Gabi Delgado: Erdbeerkuchen & Tanzmusik

GabiVerschwende dein Alter

Vor 36 Jahren hat Gabi Delgado-Lopéz (Foto@Joe Dilworth) die deutsche Popmusik revolutioniert. Nach mehreren Punkprojekten im Rhein- und Ruhrgebiet gründete der gebürtige Spanier 1979 mit seinem Freund Robert Görl in Düsseldorf die Deutsch-Amerikanische Freundschaft. Mit Hits wie Tanz den Mussolini prägten DAF fortan Techno und NDW gleichermaßen. Nach sieben Alben und mehreren Nebenprojekten brachte der Musikproduzent 2014 sein erstes Soloalbum heraus, dem nun das zweite namens 2 folgt, auf dem der 57-Jährige 32 Stücke zusammenbringt, die manchmal, aber nicht immer nach DAF klingen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Gabi Delgado, seit Sie vor 35 Jahren maßgeblich geholfen haben, die elektronische Musik in Deutschland zu etablieren, hat sie sich in diverse Spielarten von Techno über EBM bis Synthiepop ausdifferenziert. Behalten Sie da noch den Überblick?

Gabi Delgado: Eigentlich schon. Ich bin auch außerhalb der elektronischen Musik so interessiert, dass ich viele Stile intensiv beobachte. Anderseits kapsel ich mich von diesen Einflüssen oft ganz bewusst wieder ab, wenn ich meine eigenen Alben produziere. Dann setzt meine Beobachtung aus und ich höre weniger fremdes Zeug.

Welches Zeug zum Beispiel?

Alles Mögliche. Zuletzt habe ich mich viel mit französischen Tectonics beschäftigt oder brasilianischem Techno.

Also schon sehr digital.

Richtig, ich höre auch alles Mögliche abseits davon, Reggea zum Beispiel oder Flamenco, aber mein Hauptaugenmerk gilt schon dem Electro.

Im ersten Track der neuen Platte singen Sie von der Neuen Deutschen Klubmusik und verpassen ihr mit NDK gleich ein Label. Ist es das?

Das ist durchaus eins, aber nicht mein eigenes. Es kennzeichnet eine der tollen neuen Entwicklungen in Deutschland, die sich witzigerweise abspielt, wo die Hälfte der Menschen lebt, auf dem Land, in der Agrar-Disco, wie ich es gern nenne, wo es Donnerstag Gothic gibt, Freitag Techno, Samstag HipHop, Sonntag Rock, wo man also die verschiedensten Genres an einem Ort erlebt. Das ist in Berlin undenkbar, wo viele Clubs nur einen Stil kennen, sieben Tage die Woche. Andernorts jedoch entstehen hingegen spannende Hybriden, die NDK ausmacht.

Hybriden heißt vor allem Mashups, also Remixes bestehender Stile. Der Scooter-Frontmann H.P.Baxxter hat vor kurzem gesagt, es wird keine neuen Musikrichtung mehr geben wie Rock, Techno, Rap, sondern nur Zusammensetzungen. Wie sehen Sie das?

Also in Analogie zu anderen Kunstformen gilt das Zitieren auch musikalisch als Wesen der Postmoderne. Selbst die Gema sagt ja, im Bereich der westlichen Harmonielehre werde es keine grundlegenden Entwicklungen mehr geben. Ich halte das für eine gewagte These, weil niemand weiß, was im tonalen Bereich noch möglich ist.

Stichwort Kakophonie.

Zum Beispiel, extreme Dissonanz. Und auf der Beat-Ebene ist längst noch nicht alles ausprobiert. Wer weiß, was da noch in absehbarer Zukunft auf uns zukommt.

Werden Sie daran noch beteiligt sein oder ist Ihr Beitrag geleistet?

Schwer zu sagen, aber weil ich kein Nostalgiker bin, suche ich schon noch Neuland. Da warte ich immer auf Vorschläge von außen, langlebige Musik, die über Mode, Trends, Tagespolitik hinaus relevant ist. Ich mag Dinge, die lange brennen lieber als solche, die es hell tun.

Ist das ein Plädoyer für Qualität statt Quantität?

Ich würde es eher Qualität in der Quantität nennen. Die Engländer haben dafür den Begriff Silent Hit – Stücke, die sich nicht in zwei Wochen, sondern in 20 Jahren millionenfach verkaufen. Darin steckt Nachhaltigkeit jenseit der Masse.

