Essay: Gibt’s ein richtiges Leben im Falschen?

!cid_C11981D6-1D22-4B81-B69D-B309442A333BVorbilddysfunktion

Wer versucht, ein richtiges Leben im Falschen führen, ist hin- und hergerissen zwischen Missionieren und Vorleben. Beides scheint zum Scheitern verurteilt. Eine zusehends mutlose Betrachtung der herrschenden Verhältnisse, an denen Kants Kategorischer Imperativ Tag für Tag zerschellt wie eine achtlos weggeworfene Pfandflasche.

Von Jan Freitag

Alles begann mit Tierlauten. Wann immer ich (frisch zum Vegetarismus konvertiert) mit meiner (unverändert konventionell ernährten) Clique essen war, simulierte ich den Ton sterbender Schweine oder das, was ich für deren Emission beim Sterben hielt. Wahlweise variierte ich das Todeskonzert mit Kalbs-, besser: Kükenklang in der Hoffnung, die akustische Konfrontation mit den süßen Opfern des Kadaverkonsums würde anwesende Augen öffnen und so die der Welt insgesamt. Doch abgesehen davon, dass mein Einsatz vor allem meiner eigenen Erhabenheit diente, war sein Nutzen, nun ja, gering. Lars, Tim, Tina, Nadine, Christoph und wie sie hießen, traten nämlich nicht flugs meinem Orden fleischlicher Entsagung bei, sie bestellten lieber noch einen Big Mac obendrauf. Gurke könn’se weglassen.

So war das, am Anfang einer Laufbahn missionarischen Eifers in den Religionen des Alltags, die mein Glaube nicht selten zur Weisheit erkoren hatte: Tofu statt Wurst, Rad statt Auto, links statt rechts, Orientalistik statt BWL, taz statt Bild, Buch statt TV, Punkrock statt Pärchenabend, klug statt schön, gut statt böse – mein halbes Leben bestand aus lautstark verbreiteter Richtungsentscheidung eines richtigen Lebens im Falschen, oft im Brustton der Empörung. Echt, ihr zieht in‘ne Doppelhaushälfte? Tja, ganz die Eltern…

Doch seltsam – die wohnen da noch immer, essen weiter Fleisch, fahren weiter Auto, wählen weiter mittig, arbeiten weiter für Geld, lesen weiter Boulevard, sehen weiter fern, spielen weiter paarweise, sind dabei schön und trotzdem nicht böse. Offenbar verklang mein Sendungsbewusstsein im Funkloch. Bestenfalls. Denn je mehr ich auf die Mitteilungsbedürftigkeitstube drückte, desto langsamer ging es voran. Also eröffnete ich jenseits der 30 eine neue Kampflinie: ressourcenschonender, defensiver, klüger. Dachte ich.

Und lag furchtbar fehl.

Seit mir bewusst wurde, dass niemand sein tägliches Handeln den moralischen Maßstäben anderer unterstellt, dass – zumal öffentliches – Anprangern selbst offenkundigem Fehlverhalten tendenziell bloß frischen Brennstoff zuführt, halte ich es mit modernerer Pädagogik und lebe meine Ideale bloß vor, statt sie in die Köpfe zu prügeln. So kaufe ich meine Brötchen beim Bäcker nebenan kommentarlos im Leinenbeutel, statt die obligatorische Papiertüte nach 75-sekündigem Gebrauch faltenfrei zu entsorgen, und trage stoisch Tupperware zur Salatbar in Büronähe, deren Gewicht mir im Gegensatz zu den Einwegschalennutzern vom Preis abgezogen wird. Innerstädtisch lege ich fast jede Strecke mit dem Fahrrad zurück, überörtlich per Bahn, ohne den motorisierten Gegenverkehr ständig meine Energiebilanz vorzuhalten.

