Cordula Stratmann: Kühe & Lokalpolitik

Scheitern am Arschloch Alltag

Seit der legendären Schillerstraße war es ruhig geworden um Cordula Stratmann. Jetzt kehrt die begnadete Improvisationskomödiantin mit gleich zwei Serien zurück auf den Bildschirm.

Von Jan Freitag

Das Landleben, schenkt man dem TV-Programm Glauben, muss wie eine Seefahrt ziemlich lustig sein. Urige Gestalten liefern da im Sendeminutentakt mal harte, mal zarte Zoten. Von Nachkriegsschnulze bis Schmunzelkrimi, von Fjord bis Alm, von Hengasch bis Husum, von Kluftinger bis Alles Klara – das Fernsehen zeigt die Provinz gern als Hort heiterer Betulichkeit. Nach den traumschiffflüchtigen 80er, den technoiden 90er und den krisenhaften 00er Jahren jedoch gerät die Pampa nicht nur zum entspannenden Teilzeitexil gestresster Städter, sondern förmlich zur Comedybühne. Landflucht, Überalterung, Bauernhofsterben? Alles allenfalls am Rande relevant. Im (vor)abendlichen Unterhaltungsprogramm hingegen wird jenseits der Speckgürtel schenkelgeklopft und geschunkelt, dass sich die Scheunenbalken biegen.

Womit wir in Oberbreitbach wären, neuester Spielort dörflicher Sorglosigkeit, dem die ARD ab heute freitags vor der düsteren Tagesschau eine Extraportion Sonne durchs Idyll jagt als herrsche im Bergischen fortwährender Sommer. Und mittendrin: Cordula Stratmann. Als Kuhflüsterin spielt sie acht Folgen lang ein Landei aus dem Klischeekatalog: Tierheilpraktikerin, Klatschtante, Gartenzaunwacht, leicht esoterisch, sehr bodenständig, das Basisrepertoire der Feldwaldwiesenwelt im Clinch mit dem urbanen Nachbarn (Simon Boer), der sich als kerniger Bulle entpuppt, also der in Uniform, heitere Verwicklungen garantiert.

Solche Gegensatzpaare im gemütlichen Umfeld ziehen im Stromlinienfernsehen. Fragt sich nur, warum es die ARD ausgerechnet mit der überzeugten Wahlkölnerin besetzt, die bei „Landleben“ abseits von „bloß nicht“ bloß an drei Dinge denkt: „Urlaub, Kindheit, Langeweile“, wegen der man mich“, erklingt es im Tonfall ihrer Heimat, „in den Schulferien gar nicht aus Düsseldorf hätte rausholen müssen“. Stratmann und die Provinz – das passt scheinbar gar nicht. Und passt doch perfekt.

Weshalb das komödiantische Naturtalent dort zwei Wochen später abermals auftaucht: In Ellerbeck, tiefstes Emsland, wo es fürs ZDF eine umweltbewusste Erzieherin spielt, die im Streit um eine Schweinemastanlage den Kindergarten unverhofft gegen das Bürgermeisteramt ihrer fiktiven 15.000-Seelen-Gemeinde tauscht. Doch auch in der Rolle wirkt die langjährige Sozialarbeiterin keinesfalls deplatziert. Was weniger an den Geschichten selbst liegt, die abseits einiger schöner Dialoge weder durch Wackelkamera (Ellerbeck) noch Ausstattung (Kuhflüsterin) an Substanz gewinnen. Es liegt an der Selfmade-Kabarettistin allein.

Seit ihre hyperbürgerliche Kunstfigur Annemie Hülchrath zwei Jahrzehnte zuvor von rheinischen Kleinbühnen aus das Leitmedium eroberte, hat sich die schauspielerisch ungelernte Quereinsteigerin als Ausnahmeerscheinung der brachialen Spaßindustrie erwiesen. Abgesehen vielleicht von Annette Frier, an deren Seite Cordula Stratmann nicht ohne Grund mehrfach grundsoliden Wehrdienst am TV-Humor abgeleistet hat, gelingt schließlich keiner Darstellerin die Mischung aus Authentizität und Übersteuerung, kalauernder Comedy und feiner Realsatire mit ähnlich selbstverständlicher Arglosigkeit wir ihr. „Weil ich eher Geschichtenerzählerin als Pointenreißerin bin“, lautet ihr Berufsgeheimnis, „gebäre ich die Komik lieber aus alltäglichen Situationen, als dauernd die griffigste Punchline zu suchen“.

Schließlich sei es am lustigsten, „wenn jemand am Arschloch Alltag scheitert“. Momente zumal, „wo ich am lautesten über mich selbst lache“. Beobachtungsgabe, Selbstironie, Menschenliebe – drei Zutaten, die zwar nicht immer unterhaltsam sind, wie ihre satt missratene Miss Marple für Arme Ein Fall für Fingerhut vor fünf Jahren bewies, die sorgsam beigemengt aber eine Kunstform grundieren, von der nur wenige was verstehen. Aber dass Cordula Stratmann eine davon ist, durfte sie ja auch in einem Subgenre schulen, das unter Kennern als Königsdisziplin ihres Fachs gilt: Improvisation.

Bis 2007 hat sie in der Schillerstraße im Kreise unverstellter Kollegen mehr oder weniger sich selbst verkörpert, damit Preise gesammelt wie Mario Barth Einparkwitze und ihr Alleinstellungsmerkmal zur Vollendung gebracht: Witze allenfalls auf eigene Kosten zu machen. Der Freude am Würdeverlust anderer hingegen kann sie wenig abgewinnen, „denn das ist Schadenfreude und da hört bei mir der Spaß auf“. Bleibt die Frage, ob Ellerbeck und Kuhflüsterin in ihrer schützenfesthaften Provinzialität nicht doch genau das tun – an der Würde von rund 50 Prozent der Bewohner Deutschlands zu kratzen? „Ich finde potenziell jeden komisch, nehme aber auch jeden gleich ernst“, entfährt es ihr da in einem Hamburger Luxushotel, das der unprätentiösen Jeansträgerin von 51 Jahren spürbar zu glamourös ist, ernster als sonst und fügt hinzu: „Ich habe nichts gegen Klischees einzuwenden, solange sie nicht auf Vorurteilen basieren.“

Mit diesem Ansatz kehrt die rheinische Karnevalshasserin nach längerer Abstinenz also gleich doppelt zurück auf den Bildschirm. „Schöner Zufall“, wie sie findet, „aber ich fand die Zeit ohne Fernsehen auch fantastisch, habe zwei Romane geschrieben, mein Kind beim Größerwerden begleitet und auch sonst genug zu tun“. In den Medien, sie lacht ihr raumgreifend lautes Lachen, „herrscht ja der seltsame Glaube, wer darin nicht regelmäßig auftaucht, hört auf zu existieren.“ Das sei natürlich Unsinn. „Mich gibt es täglich, auch wenn mir dabei fast keiner zusieht.“ Jetzt sehen wieder ein paar mehr zu. Kein schlechter Zeitvertreib.

Seit 3. Juli, 18.50 Uhr, ARD: Die Kuhflüsterin, ab 16. Juli, 22.15 Uhr, ZDFneo (24. Juli, 22.30 Uhr, ZDF): Ellerbeck; der Text ist vorab unter http://www.zeit.de/kultur/film/2015-07/cordula-stratmann-kuhfluesterin-ellerbeck erschienen

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