Enno Bunger, Princess Century, El Vy

Enno_Bunger_Fluessiges_Glueck_CoverEnno Bunger

Wer seiner dritten Platte nach zwei mäßig erfolgreichen Vorgängern einen ironiefreien Werbezettel mit Merchandising zur eigenen Person beilegt, ist entweder konsumkrank oder größenwahnsinnig, womöglich beides. Ungeachtet der Frage jedoch, wer sich für acht Euro einen Edelstahl-Flachmann mit Künstlernamen drauf kauft oder den ähnlich bedruckten Turnbeutel für zwei weniger, kann man hier mal feststellen: Selbst wenn der selbstpromotete Enno Bunger ein Problem mit seinem Ego oder dem Kaufverhalten hat – wer derart schöne Lieder zu derart betörenden Harmonien mit derart lyrischer Alltagsprosa vorträgt, darf abseits des musikalischen Mehrwerts gern ein wenig über die Stränge schlagen.

Flüssiges Glück, so heißt der zehnteilige Jingle zur Produktwerbung, ist von so hinreißender Eleganz, dass Electropop dafür viel zu niedrigschwellig klingt. Es ist klassisches Singer/Songwriting mit den Mitteln der Hipsterdisco. Zurückhaltend, fast scheu singt der friesische Barpianist aus dem Hallraum seiner Generation Jahrgang 1986 von der permanenten Sinnsuche, dem zwangsläufigen Scheitern, dass man “noch lange nicht schön” sei, “nur weil man gut aussieht”, aber auch vom kaputten Licht am Ende des Tunnels, rassistischer Polizei, was seine Alterskohorte so ins Gemüt lässt, wenn sie mal an andere denkt. Das erreicht in fast jedem Moment klavierbegleitet das Herz. Man kann es kaufen. Auf Platte. Sollte man auch.

Enno Burger – Flüssiges Glück (PIAS)

princessPrincess Century

Kaufen kann man natürlich auch die neue Platte von Maya Postepski aka Austra, deren eklektischer Synthiepop allerdings alles Mögliche macht, nur nicht sonderlich zu Herzen gehen. Kein Problem: Unter ihrem Projektnamen Princess Century macht die Kanadierin ja auch keine wohltemperierte Liedermachermusik, sondern mit das Feinste, was zeitgenössische Electronica zwischen artifiziell und aseptisch zustande bringt, weshalb auch ihr drittes Album namens Progress zwar durch und durch digital erstellt ist, aber irgendwie doch eine sonderbare Organik erzeugt.

Stücke wie Sunscreen zum Beispiel klingen oberflächlich wie vollsynthetische Klangkonstrukte aus dem Großrechner, entfalten dabei aber eine Atmosphäre wie die Kinderfilmsoundtracks der 70er von Christian Bruhn. Diese Art nostalgischer Wärme bauen Sunrise 100/Last Disco, mehr aber noch Rosé im Anschluss so versiert aus, dass man sich beim Hören schnell mal wie auf Leinwand fühlt, hineingezogen in kinetische Erzählungen der späten Achtzigerjahre à la Tron. Selten nur wirken programmierte Töne so visuell, fast greifbar wie die von Princess Century.  Man muss das schon mögen, diese Distanz zwischen Sound und Ohr, dann aber überwindet sie sich quasi selbst.

Princess Century – Progress (Paper Bag Records)

elvy-coverEl Vy

Irgendeine wie geringe Distanz zwischen Sound und Ohr ist bei Matt Berninger so fern der Vorstellungskraft wie seine Teilnahme in einer Grindcoreband. Der singende Kopf des amerikanischen Indierock-Ensembles The National sorgt schließlich schon durch sein geschmeidiges Organ dafür, dass alle Zuhörer im Raum vor Andacht völlig erstarren, ohne allzu seifig eingelullt zu werden. Und dieses stimmliche Sedativum ist nun gar von so herausragender Wirksamkeit, dass er im Nebenprojekt El Vy nun sogar die multiinstrumentale Schlagader der ungleich sperrigeren Kollegen von Menomena, Brent Knopf, unterbringt.

http://www.clipfish.de/musikvideos/video/4248719/el-vy-im-the-man-to-be/

In den verspielteren Momenten klingt ihr Debütalbum Return to the Moon zwar etwas abseitiger als alles, was The National so treiben; doch auch hier sorgt Berningers Klangkörper für eine Wärme, die nicht selten hypnotisch mit Knopfs umherschlendernden Bass und der teils peitschenden Orgel harmoniert. Man muss sich gelegentlich eine milde Ohrfeige verpassen, um dabei die Augenlider hochzuhalten; dann aber entfaltet dieses Soloprojekt das, was Berningers Bariton verheißt: Tiefe.

El Vy – Return to the Moon (4AD); mehr dazu auf Zeit-Online


Rudi Cerne: Christian Klar und XY ungelöst

CerneZwischen Sport und Mord

Aktenzeichen XY … ungelöst ist der Dauerbrenner des ZDF. Gestern feierte Eduard Zimmermanns Sendung die 500. Ausgabe seit 1967. Ein Interview mit seinem Nachfolger Rudi Cerne (Foto: ZDF) über Denunziationsfernsehen, Cold Cases und wie er selbst mal falsch verdächtigt wurde, das aber völlig okay fand.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Rudi Cerne, Sie kennen das Zitat „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“?

Rudi Cerne: Ja, ich weiß aber nicht, von wem es ist.

Angeblich Hoffmann von Fallersleben, immerhin Texter der deutschen Nationalhymne. Wer anderen etwas Böses will, schwingt da mit, braucht sie also bloß zu diskreditieren. Fühlen Sie sich und Ihre Sendung da angesprochen?

Nein, ganz und gar nicht. Die Ermittler gehen Hinweisen bei XY äußerst behutsam nach. Wenn eine Person mit einem Fall in Verbindung gebracht wird, wird sehr genau überprüft. Erst dann, also bei begründetem Verdacht gehen die Ermittlungen los.

Wie viele Hinweise kriegt Ihre Sendung denn nach 500 Folgen in fast 50 Jahren so pro Fall?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Im Fall der weltweit gesuchten Madeleine McCann waren es 1000 Anrufe, von denen wollten aber auch schon vor der Sendung einige ihre Betroffenheit zum Ausdruck bringen. Eduard Zimmermann hätte das „nicht sachdienlich“ genannt, aber wir freuen uns, denn es zeigt, dass XY auch anderes bewirkt. Im Durchschnitt erreichen uns 150 bis 200 Anrufe pro Sendung.

Dennoch wird ihr Format damit vielfach förmlich identifiziert. Im Spiegel war mal von „Staatsbürgerkunde für Denunzianten“ die Rede.

Witzigerweise hat ein Leser diesen Satz 2008 zu Ihrem Beitrag über den XY-Preis geschrieben, während andere die Tendenz des Artikels kritisierten; auch das gehört zur Wahrheit! Dazu ein paar Fakten: In 13 Jahren, die ich XY moderiere, ist mir nicht ein Fall bekannt, in dem jemand auf falsche Hinweise hin Opfer eines Justizirrtums wurde. Öffentlichkeitsfahndung ist ein probates Mittel der Verbrechensaufklärung, und da sind wir für die Polizei der erste Ansprechpartner, auch wenn es um Cold Cases geht, also Fälle, die lange zurückliegen. Da ist uns schon sehr oft die Aufklärung gelungen.

Zum Beispiel?

Eine Frau aus Königswinter galt fünf Jahre als vermisst, bis der Fall 2008 auf Initiative der Tochter wieder aufgerollt wurde. Fünf Jahre später erhielt XY den entscheidenden Hinweis, dass Sigrid Paulus von ihrem Ehemann umgebracht wurde. Der Täter meinte hinterher, er sei erleichtert gewesen, weil er selbst nicht die Kraft zu einem Geständnis hatte. Das war in jeder Hinsicht ein Erfolg unserer Sendung.

Wie erklären Sie sich, dass er schon seit fast 50 Jahren anhält?