Ich meide Lebensmittel mit Palmöl und Städtereisen mit Kerosin, lächle an, wer nett zu mir ist, und verachte meist still, wem das schwer fällt. Falls wieder Alufolie in der braunen Tonne liegt, topfe ich sie stillschweigend um in die gelbe. Falls mein Fußballteam gebildeter Mittelstandskids pfundweise Massentierleichen auf den Grill legt, verschaffe ich mir wortlos Platz für meine Seitanwürstchen auf gleichem Rost. Und in der Bahn raschelt meine Zeitung nur ganz zart durchs sonore Surren der Tablets. Ich tue dies alles nicht immer so kommentarlos, wie es hier den Anschein hat, aber bei Weitem weniger redselig als ehedem, weil ich das richtige Leben im Falschen lieber vorführen möchte, statt es dauernd zu proklamieren.

Die Sozialwissenschaft kennt dafür tolle Begriffe wie Robert K. Mertens „Bezugsindividuum“, das Mitmenschen durch pure Lebensart als „Role Model“ dient, dem nachzueifern nicht nur klug, sondern cool ist. Wofür neben ostentativer Präsentation auch subtilere Techniken wie „Framing“ zur Verfügung stehen, also Dinge durch beiläufiges Benennen im Kopf des Adressaten zu verankern: „Vegetarisch“ nur oft genug mit „lecker“ kombinieren, schon assoziieren auch Karnivoren Tofugeschnetzeltes mit Genuss statt Würgereiz. So einfach.

Und so erfolglos.

Denn als ich meinem Bäcker fragte, wer seine Brötchen sonst noch müllreduziert kaufe, sah ich in ein gequältes Lächeln und vernahm: Keiner. Never. Tja. Gleiches Szenario bei der Salatbar. Mein sachliches Posting zum Dschungeldieb Palmöl hat keinem Facebookfreund das Nutella verleidet. Unsere Komposttonne schluckt weiter unverderbliches Verpackungsmaterial. Im Straßenverkehr werde ich fürs Nutzen simpler Rechte wie das Fahren auf der Straße trotz Existenz eines Radwegs oder fundamentaler Regeln wie rechts-vor-links ständig auf den Bürgersteig gehupt, was umso mehr auffällt, als Fahrräder selbst in der Uni- und Hipsterstadt Hamburg rar sind wie Akademiker auf RTL2. Gewaltfrei gegen Nazis zu latschen oder Immigranten in einer Art auf links gedrehten Rassismus mein Mitgefühl zuzulächeln, das mir allein  ihre Andersartigkeit abringt, hat noch kein Flüchtlingsheim feuerfester gemacht.

Fürs philanthropische Laissez Faire scheint mir demnach nicht nur die Masse, sondern selbst der reflexive Rest mit steigender Genussfreude zu ignorant. Was nur einen Schluss zulässt: Die Leute brauchen keine Vorbilder, sie brauchen Druck! Das Prinzip Freiwilligkeit ist angesichts von Klimawandel, Finanzkrisen, Heidenau gescheitert. Gewalt jeder Art etwa – ob gegen Fremde, Frauen, Kinder, Tiere, Passivraucher, Homosexuelle, den Planeten, was auch immer – muss reglementiert werden, damit tradierte Verhaltensmuster ihr destruktives Potenzial verlieren. Ohne Gesetze keine Emanzipation, so einfach ist das.

Und so kompliziert.

Es gibt da nämlich ein Problem: Gesetze, Regeln, Recht & Ordnung sind selten Resultat objektiver Sachzwänge, sondern subjektiver Machtverhältnisse. Nicht umsonst wird der tödliche Alkohol im Land der Stammtische allen ab 16 verabreicht, während das harmlose Cannabis allenfalls einer Handvoll Todkranker erlaubt wird. Mehr Beispiele gefällig? Die Meinungshoheit schickt Hilfsbedürftige durch den Ganzkörperscanner der Bürokratie, brandmarkt aber jede Selbstauskunft reicher Erben als Stalinismus. Lebensmittelampel, Tempolimit, Dosenpfand? Öko-Diktatur! Wir spenden uns für Kinderrechte gewissensrein, aber nicht gegen Umweltzerstörung, obwohl letztere erstere bald biologisch erledigt. Wir sorgen uns um süße Katzen, nicht um multiresistente Keime. Verbannen Gerüche aus dem Klo, aber keine Antibiotika aus dem Grillfleisch. Finden billige Energie super, but not in my backyard. Wir sind, in einem Wort, zu vernebelt, um klar zu sehen.

