuft und sämtliche relevanten Fernsehpreise im Dutzend abräumt, hat sie jahrelang Witze für die Comedy-Legende Saturday Night Live geschrieben, die hier ziemlich unverblümt als Vorbild der persiflierten „Girlie Show“ firmiert. Die Mittvierzigerin kennt den amerikanischen Humorbetrieb somit von innen und spielt sich darin ebenso selbst, wie Baldwins Donaghy zum wahrhaftigen Stammpersonal des Großsenders NBC zählt, der hier unter seinem Klarnamen durch den Kakao gezogen wird.

Diese Bereitschaft zur Selbstironisierung war 2006, als die erste von 138 Folgen in sieben Staffeln anlief, selbst in den USA selten. Mittlerweile hat sich dieses Prinzip bissiger Selbstreflexion jedoch bis nach Deutschland durchgesetzt, wo Lerchenberg zuletzt das ZDF an der Nase durch den eigenen Ring zog. 30 Rock hat dazu aber etwas, das in Mainz fehlt: Die Bereitschaft, auch ein größeres Publikum zur prominenten Sendezeit daran teilhaben zu lassen, was Gaststars von Al Gore über Oprah Winfrey bis Steve Buscemi ins New Yorker Rockefeller Plaza 30 lockte. In Lerchenberg trat mal Wayne Carpendale auf. Witzig.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-FloDeine Freunde & Fanta 4

Wenn der Kinderliederkönig Rolf Zuckowski der Kinderliederband Deine Freunde eigens ein Label gründet, dürfte das Hamburger Trio mehr zu bieten haben als putzige Reime. In der Tat: Das Hamburger Trio liefert eine Mischung aus HipHop, Electro und Reggae, die dem Kinderzimmer bis dahin völlig fremd war und textlich wie musikalisch keinen Vergleich zu erwachsenen Rappern scheuen muss. Nie zuvor hat ein Sound den Nachwuchs  so ernst genommen und zugleich so entertaint wie die ersten zwei Alben, mit denen Deine Freunde regelmäßig vor ausverkauften Hallen spielen. Kein Wunder also, dass Sprechsänger Florian Sump bei 2 Bier 1 Platte aus dem HipHop-Fach wählt; dabei hätte es auch ein ganz anderes Genre sein können: noch Anfang des Jahrhunderts war er Schlagzeuger der Indiepopband Echt.

Von Marthe Ruddat

freitagsmedien: Florian, deine musikalische Karriere ist, was das Genre angeht, nicht unbedingt geradlinig. Gibt es für dich trotzdem eine wesentliche musikalische Inspiration?

Florian Sump: Also die Platte, beziehungsweise die CD, an die ich mich am meisten erinnere und mit der ich tatsächlich auch am meisten Zeit verbracht habe, ist dieVier gewinnt von den Fantastischen Vier. Das war meine erste deutsche HipHop-Platte und als ich ungefähr 12 Jahre alt war, habe ich sie rauf und runter gehört.

Vier gewinnt von den Fantastischen Vier erscheint 1992. Mit Die da!? enthält es die bis heute erfolgreichste Single der Band.

Auf der Platte gibt es ein paar oldschoolige Zungenbrecher, so einen Quatsch wie „hopp popp pobeli positiv“. Das hab ich genauso auswendig gelernt wie die fanta4normalen Liedtexte. Und parallel dazu habe ich Kettenreaktionen in meinem Zimmer aufgebaut.

Kettenreaktionen? 

Naja, so wie Domino. Nur mit Büchern, Kassettenhüllen oder Bändern, die durchgeschnitten werden. Das war irgendwie so: Du machst meine Tür auf und dann passieren tausend Sachen und am Ende kommt ein selbstgebasteltes Skelett aus dem Mülleimer. Währenddessen liefen dann Die Fantastischen Vier. Damit habe ich ein paar Monate lang meine Zeit verbracht, das klingt im Nachhinein wirklich etwas nerdig.

Wenn ich mir Deine Freunde anhöre, dann überrascht mich der frühe Einfluss durch deutschen HipHop nicht. Die Musik von Echt hingegen war aber eher leichter Pop.

HipHop war auf jeden Fall schon immer meine persönliche Lieblingsmusik. Ich habe schon immer viel Musik gehört, tatsächlich aus allen Sparten.  HipHop ist aber die Konstante.

Und wie bist du zu den Fantastischen Vier gekommen?

