Hamburg-Kolumne: Leerstand zu Wohnraum

1-Bildschirmfoto-2015-10-08-um-16.44.44Wahnsinnsstadt

Mit einem neuen Gesetz kann die Stadt Hamburg seit voriger Woche Immobilien beschlagnahmen, um Flüchtlinge unterzubringen. Fast liegt ein Hauch von Sinneswandel in der Luft, dass Leerstand weder Privatsache noch Kavaliersdelikt ist.

Von Jan Freitag

Das Grundgesetz listet bekanntlich frühzeitig ein paar fundamentale Rechte auf, die heute wie vor 66 Jahren schlichtweg nicht verhandelbar sein sollen: Gleich vorweg die unumstößlichen Schutzgüter Würde, Körper, Geist und Seele, dicht gefolgt von Freiheiten wie Glaube, Meinung, Presse, Berufswahl, solche Sachen. Bis auf Schul- und Wehrpflicht verlangen die Bürger also erstmal einiges vom Staat – der sich dann in Artikel 14, Absatz 2 endlich mal was für sich herausnimmt: „Eigentum verpflichtet“, heißt es da seltsam literarisch. Enteignungen zum Wohle der Allgemeinheit bedürften zwar einer gesetzlicher Basis bei angemessenem Ausgleich. Sie sind aber erlaubt. Grundsätzlich. Olaf Scholz weiß das gut. Von Beruf ist er Anwalt.

Nun unterstellt man Juristen wie ihm gern, dass sie am Formellen kleben wie Paragrafen im Amtsschreiben. Zumal dann, wenn sie im Haupterwerb Politiker sind. Nun allerdings hat der ernste Bürokrat im Ersten Bürgermeister, dem zwar so mancher Wahlsieg, aber auch eine eher spröde Aura zu verdanken ist, endlich sein Herz geöffnet, ohne gleich das Gesetzbuch zuzuklappen: Vorige Woche brachte der rot-grüne Senat auf Initiative von Justizsenator Till Steffen sein „Gesetz zur Flüchtlingsunterbringung“ durch die Bürgerschaft, das Behörden den rechtlichen Rahmen zur Beschlagnahme leerstehender Gewerbeflächen vorgibt.

Klingt dröge, ist explosiv.

Denn trotz des duften Gedankens der Grundgesetzväter (plus eine Mutter), Privatbesitz rein theoretisch unter die Einflussgewalt des Allgemeinwohls zu stellen, hat sich der Eigentumsschutz im Verständnis der Menschen hierzulande klammheimlich so konsequent Richtung Präambel vorgerobbt, dass dem Recht auf, sagen wir: ein eigenes Smartphone mittlerweile mehr Bedeutung beigemessen wird als dem auf, sagen wir: saubere Umwelt zulasten, sagen wir: der freien Fahrt für freie Bürger. Und mitten hinein in diese Besitzstandswahrermitte pfeffert der wirtschaftsfreundlichste Sozialdemokrat seit dem Industriefreund Wolfgang Clement plötzlich seine Idee vom Bürogebäude, das die Hansestadt vorm drohenden Winter mit all den Hilfsbedürftigen füllt, die in der globalen Dauerkrise grad ungebremst nach Hamburg getrieben werden.

Das ist zum Herzerweichen hinreißend, nicht nur aus humanitären Gründen dankenswert, macht in Zeiten, da sogar die unsägliche Bild kurz mal von rassistischer Dummheit aufs pragmatische Demut schaltet, bereits Schule in anderen Bundesländern. Und auch wenn das Gesetz  zunächst mal bis März 2017 befristet wurde, ist es weit über die kurzfristige Wiederbelebung alter SPD-Werte wie Solidarität oder Mitgefühl auch stadtsoziologisch von Belang. Schließlich steht im stinkreichen Hamburg so derart viel Gewerberaum leer (von unrentabler Altbauwohnsubstanz ganz zu schweigen), dass im Grunde ein Errichtungsstopp für Büros jeder Art geboten wäre.

Für den Anfang ganz schön

Das ist natürlich reine Fantasie; Bauen gilt ungeachtet der späteren Nutzung als Ausweis anpackenden Regierungshandelns schlechthin. Wenn aber Flüchtlinge in Gebäudebrachen einquartiert werden, könnte sich nicht nur der juristische Rahmen für sozial genutzten Privatbesitz ändern; es läge ein Hauch von Sinneswandel in der Luft, dass Leerstand weder Privatsache noch Kavaliersdelikt ist, sondern schlichtweg – hier passt dieses vergiftete Wort mal wirklich: asozial.

Dass die bürgerliche Mitte von CDU bis FDP bei derlei Eingriffen ins prall gefüllte Festgeldkonto ihrer wohlhabenden Kernklientel notorisch aufheult, kann man da als Kniesehnenreflex der Ungleichheitsverfechter getrost ignorieren: Erst, wenn Immobilienbesitz in der Freien und Abrissstadt Hamburg wirklich eine Art Allgemeinwohlgedanken entfaltet, kann es darin so was wie soziale Wärme geben. Den Flüchtlingen reicht bis dahin ein beheiztes Zimmer im enteigneten Büroblock. Für den Anfang ganz schön.

