Ex-Jubelperser & Alltag anders

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

29. Juni – 5. Juli

Viele merken es womöglich kaum, doch tief im Innern wird er uns bald fehlen: Claus Weselky. Was hat seine Lokführergewerkschaft zum abendlichen Infotainment beigetragen, wie hat uns sein zitternder Schnauzbart erregt, von welcher Grandezza waren seine neun Bahnstreiks. Und nun? Aus, vorbei, die Streithälse haben sich geeinigt und nirgends scheint ein Nachrichtenberserker in Sicht, der Weselsky Lücke füllt. Oder? Doch: Sigmund Gottlieb.

Mit hasserfülltem Gefasel von erlesener Stupidität gibt der Chefredakteur des christsozialen BR seiner rechtspopulistischen Klientel mit schlichter Kampfrhetorik eine Stimme und hetzt über faule, fiese, dreiste Griechen, dass es neben der Bild (die hier wunderbar von Jennifer Rostock attackiert wird) vor allem türkische Nationalisten befriedigen dürfte. Doch der baugleich gestrickte Franke begnügt sich bekanntlich nicht mit dumpfer Hetze, wie er sie bereits vor der Bundestagswahl 2013 praktizierte, als er sich im Rededuell der Spitzenkandidaten kleiner Parteien brachial gegen Linke und Grüne auf die Seite der FDP schlug; er verpackt sie auch noch in lausigen Journalismus, was sein unterirdisches Interview mit Wolfgang Schäuble am Montag eindrucksvoll belegte, mit der sein ARD-Brennpunkt auf bislang unerreichtes Niveau sank. Das einzige, was da saß, war Gottliebs eitle Dirigentenwelle.

Die jedoch zugleich ein paar graue Haare mehr gekriegt haben dürfte, als ARZDF die Hiobsbotschaft schlechthin erhielten: Olympia findet ab 2018 nicht öffentlich-rechtlich statt. Das IOC hat die Übertragungsrechte der Sommer- wie Winterspiele bis 2024 für schlappe 1,3 Milliarden an den US-Medienkonzern Discovery Communications verkauft und somit mal ein echtes ein Zeichen gesetzt: Für Kommerzialisierung, gegen Information. Auf Abspielkanälen à la Eurosport muss sich das IOC nun nicht mehr mit Kritik über Umweltzerstörung, Korruption, Doping und ähnlich lästige Randaspekte künftiger Austragungsorte herumärgern wie es Vollprogramme von ARD über BBC bis ZDF bei allem Jubelpersertum wenigstens zur Nacht hin versuchen. So mag Verbotene Liebe nach 4664 Folgen vorbei sein; die zwei lukrativsten Sportevents neben der Fußball-WM liefern nun alle zwei Jahre eine eigene Soap, weichgespült und arglos.

0-FrischwocheDie Frischwoche

6. – 12. Juli

 

Eine schöne heile Goldsilberbronzewelt also im Sinne Wladimir Putins, der die Säbel ja erst richtig rasseln ließ, als der Welt Jugend sein subtropisches Winterparadies Sotschi wieder verlassen hatte. Man kann das Montag zur gewohnt arbeitnehmerfreundlichen Doku-Zeit um elf begutachten, wenn die fabelhafte ARD-Korrespondentin Golineh Atalai eineinhalb Jahre Ukraine-Krieg zur Story im Ersten bündelt. Wer die globale Dauerkrise lieber realitätsgetreu als real zu sich nimmt, wird hingegen von Homeland versorgt. Die wohl beste Politserie geht Freitag mit Dreierfolgen auf Kabel1 in die vierte Staffel und knüpft am Handlungsort Pakistan wieder an das unerreichte Niveau der ersten zwei Abschnitte an.

Überhaupt, die Realität: Sie bleibt generell das Gebot der Woche. Von, nun ja, „Sendern“ wie RTL abgesehen, die selbst dann wenig mit ihr zu tun haben, wenn sie mit, nun ja, „echten“ Menschen Fernsehen à la Bachelorette (ab Mittwoch) verantworten, wimmelt es von Wirklichkeit am Bildschirm. Rein sachlich etwa, wenn das ZDF Dienstag (23 Uhr) im Rahmen von 37° die vielfältige Welt der Sekten, Gurus und Verführer ausleuchtet. Tags zuvor, wenn die ARD um 22 Uhr mal heimlich, mal offen die Folterfabriken der Fleisch-Mafia inspiziert. Am Donnerstag, wenn 3sat um 20.15 Uhr die Generation Weichei erkundet – Kinder im liebevollen Würgegriff von Helikopter-Mum und Karriereplaner-Dad.

Doch auch spielerisch gilt die Realität als Vorbild sehenswerter Filme: Mittwoch im Ersten zum Beispiel mit Lars Eidinger als junger Vater, der im glaubhaften Familiendrama Was bleibt erfährt, dass seine depressive Mutter (Corinna Harfouch) die Medikamente abgesetzt hat, was nur scheinbar banal klingt. Da Gegenteil von banal ist am Donnerstag um 22.45 Uhr an gleicher Stelle Lincoln, Hollywoods bilder- und zeichensattes Historiengemälde mit Daniel Day-Lewis als amerikanischer Bürgerkriegspräsident, wofür er zu Recht seinen dritten Oscar erhielt.

In diesem Sinne sind auch die Wiederholungen der Woche von großer Wahrhaftigkeit. In Farbe, weil es ja doch ein Stück Weltgeschichte der leichteren Art war: das WM-Finale von 2014 in voller Länge, Sonntag um 0.40 Uhr (ARD). Und weil das Radio, hätte es einen Anstrich, ja irgendwie schwarzweiß wäre, kommt dieser Tipp mal von Deutschlandradio Kultur: Alltag anders lässt wechselnde Korrespondenten seit langem von ihrem Einsatzort berichten, wie dort gesessen, geflucht, geliebt, gebadet wird. Freitagsmorgens kurz vor neun, im Netz abrufbar, fantastisch!

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