Cordula Stratmann: Landleben & Stadtliebe

Mich gibt es täglich

Kurz, bevor mit der Politiksatire Ellerbeck die zweite Serie seit langem Cordula Stratmanns erste namens Kuhflüsterin ablöst, spricht die Komödiantin im freitagsmedien-Interview gewohnt humorvoll über halbvolle Gläser, das Landleben als Pointenlieferant, Humor ohne Würdeverlust und warum sie auch ohne Fernsehen glücklich sein kann.

Interview: Jan Freitag

Frau Stratmann, wenn man Ihre zwei neuen Serien so sieht, könnte man glatt glauben, Sie stammen aus der Provinz…

Cordula Stratmann: Dabei bin ich aus Düsseldorf, lebe in Köln und kann mir ein Leben auf dem Land bis heute nicht vorstellen.

Was verbinden Sie damit?

Urlaub, Kindheit, Langeweile. Wegen letzterer hätte man mich, wenn ich gefragt worden wäre, in den Schulferien gar nicht aus Düsseldorf rausholen müssen.

Heiterkeit scheinen Sie mit dem Landleben nicht zu verbinden.

Mittlerweile finde ich das Reizreduzierte sehr erholsam, aber noch immer nicht allzu heiter.

Warum bloß spielen dann gerade so viele Serien und Filme auf dem Land?

Ich mache mir nie Gedanken übers Genre, sondern nur über meine Figur darin. Und die hat mir in Ellerbeck wie bei der Kuhflüsterin gleichermaßen gefallen, ohne dass mir jetzt wichtig gewesen wäre, dass beide besonders komisch sind. Wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich darin nach Heiterkeit gesucht. Sonst wird mir schnell langweilig.

Und werden Sie da fündig?

Meistens.

Scheint, als wären Sie der Glas-halb-voll-Typ.

Nicht immer, aber sobald es auf halbleer zugeht, versuche ich es eigenhändig nachzufüllen. Ich habe auch schon mal schlechte Laune, fühle mich davon aber so sehr gestört, dass ich alles daran setze, sie zu bessern.

Spielen Sie deshalb fast ausschließlich Komödien und meiden tiefgreifenden Ernst?

Nein, denn in jeder guten Komödie liegt tiefgreifender Ernst. Das Klügste, was man in schwerer Lage oft machen kann, ist zu lachen. Weil ich eher Geschichtenerzählerin als Pointenreißerin bin, gebäre ich die Komik aber lieber aus alltäglichen Situationen, als dauernd die griffigste Punchline zu suchen. Wenn die Struktur eines Gags zu offensichtlich ist, langweilt es mich genauso.

Die Struktur der Punchlines Ihrer zwei Provinzserien zielt gern auf Landeier ab, die oft leicht verschroben wirken. Amüsiert sich da die Stadt übers Land oder umgekehrt?

Weder noch. Da amüsieren sich Menschen über Menschen, ganz gleich welcher Herkunft. Ich finde potenziell jeden komisch, neige aber auch dazu jeden gleich ernst zu nehmen.

Dennoch werden viele Klischees übers Land gepflegt und nur wenige über die Stadt.

Davon abgesehen, dass das in der Natur des Handlungsortes liegt, an dem beide spielen, habe ich nichts gegen Klischees einzuwenden, solange sie nicht auf Vorurteilen basieren. Dass der gemeine Dorfbewohner zum Beispiel weniger kultiviert wirkt, weil er seltener ins Theater geht, ist zwar ein Klischee, aus dem man Humor gewinnen kann, basiert aber nicht auf einem Vorurteil, sondern auf der Tatsache, dass das nächste Theater womöglich 30 Kilometer entfernt ist.

Wie ist es mit dem Klischee der ländlichen Neugierde?

Diese Gartenzaunkontrolle kann man wunderbar klischieren, aber auch belegen. Andererseits wäre meine Kuhflüsterin in Köln womöglich genauso wissbegierig wie in Oberbreitbach, weil es eher eine Frage der Mentalität als des Umfelds ist.

Welche der beiden Figuren ist für Sie denn abstrakter?

Eine neugierige Tierheilpraktikerin ist genauso abstrakt für mich wie eine Erzieherin, die in die Lokalpolitik rutscht. Aber in Ellerbeck geht es ja weniger ums Landleben als um bürgerliches Engagement, Energiepolitik, Wutbürger, solche Sachen. Das betrifft mich persönlich etwas mehr – obwohl ich mich weder zur Politikerin noch zur Wutbürgerin berufen fühle. Letztlich sind mir beide persönlich eher fern als nah.

