Linda Zervakis: Stilldemenz & Hippiehosen

lindazervakisDie Katastrophenfrau

Linda Zervakis (Foto@Thu Thuy Pham) ist die erste Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund. Den Summer of Peace auf Arte präsentiert die Hamburgerin mit griechischen Eltern seit zwei Wochen allerdings wegen der kriegerischen Nachrichtenlage. Ein Gespräch über die Bürde der Herkunft, Role Models, Stilldemenz und warum ihr oft eine Locke über der Schulter hängt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Zervakis, bislang lagen die Moderatoren der Arte-Sommer auf der Hand: Scooter hat seine technoiden 90er präsentiert, Samy Deluxe den Soul, Katja Ebstein die Sixties. Was bitte prädestiniert Sie für den Summer of Peace?

Linda Zervakis: Weil Konflikte jeder Art seit vergangenem Sommer die Nachrichten oft komplett füllen, wollte Arte den Fokus wohl mal in Richtung Frieden verschieben und hatte dabei offenbar das Bedürfnis, der Katastrophenfrau von der Tagesschau mal eine Leine zuzuwerfen, damit auch sie mal aus dem dauernden Verlesen von Krisen rauskommt (lacht).

Wobei die Katastrophenfrau das popkulturelle Thema dann politisch erden soll?

Klar, sonst hätte man ja Nicole nehmen können. Aber die hatte wohl keine Zeit… Ich dagegen bin in Elternzeit und stehe trotz aller Krisenthemen schon für die sachliche Seite des Friedensthemas.

Sind Sie denn nur krisengestählt oder auch friedensbewegt.

Ich gebe zu, noch auf keiner Friedensdemo gewesen zu sein. Stattdessen bin ich damit beschäftigt, meinen inneren Frieden zu Hause zu finden Das liegt aber auch daran, dass mich die tägliche Konfrontation mit den Krisen der Welt, die weit über das hinausgehen, was wir letztlich in den Nachrichten sehen, manchmal extrem demotiviert, dagegen öffentlich aufzubegehren. Es ist eine gewisse Ohnmacht, die sich in mir breit macht. So gesehen eröffnet mir die Zusammenstellung des Summer of Peace die Möglichkeit, mich daran zu erinnern, dass wir nicht ohnmächtig sind! Weil es den Zustand absoluten Friedens bislang eigentlich noch nie gab, wäre alles andere als Misanthropie allerdings dennoch utopisch.

Definieren Sie Frieden da im militärischen Sinne als Abwesenheit von Krieg oder im Sinne von Baruch de Spinoza und Johann Galtung als Abwesenheit von Ungleichheit?

Oha, jetzt fordern Sie meine Stilldemenz aber heraus! Also Abwesenheit von Krieg wäre ja schon mal ein schöner Schritt Richtung Frieden, aber mein Begriff davon basiert schon eher auf einer gesellschaftlichen Gesamtlage. Was allerdings bedeutet, dass wir uns angesichts der Ungerechtigkeit in aller Welt dauernd im Kriegszustand befänden. Es ist kompliziert…

Welche Situation herrscht denn dann zum Beispiel in Ihrer zweiten Heimat Griechenland?

(verdreht lachend die Augen) Na bitte!

Na, bei der ersten Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund kann man das Thema Herkunft ja nicht aussparen. In Griechenland herrscht zwar keine Waffengewalt, aber schreiende Ungerechtigkeit. Lebt das Land in Frieden?

Sicher nicht. Was Griechenland aber vom Kriegszustand unterscheidet, erlebe ich jedes Mal, wenn ich da bin: Die Menschen bewahren auch im Schlechten das Gute in ihren Herzen, teilen das Wenige, das sie haben, und lassen sich nicht unterkriegen. Griechenland wird niemals seine Seele verlieren; das Herz am rechten Fleck zu haben, beseitigt keine Krise, aber seine Wärme ist die einzig richtige Antwort auf den Krieg oben gegen unten, der alten Eliten gegen das Volk, die die Last der Reformen alleine tragen müssen. Das Miteinander bleibt freundlich, der Hilfsbereitschaft tut all dies keinen Abbruch. Das finde ich großartig.