Nicht nur das – wir sind eines der wenigen Fernsehformate, dessen Quote sogar zulegt, zuletzt auf 5,3 Millionen im Schnitt und sehr stark bei jüngeren Zuschauern.

Wegen der Aufklärungsrate, dem Thrill, dieser frühen Form von Interaktivität?

Es gibt viele Aspekte, die alle zum Erfolg beitragen. Die Filme sind natürlich professioneller geworden und werden von Regisseuren gedreht, die auch für SoKo oder Tatort arbeiten. Hinzu kommt, dass wir keine Geschichten erfinden, sondern Realität abbilden; das bewegt die Zuschauer, denn die Vorstellung, dass ein gefährlicher Straftäter weiter frei herumläuft, ist schon ziemlich gruselig. Die Hoffnung, dass der Täter schnell gefasst wird, liegt mit 40 Prozent relativ hoch und macht die Relevanz der Sendung aus.

Hat Aktenzeichen XY Ihre eigene Sicht auf Kriminalität verändert?

Gar nicht. Ich bin ein vorsichtiger Mensch, kein ängstlicher, und schlafe nachts nach wie vor gut. Auch im Wissen, dass sich Verbrechen nicht lohnt. Haben Sie mal von Lolita Brieger gehört?

Nie.

Auch sie galt als vermisst, 29 Jahre lang. Als wir 2011 den Fall  aufnahmen, glaubte keiner, dass XY noch helfen kann. Aber wir bekamen den Hinweis eines Mitwissers, durch den Lolita Briegers Leiche gefunden und der Fall endlich geklärt werden konnte.

So sehen typische XY-Fälle aus: Mord & Totschlag, Einbruch & Raub, Vergewaltigung & Gewaltexzesse. Erweckt die Auswahl nicht den falschen Eindruck, schwerste Verbrechen nähmen permanent zu?

Was meinen Sie denn?

Während die Zahl solcher Delikte in den Augen befragter Bürger permanent ansteigt, geht sie laut Kriminalstatistik seit Jahren zurück. Dank der Flut von Kapitalverbrechern und Kinderschändern am Bildschirm, wird den Menschen eine Gefahrenlage suggeriert, zu der auch XY beiträgt.

Die Behauptung, dass die Menschen nicht zwischen Film und Realität unterscheiden können, würde ich so nicht teilen. Laut Kriminalitätsentwicklung 2014 lagen die  polizeilich registrierten Straftaten insgesamt bei knapp über sechs Millionen. Seit 2009 erstmalig ein Anstieg.

Der vorwiegend auf Betrugskriminalität, besonders im Internet, zurückzuführen ist.

Gut, aber XY nimmt ohnehin nur solche Kapitaldelikte auf, bei denen wir helfen sollen und können. Dass wir uns bei Film- und Studiofällen ausschließlich an Fakten halten, ist selbstverständlich.

Da heiligt der Zweck die Mittel?

Wir können die Öffentlichkeit nur zur Mithilfe mobilisieren, wenn die Emotionen der Zuschauer geweckt werden. Dabei sind wir so zurückhaltend wie möglich. Straftäter tauchen oft in der Masse unbescholtener Bürger unter; kein Wunder, wenn es da mal zu Verwechslungen kommt. Ich selbst bin da, Sie wissen das sicher, ein gebranntes Kind.

Als Sie mit dem Terroristen Christian Klar verwechselt wurde.

Genau. Da stand ich natürlich unter Strom und hatte ein ziemlich mulmiges Gefühl. Aber ich habe den Anweisungen Folge geleistet, was ich jedem nur empfehlen kann.

Aber hatten Sie im Anschluss kein Gefühl von Willkür und Polizeistaat, nachdem man Sie zu Unrecht mit der Waffe bedroht und festgenommen hatte?

Überhaupt nicht. Die machen ihren Job.  Zum einen hatte ich fortan eine fantastische Story zu erzählen. Zum anderen hatte ich so kurz nach dem „Deutschen Herbst“ Verständnis für solche Kontrollen. Meine Festnahme beruhte übrigens auf der „Denunziation“ einer Person, der meine ja tatsächlich vorhandene Ähnlichkeit mit Christian Klar aufgefallen war.

Gibt es zwischen diesem Dezembertag 1978 und ihrem Dienstantritt bei XY 2002 eigentlich eine rote Linie, hat er ihr Interesse am Verbrechen geweckt?

Nein (lacht), Null. Die Zeit des RAF-Terrorismus fand ich bedrückend. Ich habe allerdings schon damals Krimis von Die Straßen von San Francisco bis Kojak verschlungen, obwohl mir als Leistungssportler nicht sehr viel Zeit dafür blieb.

Sind Sie beim Blick auf Ihr bisheriges Leben eher Eiskunstläufer, Sportmoderator oder Verbrecherjäger?

Von allem ein bisschen. Der größte Luxus meines Lebens ist ja, dass ich zwischen sehr verschiedenen Polen wechseln darf. Scherzhaft ausgedrückt: Ich pendle zwischen Sport und Mord. Gegensätzlicher kann es nicht sein und das ist sehr reizvoll. Bei meiner Entscheidung für XY mögen einige die Nase gerümpft haben, aber im Rückblick ist dieser, wie ich finde: wichtige Job heute für mich mehr wert als eine Goldmedaille.

War denn der Wandel seinerzeit so gewaltig?

Es geht, schließlich sind auch Eiskunstläufer Darsteller im Showbusiness. Auch da gab es mal eine glückliche Fügung. Als ich während Holiday on Ice verletzt war, fragte mich der Veranstalter, ob ich nicht moderieren könnte. Das klappte ganz gut, schon weil man beim Eiskunstlaufen lernt, mit einem Lächeln hinzufallen, was im Fernsehen sehr nützlich sein kann.

Hinzufallen scheint angesichts des Erfolgs von XY aber eher unwahrscheinlich oder?

Mit Hinfallen meine ich eher, Rückschläge einzustecken. Zwischendurch waren die Quoten auch mal nicht so rosig. Das gehört mittlerweile der Vergangenheit an. Aber es stimmt schon – ich kann das noch eine Weile weitermachen. Nach der Sendung ist vor der Sendung.

Die hat Ihr Vorgänger Eduard Zimmermann insgesamt 30 Jahre moderiert, Sie mittlerweile aber auch schon 13. Ist das noch immer sein Format oder schon Ihrs?

Ich will Ihnen mal ein Beispiel nennen. Während einer Radiosendung meinte die Moderatorin zu mir, schön Sie mal live zu sprechen, ich durfte das früher nie gucken. Als ich fragte, wann das war, meinte sie, als ich moderierte. Eduard Zimmermann kannte sie gar nicht. Das zeigt noch lange nicht, dass es meine Sendung ist, aber dass die Zuschauer mich damit identifizieren. Und das macht mich schon ein bisschen stolz.

Schwebt Eduard Zimmermann dennoch weiter ein wenig über Ihnen?

Ich würde eher sagen, dass er mir ein großartiges Erbe zu verwalten gab. Dafür bin ich ihm und dem ZDF sehr dankbar.


Gomorrha: Serienfiktion & Wirklichkeit

051628-001-A_gomorrha1_01-1442458150342Sterben auf Abruf

 

Als Gomorrha (donnerstags, 21 Uhr, Arte) auf Grundlage von Roberto Savionos Bestseller entstand, hat die Serie kriminell befreite Zonen wie Neapel perfekt bebildert (Foto: Emanuela Scarpa/ZDF). Dass die Gewalt auf den Straßen zurzeit brutaler ist als auf dem Bildschirm, erschüttert sogar den berühmten Autor im Untergrund, wie er vom Untergrund aus im exklusiven freitagsmedien-Interview betonte – tut der Qualität aber keinen Abbruch.

