Deutsche Serien: Wenig Stars & Weissensee

WeissenseeSerienunreife

Das ARD-Schmuckstück Weissensee (Foto: ARD/Julia Terjung) ist nicht nur die beste deutsche Serie unserer Zeit. Zum gestrigen Start der dritten Staffel fällt auf: Es ist auch praktisch die einzige, der sich Schauspieler von Rang und Namen so zur Verfügung stellen, wie es in den USA seit geraumer Zeit üblich ist.

Von Jan Freitag

Es gibt Filmstars, die lassen den Pöbel schon beim Klang ihres Namens vor Ehrfurcht erzittern. Clive Owen etwa und Glenn Close, dazu Sam Neill, Halle Berry, Anthony Hopkins, von Jude Law, Patricia Arquette oder Matt Dillon ganz zu schweigen – globale Kinomarken wie Dollarhall, zu teuer fürs profane Fernsehen, einst unerreichbar. Und heute? Hält sich Hollywood längst nicht mehr kategorisch vom Bildschirm fern. Im Gegenteil. Jeder der Genannten war bereits Teil dessen, was hierzulande nach wie vor als Todesstoß seriöser Karrieren gilt: Serien.

Wenn deutsche Produzenten eine planen, wird es hingegen dünn auf der Besetzungsliste. Während amerikanische, britische, skandinavische Serien das Kino zügig als Projektionsfläche horizontaler Erzählung ablösen, führt die dramaturgische Endlosigkeit abseits vom Zwang zu abgeschlossenen Krimireihen bei uns ein Nischendasein zwischen Vorabendspaß und Hauptabendsülze. Da ist es schon einer Meldung wert, wenn Roberto Blanko in Folge 4650 von Verbotene Liebe auftritt. „Ich gebe immer 100 Prozent“, umschrieb das Schunkelfunkinventar seinen Einsatz und freute sich, „wenn die Leute zufrieden sind“.

Nur: Das sind sie nicht, weder mit Seifenopern noch richtigen Serien, was fatale Folgen für die Anziehungskraft auf echte Schauspieler hat. Umso bemerkenswerter ist, was dieser Tage geschieht: Nachdem das ZDF am Freitag keinen Geringeren als Jürgen Vogel zur Titelfigur des fortsetzungstauglichen Fünfteilers Blochin gemacht hat, geht nun das Beste, was made in germany momentan möglich ist, mit dem gewohnten Spitzenpersonal in die dritte Staffel: Weissensee. Diesmal am Übergang von der alten DDR zur neuen BRD, bei dem es Florian Lukas, Anna Loos oder Ronald Zehrfeld wieder mit Jörg Hartmann als grandios diabolischem Stasi-Schergen zu tun kriegen. Großkaliber allesamt, von denen demnächst auch einige das gelungene RTL-Produkt Deutschland 83 adeln, mit Jonas Nay als DDR-Agent zwischen Ulrich Noeten und Maria Schrader.

Das ist ein Fortschritt, ohne Frage. Aber ein Strukturwandel? Dafür fehlen jene famosen Drehbücher, die Jude Law an der Seite von Diane Keaton Anfang 2016 zum Young Pope macht und Oscar-Gewinner Kevin Spacey in die 4. Staffel von House of Cards schickt. Was wiederum auf den inhaltlichen Engpass hiesiger Produkte verweist: Religion oder Politik sind Themen, für die deutschen Produzenten mit ihrer wahnhaften Fixierung auf Polizei und Zeitgeschichte bislang ebenso viel Fantasie fehlt wie für schwule Bestatter, dealende Lehrer oder coole Hacker, dem Topstar Christian Slater als Mr. Robot global gefeiert sein Gesicht leiht.

Wenn das nationale Schwergewicht Moritz Bleibtreu seins hingegen einer kreativeren Figur wie Ferdinand von Schirachs Anwalt in Schuld zur Verfügung stellt, dreht das ZDF ganze fünf Teile. Nicht sechs Staffeln, die eine Serie im Erfolgsfall leicht mal dauert. Doch so lang ist bei den verzagten Pragmatikern von ARD bis RTL kein Atem, sofern die Ware nicht Cobra 11 oder Dr. Kleist heißt. Selbst fürs Polizeiformat KDD war 2009 trotz Topkritiken mit der 3. Staffel Schluss, nachdem der exzellente Cast bis in die Nebenrollen sein Quotenziel verfehlt hatte. Ein Schicksal, das Monate später auch Dominik Grafs Zehnteiler Im Angesicht des Verbrechens ereilte, dessen Finale mangels Publikum nachts versendet wurde. Nicht grad ein Anreiz für bekannte Mimen und Regisseure, das Wagnis Serie einzugehen, der man mehr Lebenszeit und Leidenschaft widmen muss als drei, vier Spielfilmen im Jahr.

Die staffelweise explodierenden Gagen anfangs unbekannter Darsteller bei Big Bang Theorie oder Mad Men belegen zwar die Sicht des Besetzungsbeauftragten Keli Lee vom US-Sender ABC, im Fernsehen gehe darum, „neue Stars zu schaffen“, die erst dann fürs Kino taugen; doch je dicker das Fernsehstück am fiktionalen Kuchen dank gedeihlicher Serien ist, desto mehr berühmte Sahnehauben können sich TV-Konditoren leisten. Nur in Deutschland gibt es dank einer Mixtur aus Inkompetenz, Feigheit, Quotendruck und Misserfolg Schonkost. Da „große Erzählkunst angeblich nur im Kino stattfindet“, meint Jürgen Vogel, „gehen viele Produzenten noch immer davon aus, große Namen für Serien gar nicht erst anfragen zu brauchen.“ Womit die dann auch gar nicht erst rechnen.

Ein Teufelskreis. Und ein Irrglaube. Schließlich wären Schauspieler bei allzu großem Anspruchsdenken „rasch arbeitslos“, weshalb die Neigung zur Serie wächst. Vogel, schon bei KDD im Team, sagte das übrigens zum Start von Blochin, ein Fünfteiler mit viel Polizei, aber kaum Überraschungen, eher gedehnter Tatort als Emmy-Kandidat. So sieht sie aus, die triste, deutsche Serienwelt.

Doppelfogen am Mittwoch und Donnerstag, 20.15 Uhr. Alle sechs Teile in der ARD-Mediathek

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