Mark Wahlberg: Hollywood & Arbeiterspirit

Ich ziehe mein Ding durch

Madata(1)rk Wahlberg (Foto: ZDF/Alan Markfield) ist erkältet, also kein Handshake, „sorry, Sir“. Dabei hätte man zu gern den Griff des Muskelbergs mit Jungslächeln getestet, der es aus dem Ghetto zur Oscar-Nominierung gebracht hat. In Berlin redet er über einen gefallenen Cop im Politthriller Broken City (Montag, 9. November, 22.15 Uhr, ZDF), der als Detektiv in den Korruptionssumpf des Bürgermeisters (Russell Crowe) gerät. Die Story des aufstehenden Exhelden passt zu Wahlberg, der 1971 als jüngstes von neun Kindern in Boston geboren erst kriminell und dann über den Umweg des rappenden Unterwäschemodels Marky Mark zum Hollywoodstar wurde, der zwischen Goldener Himbeere und Golden Globe pendelt. Bekannt wurde er als Pornostar in Boogie Nights, berühmt als Schatzsucher in Three Kings, zuletzt brillierte er in an der Seite des lebenden Teddys Ted mit miesen Manieren. Nun also ein Drama, das er wie so oft selbst produziert hat

Interview: Jan Freitag

Mark Wahlberg: Schön Sie zu sehen, Sir, ich hoffe, es geht Ihnen besser als mir; ich bin sehr erkältet.

freitagsmedien: Danke, mir geht’s gut. Zumal es ein besonderer Moment ist, den Mann zu treffen, den ich als Jugendlicher so gehasst habe.

Bitte?! Wofür denn?

Weil Sie Anfang der Neunzigerjahre mit ihren Muskelbergen das Gegenteil von süß waren, und alle Mädchen um mich herum Sie trotzdem genau das fanden.

Tja, ich kann gut verstehen, dass es blöd ist, wenn die Mädchen in einem Umfeld ständig von anderen schwärmen, aber das können Sie mir doch nicht persönlich anlasten (lacht).

Keine Sorge, ich weiß ja auch, woran das lag.

Woran?

An ihrem Stirnrunzeln.

Wirklich?

Diese Mischung aus hart und verschmitzt fanden alle niedlich, noch heute – fragen Sie mal all die Journalistinnen vor der Tür, mit denen Sie gerade geredet haben. Wie viele Arten, die Stirn zu runzeln, haben Sie genau?

Oh, da fragen Sie definitiv den Falschen. Ob Sie’s glauben oder nicht: ich verbringe nur wenig Zeit vorm Spiegel, weil ich mich einfach nicht so gern selber sehe. Haben Sie sie gezählt?

In Broken City müssen es Hunderte sein, egal ob Sie nett sind oder sauer, nachdenklich und gelangweilt. Ist das so eine Art Trademark von Ihnen, ein Alleinstellungsmerkmal?

Zumindest kein kalkuliertes. Ich glaube, es gibt viele Schauspieler, auch Nicht-Schauspieler, die besonders bemerkenswerte oder anziehende Eigenschaften an sich herausstellen; so ticke ich nicht, nicht mehr. Ich bin einfach ich und ziehe mein Ding durch; sobald man zu sehr darüber nachdenkt, kriegt man Probleme mit der Selbstwahrnehmung und wird jemand anderes.

Aber es gibt schon Eigenschaften, die Sie als Schauspieler und Mensch kennzeichnen?

Sicher. Als Person versuche ich ein frommer Katholik und guter Ehemann, Vater, Sohn, Freund, Nachbar, Mitmensch zu sein, was mir meistens sogar ganz gut gelingt. Und im Job will ich meine Arbeit einfach in jedem Projekt so gut machen, wie ich kann, um mein Publikum mit interessanten Inhalten zu unterhalten. Wenn das meine Trademarks sind, wäre ich zufrieden.

Zumal es ein seriöseres ist als früher, wo ihr Bodybuilderkörper das wichtigste Markenzeichen war.

Aber selbst da war es kein bewusstes Stilmittel. Ich habe ja im Knast mit Workouts begonnen; wenn man sich dort verteidigen will, ist es ratsam, so stark und eindrucksvoll wie möglich zu sein.

Haben Sie mehr Zeit im Gym verbracht als im Filmstudio?

Schon, denn vom Studio war damals ja noch keine Rede. Es war eine Überlebensstrategie,

Andererseits sehen Sie noch immer aus, als wären Sie gut im Training.

Das hängt davon ab, welche Art von Film ich grad drehe und wie viel Zeit mir abseits davon bleibt. Ich hatte zuletzt ein wirklich hartes Jahr mir vier umfangreichen Rollen, die mich auf unterschiedlichste Weise gefordert haben. Da war überhaupt keine Zeit fürs Training; heute ist der erste Tag der achten Woche zurück an den Hanteln.

Das wissen Sie so genau?

Ja (lacht), aber ich mache das ja nicht mehr, um anderen das Fürchten zu lehren, sondern weil ich es vorziehe, gesund zu leben. So kommt man einfach morgens leichter aus dem Bett und kann mit seinen Kindern mithalten; gerade meine Jungs sind extrem sportlich.