Das ist insofern spannend, als Sie auf Ihrer Platte 32 Tracks verabreichen. Das klingt nach reichlich Masse…

Was aber den Grund hat, dass ich den Spielraum des Vorgängeralbums 1 weiter auffächern wollte, sowohl musikalisch als auch textlich. Dafür brauchte ich einfach viele Stücke. Andererseits ist das ein Statement, in der Kunst immer alles zu geben. Ich habe die CDs satt, wo zwei liebevoll gemachte Tracks von sieben Mal Füllmaterial umrahmt werden, um auf 35 Minuten zu kommen. Mein Motto lautet eher: Geiz ist nicht geil! Geil ist Großzügigkeit! Ich will viel geben. So habe ich zwar den Schrank leer, aber den Kopf frei fürs nächste Projekt.

Was allerdings die Arbeit und Aufwand am nächsten Projekt immens erhöht.

Mag sein, dass es wirtschaftlich vernünftiger wäre, etwas aufzusparen, aber so ticke ich nicht. Ich möchte Sachen abschließen und den Leuten zeigen: Habt keine Angst, alles zu geben! Sparen ist auch ökonomisch nicht haltbar.

Sie nennen es „Ökonomie der Verschwendung“.

Genau, wie die Blume: Heute alles geben, um zu verblühen, und auf dem welken Blatt was Neues starten. Ewiges Wachsen, ewiges Vergehen, so ist Natur. Angst vorm Ende hemmt nur.

Wobei Angst einer der Treibstoffe jener Zeit war, in der Sie mit Musik begonnen haben – Wettrüsten, Waldsterben, Terrorismus.

Richtig.

Ist daraus Ihr Credo vom „Verschwende deine Jugend“ entstanden?

Ich denke schon. Mit dem Deutschen Herbst 1977 war die Zeit der Zuversicht endgültig vorbei. Zuvor dachte man noch fröhlich, irgendwann hätten alle Atomtoaster und die Technik sorgt für ewigen Frieden. Das hat sich zu Beginn meiner Karriere radikal gewandelt und findet jetzt seine Fortsetzung im Rahmen der europäischen Krise und globaler Katastrophen.

Das macht Ihnen keine Angst?

Allenfalls Sorge; Angst macht mir fast nichts. Ich empfinde die radikalen Veränderungen unserer Tage eher als Chance zu positiver Veränderung. Es ist nur so, dass ich zuhause in Spanien weiter deutsche Nachrichten sehe und Zeitungen lese, aber erkennen muss, dass darin vieles, was Hoffnung machen könnte, ausgespart wird. Wenn wie zuletzt 500.000 Spanier für direkte Demokratie auf die Straße gehen, heißt es in Deutschland, die hätten gegen Sparpläne demonstriert.

Haben Sie mit demonstriert?

Nein, aber ich unterstütze die Ideen der Bewegung. Ich möchte mich als Künstler nicht zu sehr für PR-Zwecke vor den Karren spannen lassen; wenn ich was bewegen will, ist meine Arbeit eher musikalischer Natur oder erfolgt im Netz.

Weil Sie Ihre Jugend so verschwendet haben, dass Ihnen mit 57 Jahren die Kraft für physischen Einsatz fehlt?

Nein, nein (lacht). Zumal ich selbst in meiner wildesten Zeit immer ganz, ganz alt werden wollte. Meine Großmutter, die Frau, die mich am meisten beeinflusst hat, ist 99 geworden. So alt will ich auch werden. Ich fühle mich mit 57 überaus wohl, wenn auch die Regenerationsphasen nach dem Feiern spürbar länger werden.

Im Stück Der neue Stil heißt es, Sie essen im einen Moment gern gemütlich Kuchen und im gehen im nächsten tanzen. Ist das die Ambivalenz Ihres altersgerechten Alltags?

Nein, denn das war schon früher so, als ich viele Drogen genommen habe. Auch damals war ich kein Fan vom Dauerrausch und brauchte meine Zeit zum Runterkommen. Ich gewöhne mich einfach nicht gern so an Sachen.

Gewöhnen im Sinne von Abhängigkeit?

Genau, wenn etwas die Kontrolle über mich gewinnt. Erstens hat man daran letztlich keine Freude, zweitens genieße ich meine Freiheit. Daher die Pausen.

Die hat Denis Moschitto in der Verfilmung von Verschwende deine Jugend so verkörpert, dass er die meiste Zeit faul auf dem Sofa lag. Hat er Sie gut getroffen damals?

Ich finde schon. Es ist natürlich nicht Gabi Delgado, aber er macht das gut.

Stimmt denn die exaltierte Arroganz seiner Darstellung?

Schon, denn die war im Kontext der damaligen Zeit, als Gegenpol zum Hippietum, so passend wie wichtig. Vielleicht hab ich sie noch heute manchmal, aber das ist nur eine Facette von mir. Andererseits ist eine gesunde Arroganz nicht das Schlechteste, heißt sie doch, nicht alles mitzumachen, was man dir sagt.

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