Mehr zum Thema beim Hyperlokalen Blog HH-Mittendrin


SANDY Alex G, Battles, Phela

SANDY Alex G

Wahrhaft gelungene Bilder brauchen keine goldenen Rahmen. SANDY Alex G zum Beispiel, ein junger Singer/Songwriter aus Philadelphia, nimmt seine Platten grundsätzliche nie im Studio auf, mit riesigen Soundcomputern und Synthiewänden, sondern zieht sich lieber für kurze Zeit in sein Wohnzimmer zurück und nimmt dort trüb glänzende Perlen zeitlosen Indiepops auf, der so herrlich verschroben ist, so hinreißend verspielt und zeitlos, dass man all den Bombast ringsum tatsächlich mal für eine Weile vergisst. Sechs Alben hat das DIY-Genie mit Nachnamen Giannascoli bereits derart mit viel Liebe zu disharmonischer Eleganz gefüllt, und auch das siebte hat sich seinen Titel verdient.

Es heißt Beach Club, wurde erstmals von einem richtigen Label herausgebracht und entführt uns für eine knappe Dreiviertelstunde unter die schattigen Palmen seiner hintergründig verhallenden Stimme, die von den Belanglosigkeiten des Alltags kündet und dazu Melodien über den Sand schickt, die irgendwo zwischen Weezer, Ween, Beige GT und Beck verwehen. Man kann sich das selbst dann wunderbar durch den Kopf rauschen lassen, wenn es Stücke wie Salt oder Look Out ein wenig übertreiben mit der Selbstverlorenheit des Soundtüftlers; früher oder später holen uns Wandergitarre und Powerpop zurück ins Abendrot. So schön kann Analogie sein, die ein bisschen technisch aufgemöbelt wird.

SANDY Alex G – Beach Music (Domino)

Battles

Eine Art analogen Techno hingegen mach seit nunmehr zwölf Jahren das Mathrock-Trio Battles aus Brooklyn und hat dem Subgenre in dieser Zeit ein Subsubgenre verpasst, dem weiterhin ein griffiges Label fehlt. Man könnte es Dreychno nennen, das alternative Kellerclubkinder wie die OhOhOhs ebenso in die Partyszene gespült hat wie das weltbekannte Safri Duo: Ein treibender Mix aus Schlagzeug und Keyboards, der – bei hier unterstützt vom Gitarrenvirtuosen Dave Konopka – das flächig Verspielte einer multitaskingtauglichen Midi-Orgel mit dem Druck filigraner Drums vereinigt.

http://www.vevo.com/watch/GB5171500250

Für letztere ist auch auf dem dritten Album La Di Da Di Ian Williams zuständig, für ersteres kein Geringerer als John Stanier, einst Taktgeber der Hardcore-Legende Helmet. Seine maschinell präzisen, quicklebenden Beats geben den zwölf instrumentellen Tracks eine Beredsamkeit, die den abgesprungenen Sänger Tyondai Braxtens abermals vergessen macht – scheint das peitschende Tastenstakkato doch förmlich mit Staniers Rhythmik zu reden. Live ist das ein wahres Erdbeben, auf Platte immerhin markerschütternd.

Battles – La Di Da Di (Warp)

Phela

Das exakte Gegenteil von Markerschütterung ist hingegen Phela, der neue Stern am deutschen Pophimmel engelsgleicher Frauenstimmen im Blumenkleid süßen Easy Listenings. Mit streng analogem Instrumentarium, vorwiegend auf selbstgespieltem Klavier beschränkt, haucht das 25-jährige Rehkitz mit den süßen Wuschellocken Alltagspoesie in die Neuköllner Szeneviertelstadtluft, der jeder Protz und Prunk, alles Überflüssige, Aufdringliche, Selbstgefällige grundsätzlich fehlt.

Mit gänzlich ungekünstelter Stimme singt dieses spätgeborene It-Girl der Sarah-Kay-Ära auf ihrem Debütalbum Seite 24 von Farben, die sie sieht, von Schwere, die sie los wird, von Liebe, die mal leiser wird, mal lauter, von Kopf und Bauch, die sich in skeptischer Zuneigung beäugen. Das ist zwar Caféhauspop für Brigitte-Leserinnen ab 40, aber mit der Ausstrahlung eines Duetts von Edith Piaf und Judith Holofernes: bisschen altbacken, stets aufrecht und klug. So oder so klingt das tausendmal ehrlicher als die verlogenen Gefühle der ähnlich mitteilsamen Frida Gold. Hoffentlich klaut sie der was von ihrem Erfolg.

Phela – Seite 24 (Sony)

 


Roberto Saviano: Mafia-Jäger & Gejagter

Roberto_SavianoNichts ist ein Leben wert!

Vor zehn Jahren sorgte Roberto Savianos Tatsachenbericht Gomorrha über die Mafia seiner Heimatstadt Neapel weltweit für Furore – und trieb den Journalisten aus Angst vor Rache in den Untergrund. Von dort aus führt der 37-Jährige (Foto: P’tasso) den Kampf gegen die Camorra seither unerschrocken fort. Etwa mit dem Drehbuch zur gleichnamigen Fernsehserie (ab heute, donnerstags, 21 Uhr, Arte). Ein exklusives Gespräch über Leben, Arbeit, Furcht im Verborgenen für alle Welt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Roberto Saviano, Sie sind jetzt seit fast zehn Jahren auf der Flucht vor der Mafia, führen eine Existenz im Untergrund, permanent unter Polizeibewachung. Was für eine Art Leben ist das?

Roberto Saviano: Nennen wir es mal vorsichtig: ein ungeheuer kompliziertes. Vor allem der Alltag, ganz gewöhnliche Dinge, die für andere selbstverständlich sind, geraten schließlich bei mir zur Besonderheit. Man muss grundsätzlich jede Tätigkeit weit im Voraus planen, jeden kleinen Spaziergang, jedes Arbeitsessen, jede Reise, von der Arbeit mal ganz zu schweigen…

Ein großer Teil von der besteht nach wie vor darin, investigativ über die Mafia und ihre Verstrickungen in alle Teile der Gesellschaft zu berichten. Wie funktioniert das, wenn man sich nicht wie andere Journalisten einfach mit Gesprächspartnern treffen und Informationen sammeln kann?