Von Jan Freitag

Wer erfolgreich Fernsehen machen will, hält sich gern an Spielregeln, die Gesetzeskraft entfalten. Anschlussfähige Protagonisten dürfen auf ihrem holprigen Weg zum Happyend allenfalls kurz mal die Seite des Guten verlassen, wo sie auf Antagonisten treffen, denen das Antagonistische schon optisch aus allen Poren dringt. Was Drama, Action, Gefühl, Humor betrifft, sollte Fiktion der Realität aber auch sonst ein Stück weit vorauseilen, sofern sie auf Topquoten zielt. Am Bildschirm, lautet das Prinzip, ist nicht weniger, sondern mehr mehr. Weil viel eben doch viel hilft, hat Liebe also ein wenig leidenschaftlicher zu sein als im wahren Leben. Hass rasender. Spaß lustiger. Gewalt blutiger. Alles irgendwie intensiver. So gesehen begeht Gomorrha einen Fernsehgesetzesbruch.

Zum Glück. Die italienische Mafia-Serie mag nämlich so krass sein, so schonungslos roh, fast barbarisch, dass die Brutalität oft unerträglich ist. Dummerweise jedoch zeigt sich Neapels Wirklichkeit jenseits der Filmstudios zurzeit noch viel viel schlimmer. Und das will einiges heißen: Die Geschichte des Camorra-Killers Ciro, der seinem Clan-Chef Don Pietro mit allen Mitteln die Vorherrschaft im neapolitanischen Bandenkrieg zu sichern versucht, ist von geradezu diabolischer Abgründigkeit. Sie zeigt sich schon in der ersten Szene. Während Ciro den Kanister eines geplanten Brandanschlags gegen die verfeindeten Contes mit Benzin füllt, diskutiert er in aller Seelenruhe die Facebook-Aktivitäten der pubertierenden Kinder seines väterlichen Komplizen Attilio (Antonio Milo), der ein paar Autominuten später jenes Feuer entfacht, das seine Opfer am Esstisch überrascht, wo Mama Conte ihrem Sohn grad das Rauchen verbietet und dem Herrgott sodann für die hausgemachte Pasta dankt.

So dialektisch geht es alle zwölf Teile zu, die Arte ab heute in Doppelfolgen zeigt: Je entfesselter die geschätzt 50 Familienbanden der Mafiametropole im Kampf um Ehre, Macht und Drogen Auge um Auge, Zahn um Zahn verrechnen, desto absurder erscheint die bürgerliche Normalität, in der das große Schlachten vonstatten geht. Wobei diese Kontrastprogramm beileibe kein neues Phänomen ist: Die Dualität zwischen Gott und Teufel, Alltag und Verbrechen, Ordnung und Exzess prägte schon die Sopranos oder Breaking Bad – beide bereits zu Drehzeiten Legenden horizontal erzählten Fernsehens, die das Medium nachhaltig auf Kinoniveau gehoben und nebenbei den Typus des Schwerstkriminellen heldentauglich gemacht haben.

Zum Sympathieträger taugt auch Ciro, dank seiner erstaunlichen Überlebensfähigkeit „Der Unsterbliche“ genannt. Marco D’Amore spielt ihn ja nicht bloß als skrupellosen Handlanger des selbstherrlichen Don Pietro (Fortunato Cerlino), sondern als mitfühlenden Skeptiker mit Dackelblick und Familie, der den Verbrecher in sich immer wieder dekonstruiert. So ähnlich funktionieren auch die organisiert kriminellen TV-Kollegen Tony Soprano und Walther White – mit einem Unterschied: Trotz aller Authentizität sind es reine Kunstfiguren. In „Gomorrha“ hingegen wirkt alles echt.

Autor ist schließlich Roberto Saviano, der für den gleichnamigen Weltbestseller über die Mafia-Strukturen seiner Heimatstadt vor neun Jahren abtauchen musste und seither unter Polizeischutz im Verborgenen lebt. Nach Matteo Garrones Spielfilmversion des Dokumentarstoffes von 2008, verantwortet der 36-Jährige nun also auch die Serie und glaubt, das „kompromisslos realistische“ Ergebnis könnte „sowohl inhaltlich als auch dramaturgisch mit den besten Serien weltweit mithalten“. Und in der Tat: Anders als mehr oder minder realistische Fiktionen von Coppolas Pate bis zum 80er-Epos Allein gegen die Mafia kommt die erbarmungslose Wucht archaischer Stammesriten hier ohne publikumswirksame Romantik aus. Das Leben der Camorristi ist selten glamourös, sondern im besten Falle tragisch. Und ihre Stadt? Ein Höllenloch!

Das gesetzlose Neapel von Regisseur Stefano Selima, ein Slum ohne Wellblechhütten, ertrinkt selbst dort, wo das Gangstergeld sitzt, in Dreck, Verfall und Apathie. Die Plattenbauten gleichen Favelas. Drogen werden durch Einschusslöcher vertickt. Statt Schule trainieren Kinder Clangebräuche. Und wo es mal ein wenig glänzt, ist es der protzige Bling Bling stilunsicherer Mobster, die glauben, wenn ihr Plasmaschirm im barocken Blattgoldrahmen läuft, sei Monte Carlo näher als die Müllkippe vor der Tür. Selbst genreübliche Sexszenen, die ähnlich gestrickte Thriller sonst um ein wenig körperliche Wärme ergänzen, fehlen hier fast vollends. Das Leben im Sündenpfuhl ist ein Sterben auf Abruf.

Umso furchtbarer, dass die Serie dennoch auf einer Eskalationsstufe verharrt, die von der Gegenwart längst wieder überholt wurde. Nachdem sich die Lage in Neapel – auch infolge der weltweiten Beachtung des Buches – durch zahllose Verhaftungen alter Clanbosse entspannt hatte, wird die Stadt seit kurzem von einer beispiellosen Gewaltwelle blutjunger „Babygangs“ erschüttert, deren Brutalität jenseits aller Ehrencodizes selbst Insider überrascht. Erschrocken befürchtet Saviano einen „Camorra-Krieg“, der „nicht mehr allein den tradierten Mechanismen folgt, sondern einer Strategie des Terrors“. So detailliert Gomorrha das Dilemma einer kriminell befreiten Zone, deren Abstieg unablässig den Boden weiterer Rechtlosigkeit nährt, auch skizziert: Die Realität hat ihre Fiktionalisierung also längst überholt. Der Relevanz dieser herausragenden Serie allerdings tut das trotz dieser Differenz keinen Abbruch und ihrer Unterhaltsamkeit trotz miserabler Synchronisation schon gar nicht. Viel besser war europäisches Festlandfernsehen selten. Und deutsches noch nie.


Immer Hitler & Aktenzeichen XY

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

5. – 11. Oktober

Na da kann sich der digitale Springinsfeld LeFloid vielleicht doch noch mal was bei den analogen Althasen abgucken: Am Mittwoch zeigte Anne Will zwar noch lange nicht, wie man im Interview mit Spitzenpolitikern kontrovers Kante zeigt; falls der junge Youtuber beim Multitasking versehentlich auf einen klassischen Bildschirm gelandet ist, konnte er der ausgebildeten Journalistin aber immerhin dabei zusehen, dass zum gehaltvollen Kanzlerinnen-Interview mehr gehört als schiefe Basecap, viele Follower und das Wörtchen „absolut“ in Heavy-Rotation.

Nun haben wir aber auch genug nachgetreten auf ein Mediengewächs, das ja doch einiges richtig machen muss angesichts seiner exorbitanten Zahl an Fans, und wenden uns dem zu, was immer IMMER I!M!M!E!R! für größtmögliche Quoten, vulgo: Erregung sorgt: Hitler. So gesehen ist es bemerkenswert, dass der nicht nur im Kino grad zurück ist, sondern 2017 auch im Fernsehen. Als Titelfigur einer Serie, die Deutschlands Zeitgeschichtsmogul Nico Hofmann gemeinsam mit dem ebenfalls revisionistischer Umtriebe gänzlich unverdächtige Jan Mojto produziert. Ein bisschen bedenklicher ist da schon, dass der Mehrteiler übers Leben des Gröfaz vor der Machtübernahme von niemand seriöserem als RTL gesendet wird.