Das klingt, als sei Ihr eigenes Herz dem Land Ihrer Ahnen näher als dem Land, wo Sie geboren und aufgewachsen sind.

Ich vergleiche Deutschland und Griechenland mit zwei Schülern derselben Klasse: Da gibt es immer den Streber, der alles kann und weiß, den die anderen dafür zwar beneiden, aber auch ein bisschen verachten. Und es gibt den verpeilten Typen, der meistens beliebter ist, aber wenig auf die Reihe kriegt. Die Verpeilten wollen nicht dauernd vom Streber hören, wie es richtig läuft, die Streber hätten gern was von der Lässigkeit der Verpeilten. So in etwa fühle ich mich auch manchmal.

Wann genau zum Beispiel?

Als ich letzten Sommer da war, hat sich eine Bekannte aufgeregt, jetzt Kfz-Steuern zahlen zu müssen. Da denke ich dann: Hey, so läuft das nun mal, wenn man ein Gemeinwesen finanzieren will, merke aber gleich, dass dieser Gedanke ganz klar der deutsche Teil in mir ist.

Welche Rolle hat Ihre Herkunft bislang im Alltag gespielt?

Abgesehen davon, dass unser großes Fest Ostern ist und nicht Weihnachten, eigentlich keine. Bis ich zur „Tagesschau“ gekommen bin – und plötzlich wurde Linda aus Hamburg zur Zervakis aus Griechenland, die dunkle Haare hat statt blonder und nicht Müller heißt, sondern irgendwie ausländisch. Das hat zwar nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, die kenne ich am eigenen Leib gar nicht. Aber merkwürdig ist das schon.

Hat aber ja auch den Grund, dass mit der Tagesschau die nächste Institution durchlässig für nichtdeutsche Biografien geworden ist…

Aber schöner wäre es doch, wenn das endlich nichts Besonderes mehr wäre, also keiner Erwähnung wert. So nach dem Motto: Das ist unsere neue. Punkt. Herkunft egal.

Zumal Ihre Herkunft als Tochter eines Kiosk-Besitzers aus einfachen Verhältnissen, die es auf einen der wichtigsten Posten der Mediengesellschaft gebracht hat, spannender ist.

Gut, ich musste mir mit meinen Brüdern ein Zimmer teilen. Und am Kiosk hab ich die volle Härte sozialer Ungleichheit gespürt, wenn Stammkunden dort ihre Sozialhilfe verflüssigt haben. Dennoch hab ich meine Kindheit nie als schwierig empfunden, obwohl man als Gastarbeiterkind früh das Gefühl bekam, ein bisschen mehr leisten zu müssen als andere. Was ich da vor allem lernen musste, war Hilfe von Menschen anzunehmen, die sich meiner angenommen haben. Und die gab es immer wieder – allen voran meine Eltern, die selber keine gute Bildung haben und gerade deshalb immer darauf bedacht waren, dass wir zur Schule gehen, auf die Lehrer hören, Deutsch lernen. Das haben wir immer beherzigt.

Taugen Sie demnach als Role-Model?

Kommt drauf an, für welche Rolle.

Sich als Frau mit Migrationshintergrund aus schwierigen Verhältnissen in einer Männerbranche durchgesetzt zu haben?

Als in Hamburg geborene Griechin tauge ich dazu im Moment doch schon deshalb nicht, weil die uns  Deutschen doch nur das Geld aus der Tasche ziehen (lacht). Ein gutes Beispiel zu sein, das nehme ich gerne an, aber bitte kein Vorbild, der Rucksack ist mir zu schwer. Egal ob wegen meiner Herkunft oder meines Geschlechts.

Letzteres erfordert bei der Tagesschau offenbar einen besonderen Dresscode. Ihre Haar zum Beispiel…

Von denen eine Hälfte immer über die linke Schulter hängt, ich weiß (lacht).

Tauschen Sie beim Summer of Peace die Nachrichtenuniform gegen Batic-Shirts?

Ein bisschen Flower-Power darf es schon sein; den Tagesschau-Blazer lass ich da mal schön im Schrank.

Auch privat?

Wenn ich offizielle Termine wie den hier hinter mir habe, verwandle ich mich – zack! – in die Privatperson und tausche die Highheels gegen Chucks und Jeans. Da freu ich mich schon jetzt drauf.

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