Zunächst darf man „investigativ“ nicht damit verwechseln, als Ermittler tätig zu sein. Ansonsten lese ich Prozessakten und Mitschnitte abgehörter Telefonate, spreche mit Mitarbeitern der Polizei oder der Justiz, formuliere also meine Interpretationen.

Mit welchem Ziel?

Dem Versuch, ein Gesamtbild zu entwerfen und anhand dessen schlüssig nachzuvollziehen, was da draußen wirklich geschieht. Dazu setze ich unzählige Puzzleteile nebeneinander, die ein anderer so womöglich nicht kombinieren würde und suche dabei nach den Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden.

Eine dieser Geschichten ist die dokumentarische Mafia-Studie „Gomorrha“, wegen der Sie 2006 letztlich abgetaucht sind. Waren Sie auch am Zustandekommen der aktuellen Serie so intensiv beteiligt wie am vorherigen Film?

Selbstverständlich, das Sujet stammt ja von mir und ich war in allen Phasen der Arbeit am Drehbuch beteiligt. Das ist definitiv auch meine Serie.

Und sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Ja, unbedingt sogar. Ich finde das Ergebnis geradezu umwerfend. Die Serie ist qualitativ ungemein hochwertig und dabei kompromisslos realistisch. Aus meiner Sicht kann das Produkt mit den besten Serien weltweit mithalten – sowohl inhaltlich als auch dramaturgisch.

Meinen Sie, so eine Fernsehserie hat die Kraft und den Einfluss, reale Geschehnisse wie den Kampf gegen kriminelle Parallelgesellschaften zu beeinflussen?

Ich bin mir zwar nicht so sicher, ob solch eine Fernsehserie darauf wirklich konkret Einfluss nehmen kann. Sie wird allerdings gewiss dazu beitragen, beispielsweise die Dynamik einer derartigen Fehde zwischen rivalisierenden Clans verständlich zu machen. So könnte sie dabei helfen, dass Außenstehende ein wenig besser begreifen, wie kriminelle Organisationen denken, handeln und vor allem: wie sie den Staat in manchen Gebieten der Welt mehr oder weniger vollständig ersetzen.

Was Ihre Heimatstadt Neapel derzeit abermals belegt, wo sich nach einer Phase relativer Ruhe infolge vieler Verhaftungen alter Clanchefs zurzeit junge Camorra-Mitglieder in aller Öffentlichkeit blutige Auseinandersetzungen liefern.

Die so genannten Baby-Gangs.

Ist deren Brutalität und Alter eine neue Qualität?

Absolut. Das ist gewissermaßen das neueste Phänomen einer gewohnten Situation. Aus meiner Sicht kommt da tatsächlich eine Art neuer Camorra-Krieg auf uns zu, der nicht mehr allein den tradierten Mechanismen folgt, sondern einer Strategie des Terrors. Das macht selbst mich betroffen, der sich sein halbes Leben lang mit der Mafia beschäftigt.

Kann man das Schreiben darüber als Therapie bezeichnen, die Ihnen auch ein Leben im Verborgenen ein bisschen erträglicher macht?

Was die Mafia insgesamt betrifft, womöglich schon. Aber das gilt auf keinen Fall für mein derzeitiges Leben im Verborgenen. Dafür gibt es keine Therapie.

Sie waren gerade mal Mitte 20, als ein Abtauchen unumgänglich wurde. Wie lange kann man nach menschlichem Ermessen ein Leben unter Polizeischutz an ständig wechselnden Orten fern von Familie, Freunden und einem ganz gewöhnlichen Alltag führen?

Also falls Sie meinen, wie lange ich all dies hier noch persönlich ertragen kann: Nun, ein Leben, wie ich es zurzeit führe, ist in der Tat so voller Bitterkeit, dass ich auch die Erfolge oftmals gar nicht als solche wahrnehmen und wertschätzen kann. Glauben Sie mir: Wenn ich es könnte, würde ich die Zeit zurückdrehen, da bin ich mir ganz sicher.

War es das alles dennoch wert?

Auf keinen Fall! Nichts ist ein Leben wert, nichts ist es wert, den eigenen Seelenfrieden zu verlieren. Und dennoch ist mir klar, dass dieser Verlust womöglich manchmal der Preis dafür ist, dass man etwas Bleibendes schafft, was anderen Menschen dient. Ich jedenfalls habe ihn gezahlt und werde ihn wohl auch weiterhin zahlen.

Werden wir – das Publikum, die Öffentlichkeit – für diesen Preis denn demnächst ein neues Buch von Ihnen erhalten, womöglich gar etwas, das wieder zum Verfilmen taugt?

Ich arbeite natürlich an einigen Projekten. Aber eine neue Fernsehserie ist sicher mit dabei.

 


Tatort Verbrannt: Rassismus & Korpsgeist

VerbranntDie Wahrheit der Dichtung

Verbrannt ist nicht nur ein exzellenter Tatort. Der reale Fall eines getöteten Asylbewerbers in Polizeigewahrsam am kommenden Sonntag (Foto: NDR) verweist auch auf jene Kraft, die Fernsehen noch immer auf öffentliche Debatten haben kann.