Angesichts der erstaunlichen Güte des Vorwendeagentendramas Deutschland 83 Ende November muss man zwar nicht unbedingt das Allerschlimmste befürchten; das zweitschlimmste ist aber ja auch nicht wirklich angenehm. Na lassen wir uns mal überraschen. So wie vom 1000. Tatort, dessen Ermittler gerade bekannt gegeben wurden: Maria Furtwänglers Charlotte Lindholm – zeitgenössisch verpartnert mit Axel Milberg als Kiels Kommissar Klaus Borowski. Es wird um irgendwas mit Afghanistan-Veteranen, Eifersucht, Rache gehen und soll in Anlehnung an den ersten Fall fast 50 Jahre zuvor Taxi nach Leipzig heißen, in dem Ur-Kommissar Trimmel 1970 noch die innerdeutsche Grenze übertrat.

0-FrischwocheDie Frischwoche

12. – 18. Oktober

Zuvor aber freuen wir uns, dass mit dem Dortmunder Team beinahe alle aktuellen Mörderjäger aus der Sommerpause zurück sind. Unter der Regie von Dror Zahavi, der den erschütternden Abgang von Assistentin Franziska aus Kölns Tatort zum traumatischen Erlebnis machte, stirbt in Kollaps ein kleines Mädchen an Kokain, das es aus der Sandkiste fischt, was zeigt: Man kann Kinder unterhaltsam zu Krimiopfern machen, ohne gleich die schwere Moralkeule sexueller Gewalt zu schwingen.

Das tut Aktenzeichen XY … ungelöst am Mittwoch im ZDF schon zum 500. Mal in 48 Jahren. Ein verstörendes Jubiläum, vermittelt Rudi Cernes Erbe des Formatvaters Eduard Zimmermann doch bis heute den Eindruck, Schwerverbrechen von Raubmord bis Kindesmissbrauch seien auf dem Vormarsch, was die polizeiliche Kriminalstatistik seit Jahren mit rückläufigen Zahlen widerlegt. Dem anhaltenden Erfolg des langlebigsten Denunziationsformats des Fernsehens allerdings tut das keinen Abbruch.

Eines der wenigen Verbrechen, die zurzeit geradezu sprunghaft ansteigen, dürfte dagegen auch zum Jubiläum nicht in einem der beängstigenden Einspielfilme nachgestellt werden: rassistische Gewalt, gern gegen Asylunterkünfte, die derzeit so häufiger brennen wie zuletzt 1938 Synagogen. Um über die Hintergründe aufgeklärt zu werden muss man demnach etwas länger aufbleiben, am Montag bis 22.45 Uhr, wenn das Erste Die Front der Fremdenfeinde dokumentarisch beleuchtet. Doch auch zur ARD-Primetime geht es um Abgründe der Republik, diesmal allerdings für eine Deutsche: Christiane Hörbiger, die der plötzliche Tod ihres heimlich verschuldeten Mannes aus der adretten Hamburger Mietwohnung in Windeseile unter die Brücke treibt. Das ist alles gut gemeint, aber viel zu konstruiert, weshalb Auf der Straße abermals zeigt, dass 90 Minuten selten zur schlüssigen Erzählung komplexer Einzelschicksale taugen.

Das wäre dann ein weiteres Argument für horizontale Serien, von denen diese Woche keine neue aufhorchen ließe. Bis auf Braunschlag um den Kabarettisten Robert Palfrader als windigen Bürgermeister einer österreichischen Kleinstadt, was ab Sonntag (20.15 Uhr, 3sat) aber weniger durch Dramaturgie als Aberwitz glänzt. Das dafür umso strahlender. Wie die schwarzweiße Wiederholung der Woche mit Marlene Dietrich in ihrem US-Durchbruch Schanghai-Express von 1932 als Passagierin eines Luxus-Zugs nach Peking (Montag, 22 Uhr, Arte). Der Farbtipp ist diese Woche noch gar nicht so alt, aber schon darum ratsam, weil der Bayerische Rundfunk Der blinde Fleck (Dienstag, 20.15 Uhr) zeigt. Zu reaktionäreren Zeiten hätte der Strauß-Sender die kritische Wiederaufnahme des Oktoberfestattentats garantiert nicht gezeigt. Bleibt noch die Doku der Woche: Kein Weg zurück (Dienstag, 22.25 Uhr, 3sat), ein deutscher Film über einen jungen Juden, der aus Jerusalems orthodoxer Gemeinschaft aussteigt und plötzlich spürt, was es heißt, zwischen zwei Fronten zu stehen.


Hamburg-Kolumne: Leerstand zu Wohnraum

1-Bildschirmfoto-2015-10-08-um-16.44.44Wahnsinnsstadt

Mit einem neuen Gesetz kann die Stadt Hamburg seit voriger Woche Immobilien beschlagnahmen, um Flüchtlinge unterzubringen. Fast liegt ein Hauch von Sinneswandel in der Luft, dass Leerstand weder Privatsache noch Kavaliersdelikt ist.

Von Jan Freitag

Das Grundgesetz listet bekanntlich frühzeitig ein paar fundamentale Rechte auf, die heute wie vor 66 Jahren schlichtweg nicht verhandelbar sein sollen: Gleich vorweg die unumstößlichen Schutzgüter Würde, Körper, Geist und Seele, dicht gefolgt von Freiheiten wie Glaube, Meinung, Presse, Berufswahl, solche Sachen. Bis auf Schul- und Wehrpflicht verlangen die Bürger also erstmal einiges vom Staat – der sich dann in Artikel 14, Absatz 2 endlich mal was für sich herausnimmt: „Eigentum verpflichtet“, heißt es da seltsam literarisch. Enteignungen zum Wohle der Allgemeinheit bedürften zwar einer gesetzlicher Basis bei angemessenem Ausgleich. Sie sind aber erlaubt. Grundsätzlich. Olaf Scholz weiß das gut. Von Beruf ist er Anwalt.

Nun unterstellt man Juristen wie ihm gern, dass sie am Formellen kleben wie Paragrafen im Amtsschreiben. Zumal dann, wenn sie im Haupterwerb Politiker sind. Nun allerdings hat der ernste Bürokrat im Ersten Bürgermeister, dem zwar so mancher Wahlsieg, aber auch eine eher spröde Aura zu verdanken ist, endlich sein Herz geöffnet, ohne gleich das Gesetzbuch zuzuklappen: Vorige Woche brachte der rot-grüne Senat auf Initiative von Justizsenator Till Steffen sein „Gesetz zur Flüchtlingsunterbringung“ durch die Bürgerschaft, das Behörden den rechtlichen Rahmen zur Beschlagnahme leerstehender Gewerbeflächen vorgibt.

Klingt dröge, ist explosiv.

Denn trotz des duften Gedankens der Grundgesetzväter (plus eine Mutter), Privatbesitz rein theoretisch unter die Einflussgewalt des Allgemeinwohls zu stellen, hat sich der Eigentumsschutz im Verständnis der Menschen hierzulande klammheimlich so konsequent Richtung Präambel vorgerobbt, dass dem Recht auf, sagen wir: ein eigenes Smartphone mittlerweile mehr Bedeutung beigemessen wird als dem auf, sagen wir: saubere Umwelt zulasten, sagen wir: der freien Fahrt für freie Bürger. Und mitten hinein in diese Besitzstandswahrermitte pfeffert der wirtschaftsfreundlichste Sozialdemokrat seit dem Industriefreund Wolfgang Clement plötzlich seine Idee vom Bürogebäude, das die Hansestadt vorm drohenden Winter mit all den Hilfsbedürftigen füllt, die in der globalen Dauerkrise grad ungebremst nach Hamburg getrieben werden.