Und worin unterscheiden sich die zwei Provinzen?

Also das Bergische Land kenne ich noch aus meiner Kindheit, anders als das Emsland weiter im Norden. Beide Gegenden ähneln sich darin, dass man dort wie überall auf dem Land knorrige Menschen trifft, die in ihrer Eigenart für Außenstehende oft abweisend wirken, im Kern aber sehr herzlich sind.

Mögen Sie solche Typen womöglich mehr als rheinische Frohnaturen?

Jetzt muss ich aufpassen, was ich sage. Also: ich mag Menschen, die zügig zu einem guten Miteinander finden, weil mir der Sinn einer schlechtgelaunten Individualität um ihrer selbst Willen nicht ergründlich ist. Da bin ich dann doch zu sehr Rheinländerin. Zelebrierte Einsamkeit, allein beim Bier an der Theke, ist mir fremd.

Sagt die Karnevalistin?

Nein! Ich finde Karneval furchtbar.

Zu viele Pointen, zu wenig Geschichten?

Vielleicht. Aber ich unterscheide zwischen Karnevalisten und denen, die im Karneval feiern. Erstere sind eher humorlos, letztere lassen es gern mal krachen und haben dazu ein paar Tage im Jahr ideale Bedingungen. Was ich allerdings brüllend komisch finde ist, wenn ich an Weiberfastnacht morgens früh an der Bushaltestelle eine lebensgroße Maus sehe, daneben zwei Cowboys und eine Nonne, die allesamt todernst auf ihre Smartphones blicken. Von solchen Momenten fühle ich mich bestens unterhalten!.

Weil sie darin den Keim eine lustigen Geschichte suchen, die zu erzählen sich lohnte?

Da überschätzen Sie meinen humoristischen Ansatz. Ich suche nicht dauernd nach irgendwas Lustigem, sondern freue mich, es zu finden. Am lustigsten sind Behauptungen, wenn absolute Selbstgewissheit im Versuch steckenbleibt und du förmlich zugucken kannst, wie jemand am Arschloch Alltag scheitert (lacht). Aber das sind auch die Momente, wo ich am lautesten über mich selbst lache.

Zum Beispiel?

Ganz banale Sachen. Nachdem ich kürzlich mit dem Flugzeug fliegen wollte und der Flieger nicht flog, hab ich mich später an meinen Blick erinnert, wie ich so unter der Tafel stand, auf dem neben meinem Flug „cancelled“ zu lesen war. Diese Mischung aus Wut und Entsetzen über etwas, das das Leben nun mal mit sich bringt, amüsiert mich enorm.

Gibt es von dieser Art auch etwas in den zwei Serien?

Also was ich an der Kuhflüsterin wirklich liebe, sind die vielen Versuche, bei denen sie ihrem neuen Nachbarn…

Von dem sie herausfindet, dass er was Mysteriöses mit der Polizei zu tun hat.

… mit der ganzen Wucht ihrer Selbstgewissheit gegenübertritt, dabei schnell Wind von vorne kriegt und im Sturm versucht, gut auszusehen, selbst als sie den Text vergessen hat. Am lustigsten sehen wir schließlich aus, wenn wir in Gefahr sind, unsere Würde zu verlieren.

Humor ist Würdeverlust?

Nein, der Kampf dagegen. Freude am Würdeverlust eines anderen ist Schadenfreude, da hört bei mir der Spaß auf.

Apropos: Man hatte zwischendurch das Gefühl, nach Schillerstraße und etwas Impro-Comedy mit Annette Frier hätte der Fernsehspaß mit Ihnen ein Ende.

Das Gefühl trügt gar nicht so sehr. Ich bekam so manches Lustige angeboten, das ich leider nicht so lustig fand wie die Anbieter…

Jetzt kommen zwei Serien auf einmal. Ist das Zufall oder ein Masterplan?

Masterpläne hab ich nie. Das ist ein Zufall. Diese Male trafen sich der Geschmack der Anbieter und meiner und so sind wir zusammen losgegangen.

Ein schöner Zufall?

Ein sehr schöner, aber ich fand die Zeit ohne Fernsehen auch fantastisch. Ich hab zwei Romane geschrieben, mein Kind beim Größerwerden begleitet und auch sonst genug zu tun. In den Medien herrscht ja der seltsame Glaube, wer darin nicht regelmäßig auftaucht, hört auf zu existieren. Mich gibt es täglich, auch wenn mir dabei fast keiner zusieht. Ich bin schnell satt von Aufmerksamkeit.

Und könnten auch ohne Fernsehen glücklich sein?

Ich bin es sogar!

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