Von Jan Freitag

Große Ereignisse, sagt man, werfen ihre Schatten voraus. Doch das Sprichwort wegweisenden Weltgeschehens muss dringend erweitert werden. Denn mehr noch als Schatten werfen große Ereignisse Drehbücher voraus, Vorlagen künftiger Spielfilme, die – das zeigen zuletzt gleich zwei Filme zum Fall Hoeneß – nicht mal mehr den Ausgang des Ereignisses abwarten. Der Prozess gegen Beate Zschäpe etwa nahm erst richtig Fahrt auf, da stand Lisa Wagner bereits als NSU-Braut vor der ZDF-Kamera. Die Alpen lagen voller Germanwings-Trümmer als Autor Benedikt Röskau schon eifrig an seiner Katastrophentragödie Blackbox Mensch schrieb. Auch der Anschlag auf Charlie Hebdo ist Teil mehrerer Dramenprojekte, von der aktuellen Flüchtlingsflut ganz zu schweigen. Verglichen damit hat die ARD fast getrödelt, wenn Sonntag ihr politischster „Tatort“ seit langem läuft.

Er handelt vom afrikanischen Asylbewerber Oury Jalloh, der 2005 im Gewahrsam einer Jenaer Polizeistation verbrannt war. Obwohl der Vorwurf des Mordes durchs wachhabende Personal bis heute im Raum steht, wurde (nach zwischenzeitlichem Freispruch) einzig der Dienststellenleiter zu lachhaften 120 Tagessätzen wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Auf Initiative des NDR rückt dieser Skandal einer an Skandalen keineswegs armen Exekutive nun abermals ins kollektive Bewusstsein. Und er wird dort Spuren hinterlassen. Tiefe Spuren.

Zum einen, da ihn Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller im letzten Fall derart eindrücklich zum Leben erwecken, dass nicht nur ideologisch wachsame Zuschauer 90 Minuten körperlich mitleiden: Bei der Observation angeblicher Flüchtlingsschlepper verprügelt Kommissar Falke einen unschuldig verdächtigten Afrikaner, der sich sodann in Haft einer angrenzenden Polizeiwache selbst verbrannt haben soll, was weder der reumütige Falke noch seine Kollegin Lorenz glauben und damit am rassistischen Korpsgeist der beteiligten Beamten abprallen.

Ein tiefgründiger, bewegender, glaubhafter, brillant gespielter Fall – der allerdings auch deshalb für Furore sorgen könnte, weil das Leitmedium dank seines unwiderstehlichen Drangs zur Faktenfiktionalisierung zusehends den Part einer soziokulturellen Paralleljustiz übernimmt, der die Nachrichtenlage spielerisch nachverhandelt. Wenn sich der rassistische Sumpf einer namenlosen Kleinstadt bei Hamburg ausgerechnet da auftut, wo doch Recht und Ordnung herrschen sollte, könnte es also über den Abspann hinaus Diskussionsbedarf geben. Und Günther Jauch dürfte – falls kein neues Dokudramenthema in spe die Tagesschau dominiert – über straffällige Gesetzeshüter talken.

Debatte dank Entertainment – mehr konnten sich Regisseur Thomas Stuber und sein Autor Stefan Kolditz (Dresden) vom Krimiformat kaum erhoffen. Oder doch? Daniel Harrichs journalistisch recherchierte ARD-Dramen zum Oktoberfest-Attentat und illegalen Waffenhandel hatten zuletzt nicht nur gute Quoten, sondern juristische Folgen: Hier die Neuaufnahme der Ermittlungen nach 30 Jahren Justizblindheit. Dort eine aktuelle Stunde im Bundestag nebst Öl ins Feuer derer, die Deutschlands Militärindustrie im Ganzen verteufeln.

Wenn Fernsehen mit Rückgrat, Leidenschaft, Wahrheitsliebe gemacht ist, hat es also noch immer die Kraft zur Veränderung. Als besorgte Ruhrpott-Bewohner 1973 zu Tausenden beim WDR anriefen, ob der Smog in Wolfgang Petersen berühmtem Fernsehspiel echt sei, hatte das zwar wie einst bei Orson Welles‘ Radio-Invasion Außerirdischer viel mit medialer Unreife zu tun, gab der jungen Öko-Bewegung aber einen kräftigen Schub. Vier Jahre später musste der BR den zarten Spross homosexuelle Gleichberechtigung noch durch ein Sendeverbot des Schwulendramas Die Konsequenz düngen, bis Holocaust belegte, wie viel das Fernsehen zu echtem Wandel beitragen kann. Der US-Vierteiler war ja nicht nur ein Straßenfeger; er machte das Thema Nationalsozialismus (erneut gegen den erbitterten Widerstand des damaligen BR-Fernsehdirektors Helmut Oeller) endgültig massentauglich.

Solche Eruptionen einer Ära, als die halbe Nation vor ein und demselben Sender saß, sind im Zeitalter zergliederten Medienkonsums kaum noch möglich. Doch Filme wie „Contergan“, den der verantwortliche Pharmakonzern Grünenthal 2007 bis vorm Verfassungsgericht stoppen wollte, oder das Scientology-Drama „Bis nichts mehr bleibt“, dem die inkriminierte Sekte drei Jahren später wütend zu Leibe rückte, zeigen, wie viel Wahrheit zuweilen in Fiktion steckt. Und da ist noch nicht mal vom Trend die Rede, die Wirklichkeit mit Scripted Reality oder Living History so zu inszenieren, dass sichtbare Unterschiede verwischen.