Das ist zum Herzerweichen hinreißend, nicht nur aus humanitären Gründen dankenswert, macht in Zeiten, da sogar die unsägliche Bild kurz mal von rassistischer Dummheit aufs pragmatische Demut schaltet, bereits Schule in anderen Bundesländern. Und auch wenn das Gesetz  zunächst mal bis März 2017 befristet wurde, ist es weit über die kurzfristige Wiederbelebung alter SPD-Werte wie Solidarität oder Mitgefühl auch stadtsoziologisch von Belang. Schließlich steht im stinkreichen Hamburg so derart viel Gewerberaum leer (von unrentabler Altbauwohnsubstanz ganz zu schweigen), dass im Grunde ein Errichtungsstopp für Büros jeder Art geboten wäre.

Für den Anfang ganz schön

Das ist natürlich reine Fantasie; Bauen gilt ungeachtet der späteren Nutzung als Ausweis anpackenden Regierungshandelns schlechthin. Wenn aber Flüchtlinge in Gebäudebrachen einquartiert werden, könnte sich nicht nur der juristische Rahmen für sozial genutzten Privatbesitz ändern; es läge ein Hauch von Sinneswandel in der Luft, dass Leerstand weder Privatsache noch Kavaliersdelikt ist, sondern schlichtweg – hier passt dieses vergiftete Wort mal wirklich: asozial.

Dass die bürgerliche Mitte von CDU bis FDP bei derlei Eingriffen ins prall gefüllte Festgeldkonto ihrer wohlhabenden Kernklientel notorisch aufheult, kann man da als Kniesehnenreflex der Ungleichheitsverfechter getrost ignorieren: Erst, wenn Immobilienbesitz in der Freien und Abrissstadt Hamburg wirklich eine Art Allgemeinwohlgedanken entfaltet, kann es darin so was wie soziale Wärme geben. Den Flüchtlingen reicht bis dahin ein beheiztes Zimmer im enteigneten Büroblock. Für den Anfang ganz schön.

Mehr zum Thema beim Hyperlokalen Blog HH-Mittendrin


SANDY Alex G, Battles, Phela

SANDY Alex G

Wahrhaft gelungene Bilder brauchen keine goldenen Rahmen. SANDY Alex G zum Beispiel, ein junger Singer/Songwriter aus Philadelphia, nimmt seine Platten grundsätzliche nie im Studio auf, mit riesigen Soundcomputern und Synthiewänden, sondern zieht sich lieber für kurze Zeit in sein Wohnzimmer zurück und nimmt dort trüb glänzende Perlen zeitlosen Indiepops auf, der so herrlich verschroben ist, so hinreißend verspielt und zeitlos, dass man all den Bombast ringsum tatsächlich mal für eine Weile vergisst. Sechs Alben hat das DIY-Genie mit Nachnamen Giannascoli bereits derart mit viel Liebe zu disharmonischer Eleganz gefüllt, und auch das siebte hat sich seinen Titel verdient.

Es heißt Beach Club, wurde erstmals von einem richtigen Label herausgebracht und entführt uns für eine knappe Dreiviertelstunde unter die schattigen Palmen seiner hintergründig verhallenden Stimme, die von den Belanglosigkeiten des Alltags kündet und dazu Melodien über den Sand schickt, die irgendwo zwischen Weezer, Ween, Beige GT und Beck verwehen. Man kann sich das selbst dann wunderbar durch den Kopf rauschen lassen, wenn es Stücke wie Salt oder Look Out ein wenig übertreiben mit der Selbstverlorenheit des Soundtüftlers; früher oder später holen uns Wandergitarre und Powerpop zurück ins Abendrot. So schön kann Analogie sein, die ein bisschen technisch aufgemöbelt wird.

SANDY Alex G – Beach Music (Domino)

Battles

Eine Art analogen Techno hingegen mach seit nunmehr zwölf Jahren das Mathrock-Trio Battles aus Brooklyn und hat dem Subgenre in dieser Zeit ein Subsubgenre verpasst, dem weiterhin ein griffiges Label fehlt. Man könnte es Dreychno nennen, das alternative Kellerclubkinder wie die OhOhOhs ebenso in die Partyszene gespült hat wie das weltbekannte Safri Duo: Ein treibender Mix aus Schlagzeug und Keyboards, der – bei hier unterstützt vom Gitarrenvirtuosen Dave Konopka – das flächig Verspielte einer multitaskingtauglichen Midi-Orgel mit dem Druck filigraner Drums vereinigt.

http://www.vevo.com/watch/GB5171500250

Für letztere ist auch auf dem dritten Album La Di Da Di Ian Williams zuständig, für ersteres kein Geringerer als John Stanier, einst Taktgeber der Hardcore-Legende Helmet. Seine maschinell präzisen, quicklebenden Beats geben den zwölf instrumentellen Tracks eine Beredsamkeit, die den abgesprungenen Sänger Tyondai Braxtens abermals vergessen macht – scheint das peitschende Tastenstakkato doch förmlich mit Staniers Rhythmik zu reden. Live ist das ein wahres Erdbeben, auf Platte immerhin markerschütternd.

Battles – La Di Da Di (Warp)

Phela

Das exakte Gegenteil von Markerschütterung ist hingegen Phela, der neue Stern am deutschen Pophimmel engelsgleicher Frauenstimmen im Blumenkleid süßen Easy Listenings. Mit streng analogem Instrumentarium, vorwiegend auf selbstgespieltem Klavier beschränkt, haucht das 25-jährige Rehkitz mit den süßen Wuschellocken Alltagspoesie in die Neuköllner Szeneviertelstadtluft, der jeder Protz und Prunk, alles Überflüssige, Aufdringliche, Selbstgefällige grundsätzlich fehlt.

Mit gänzlich ungekünstelter Stimme singt dieses spätgeborene It-Girl der Sarah-Kay-Ära auf ihrem Debütalbum Seite 24 von Farben, die sie sieht, von Schwere, die sie los wird, von Liebe, die mal leiser wird, mal lauter, von Kopf und Bauch, die sich in skeptischer Zuneigung beäugen. Das ist zwar Caféhauspop für Brigitte-Leserinnen ab 40, aber mit der Ausstrahlung eines Duetts von Edith Piaf und Judith Holofernes: bisschen altbacken, stets aufrecht und klug. So oder so klingt das tausendmal ehrlicher als die verlogenen Gefühle der ähnlich mitteilsamen Frida Gold. Hoffentlich klaut sie der was von ihrem Erfolg.

Phela – Seite 24 (Sony)

 


Roberto Saviano: Mafia-Jäger & Gejagter

Roberto_SavianoNichts ist ein Leben wert!

Vor zehn Jahren sorgte Roberto Savianos Tatsachenbericht Gomorrha über die Mafia seiner Heimatstadt Neapel weltweit für Furore – und trieb den Journalisten aus Angst vor Rache in den Untergrund. Von dort aus führt der 37-Jährige (Foto: P’tasso) den Kampf gegen die Camorra seither unerschrocken fort. Etwa mit dem Drehbuch zur gleichnamigen Fernsehserie (ab heute, donnerstags, 21 Uhr, Arte). Ein exklusives Gespräch über Leben, Arbeit, Furcht im Verborgenen für alle Welt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Roberto Saviano, Sie sind jetzt seit fast zehn Jahren auf der Flucht vor der Mafia, führen eine Existenz im Untergrund, permanent unter Polizeibewachung. Was für eine Art Leben ist das?

Roberto Saviano: Nennen wir es mal vorsichtig: ein ungeheuer kompliziertes. Vor allem der Alltag, ganz gewöhnliche Dinge, die für andere selbstverständlich sind, geraten schließlich bei mir zur Besonderheit. Man muss grundsätzlich jede Tätigkeit weit im Voraus planen, jeden kleinen Spaziergang, jedes Arbeitsessen, jede Reise, von der Arbeit mal ganz zu schweigen…

Ein großer Teil von der besteht nach wie vor darin, investigativ über die Mafia und ihre Verstrickungen in alle Teile der Gesellschaft zu berichten. Wie funktioniert das, wenn man sich nicht wie andere Journalisten einfach mit Gesprächspartnern treffen und Informationen sammeln kann?

Zunächst darf man „investigativ“ nicht damit verwechseln, als Ermittler tätig zu sein. Ansonsten lese ich Prozessakten und Mitschnitte abgehörter Telefonate, spreche mit Mitarbeitern der Polizei oder der Justiz, formuliere also meine Interpretationen.