Ob die Ordnung jener, denen es weniger um gesunden Menschenverstand als die eigene Klientel vor der nächsten Wahl geht, den Nebel lichtet, darf trotz einiger Fortschritte von Energiewende bis Gleichstellungsgesetz bezweifelt werden. Als linker Vegetarier mit Fahrrad- und Gerechtigkeitsfimmel voller Vorbehalte gegen ultraliberale Rassisten mit Fleisch- und Benzinfimmel könnte man glatt wieder zum Klang sterbender Tiere neigen, wäre das nicht so kontraproduktiv. Also doch weiter vorleben. Denn das heißt laut Konfuzius auch vorleiden. Grad war übrigens doch einer mit Tupperware an der Salatbar. Vielleicht taugt der ja als Vorbild.

Die ganze Debatte bei ZEIT-Online.

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Fujita, Zitronen, Joe Jackson

GoldiesDie Goldenen Zitronen

So wie den Goldenen Zitronen ein wenig vom Erfolg Gleichgesinnter wie Tocotronic zu gönnen wäre. Dafür freilich ist auch das zwölfte Album der Avantgardepunks zu erfolgsverachtend. Auch Flogging A Dead Frogg ist so konsequent auf distinguierten Krawall gebürstet, dass ein Hitparadenplatz unwahrscheinlicher wäre als jene klassenlose Gesellschaft, der die Hamburger seit fast 30 Jahren das Wort singen. Schon der Einstieg: Fan without Fan, ein düsterer Angriff aufs Harmoniebedürfnis im Stile des New Wave, bevor er NDW wurde.

Gefolgt von sperrigen Anleitungen zur Revolte gegen alles, was der freien Entfaltung des Menschlichen ins Gehege baut: Investoren, Gutmenschen, Gentrifidingsbums. Mehr genölt als gesungen, klingen die englischen Neubearbeitungen alter Instrumentalstücke wie Störfunk im Mainstreamradio. Doch gerade das ist in Zeiten, da die Masse kurz von Moll auf Dur schaltet und, sagen wir, Flüchtlinge mit Empathie statt Toleranz genannter Verachtung begrüßt, nötig. Beides gießen die Goldies gewohnt umwerfend in technoide Kakophonien analoger Renitenz.

Die Goldenen Zitronen – Flogging A Dead Frog (Altin Village & Mine)

 

ERATP075_cover_index_1Masayoshi Fujita

Ebenso analog, dabei allerdings weit reduzierter und überhaupt mit dem jetztzeitigen Furor einer deutschen Postpunkdiskursirgendwasband in keinem Takt zu vergleichen, aber ähnlich kraftvoll ist hingegen das zweite Album des japanischen Vibraphonisten Masayoshi Fujita, richtig gelesen: Vibraphonist! Zumindest in seiner Wahlheimat Berlin unterm Pseudonym el fog bekannt, hatte der Klangvirtuose sein oft als Schulchorbegleitung verkanntes Instrument lange Zeit eher als Accessoire ambientbasierter Spielereien verwendet. Auf Apologues jedoch führt er dessen Sound zurück zur Essenz – und erzeugt gerade dadurch eine warme Vielschichtigkeit, die man dieser metallisch kühlen Unterart der hölzernen Marimba, kaum zugetraut hätte.

https://vimeo.com/133573158

Produziert vom Elektro-Künstler Jan Jelinek, präpariert Fujita sein Arbeitsgerät mit allerlei Zusatzstoffen wie Alufolie oder Eisenstücken und erweitert damit nicht nur das Klangspektrum des Vibraphons; dank befreundeter Musiker, die Fujitas Kompositionen wie im fantastischen puppet’s strange dream circus band mit Geigen, Flöten, Akkordeon unterstützten, entfaltet Apologues gelegentlich die Wucht eines vollumfänglichen, perfekt eingespielten, wohltemperierten Orchesters. Trotz und wegen aller Reduktion.

