Enno Bunger, Princess Century, El Vy

Enno_Bunger_Fluessiges_Glueck_CoverEnno Bunger

Wer seiner dritten Platte nach zwei mäßig erfolgreichen Vorgängern einen ironiefreien Werbezettel mit Merchandising zur eigenen Person beilegt, ist entweder konsumkrank oder größenwahnsinnig, womöglich beides. Ungeachtet der Frage jedoch, wer sich für acht Euro einen Edelstahl-Flachmann mit Künstlernamen drauf kauft oder den ähnlich bedruckten Turnbeutel für zwei weniger, kann man hier mal feststellen: Selbst wenn der selbstpromotete Enno Bunger ein Problem mit seinem Ego oder dem Kaufverhalten hat – wer derart schöne Lieder zu derart betörenden Harmonien mit derart lyrischer Alltagsprosa vorträgt, darf abseits des musikalischen Mehrwerts gern ein wenig über die Stränge schlagen.

Flüssiges Glück, so heißt der zehnteilige Jingle zur Produktwerbung, ist von so hinreißender Eleganz, dass Electropop dafür viel zu niedrigschwellig klingt. Es ist klassisches Singer/Songwriting mit den Mitteln der Hipsterdisco. Zurückhaltend, fast scheu singt der friesische Barpianist aus dem Hallraum seiner Generation Jahrgang 1986 von der permanenten Sinnsuche, dem zwangsläufigen Scheitern, dass man “noch lange nicht schön” sei, “nur weil man gut aussieht”, aber auch vom kaputten Licht am Ende des Tunnels, rassistischer Polizei, was seine Alterskohorte so ins Gemüt lässt, wenn sie mal an andere denkt. Das erreicht in fast jedem Moment klavierbegleitet das Herz. Man kann es kaufen. Auf Platte. Sollte man auch.

Enno Burger – Flüssiges Glück (PIAS)

princessPrincess Century

Kaufen kann man natürlich auch die neue Platte von Maya Postepski aka Austra, deren eklektischer Synthiepop allerdings alles Mögliche macht, nur nicht sonderlich zu Herzen gehen. Kein Problem: Unter ihrem Projektnamen Princess Century macht die Kanadierin ja auch keine wohltemperierte Liedermachermusik, sondern mit das Feinste, was zeitgenössische Electronica zwischen artifiziell und aseptisch zustande bringt, weshalb auch ihr drittes Album namens Progress zwar durch und durch digital erstellt ist, aber irgendwie doch eine sonderbare Organik erzeugt.

Stücke wie Sunscreen zum Beispiel klingen oberflächlich wie vollsynthetische Klangkonstrukte aus dem Großrechner, entfalten dabei aber eine Atmosphäre wie die Kinderfilmsoundtracks der 70er von Christian Bruhn. Diese Art nostalgischer Wärme bauen Sunrise 100/Last Disco, mehr aber noch Rosé im Anschluss so versiert aus, dass man sich beim Hören schnell mal wie auf Leinwand fühlt, hineingezogen in kinetische Erzählungen der späten Achtzigerjahre à la Tron. Selten nur wirken programmierte Töne so visuell, fast greifbar wie die von Princess Century.  Man muss das schon mögen, diese Distanz zwischen Sound und Ohr, dann aber überwindet sie sich quasi selbst.

Princess Century – Progress (Paper Bag Records)

elvy-coverEl Vy

Irgendeine wie geringe Distanz zwischen Sound und Ohr ist bei Matt Berninger so fern der Vorstellungskraft wie seine Teilnahme in einer Grindcoreband. Der singende Kopf des amerikanischen Indierock-Ensembles The National sorgt schließlich schon durch sein geschmeidiges Organ dafür, dass alle Zuhörer im Raum vor Andacht völlig erstarren, ohne allzu seifig eingelullt zu werden. Und dieses stimmliche Sedativum ist nun gar von so herausragender Wirksamkeit, dass er im Nebenprojekt El Vy nun sogar die multiinstrumentale Schlagader der ungleich sperrigeren Kollegen von Menomena, Brent Knopf, unterbringt.

http://www.clipfish.de/musikvideos/video/4248719/el-vy-im-the-man-to-be/

In den verspielteren Momenten klingt ihr Debütalbum Return to the Moon zwar etwas abseitiger als alles, was The National so treiben; doch auch hier sorgt Berningers Klangkörper für eine Wärme, die nicht selten hypnotisch mit Knopfs umherschlendernden Bass und der teils peitschenden Orgel harmoniert. Man muss sich gelegentlich eine milde Ohrfeige verpassen, um dabei die Augenlider hochzuhalten; dann aber entfaltet dieses Soloprojekt das, was Berningers Bariton verheißt: Tiefe.

El Vy – Return to the Moon (4AD); mehr dazu auf Zeit-Online

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