Mit welchem Ziel?

Dem Versuch, ein Gesamtbild zu entwerfen und anhand dessen schlüssig nachzuvollziehen, was da draußen wirklich geschieht. Dazu setze ich unzählige Puzzleteile nebeneinander, die ein anderer so womöglich nicht kombinieren würde und suche dabei nach den Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden.

Eine dieser Geschichten ist die dokumentarische Mafia-Studie „Gomorrha“, wegen der Sie 2006 letztlich abgetaucht sind. Waren Sie auch am Zustandekommen der aktuellen Serie so intensiv beteiligt wie am vorherigen Film?

Selbstverständlich, das Sujet stammt ja von mir und ich war in allen Phasen der Arbeit am Drehbuch beteiligt. Das ist definitiv auch meine Serie.

Und sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Ja, unbedingt sogar. Ich finde das Ergebnis geradezu umwerfend. Die Serie ist qualitativ ungemein hochwertig und dabei kompromisslos realistisch. Aus meiner Sicht kann das Produkt mit den besten Serien weltweit mithalten – sowohl inhaltlich als auch dramaturgisch.

Meinen Sie, so eine Fernsehserie hat die Kraft und den Einfluss, reale Geschehnisse wie den Kampf gegen kriminelle Parallelgesellschaften zu beeinflussen?

Ich bin mir zwar nicht so sicher, ob solch eine Fernsehserie darauf wirklich konkret Einfluss nehmen kann. Sie wird allerdings gewiss dazu beitragen, beispielsweise die Dynamik einer derartigen Fehde zwischen rivalisierenden Clans verständlich zu machen. So könnte sie dabei helfen, dass Außenstehende ein wenig besser begreifen, wie kriminelle Organisationen denken, handeln und vor allem: wie sie den Staat in manchen Gebieten der Welt mehr oder weniger vollständig ersetzen.

Was Ihre Heimatstadt Neapel derzeit abermals belegt, wo sich nach einer Phase relativer Ruhe infolge vieler Verhaftungen alter Clanchefs zurzeit junge Camorra-Mitglieder in aller Öffentlichkeit blutige Auseinandersetzungen liefern.

Die so genannten Baby-Gangs.

Ist deren Brutalität und Alter eine neue Qualität?

Absolut. Das ist gewissermaßen das neueste Phänomen einer gewohnten Situation. Aus meiner Sicht kommt da tatsächlich eine Art neuer Camorra-Krieg auf uns zu, der nicht mehr allein den tradierten Mechanismen folgt, sondern einer Strategie des Terrors. Das macht selbst mich betroffen, der sich sein halbes Leben lang mit der Mafia beschäftigt.

Kann man das Schreiben darüber als Therapie bezeichnen, die Ihnen auch ein Leben im Verborgenen ein bisschen erträglicher macht?

Was die Mafia insgesamt betrifft, womöglich schon. Aber das gilt auf keinen Fall für mein derzeitiges Leben im Verborgenen. Dafür gibt es keine Therapie.

Sie waren gerade mal Mitte 20, als ein Abtauchen unumgänglich wurde. Wie lange kann man nach menschlichem Ermessen ein Leben unter Polizeischutz an ständig wechselnden Orten fern von Familie, Freunden und einem ganz gewöhnlichen Alltag führen?

Also falls Sie meinen, wie lange ich all dies hier noch persönlich ertragen kann: Nun, ein Leben, wie ich es zurzeit führe, ist in der Tat so voller Bitterkeit, dass ich auch die Erfolge oftmals gar nicht als solche wahrnehmen und wertschätzen kann. Glauben Sie mir: Wenn ich es könnte, würde ich die Zeit zurückdrehen, da bin ich mir ganz sicher.

War es das alles dennoch wert?

Auf keinen Fall! Nichts ist ein Leben wert, nichts ist es wert, den eigenen Seelenfrieden zu verlieren. Und dennoch ist mir klar, dass dieser Verlust womöglich manchmal der Preis dafür ist, dass man etwas Bleibendes schafft, was anderen Menschen dient. Ich jedenfalls habe ihn gezahlt und werde ihn wohl auch weiterhin zahlen.

Werden wir – das Publikum, die Öffentlichkeit – für diesen Preis denn demnächst ein neues Buch von Ihnen erhalten, womöglich gar etwas, das wieder zum Verfilmen taugt?

Ich arbeite natürlich an einigen Projekten. Aber eine neue Fernsehserie ist sicher mit dabei.

 


Tatort Verbrannt: Rassismus & Korpsgeist

VerbranntDie Wahrheit der Dichtung

Verbrannt ist nicht nur ein exzellenter Tatort. Der reale Fall eines getöteten Asylbewerbers in Polizeigewahrsam am kommenden Sonntag (Foto: NDR) verweist auch auf jene Kraft, die Fernsehen noch immer auf öffentliche Debatten haben kann.

Von Jan Freitag

Große Ereignisse, sagt man, werfen ihre Schatten voraus. Doch das Sprichwort wegweisenden Weltgeschehens muss dringend erweitert werden. Denn mehr noch als Schatten werfen große Ereignisse Drehbücher voraus, Vorlagen künftiger Spielfilme, die – das zeigen zuletzt gleich zwei Filme zum Fall Hoeneß – nicht mal mehr den Ausgang des Ereignisses abwarten. Der Prozess gegen Beate Zschäpe etwa nahm erst richtig Fahrt auf, da stand Lisa Wagner bereits als NSU-Braut vor der ZDF-Kamera. Die Alpen lagen voller Germanwings-Trümmer als Autor Benedikt Röskau schon eifrig an seiner Katastrophentragödie Blackbox Mensch schrieb. Auch der Anschlag auf Charlie Hebdo ist Teil mehrerer Dramenprojekte, von der aktuellen Flüchtlingsflut ganz zu schweigen. Verglichen damit hat die ARD fast getrödelt, wenn Sonntag ihr politischster „Tatort“ seit langem läuft.

Er handelt vom afrikanischen Asylbewerber Oury Jalloh, der 2005 im Gewahrsam einer Jenaer Polizeistation verbrannt war. Obwohl der Vorwurf des Mordes durchs wachhabende Personal bis heute im Raum steht, wurde (nach zwischenzeitlichem Freispruch) einzig der Dienststellenleiter zu lachhaften 120 Tagessätzen wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Auf Initiative des NDR rückt dieser Skandal einer an Skandalen keineswegs armen Exekutive nun abermals ins kollektive Bewusstsein. Und er wird dort Spuren hinterlassen. Tiefe Spuren.

Zum einen, da ihn Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller im letzten Fall derart eindrücklich zum Leben erwecken, dass nicht nur ideologisch wachsame Zuschauer 90 Minuten körperlich mitleiden: Bei der Observation angeblicher Flüchtlingsschlepper verprügelt Kommissar Falke einen unschuldig verdächtigten Afrikaner, der sich sodann in Haft einer angrenzenden Polizeiwache selbst verbrannt haben soll, was weder der reumütige Falke noch seine Kollegin Lorenz glauben und damit am rassistischen Korpsgeist der beteiligten Beamten abprallen.

Ein tiefgründiger, bewegender, glaubhafter, brillant gespielter Fall – der allerdings auch deshalb für Furore sorgen könnte, weil das Leitmedium dank seines unwiderstehlichen Drangs zur Faktenfiktionalisierung zusehends den Part einer soziokulturellen Paralleljustiz übernimmt, der die Nachrichtenlage spielerisch nachverhandelt. Wenn sich der rassistische Sumpf einer namenlosen Kleinstadt bei Hamburg ausgerechnet da auftut, wo doch Recht und Ordnung herrschen sollte, könnte es also über den Abspann hinaus Diskussionsbedarf geben. Und Günther Jauch dürfte – falls kein neues Dokudramenthema in spe die Tagesschau dominiert – über straffällige Gesetzeshüter talken.