Masayoshi Fujita – Apologues (Erased Tapes)

JJJoe Jackson

Reduktion ist in Zusammenhang mit Joe Jackson seit fast 40 Jahren ziemlich ambivalent. Ende der Siebziger hat das virtuose Multiinstrumentalist Glamrock mit Swingelementen und etwas Punk zu einer unvergleichlichen Art frühen Powerpop inszeniert, die mit Look Sharp ein Schlüsselwerk der späten Disco-Ära hervorbrachte und ähnlich reduziert war wie eine Beethoven-Symphonie. Zugleich aber  waren seine Kompositionen auf vielen 19 Studioalben von solcher Zuspitzung, dass kaum ein Ton je überflüssig erschien. Das hatte sich seit seine Umzug nach Berlin 2006 und zwei melodramatischer Platten leider geändert. Aber die neue reißt da vieles wieder raus.

Fast Forward erinnert ein bisschen an das Gesicht des 61-Jährigen: Zur Maske gelifted, will es den Zauber der Jugend in die Gegenwart retten, was ganz gut gelingt, da JJ in seiner Brillanz schon immer so artifiziell wirkte, als fiele er noch aus jeder Zeit. “I’m going back to the age of gold / the age of sin” singt er im Titeltrack, “fast forward to the age I’m in”. Und tatsächlich entfaltet die Reise durch vier Orte seiner Karriere (New York, Amsterdam, Berlin, New Orleans) viel der Kraft, die ihm verloren gegangen schienen. Traumwandlerische Harmonien, stimmige Bläsersequenzen, ein Mix aus Cool und Funk mit etwas Glamour der großen Jahre, die Rock und Disco versöhnt hatten wie kaum jemand zuvor. Album 20, weitermachen.

Joe Jackson – Fast Forward (earMusic)


Frittenbude: Spaßfaktor & Politik

IMG_20150813_113408Kinder der Remix-Kultur

Mit einem saftigen „Servus“ auf den Lippen kommen Johannes Rögner, Jakob Häglsperger und Martin Steer in einem Hamburger Club an und erzählen von ihrer Band Frittenbude, die es in knapp zehn Jahren aus ihrem niederbayerischen Dorf über den Umweg nach Berlin auf den Olymp des deutschen HipHop gebracht hat. Ihr viertes Album Küken des Orion mag dabei den spaßorientierten Charakter ihrer ersten Jahre wiederspiegeln; tatsächlich klingen die Freunde mit Antifa-Wurzeln noch politischer als sonst, seriöser, sachlicher. Natürlich ohne die Freude am Klamauk ganz zu verlieren. Zusammengehalten von Johannes markant genöltem Sprechgesang.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Wenn man sich die Vorschusslorbeeren auf euer neues Album so anhört, klingt es so, als wenn ihr jetzt erst von der Spaßkapelle zur politischen Band geworden seid…

Johannes: Das ist Quatsch. Wir sind noch genauso politisch wie eh und je, bei gleichbleibendem Spaßfaktor.

Jakob: Obwohl wir früher etwas clublastiger waren. Daher kamen auch die ständigen Deichkind-Vergleiche, weshalb von uns erwartet wurde, wir würden ständig deren Show abziehen. Da waren viele dann verblüfft, wenn das nicht der Fall war.

Martin: Wir sind einfach nicht mehr so ravig und bunt wie zu Beginn, das trägt natürlich zum Eindruck bei, wir könnten politischer, also ernster geworden sein. Aber diese Entwicklung fühlt sich schon deshalb richtig an, weil sie sein musste, um nicht stehenzubleiben.

Johannes: Früher waren unsere Texte halt ein wenig plakativer. Von daher hätte ich eher gedacht, die Leute halten uns für unpolitischer, weil unsere Messages nicht mehr so klar beschrieben werden, sondern zwischen den Zeilen stehen.

Heißt das, ihr traut eurem Publikum jetzt mehr zu?

Johannes: Nein, das war einfach unsere Entscheidung, die sich schon auf unserem vorigen Album angekündigt hat.