In Tatort: Verbrannt, der wegen seiner Strahlkraft vorab im Kino lief, verwischt wenig. Alles ist real und nichts, kein Fakt erfunden und jeder. Braune Bullen, krimineller Korpsgeist, interkulturelle Sprachlosigkeit hat sich Stefan Kolditz zwar nur ausgemalt, aber sein Bild ist reiner Fotorealismus. Fernsehen das bewegt. Und verändert. Hoffentlich.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-IrieIrie Révoltés – Jacko & Bad

Wie kann man das Geräusch anstoßender Bierflaschen wohl am Besten verschriftlichen? Kling oder Klong? Ich bespreche dieses Thema ausführlich mit Carlito und Mal Èlevé. Irgendwie ist es uns wichtig. Schließlich gehört dieses Geräusch zu dieser Kolumne wie das hüpfende Herz beim Gedanken an die Lieblingsplatte. Wir probieren etwas herum und einigen uns auf Kling. Also: Kling, kling…kling! Die Brüder sind Sänger von Irie Révoltés. Mit ihrer Mischung aus Reggae, Ska und HipHop bringt die Band auf ihrer Deutschlandtour zur Zeit ihr Publikum ins Schwitzen. Mindestens genauso auffallend wie die Live-Auftritte der Gruppe ist aber ihr soziales Engagement. Seit der ersten Stunde engagieren sie sich für Viva conAgua und verwirklichen auch eigene soziale Projekte. Was für Musik hört so ein Musiker, der seine eigene Arbeit gerne mit politischen Inhalten füllt, wohl privat?

Interview: Marthe Ruddat

Carlito: Wir haben uns wirklich viele Gedanken über dieses Thema gemacht! Wir wollen ja schließlich irgendwie auch die Band repräsentieren. Das ist bei acht Leuten gar nicht so leicht. Irgendwie kommen wir alle aus verschiedenen musikalischen Richtungen, obwohl HipHop eine Schnittmenge ist. Aber das wäre doch sehr einfach, und deshalb haben wir uns überlegt, noch weiter zurück zu gehen. Wir gehen also ganz an den Anfang vom Anfang und sprechen über das Album, was uns für die Musik begeistert hat. Und da sind wir dann bei Bad von Michael Jackson.

Bad war das siebte Studioalbum von Michael Jackson. Als Nachfolger von Thriller war es weltweit ebenso erfolgreich und wurde bis heute mehr als 45 Millionen mal verkauft. In Deutschland gab es allein von neun der elf Lieder Single-Auskopplungen.

Marthe: Ach. Also damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet!

Carlito: Genau, damit rechnet bei uns irgendwie niemand. Auch deshalb haben wir uns für dieses Album entschieden. Und wir haben einfach viele Geschichten darüber zu erzählen.

Mal Élevé: Es gibt einfach kein Album, was die Musik der Band geprägt hat. Deshalb haben wir uns für eine Platte entschieden, die uns musikalisch motiviert Badhat.

Jetzt bin ich natürlich neugierig auf die Geschichten!

Mal Élevé: Bad erinnert uns sehr an unsere Kindheit. Wenn wir unsere Familie in Frankreich besucht haben, dann haben wir auch immer unsere Cousins getroffen.

Carlitos und Mal Élevés Vater ist Franzose. Irie Révoltés texten nicht nur auf Deutsch, sondern auch Französisch.

Mal Éleve: Und obwohl wir alle unterschiedliche Musik mochten, fand doch jeder dieses Album gut. Wir haben uns zusammen immer Konzerte vorgestellt. Ich weiß noch: Damit es sich wirklich anfühlt wie ein Konzert, haben wir uns in Frankreich ins Auto gesetzt und unfassbar geschwitzt. Wie auf einem Konzert halt. Später haben wir uns auch Tanzschritte zu den verschiedenen Liedern ausgedacht.

Also war es eher so eine Art Urlaubsmusik?

Carlito: Nein, das nicht. Ich habe das Album rauf und runter gehört. Beim Hausaufgaben machen stand der Kassettenrekorder immer neben mir. Und die Bad immer auf Schleife. Mit dem Kassettenrekorder konntest du nicht einfach das nächste Lied anmachen.

Gab es trotzdem ein Lied, bei welchem Du vorgespult hast?

Carlito: Den Just Good Friends fand ich nicht so geil. Eigentlich finde ich ihn heute immer noch nicht gut. Aber ich glaube Michael Jackson fand den selber scheisse. Der Song ist eigentlich nur auf dem Album, weil das so schon mit Stevie Wonder abgemacht war.

Marthe1Just Good Friends ist eines von zwei Liedern auf dem Bad-Album, das nicht von Michael Jackson selbst geschrieben wurde. Das andere ist Man In The Mirror. Just Good Friends wurde nur einmal von Michael Jackson und Stevie Wonder live präsentiert worden.

Ihr habt vorhin von musikalischer Motivation gesprochen. Was genau hat Euch an dem Album motiviert, selbst Musik zu machen?

Carlito: Wir waren später auf ein paar Konzerten von Michael Jackson. Die waren wirklich sehr beeindruckend. Da wurde ja tatsächlich die reinste Popmusik gespielt und trotzdem sind alle gesprungen! All diese Konzerte hatten einen riesengroßen emotionalen Faktor. Da steht dieser Typ mit seiner Popmusik auf der Bühne und versprüht so viel Energie, dass alle hüpfen und springen. Ich glaube mich hat das schon insofern beeinflusst, als dass ich mir wünsche, dass auf unseren Konzerten auch eine springwütige Energie herrscht.

Mal Élevé: Tatsächlich war dieser Einfluss total lange gar nicht präsent. In der Anfangszeit von Irie Révoltés waren ganz andere Alben und Musikrichtungen präsent. Aber wir glauben schon, dass die Bad uns unterbewusst dazu motiviert hat den Leuten eine mindestens genauso tolle Zeit auf Konzerten zu bereiten, wie wir sie bei Michael Jackson erlebt haben.