Debatte dank Entertainment – mehr konnten sich Regisseur Thomas Stuber und sein Autor Stefan Kolditz (Dresden) vom Krimiformat kaum erhoffen. Oder doch? Daniel Harrichs journalistisch recherchierte ARD-Dramen zum Oktoberfest-Attentat und illegalen Waffenhandel hatten zuletzt nicht nur gute Quoten, sondern juristische Folgen: Hier die Neuaufnahme der Ermittlungen nach 30 Jahren Justizblindheit. Dort eine aktuelle Stunde im Bundestag nebst Öl ins Feuer derer, die Deutschlands Militärindustrie im Ganzen verteufeln.

Wenn Fernsehen mit Rückgrat, Leidenschaft, Wahrheitsliebe gemacht ist, hat es also noch immer die Kraft zur Veränderung. Als besorgte Ruhrpott-Bewohner 1973 zu Tausenden beim WDR anriefen, ob der Smog in Wolfgang Petersen berühmtem Fernsehspiel echt sei, hatte das zwar wie einst bei Orson Welles‘ Radio-Invasion Außerirdischer viel mit medialer Unreife zu tun, gab der jungen Öko-Bewegung aber einen kräftigen Schub. Vier Jahre später musste der BR den zarten Spross homosexuelle Gleichberechtigung noch durch ein Sendeverbot des Schwulendramas Die Konsequenz düngen, bis Holocaust belegte, wie viel das Fernsehen zu echtem Wandel beitragen kann. Der US-Vierteiler war ja nicht nur ein Straßenfeger; er machte das Thema Nationalsozialismus (erneut gegen den erbitterten Widerstand des damaligen BR-Fernsehdirektors Helmut Oeller) endgültig massentauglich.

Solche Eruptionen einer Ära, als die halbe Nation vor ein und demselben Sender saß, sind im Zeitalter zergliederten Medienkonsums kaum noch möglich. Doch Filme wie „Contergan“, den der verantwortliche Pharmakonzern Grünenthal 2007 bis vorm Verfassungsgericht stoppen wollte, oder das Scientology-Drama „Bis nichts mehr bleibt“, dem die inkriminierte Sekte drei Jahren später wütend zu Leibe rückte, zeigen, wie viel Wahrheit zuweilen in Fiktion steckt. Und da ist noch nicht mal vom Trend die Rede, die Wirklichkeit mit Scripted Reality oder Living History so zu inszenieren, dass sichtbare Unterschiede verwischen.

In Tatort: Verbrannt, der wegen seiner Strahlkraft vorab im Kino lief, verwischt wenig. Alles ist real und nichts, kein Fakt erfunden und jeder. Braune Bullen, krimineller Korpsgeist, interkulturelle Sprachlosigkeit hat sich Stefan Kolditz zwar nur ausgemalt, aber sein Bild ist reiner Fotorealismus. Fernsehen das bewegt. Und verändert. Hoffentlich.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-IrieIrie Révoltés – Jacko & Bad

Wie kann man das Geräusch anstoßender Bierflaschen wohl am Besten verschriftlichen? Kling oder Klong? Ich bespreche dieses Thema ausführlich mit Carlito und Mal Èlevé. Irgendwie ist es uns wichtig. Schließlich gehört dieses Geräusch zu dieser Kolumne wie das hüpfende Herz beim Gedanken an die Lieblingsplatte. Wir probieren etwas herum und einigen uns auf Kling. Also: Kling, kling…kling! Die Brüder sind Sänger von Irie Révoltés. Mit ihrer Mischung aus Reggae, Ska und HipHop bringt die Band auf ihrer Deutschlandtour zur Zeit ihr Publikum ins Schwitzen. Mindestens genauso auffallend wie die Live-Auftritte der Gruppe ist aber ihr soziales Engagement. Seit der ersten Stunde engagieren sie sich für Viva conAgua und verwirklichen auch eigene soziale Projekte. Was für Musik hört so ein Musiker, der seine eigene Arbeit gerne mit politischen Inhalten füllt, wohl privat?

Interview: Marthe Ruddat

Carlito: Wir haben uns wirklich viele Gedanken über dieses Thema gemacht! Wir wollen ja schließlich irgendwie auch die Band repräsentieren. Das ist bei acht Leuten gar nicht so leicht. Irgendwie kommen wir alle aus verschiedenen musikalischen Richtungen, obwohl HipHop eine Schnittmenge ist. Aber das wäre doch sehr einfach, und deshalb haben wir uns überlegt, noch weiter zurück zu gehen. Wir gehen also ganz an den Anfang vom Anfang und sprechen über das Album, was uns für die Musik begeistert hat. Und da sind wir dann bei Bad von Michael Jackson.

Bad war das siebte Studioalbum von Michael Jackson. Als Nachfolger von Thriller war es weltweit ebenso erfolgreich und wurde bis heute mehr als 45 Millionen mal verkauft. In Deutschland gab es allein von neun der elf Lieder Single-Auskopplungen.

Marthe: Ach. Also damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet!

Carlito: Genau, damit rechnet bei uns irgendwie niemand. Auch deshalb haben wir uns für dieses Album entschieden. Und wir haben einfach viele Geschichten darüber zu erzählen.

Mal Élevé: Es gibt einfach kein Album, was die Musik der Band geprägt hat. Deshalb haben wir uns für eine Platte entschieden, die uns musikalisch motiviert Badhat.

Jetzt bin ich natürlich neugierig auf die Geschichten!

Mal Élevé: Bad erinnert uns sehr an unsere Kindheit. Wenn wir unsere Familie in Frankreich besucht haben, dann haben wir auch immer unsere Cousins getroffen.

Carlitos und Mal Élevés Vater ist Franzose. Irie Révoltés texten nicht nur auf Deutsch, sondern auch Französisch.

Mal Éleve: Und obwohl wir alle unterschiedliche Musik mochten, fand doch jeder dieses Album gut. Wir haben uns zusammen immer Konzerte vorgestellt. Ich weiß noch: Damit es sich wirklich anfühlt wie ein Konzert, haben wir uns in Frankreich ins Auto gesetzt und unfassbar geschwitzt. Wie auf einem Konzert halt. Später haben wir uns auch Tanzschritte zu den verschiedenen Liedern ausgedacht.

Also war es eher so eine Art Urlaubsmusik?

Carlito: Nein, das nicht. Ich habe das Album rauf und runter gehört. Beim Hausaufgaben machen stand der Kassettenrekorder immer neben mir. Und die Bad immer auf Schleife. Mit dem Kassettenrekorder konntest du nicht einfach das nächste Lied anmachen.

Gab es trotzdem ein Lied, bei welchem Du vorgespult hast?

Carlito: Den Just Good Friends fand ich nicht so geil. Eigentlich finde ich ihn heute immer noch nicht gut. Aber ich glaube Michael Jackson fand den selber scheisse. Der Song ist eigentlich nur auf dem Album, weil das so schon mit Stevie Wonder abgemacht war.

Marthe1Just Good Friends ist eines von zwei Liedern auf dem Bad-Album, das nicht von Michael Jackson selbst geschrieben wurde. Das andere ist Man In The Mirror. Just Good Friends wurde nur einmal von Michael Jackson und Stevie Wonder live präsentiert worden.

Ihr habt vorhin von musikalischer Motivation gesprochen. Was genau hat Euch an dem Album motiviert, selbst Musik zu machen?

Carlito: Wir waren später auf ein paar Konzerten von Michael Jackson. Die waren wirklich sehr beeindruckend. Da wurde ja tatsächlich die reinste Popmusik gespielt und trotzdem sind alle gesprungen! All diese Konzerte hatten einen riesengroßen emotionalen Faktor. Da steht dieser Typ mit seiner Popmusik auf der Bühne und versprüht so viel Energie, dass alle hüpfen und springen. Ich glaube mich hat das schon insofern beeinflusst, als dass ich mir wünsche, dass auf unseren Konzerten auch eine springwütige Energie herrscht.