Martin: Ich hab schon das Gefühl, unsere Fans kommen nach all den Jahren besser damit zurecht, wenn die Aussagen eher im Detail und weniger in der Parole stecken. Die Leute sezieren Johannes‘ Texte ja förmlich. Und da gibt er ihnen auf dem neuen Album gut zu tun.

Macht euch das schon zu einer politischen Band oder nur zu einer mit sozialkritischer Komponente?

Johannes: Wir sind womöglich schon eine politische Band, aber keine, die Musik macht, um explizit politische Inhalte zu transportieren. Als politische Menschen ist Politik mehr als nur ein Randaspekt unseres Lebens, aber unsere Musik war noch nie darauf reduziert. Gerade auf Konzerten sollen die Leute eine gute Zeit, Spaß haben, auch wenn es schön ist, falls selbst da auch inhaltlich was hängenbleibt.

Jakob: Auf Konzerten soll man ja auch mal loslassen. Deshalb gibt es ruhigere Songs, die uns sehr wichtig sind, die wir aber nicht live spielen, weil wir da mehr Gas geben wollen.

Martin: Auf Alben haben wir definitiv mehr Raum für Diskurse, auf Konzerten wollen die Leute auch mal durchdrehen. Trotzdem suchen wir auch auf der Tour den Mix mit nachdenklicheren Stücken. Die wirken ja auch auf der Bühne.

Glaubt ihr denn, in der oberflächlichen, affektiven Popkultur mit ihrer I-Love-You-Schubidu-Lyrik werden Texte überhaupt in dem Maße wahrgenommen, wie es anspruchsvolle Bands gern hätten?

Johannes: Gerade ein Text, der einfach gemacht ist und seine Message mit wenigen Worten auf den Punkt bringt, schafft es oft besser, die Menschen zu erreichen. Vereinfachung liegt in der Natur des Menschen.

Jakob: Obwohl es schon manchmal nervt, wie immer mehr Ecken und Kanten abgeschliffen werden. Die breite Masse konsumiert Musik halt ganz anders als Nerds wie wir. Die wollen wie im Radio berieselt werden und gehen nicht auf Inhalte ein.

Martin: Die Popkultur wird da in der Tat immer schlimmer. Aber so ist das halt mal, wir hören uns das, was extrem vereinfacht ist, eben einfach nicht an. So lange es noch Abnehmer für Gedanken und Erklärungen gibt, ist doch alles gut.

Johannes: Wir müssen das Spiel ja nicht mitmachen und sollten uns auch nicht dauernd über all jene aufregen, die es möglichst anspruchslos wollen. All die grenzt unsere Musik ja ohnehin per se aus.

Jakob: Natürlich soll jeder mit seiner Musik glücklich werden, aber während man Bilder durch Wegsehen einfach ausblenden kann, ist es dummerweise viel schwerer, wegzuhören. Das nervt schon oft.

Martin: Das ist für mich umso mehr Antrieb, einen eigenen Sound mit einer bemerkenswerten Botschaft zu erzeugen.

Nachdem Protestsongs in den hedonistischen Neunzigern kaum noch vorkamen, erleben sie trotz aller popkulturellen Abflachung seit 9/11 und der anschließenden Dauerkrise angeblich wieder eine Renaissance. Spürt ihr davon was?

Jakob: Da ist Musik durchaus ein Spiegel der Gesellschaft. Zumindest in unserem Umfeld interessieren sich die Leute wieder mehr für Politik.

Martin: Da spielt das Internet eine große Rolle; während man früher für Nachrichten auf einige wenige Kanäle zurückgreifen musste, kann man ihnen heute kaum noch entgehen, sofern man online ist. Das sorgt auch in der Musik für größere Aufmerksamkeit bewusster Inhalte.

Hättet ihr in der Zeit vor dieser Repolitisierung genauso funktioniert wie jetzt?

