Vorher Wertvoll & Gewohnt Fabelhaft

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

21. – 27. September

Über Wochen schien es kaum denkbar, dass mal wieder irgendwas anderes als Flüchtlinge die Nachrichtenlage beherrscht. Dann aber kam eine Art Heilsbringer der Abwechslung mit vier Rädern: VW. Vorher Wertvoll füllte Martin Winterkorns (Ex-)Konzern die Tagesschau, als kämen, pardauz, keine Hilfsbedürftigen mehr an in Europa und falls doch, würden allesamt unkompliziert integriert. Aus den Augen, aus dem Sinn – so läuft weltpolitische Flurbereinigung im Medienzeitalter.

In die Augen, in den Sinn holte der investigative Filmemacher Daniel Harrich dagegen ein Thema, das ebenfalls gelegentlich in tagesaktuelle News schwappt: illegaler Waffenhandel. Sein exzellent recherchierter Spielfilm Meister des Todes lockte damit vier Millionen Zuschauer vor den Bildschirm und sorgte tags drauf sogar für eine Aktuelle Stunde im Bundestag, der durchaus parlamentarische Untersuchungen folgen könnten.

Von so viel weltpolitischer Relevanz können die Sieger der Emmys 2015 nur träumen – auch wenn Viola Davis als erste Preisträgerin der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin einer Dramaserie“ dunkler Hautfarbe für How to Get Away With Murder mit einer furiosen Dankesrede den Finger in die Wunde rassistischer Besetzungspolitik des liberalen Hollywood legte. Ansonsten räumte vor einer Woche wie üblich Game of Thrones ab und nach siebeneinhalb Staffeln Mad Men endlich auch der dauernominierte Jon Hamm als bester Darsteller. Neue Preisträger wie das Transsexuellen-Drama Transparent oder Julia Louis-Dreyfus in der Rolle als US-Vizepräsidentin (Veep) belegen zudem erneut, dass kreative Serien trotz und wegen Blochin (dessen Einschaltquoten ansehnlicher waren als das inhaltliche Niveau) weiterhin nur außerhalb deutscher Grenzen entstehen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

28. September – 4. Oktober

Die einzige Ausnahme bildet nach wie vor Weissensee. Wenn Dienstag bis Donnerstag zur besten Sendezeit im Ersten die neue Staffel läuft, kann das herausragende Niveau der zwölf Folgen zuvor zwar nicht ganz gehalten werden; doch wie Florian Lukas im Stasi-Griff seiner eigenen Familie durch die offene Mauer stolpert, ist – vor allem dank Jörg Hartmann als systemtreuen Überzeugungstäter – noch immer einzigartig im hiesigen Fernsehen.

Daran kann auch der anschließende Versuch nichts ändern, über die deutsch-deutsche Historienfeinkost dicke Bratensoße zu kippen. Es ist ja durchaus gut gemeint, den Dresdner Jan Josef Liefers mit seinem holsteinische Tatort-Kollegen Axel Prahl durch die Musikgeschichte Ost und West zu schicken. Doch im Anschluss an Weissensee verrührt das lustige Duo in Soundtrack Deutschland die durchgekauten Stars von Schöbel über Lindenberg bis Grönemeyer zu den Puhdys mit etwas Rammstein-Thrill und Sido-Wut zu einer so stereotypen Mainstream-Pampe, dass man auch gleich Oli Geissen gucken kann.

Wie überhaupt das gesamte Jubiläumsprogramm zum 25. Jahrestag der Einheit eher routiniert als leidenschaftlich abgespult wird. Wenn etwa Maybrit Illner ihre ZDF-Talkrunde am Donnerstag auf 20.15 Uhr vorziehen darf und fragt, Sind wir das Volk?, oder hinterher wieder irgendwas mit Trabis und Stasi am letzten Tag der DDR dokumentiert wird. Interessanter wird es da schon ab Sonntag, wenn die ARD ihre jährliche Themenwoche dem vertrackten Begriff Heimat widmet. Angefangen mit der „größten Echtzeitdokumentation im deutschen Fernsehen“ (darunter macht’s Programmchef Volker Herres nicht). Abgesehen davon, dass Artes 24 Stunden Berlin keinesfalls kleiner war, könnte es aber doch ansehnlich werden, wenn 99 Protagonisten ihr Leben an 82 Orten quer durchs Land mit eigenen und professionellen Kameras von 6 bis 18 Uhr begleiten (lassen).

Wem das zu viel Realität ist, dem seien an dieser Stelle zwei Serien empfohlen: Für zahlende Kunden zeigt Sky Atlantic ab Freitag die achtteilige BBC-Serie The Missing um ein vermisstes Kind, das diesem Genre tatsächlich mal neue Nuancen hinzufügt. Viel heiterer setzt ZDFneo tags zuvor um 22.50 Uhr in Doppelfolgen die unvergleichliche Alltagsbeschreibung großstädtischer Girls fort, in denen Hauptdarstellerin Hannah allerdings gen Provinz abdampft. Gewohnt fabelhaft – wie die schwarzweiße Wiederholung der Woche: Orson Welles Der dritte Mann von 1949 (Montag, 20.15 Uhr, Arte), was man schon wegen Anton Karas‘ Zither-Soundtrack mindestens einmal im Leben gesehen haben sollte. Fast 30 Jahre älter und entsprechend farbig ist David Bowie als Der Mann, der vom Himmel fiel (Montag, 22.10 Uhr, ZDFkultur). Nie war ein Alien musikalischer. Zum Schluss der Sachfilmtipp, dann doch wieder mit DDR-Bezug: This Ain’t California (Montag, 22.45 Uhr, BR), Marten Persiels halbdokumentarischer Blick auf die ostdeutsche Skatboard-Kultur vorm Mauerfall.

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