The Yes Men: Spaß & Guerilla

Ja-Sager mit Nein-Kraft

Seit 20 Jahren irritieren The Yes Men mit unterhaltsamen Fake-Aktionen die Mächtigen aus Politik und Business. Nach zwei grandiosen Porträts kommt nun die nächste Beleuchtung der Spaß-Guerilla mit Tiefgang ins Kino: In Die Yes Men – Jetzt wird’s persönlich zeigt Laura Nix mal ein paar private Seiten des Aktivisten-Duos mit belgisch-ungarischen Wurzeln, aber auch ihre neuen Einsatzorte. 

Von Jan Freitag

Es gab Zeiten, da riefen Unzufriedene bei Ämtern an, um ihrem Ärger Luft zu machen. Manche schrieben auch Leserbriefe oder gingen unverdrossen auf die Straße, wenn aus ihrer Sicht etwas falsch lief im System, welcher Art auch immer. Modernen Aktivisten mit Sendungsbewusstsein ist das längst zu ineffektiv. Statt vor einer Handvoll Anwohner auf abgelegenen Routen zu demonstrieren, führen sie lieber 120 Millionen TV-Zuschauer weltweit so dreist hinters Licht, dass selbst die Aktienkurse purzeln. Ihr Name: The Yes Men. Eine Schar  renitenter, aber humorbegabter Weltverbesserer, die den Gang der globalisierten Dinge so dicke haben, dass sie No Men heißen müssten. Man konnte ihr Schaffen vor ein paar Jahren im schlichtweg brillanten Dokumentarfilm Die Yes Men regeln die Welt bestaunen. Jetzt kommt der dritte Teil einer losen Reihe verschiedener Autoren über das Medienphänomen zweier Ja-Sager mit großer Nein-Kraft ins Kino. Und verspricht wieder großes Entertainment mit Relevanz.

Denn Jacques Servin und Igor Vamos alias Andy Bichlbaum und Mike Bonnano – Autoren, Täter, Hauptdarsteller all dieser fantastischen Kompendien kreativen Widerstands gegen übermächtige Gegner – schaffen es seit nunmehr 20 Jahren, den Irrsinn unserer Welt frei von Zynismus so auf die Hörner zu nehmen, dass einem das Lachen nicht im Halse stecken bleibt, sondern den Kopf freiräumt. Wenn sie etwa als Konzernsprecher eines US-Multis vor die Kamera treten, um via BBC zu verkünden, Dow Chemical wolle 25 Jahre nach der Katastrophe im indischen Bhopal endlich über 100.000 Opfer der explodierten Pestizid-Fabrik mit zwölf Milliarden Dollar entschädigen. Dafür mussten die Yes Men bloß eine Homepage der Welthandelsorganisation WTO online stellen und auf eine Einladung der BBC zu warten.

Und so geht es weiter.

Noch immer narren sie Konferenzen, veröffentlichen Zeitungen mit guten Nachrichten, mischen sich unter die Occupy-Bewegung oder versprechen als Verwaltungsangestellte verkleidet, anders als es skrupellose, aber einflussreiche Investoren planen, völlig intakte Sozialwohnungen nach dem Hurrikan Katrina doch nicht abreißen, sondern sanieren zu wollen. Sie verkünden also eine Gerechtigkeitslogik, die der Shareholderkapitalismus täglich verhöhnt. Ihr Lohn ist das rechts-konservative Urteil “abartig und pervers” – nicht über die Politik sondern über den Protest dagegen.

Das macht die Spaß-Guerilla zu Michael Moores von heute, nur humorvoller, mutiger, weniger selbstgerecht. Und weil man ihrem scheuen Charme fast unvermeidlich erliegt, weil der Erfolg ihrer Aktionen scheinbar niemanden so sehr überrascht wie die Aktionisten selbst, dürfen auch Filme über ihr Engagement sein, was sachliche Dokumentationen eigentlich nicht sein dürfen: subjektiv, parteiisch, mal wütend, mal froh. Gerade deshalb aber sollte sie zum Pflichtprogramm marktradikaler Kräfte auf dem ganzen missbrauchten Planeten werden. Der unverfrorenen, zerstörerischen, machtbesessenen Dreistigkeit eines Systems, das ihn zum Spielball ihrer Profitinteressen macht, ist anders kaum beizukommen. Lacht kaputt, was euch kaputt macht!

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