Es gibt da dieses böse Lied, es heißt sogar Böse. Ein Junge aus der Nachbarschaft hatte es auf Kassette und hat es mir vorgespielt. Ich glaube, da gab es in einer Strophe 30 Flüche. Das fand ich damals natürlich total cool! In einer ganz heimlichen Aktion habe ich versucht mir das Lied auf Kassette zu überspielen, aber leider kam meine Mutter in das Zimmer und ich musste die Aufnahme abbrechen. Deshalb hatte ich am Ende nur die erste Strophe. Trotzdem war es irgendwie bahnbrechend für mich, weil es das erste Mal war, dass mich deutsche Musik so richtig fasziniert hat. Natürlich auch wegen dem Reiz des Verbotenen. Leider konnte ich mir die CD mit Böse nicht kaufen, ich glaube weil sie indiziert war. Ich habe dann einfach genommen, was der Markt hergegeben hat. Das war dann die Vier gewinnt.

Die Fantastischen Vier – Böse (1991)

Ich liebe die Frau’n und ich liebe das Saufen / Und ich liebe es, mich mit dem Türsteher zu raufen.

Ich steh’ auf Prügeleien, ich bau ständig Mist / Ich bin der, der dir ins Bierglas pisst.

Ich bin das Schwein von nebenan, ich mach dich ständig blöde an / Und wenn ich mit dir fertig bin, ist deine Freundin dran.

Ich bin niemals trocken, ich bin immer nass / Ich tret’ dir auf den Fuß und sag: is was?

Ich kotz dich voll, du kannst mich mal / Voll auf die Fresse, mir scheißegal.

Du dumme Sau, jetzt hör mal zu / Hey, mach dich weg und lass mich in Ruh’.

Flipp nicht aus, mich kriegste nie / Mann, leck mich am Arsch, fick mich ins Knie.

Ich lang deiner Alten von hinten an die Möse / Ich bin Smudo – ich bin furchtbar böse.

Ist denn auch auf der Vier gewinnt ein Song, der dich besonders gepackt hat?

Ich weiß wirklich nicht mehr warum, aber Dicker Pulli hat mich richtig geflasht.

Marthe1Florian rappt einfach los und beweist mir mitten im Café in Eimsbüttel, dass er sich vor den anderen Schnellsprechkünstlern der Szene nicht verstecken muss.

Eigentlich geht es ja nur darum, dass alle einen dicken Pulli tragen. Und ich dachte halt: Krass, die schreiben ein Lied, in dem es um nichts anderes, als diesen dicken Pulli geht! Erst zehn Jahre später habe ich dann verstanden, dass damit wohl eher eine dicke Haut oder ein dickes Fell gemeint ist, mit dem man sich vor Angriffen schützt. Trotzdem fand ich das Lied einfach cool. Es hat mich irgendwie auch besonders geprägt. Heute schreibe ich auch manchmal Lieder in dieser Art. Songs, bei denen man nicht genau weiß, was das eigentlich soll oder bei denen man sich fragt, ob es wirklich nötig ist, darüber ein Lied zu schreiben.

Zum Beispiel?

Mit Deine Freunde schreiben wir gerade ein Lied über einen Lappen. Es geht um diese typische Situation wenn man zur Oma fährt: Du hast irgendwo etwas im Gesicht und die Oma leckt einen Lappen an, um dir damit im Gesicht rum zu wischen. Der Song ist schon etwas absurd, wir besingen halt den Lappen und den Kampf mit ihm. Man muss immer ausweichen, wenn man nicht von ihm berührt werden möchte. Das ist nicht ganz wie Dicker Pulli, haut aber vielleicht in eine ähnliche Kerbe.

Kann man daraus schließen, dass auch die anderen Alben der Fantastischen Vier großen Einfluss auf Dich hatten?

Nein, eigentlich nicht. Natürlich haben Die Fantastischen Vier für den deutschen HipHop Großes geleistet! Ich bin aber ziemlich schnell auf andere Künstler umgestiegen. Die Hamburger HipHop-Szene hat mich besonders begeistert. Zuerst Der Tobi und das Bo, später dann Fünf Sterne Deluxe, Fettes Brot, Samy Deluxe. Alles was 1998 in Hamburg groß wurde hat mich tierisch begeistert und begeistert mich immer noch.

Bei solchen Namen klingt eine Zusammenarbeit mit Deine Freunde gar nicht so abwegig. Wäre das was für euch?

Du hast Recht, das würde sehr gut passen! Vor allem wäre es sehr witzig. Tatsächlich sehe ich einige der Jungs manchmal auf Konzerten von uns! Als wir vor Kurzem in Münster gespielt haben war Marcnesium von Fünf Sterne Deluxe mit seiner Tochter da. Auch die Kinder von Tobi Tobsen waren schon auf einem unserer Konzerte. Er selber war gerade auf Tour, hat aber seine Frau und seine Kinder vorbei geschickt. Also wenn wir schon nicht zusammen auf der Bühne stehen, so haben wir zumindest das Glück, dass sie mit ihren Kindern zu unseren Konzerten kommen. Das ist wirklich schön!

Deine Freunde sind in diesem Sommer mit ihrem aktuellen Album Heile Welt auf einigen Festivals in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu Gast.