Carlito: Wenn man mal drüber nach denkt ist es irgendwie auch witzig, das sowohl wir, als auch unser Cousin etwas mit Musik machen. Und wir saßen alle zusammen schwitzend in diesem Auto…

Habt ihr ein Lieblingslied auf dem Album?

Carlito: Nee, das war eher phasenweise. Smooth Criminal war aber schon immer weit vorne. Heutzutage finde ich Dirty Diana am geilsten. Der ist musikalisch einfach toll und wirkt nicht so gewollt und überproduziert wie manch anderer Song. Heute ist das mein Lieblingssong. Früher war das eher abhängig von den Musikvideos, die gerade aktuell waren. Und dann war da ja auch noch der Moonwalker.

 

Dirty Diana

You’ll never make me stay / So take your weight off of me.

I know you’re very move / So won’t you just let me be.

I’ve been here times before / But I was too blind to see,

That you seduce every men / This time you won’t seduce me.

She’s saying that’s ok / Hey baby do what you please

I have the stuff that you want / I am the thing that you need.

She looked me deep in the eyes / She’s touchin’ me so to start

She says there’s no turnin’ back / She trapped me in her heart.

Dirty Diana, oh…

 

Ihr wart schon ziemlich krasse Fans…

Carlito: Klar, wir waren die totalen Fans! Wir haben uns damals ein Zimmer geteilt und alles war voll mit Michael Jackson. Der war auch einfach ein Superstar. Und uns hat mit seiner Energie einfach total gepackt! Die Texte waren ja egal, die haben wir ja eh nicht verstanden.

Ihr covert ja eigentlich nicht. Wie wäre es mit einer Premiere mit Dirty Diana?

Mal Élevé: Früher haben wir bei den Proben auf Tour gerne mal gecovert und dann gefreestyled. Manchmal sind da ganze Songs entstanden. Aber heute machen wir das gar nicht mehr so.

Carlito: Aber Dirty Diana als Ragga-Song wär mal ziemlich legendär! Darüber müssen wir mal ernsthaft nachdenken…

Irie Révoltés sind gerade mit ihrem gleichnamigen Album auf Tour. In Hamburg kann man sich am 14. Oktober in der Großen Freiheit von den Live-Qualitäten der Band überzeugen.


Tiefdruckgebiete & Klischemüllkippen

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

28. September – 4. Oktober

Der Frühherbst ist gerade zum Eierlegen. Altweibersommer, nennt sich die heiter bis wolkige Wetterlage, was eher botanischen als sexistischen Ursprungs ist, doch das nur am Rande. Meteorologen der alten Schule hätten da konstanten Hochdruckeinfluss vermeldet, doch seit Jörg Kachelmann die Prognose revolutioniert hat, nennt man sowas eher „Sonne satt mit Blumenkohlwolken“, also ungefähr wie das, was seit Mittwoch nach einer langen Leidenszeit im populistischen Würgegriff der Springer-Presse auch über seinem eigenen Kopf herrscht: Da sie für ihre aberwitzige Vorverurteilungskampagne im Vergewaltigungsprozess gegen den später freigesprochenen Wetterpropheten zu 650.000 Euro Schadensersatz verdonnert wurde, hängt überm Boulevard hingegen ein kurz mal ein Tiefdruckgebiet.

Das allerdings ist bei weitem nicht dem zähen Bodennebel vergleichbar, der die Sicht des Prozessgewinners dank publizistischer Dreckschleudern wie der Bild wohl lebenslang eintrüben dürfte, so sehr wie sein Ruf ruiniert ist. Dunkle Wolken hängen auch überm deutschen Feuilleton insgesamt: Hellmuth Karasek ist tot, und das ist wirklich mal ein Verlust für den Journalismus. Der Literaturkritiker  hat dank seiner popkulturellen Grandezza schließlich nicht nur die Hochkultur von Teilen ihrer selbstgerechten Arroganz befreit; im Literarischen Quartett gelang ihm von 1988 an 13 Jahre etwas, das heutzutage schlichtweg unmöglich erscheint: Lesefaule für Bücher zu begeistern, und sei es nur, weil sie der spaßliberalen Rampensau aus Hamburg gern dabei zusahen, wie sie genüsslich mit dem konservativen FAZ-Tier Reich-Ranicki aneinander rasselte.

Da ist es mehr als einer Randnotiz wert, dass die aktuelle Fortsetzung der berühmten Buchkritikrunde ausgerechnet am Tag nach Karaseks Tod aufgezeichnet wurde. Wie wenig sie ans Original heranreicht, darf man seinen blutjungen Nachfolgern indes nicht vorwerfen; die Zeiten sind halt andere. Feuilletonistische Alphatiere der Art Reich-Ranickis sterben aus. Maxim Biller müht sich zwischen Christine Westermann und Volker Weidermann redlich, dem Furor seines Urahnen nachzueifern.

