Arte-Doku: Bahnhofskinos

Voodoo, Sex und Raimund Harmstorf

Bahnhofskinos gehörten einst zur City wie die Gleise selbst. Doch Mitte der Achtziger fielen sie VHS und RTL zum Opfer, die den Trash des BaLi ins Wohnzimmer holten. Eine Arte-Hommage feiert dieses Cinema Bizarre (Online in der Mediathek), das weit mehr ist, als ein Kuriositätenkabinett.

048647-000_1994116_32_202Von Jan Freitag

An Sex’n’Drugs’n‘Rock’n‘Roll – Ältere müssen sich das erst in Erinnerung rufen, um Jüngeren davon zu berichten – kam man mal nur schwer heran in der frisch zwangsdemokratisierten Republik. Auf Leinwand lief bunte Betulichkeit, am Bildschirm Biedermeier in schwarzweiß. Exzesse waren unschicklich, Homosexualität und freie Liebe gleich ganz verboten, Frau und Kind zu schlagen schon weniger, sofern es daheim erfolgte, was es landauf landab munter tat, im Alkoholdunst einer sternhagelvollen Männerwelt.

Die kampfesmüde, gewaltbereite, sittenstrenge Nachkriegsgesellschaft hatte zweifelsohne ein merkwürdiges Verhältnis zu Befriedigung, Rausch und körperlichem Zwang. In dieser Atmosphäre wurden Ausschweifungen jeder Art zwar gern aus den Augen aus dem Sinn verbannt, allerdings ausgerechnet dorthin, wo es jeder deutlich sehen konnte: Ins Bahnhofskino. Auferstanden aus den Ruinen innerstädtischer Infrastruktur, um Reisenden das Warten zu verkürzen und nebenbei die umliegenden Neubaukomplexe zu finanzieren, wurde in gleisnahen Lichtspielhäusern rund um die Uhr das gezeigt, was Durchschnittsbürgern ansonsten meist verborgen blieb.

Was genau das war, weshalb es die bürgerliche Mitte gleichermaßen abstieß und anzog, wie derart anrüchige Abseiten der ästhetischen Norm inmitten ordentlich gefegter Ortskerne überlebten und was ihr schleichender Tod über unsere Gegenwart zu sagen hat – darüber klärt eine der zauberhaftesten Dokumentationen auf, die das laufende Fernsehjahr bislang zu bieten hatte. Sie heißt Cinema Bizarre und beschreibt das versunkene Reich der Bahnhofs-Lichtspiele, deren Kürzel „BaLi“ einst an kaum einer größeren Haupthaltestellenfassade zwischen Kiel und München, Braunschweig und Köln fehlte. Versehen mit einer Liebe zum Objekt, als säße das Publikum persönlich im samtroten Gestühl.

Und sähe davor obskure Streifen in Endlosschleife, deren Titel allein schon pures Entertainment sind. Die nackten Superhexen vom Rio Amore, Der Totenacker der Knochenmänner, Nackt und zerfleischt – ohne mit der faltigen Wimper zu zucken verliest Gertrud Sonnenberg, die seit 1959 in einem der fünf letzten von ehemals 30 BaLis sitzt, im blauen Kittel das Programm früherer Tage und eröffnet ein quietschbuntes Panoptikum aberwitziger Filmtrashkunst, das weit mehr sein will als nur nostalgisches Kuriositätenkabinett.

Regisseur Oliver Schwehm, der schon mal einen schwarzweißen Thementag auf Arte verantwortet hat und die Hommage Winnetou darf nicht sterben, begnügt sich nämlich nicht mit der Historisierung eines Stücks deutscher Kinogeschichte; gemeinsam mit Kollegen und anderen Cineasten wie Wolfgang Niedecken oder der tabakrauen Tatort-Staatsanwältin Mechthild Großmann, schildert er den Weg von der kriegsversehrten über die formierte zur multimedialen Gesellschaft von heute am Beispiel dieser Schmuddelecken der Aufmerksamkeitsindustrie.

Wie sie vorm Siegeszug des Fernsehens zunächst als unterhaltsames Informationsmedium zwischen Wochenschau und Tierdoku fungierten, mit dem man sich vorm Anschlusszug die Zeit vertrieb. Wie sich beide Genres bald zum „Mondo-Film“ vereinten, der bizarre Randlagen gewöhnlicher Nachrichten zu exotischen Phantasmagorien aus Sodomie, Voodoo und Schamanenkult verdichtet. Wie derart halbdokumentarischer Alltagshorror das Rattenrennen um die Zuschauergunst einläutete, in dem jede Erregungskurve rasch von der nächsthöheren übermalt werden musste – zunächst mit Abenteuer, Action, etwas Grusel. In den zügellosen Sixties ergänzt um Sex- und Gewaltphantasien, die sich ab Mitte der Siebziger immer „härter, brutaler, teilweise fast pervers gegen das Fernsehen stemmten“, wie der Filmhändler Kai Nowak Arte erklärt.

Es war die Zeit der maximalen Sogwirkung des Bahnhofskinos, begleitet vom unaufhaltsamen Niedergang. Denn die Radikalisierung der Extreme, vom augenzwinkernd bewunderten C-Movie-König Uwe Boll wunderbar beiläufig am Beispiel filmtechnisch akkurat zerteilter Köpfe skizziert, sorgte in Form krasser Frauenknast- und Splatterfilme für den endgültigen Abschied vom Mainstream Richtung Nerds, vornehmlich männlichen. Es war also nicht mehr nur zeitgenössischer Gangsterquatsch mit René Weller, Bruce Lee, Raimund Harmstorf, über den sich sein Epigone Ben Becker herrlich biegt vor Lachen und Ehrfurcht. Auch gelegentliche Kunstfilme von Pasolini bis Ferreri konnten das ramponierte Image nicht mehr aufmöbeln. Jetzt waren die Bahnhofskinos endgültig Blut, Kotze, Sperma – und halfen somit ungewollt bei der Glattrasur des Antlitzes deutscher Städte mit.

Als VHS und Privatfernsehen vor rund 30 Jahren die Grundversorgung filmischen Irrsinns ins Wohnzimmer delegierten, nahm ja parallel auch das Fahrt auf, was später Gentrifizierung heißen sollte. Allerorten wurden die Bahnhofsviertel blank geputzt, ein Prozess, der nicht nur architektonisch oft kühne Schalterhallen früherer Jahrzehnte durch seelenlose Shoppingmalls im glasstählernen Einheitslook ersetzte; von den Gleisen aus startete das Milliardenprojekt Aufwertung auch in umliegende Wohnviertel, wo seither alles Trashige geschliffen wird, bis Investorenträume die letzten Ureinwohner aus dem Stadtkern verdrängt hat.

Das ist die traurige, aber wahre Geschichte von Cinema Perverso. Die schaurige, aber schöne hingegen ist ein Film, der hinreißend im ganzen Spektrum kinematografischen Schaffens schwelgt, zwischen „Bummsfilm und Kunstfilm“, wie es der Horrorfilmer Jörg Buttgereit beschreibt. Herzzerreißend nostalgisch, zum Niederknien absurd. Die ganze Welt des Kinos, komprimiert auf 60 Minuten Arte.

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