Johannes: Das ist sehr hypothetisch, aber ich glaube, vor 15 Jahren wäre Frittenbude harte Nischenmusik gewesen. Damals hat deutscher HipHop ja grade mal so viel an Qualität zugelegt, dass er breiter wahrgenommen wurde. Ende der Neunziger klang er vielfach noch wie heutzutage Rap für Kinder.

Nichts gegen Deine Freunde…

Johannes: Auf gar keinem Fall! Deine Mudder, ein Riesenhit… Aber das Potenzial für sozialkritischen HipHop war damals ähnlich gering wie vor kurzem für HipHop mit Techno. Das hat sich jetzt gewandelt. Guck dir Flo Rida an, der schießt in allen Charts nach oben.

Jakob: Früher hat man HipHop oder Techno gehört, so wie Punk und Metal nicht gemeinsam gingen. Dieses Nischendenken hat sich gottlob in den vergangenen Jahren aufgelöst.

Johannes: Gerade jüngere Leute stellen sich nicht mehr so wie ältere über Musik dar; die haben Playlists mit Tausenden Tracks aus allen Sparten und hören sie ganz unvoreingenommen. Ich finde es gut, dass die Grenzen da nun offener sind, Metalheads auch Pop hören dürfen und umgekehrt, solange es sie berührt.

Martin: Deshalb leben wir popkulturell auch in der interessantesten Zeit, weil die Strukturen nicht mehr so starr sind. Das hilft auch unserer Musik dabei, gehört zu werden. Wir haben ja selber noch erlebt, wie es umgekehrt läuft. In unserem Dorf mit 6000 Seelen haben die meisten den Kopf geschüttelt, was wir so im Proberaum veranstalten.

Jakob: Bei mir waren’s sogar nur 300 Seelen. Aber genau in der Zeit, als wir musikalisch groß geworden sind, sind die Grenzen immer durchlässiger geworden. Wir sind Kinder der Remix-Kultur, selbst in Bayern.

Hat euch der Umzug nach Berlin da erwachsener gemacht?

Johannes: Es hat zumindest viel verändert. Wir waren vorher zwar in München, aber auch da hat alles seine klare Ordnung, während Berlin einfach chaotischer ist. Gestern haben die Leute bei mir in der Straße überall Stühle und Tische vor die Türen gestellt; das ist in München völlig undenkbar. Aber der große Rahmen ist immer noch der Gleiche, wir haben unsere fröhlichen und traurigen Tage.

Jakob: Die Produktionsbedingungen haben sich halt verändert. Früher saß ich oft nachts um drei bekifft zuhause vorm Drumcomputer und hab Acidbeats gebastelt. Jetzt kann ich mir ein schönes Studio mit dem Equipment leisten, das ich mir wünsche. Man hat einfach mehr Möglichkeiten, aber das liegt nicht nur am Standort, sondern auch am Erfolg.

Martin: In Berlin kann man sich viel mehr Input und Inspiration für seine Kunst holen. Da gibt es experimentelle Konzerte, von denen man in München nur träumen kann.

Mit welchen Konsequenzen für eure Musik?

Johannes: Vor allem Veränderung. Neue Dinge kommen hinzu, von denen wir vorher nichts wussten, alte Elemente fallen weg, weil sie sich überlebt haben für uns.

Jakob: Wir waren ja schon immer offen für andere Musikstile, die dann in unsere Alben eingeflossen sind. Aber auf dem neuen haben wir die Visionen, wie Frittenbuden-Songs zu klingen haben, besonders auf den Punkt gebracht.

Martin: Uns ist schon klar, dass wir mit der neuen Platte nix revolutionieren, aber es sind noch mehr Facetten unseres Sounds hinzugekommen, die uns ausmachen.

Jakob: Eine Art Essenz.

Die da wäre?

Jakob: Das ist nach wie vor besonders Johannes‘ Gesang, aber mit mehr Gitarren darüber und Indie-, fast Discobeats und Synthies gemischt.

Martin: Ich hoffe, dieses musikalische Zusammenspiel wird sich noch weiterentwickeln. Aber ohne die Stimme wäre das alles nix, die hält den Laden zusammen.

Der Text ist vorab auf www.musikblog.eu erschienen