0-FrischwocheDie Frischwoche

5. – 11. Oktober

Und das Fernsehen leidet ja auch nicht am Mangel guter Kulturformate; sie werden nur meist versteckt. Weshalb das famose Nachwuchsteam von aspekte Freitag vor zwölf läuft, bevor Böhmermanns Neo Magazin Royale die Geisterstunde bereichert. Debiler Stumpfsinn wie die kriminalistische Klischeemüllkippe Inspektor Jury indes kriegt vom ZDF leichten Herzens die Mittwochs-Primetime, während Staffel 4 der grandiosen Girls tags zuvor zur ZDFneo-Mitternacht verschwindet oder das spannende Spin-Off von Roberto Savianos Mafia-Erzählung Gomorrha ab Donnerstag zwölfmal Asyl bei Arte (21 Uhr) kriegt, gefolgt von Dein Wille geschehe, dem hochgelobten Achtteiler um fünf Priesteranwärter in einem französischen Kloster, der trotz des freudlosen Orts Heiterkeit verströmt. Das gilt auch für die preisgekrönte BBC-Serie Call the Midwife mit Vanessa Redgrave als eine von vier neuen Hebammen in einem englischen Nonnenstift, der Frömmigkeit zuweilen sehr weit auslegt.

Auch die weiteren Lichtblicke der Woche werden im Sog öffentlich-rechtlicher Angebotspolitik an den Aufmerksamkeitsrand gedrängt. Sketch History etwa, in dem Comedians wie Matthias Matschke und Bastian Pastewka Geschichte aller Epochen als putzige Clipshow mit etwas Hintersinn vermitteln, schafft es immerhin ins ZDF, aber erst nach der heute-show. Das hinreißende Flamenco-Märchen Blancanieves um eine Gruppe kleinwüchsiger Matadoren dagegen läuft am Montag um 21.50 Uhr auf Arte, wo es nicht nur wegen der Musik, sondern mehr noch der schwarzweißen Ästhetik zum Niederknien anregt.

Apropos: Die Wiederholung der Woche namens Die Schuldigen ist nicht nur wegen ihrer schwarzweißen Knisteroptik sehenswert, sondern mehr noch, weil die Story eines italienischen Staatsanwalts, der 1957 nach einem Tankstellenüberfall seinen eigenen Sohn anklagt, zeitlos beeindruckt. Weniger beeindruckend als zum Brüllen komisch ist unverdrossen der farbige Wochentipp Zoolander (Freitag, 20.15 Uhr, ZDFneo) mit Ben Stiller und Owen Wilson als strunzblöde Supermodels im Streit um den besten Look. Und weil die ARD diesmal leicht unterrepräsentiert ist, empfehlen wir als Dokuratschlag an dieser Stelle die ganze Themenwoche mit ihrem reichhaltigen Sachfilmangebot zum zeigemäßen Sujet Heimat.


Essay: Gibt’s ein richtiges Leben im Falschen?

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Wer versucht, ein richtiges Leben im Falschen führen, ist hin- und hergerissen zwischen Missionieren und Vorleben. Beides scheint zum Scheitern verurteilt. Eine zusehends mutlose Betrachtung der herrschenden Verhältnisse, an denen Kants Kategorischer Imperativ Tag für Tag zerschellt wie eine achtlos weggeworfene Pfandflasche.

Von Jan Freitag

Alles begann mit Tierlauten. Wann immer ich (frisch zum Vegetarismus konvertiert) mit meiner (unverändert konventionell ernährten) Clique essen war, simulierte ich den Ton sterbender Schweine oder das, was ich für deren Emission beim Sterben hielt. Wahlweise variierte ich das Todeskonzert mit Kalbs-, besser: Kükenklang in der Hoffnung, die akustische Konfrontation mit den süßen Opfern des Kadaverkonsums würde anwesende Augen öffnen und so die der Welt insgesamt. Doch abgesehen davon, dass mein Einsatz vor allem meiner eigenen Erhabenheit diente, war sein Nutzen, nun ja, gering. Lars, Tim, Tina, Nadine, Christoph und wie sie hießen, traten nämlich nicht flugs meinem Orden fleischlicher Entsagung bei, sie bestellten lieber noch einen Big Mac obendrauf. Gurke könn’se weglassen.

So war das, am Anfang einer Laufbahn missionarischen Eifers in den Religionen des Alltags, die mein Glaube nicht selten zur Weisheit erkoren hatte: Tofu statt Wurst, Rad statt Auto, links statt rechts, Orientalistik statt BWL, taz statt Bild, Buch statt TV, Punkrock statt Pärchenabend, klug statt schön, gut statt böse – mein halbes Leben bestand aus lautstark verbreiteter Richtungsentscheidung eines richtigen Lebens im Falschen, oft im Brustton der Empörung. Echt, ihr zieht in‘ne Doppelhaushälfte? Tja, ganz die Eltern…

Doch seltsam – die wohnen da noch immer, essen weiter Fleisch, fahren weiter Auto, wählen weiter mittig, arbeiten weiter für Geld, lesen weiter Boulevard, sehen weiter fern, spielen weiter paarweise, sind dabei schön und trotzdem nicht böse. Offenbar verklang mein Sendungsbewusstsein im Funkloch. Bestenfalls. Denn je mehr ich auf die Mitteilungsbedürftigkeitstube drückte, desto langsamer ging es voran. Also eröffnete ich jenseits der 30 eine neue Kampflinie: ressourcenschonender, defensiver, klüger. Dachte ich.

Und lag furchtbar fehl.

Seit mir bewusst wurde, dass niemand sein tägliches Handeln den moralischen Maßstäben anderer unterstellt, dass – zumal öffentliches – Anprangern selbst offenkundigem Fehlverhalten tendenziell bloß frischen Brennstoff zuführt, halte ich es mit modernerer Pädagogik und lebe meine Ideale bloß vor, statt sie in die Köpfe zu prügeln. So kaufe ich meine Brötchen beim Bäcker nebenan kommentarlos im Leinenbeutel, statt die obligatorische Papiertüte nach 75-sekündigem Gebrauch faltenfrei zu entsorgen, und trage stoisch Tupperware zur Salatbar in Büronähe, deren Gewicht mir im Gegensatz zu den Einwegschalennutzern vom Preis abgezogen wird. Innerstädtisch lege ich fast jede Strecke mit dem Fahrrad zurück, überörtlich per Bahn, ohne den motorisierten Gegenverkehr ständig meine Energiebilanz vorzuhalten.