Mal Élevé: Tatsächlich war dieser Einfluss total lange gar nicht präsent. In der Anfangszeit von Irie Révoltés waren ganz andere Alben und Musikrichtungen präsent. Aber wir glauben schon, dass die Bad uns unterbewusst dazu motiviert hat den Leuten eine mindestens genauso tolle Zeit auf Konzerten zu bereiten, wie wir sie bei Michael Jackson erlebt haben.

Carlito: Wenn man mal drüber nach denkt ist es irgendwie auch witzig, das sowohl wir, als auch unser Cousin etwas mit Musik machen. Und wir saßen alle zusammen schwitzend in diesem Auto…

Habt ihr ein Lieblingslied auf dem Album?

Carlito: Nee, das war eher phasenweise. Smooth Criminal war aber schon immer weit vorne. Heutzutage finde ich Dirty Diana am geilsten. Der ist musikalisch einfach toll und wirkt nicht so gewollt und überproduziert wie manch anderer Song. Heute ist das mein Lieblingssong. Früher war das eher abhängig von den Musikvideos, die gerade aktuell waren. Und dann war da ja auch noch der Moonwalker.

 

Dirty Diana

You’ll never make me stay / So take your weight off of me.

I know you’re very move / So won’t you just let me be.

I’ve been here times before / But I was too blind to see,

That you seduce every men / This time you won’t seduce me.

She’s saying that’s ok / Hey baby do what you please

I have the stuff that you want / I am the thing that you need.

She looked me deep in the eyes / She’s touchin’ me so to start

She says there’s no turnin’ back / She trapped me in her heart.

Dirty Diana, oh…

 

Ihr wart schon ziemlich krasse Fans…

Carlito: Klar, wir waren die totalen Fans! Wir haben uns damals ein Zimmer geteilt und alles war voll mit Michael Jackson. Der war auch einfach ein Superstar. Und uns hat mit seiner Energie einfach total gepackt! Die Texte waren ja egal, die haben wir ja eh nicht verstanden.

Ihr covert ja eigentlich nicht. Wie wäre es mit einer Premiere mit Dirty Diana?

Mal Élevé: Früher haben wir bei den Proben auf Tour gerne mal gecovert und dann gefreestyled. Manchmal sind da ganze Songs entstanden. Aber heute machen wir das gar nicht mehr so.

Carlito: Aber Dirty Diana als Ragga-Song wär mal ziemlich legendär! Darüber müssen wir mal ernsthaft nachdenken…

Irie Révoltés sind gerade mit ihrem gleichnamigen Album auf Tour. In Hamburg kann man sich am 14. Oktober in der Großen Freiheit von den Live-Qualitäten der Band überzeugen.


Tiefdruckgebiete & Klischemüllkippen

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

28. September – 4. Oktober

Der Frühherbst ist gerade zum Eierlegen. Altweibersommer, nennt sich die heiter bis wolkige Wetterlage, was eher botanischen als sexistischen Ursprungs ist, doch das nur am Rande. Meteorologen der alten Schule hätten da konstanten Hochdruckeinfluss vermeldet, doch seit Jörg Kachelmann die Prognose revolutioniert hat, nennt man sowas eher „Sonne satt mit Blumenkohlwolken“, also ungefähr wie das, was seit Mittwoch nach einer langen Leidenszeit im populistischen Würgegriff der Springer-Presse auch über seinem eigenen Kopf herrscht: Da sie für ihre aberwitzige Vorverurteilungskampagne im Vergewaltigungsprozess gegen den später freigesprochenen Wetterpropheten zu 650.000 Euro Schadensersatz verdonnert wurde, hängt überm Boulevard hingegen ein kurz mal ein Tiefdruckgebiet.

Das allerdings ist bei weitem nicht dem zähen Bodennebel vergleichbar, der die Sicht des Prozessgewinners dank publizistischer Dreckschleudern wie der Bild wohl lebenslang eintrüben dürfte, so sehr wie sein Ruf ruiniert ist. Dunkle Wolken hängen auch überm deutschen Feuilleton insgesamt: Hellmuth Karasek ist tot, und das ist wirklich mal ein Verlust für den Journalismus. Der Literaturkritiker  hat dank seiner popkulturellen Grandezza schließlich nicht nur die Hochkultur von Teilen ihrer selbstgerechten Arroganz befreit; im Literarischen Quartett gelang ihm von 1988 an 13 Jahre etwas, das heutzutage schlichtweg unmöglich erscheint: Lesefaule für Bücher zu begeistern, und sei es nur, weil sie der spaßliberalen Rampensau aus Hamburg gern dabei zusahen, wie sie genüsslich mit dem konservativen FAZ-Tier Reich-Ranicki aneinander rasselte.

Da ist es mehr als einer Randnotiz wert, dass die aktuelle Fortsetzung der berühmten Buchkritikrunde ausgerechnet am Tag nach Karaseks Tod aufgezeichnet wurde. Wie wenig sie ans Original heranreicht, darf man seinen blutjungen Nachfolgern indes nicht vorwerfen; die Zeiten sind halt andere. Feuilletonistische Alphatiere der Art Reich-Ranickis sterben aus. Maxim Biller müht sich zwischen Christine Westermann und Volker Weidermann redlich, dem Furor seines Urahnen nachzueifern.

0-FrischwocheDie Frischwoche

5. – 11. Oktober

Und das Fernsehen leidet ja auch nicht am Mangel guter Kulturformate; sie werden nur meist versteckt. Weshalb das famose Nachwuchsteam von aspekte Freitag vor zwölf läuft, bevor Böhmermanns Neo Magazin Royale die Geisterstunde bereichert. Debiler Stumpfsinn wie die kriminalistische Klischeemüllkippe Inspektor Jury indes kriegt vom ZDF leichten Herzens die Mittwochs-Primetime, während Staffel 4 der grandiosen Girls tags zuvor zur ZDFneo-Mitternacht verschwindet oder das spannende Spin-Off von Roberto Savianos Mafia-Erzählung Gomorrha ab Donnerstag zwölfmal Asyl bei Arte (21 Uhr) kriegt, gefolgt von Dein Wille geschehe, dem hochgelobten Achtteiler um fünf Priesteranwärter in einem französischen Kloster, der trotz des freudlosen Orts Heiterkeit verströmt. Das gilt auch für die preisgekrönte BBC-Serie Call the Midwife mit Vanessa Redgrave als eine von vier neuen Hebammen in einem englischen Nonnenstift, der Frömmigkeit zuweilen sehr weit auslegt.

Auch die weiteren Lichtblicke der Woche werden im Sog öffentlich-rechtlicher Angebotspolitik an den Aufmerksamkeitsrand gedrängt. Sketch History etwa, in dem Comedians wie Matthias Matschke und Bastian Pastewka Geschichte aller Epochen als putzige Clipshow mit etwas Hintersinn vermitteln, schafft es immerhin ins ZDF, aber erst nach der heute-show. Das hinreißende Flamenco-Märchen Blancanieves um eine Gruppe kleinwüchsiger Matadoren dagegen läuft am Montag um 21.50 Uhr auf Arte, wo es nicht nur wegen der Musik, sondern mehr noch der schwarzweißen Ästhetik zum Niederknien anregt.

Apropos: Die Wiederholung der Woche namens Die Schuldigen ist nicht nur wegen ihrer schwarzweißen Knisteroptik sehenswert, sondern mehr noch, weil die Story eines italienischen Staatsanwalts, der 1957 nach einem Tankstellenüberfall seinen eigenen Sohn anklagt, zeitlos beeindruckt. Weniger beeindruckend als zum Brüllen komisch ist unverdrossen der farbige Wochentipp Zoolander (Freitag, 20.15 Uhr, ZDFneo) mit Ben Stiller und Owen Wilson als strunzblöde Supermodels im Streit um den besten Look. Und weil die ARD diesmal leicht unterrepräsentiert ist, empfehlen wir als Dokuratschlag an dieser Stelle die ganze Themenwoche mit ihrem reichhaltigen Sachfilmangebot zum zeigemäßen Sujet Heimat.