Ich meide Lebensmittel mit Palmöl und Städtereisen mit Kerosin, lächle an, wer nett zu mir ist, und verachte meist still, wem das schwer fällt. Falls wieder Alufolie in der braunen Tonne liegt, topfe ich sie stillschweigend um in die gelbe. Falls mein Fußballteam gebildeter Mittelstandskids pfundweise Massentierleichen auf den Grill legt, verschaffe ich mir wortlos Platz für meine Seitanwürstchen auf gleichem Rost. Und in der Bahn raschelt meine Zeitung nur ganz zart durchs sonore Surren der Tablets. Ich tue dies alles nicht immer so kommentarlos, wie es hier den Anschein hat, aber bei Weitem weniger redselig als ehedem, weil ich das richtige Leben im Falschen lieber vorführen möchte, statt es dauernd zu proklamieren.

Die Sozialwissenschaft kennt dafür tolle Begriffe wie Robert K. Mertens „Bezugsindividuum“, das Mitmenschen durch pure Lebensart als „Role Model“ dient, dem nachzueifern nicht nur klug, sondern cool ist. Wofür neben ostentativer Präsentation auch subtilere Techniken wie „Framing“ zur Verfügung stehen, also Dinge durch beiläufiges Benennen im Kopf des Adressaten zu verankern: „Vegetarisch“ nur oft genug mit „lecker“ kombinieren, schon assoziieren auch Karnivoren Tofugeschnetzeltes mit Genuss statt Würgereiz. So einfach.

Und so erfolglos.

Denn als ich meinem Bäcker fragte, wer seine Brötchen sonst noch müllreduziert kaufe, sah ich in ein gequältes Lächeln und vernahm: Keiner. Never. Tja. Gleiches Szenario bei der Salatbar. Mein sachliches Posting zum Dschungeldieb Palmöl hat keinem Facebookfreund das Nutella verleidet. Unsere Komposttonne schluckt weiter unverderbliches Verpackungsmaterial. Im Straßenverkehr werde ich fürs Nutzen simpler Rechte wie das Fahren auf der Straße trotz Existenz eines Radwegs oder fundamentaler Regeln wie rechts-vor-links ständig auf den Bürgersteig gehupt, was umso mehr auffällt, als Fahrräder selbst in der Uni- und Hipsterstadt Hamburg rar sind wie Akademiker auf RTL2. Gewaltfrei gegen Nazis zu latschen oder Immigranten in einer Art auf links gedrehten Rassismus mein Mitgefühl zuzulächeln, das mir allein  ihre Andersartigkeit abringt, hat noch kein Flüchtlingsheim feuerfester gemacht.

Fürs philanthropische Laissez Faire scheint mir demnach nicht nur die Masse, sondern selbst der reflexive Rest mit steigender Genussfreude zu ignorant. Was nur einen Schluss zulässt: Die Leute brauchen keine Vorbilder, sie brauchen Druck! Das Prinzip Freiwilligkeit ist angesichts von Klimawandel, Finanzkrisen, Heidenau gescheitert. Gewalt jeder Art etwa – ob gegen Fremde, Frauen, Kinder, Tiere, Passivraucher, Homosexuelle, den Planeten, was auch immer – muss reglementiert werden, damit tradierte Verhaltensmuster ihr destruktives Potenzial verlieren. Ohne Gesetze keine Emanzipation, so einfach ist das.

Und so kompliziert.

Es gibt da nämlich ein Problem: Gesetze, Regeln, Recht & Ordnung sind selten Resultat objektiver Sachzwänge, sondern subjektiver Machtverhältnisse. Nicht umsonst wird der tödliche Alkohol im Land der Stammtische allen ab 16 verabreicht, während das harmlose Cannabis allenfalls einer Handvoll Todkranker erlaubt wird. Mehr Beispiele gefällig? Die Meinungshoheit schickt Hilfsbedürftige durch den Ganzkörperscanner der Bürokratie, brandmarkt aber jede Selbstauskunft reicher Erben als Stalinismus. Lebensmittelampel, Tempolimit, Dosenpfand? Öko-Diktatur! Wir spenden uns für Kinderrechte gewissensrein, aber nicht gegen Umweltzerstörung, obwohl letztere erstere bald biologisch erledigt. Wir sorgen uns um süße Katzen, nicht um multiresistente Keime. Verbannen Gerüche aus dem Klo, aber keine Antibiotika aus dem Grillfleisch. Finden billige Energie super, but not in my backyard. Wir sind, in einem Wort, zu vernebelt, um klar zu sehen.

Ob die Ordnung jener, denen es weniger um gesunden Menschenverstand als die eigene Klientel vor der nächsten Wahl geht, den Nebel lichtet, darf trotz einiger Fortschritte von Energiewende bis Gleichstellungsgesetz bezweifelt werden. Als linker Vegetarier mit Fahrrad- und Gerechtigkeitsfimmel voller Vorbehalte gegen ultraliberale Rassisten mit Fleisch- und Benzinfimmel könnte man glatt wieder zum Klang sterbender Tiere neigen, wäre das nicht so kontraproduktiv. Also doch weiter vorleben. Denn das heißt laut Konfuzius auch vorleiden. Grad war übrigens doch einer mit Tupperware an der Salatbar. Vielleicht taugt der ja als Vorbild.

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