Wie wichtig ist ein durchtrainierter Körper für einen Schauspieler von 41 Jahren?

Das hängt allein von der Rolle ab. Als ich jung war, wollte ich am liebsten Boxer, besser noch Bodybuilder spielen, und zwar mit meinem Körper in der Hauptrolle. Würde ich das heute spielen, wäre der Körper ganz klar in der Nebenrolle, als rein visueller Aspekt. Zumal mich die Welt des Bodybuildings als junger Mann in Kalifornien noch fasziniert hat. Heute sehe ich den Wettbewerbsgedanken weit kritischer, für den man sich Steroide und so Zeug schluckt.

Haben Sie das je selbst getan?

Niemals! Das Zeug bringt dich um, mein Freund. Und die 37.000 Dollar Preisgeld beim Wettbewerb gewinnt nur einer, die anderen müssen weiter schlucken. Ich hab immer ganz klassisch trainiert.

Womit sie es zum Unterhosenmodel gebracht haben. Wann wurden Sie das letzte Mal halbnackt fotografiert wie damals in der Calvin-Klein-Kampagne?

Damals in der Calvin-Klein-Kampagne. Und auch in meinen Filmen muss ich nicht mehr allzu viel zeigen. Mann, Sie sind aber fokussiert auf meinen Körper!

Nur um hervorzuheben, dass Broken City für Ihre Verhältnisse ein völlig unkörperlicher Film ist.

Weil er sich an figuren- und inhaltsgetriebenen Filmen der Siebzigerjahre orientiert – Chinatown, Serpico, French Connection.

Es geht darin um Kriminalität im Regierungsumfeld New Yorks. Macht das den Film zu einem politischen?

Nein, Politik firmiert darin nur als Hintergrundgeräusch. Es ist ein Kriminalthriller, schon deshalb, weil Politik als zentrales Thema auf große Teile des Publikums nicht sonderlich attraktiv wirkt. Schon gar nicht, wenn sie in Botschaften gepackt wird. Die gibt es hier nicht.

Bis auf die unüberhörbare Kritik daran, das Amerika im Sumpf aus Korruption, Habgier und sozialer Kluft zu zerfallen droht.

Mag sein, aber der Film ist da ebenso optimistisch wie ich selbst. Diesen Sumpf trocken zu legen ist zwar ein schwieriger Prozess, aber mit den richtigen Leuten an den nötigen Hebeln kann es funktionieren. Präsident Obama braucht sicher viel mehr als vier weitere Jahre, um die Riesenprobleme, die er nur geerbt hat, in den Griff zu kriegen. Aber ich glaube an die Selbstheilungskräfte der Gesellschaft, solange sich Menschen finden, die es gemeinsam packen wollen.

Und wenn nicht, bedarf es eben des all American heros aus Hollywood, der es regelt.

Sie meinen aber jetzt nicht meine Figur in Broken City oder? Das ist nämlich nur ein Kerl, der sich – obwohl er sich damit in Gefahr bringt – reinwaschen will. Er ist tief gefallen, wieder aufgestanden, nun will er es endlich mal richtig machen.

Sehr amerikanisches Thema, das auch ein bisschen nach Ihrem eigenen Leben klingt.

Da gibt es in der Tat Parallelen, sicher. Ich habe eine Menge Fehler gemacht, gerade als ich jünger war. Da musste ich sehr viel Zeit damit verbringen, all die falschen Entscheidungen von früher wieder auszubügeln. Deshalb kann ich mich wohl mit Billy so gut identifizieren.

Wie viel aus ihrer Jugend in Boston steckt heute noch in Ihnen?

Oh, eine Menge, auch wenn sich zum Glück die besseren Seiten durchgesetzt haben. Trotzdem war die Zeit in Dorchester 20 Jahre lang mein Leben und alles davon ist noch in mir – plus Vernunft. Ich bin als Person, als Erwachsener, als Mann natürlich gereift, aber als Schauspieler kann zugleich aus einem großen Schatz an Lebenserfahrung vor diesem Reifungsprozess schöpfen. Die meisten Schauspieler haben ja nur ihre Techniken und Trainingsmethoden, um sich einer Rolle anzunähern. Wer aus behütetem Elternhaus kommt, erinnert sich da vielleicht, wo er sich als Kind gern versteckt hat; ich erinnere mich an die Straße, das ist gerade für Rollen wie diese hilfreich und gibt diesem kleinen Betrug namens Schauspielerei etwas Aufrichtiges.

Waren Sie je in einer Schauspielschule?

Es gibt grundsätzlich nichts, was ich zur Vorbereitung einer Rolle nicht täte, aber richtig gelernt hab ich das Schauspielen nie.

Hat es Sie damals womöglich gerettet?

Sehr richtig, es hat mich vor dem Abgrund bewahrt. Die Schauspielerei hat meinem Leben eine positive Wende gegeben.

Auch dank Donnie!

Ja, mein Bruder hat mich von der Kante zur Musik gezogen. Aber ich musste schnell versuchen, meinen eigenen Weg zu gehen, denn trotz allen Erfolgs war die Musik für mich Fluch und Segen zugleich. Einerseits gab es meinem Leben eine Richtung, andererseits hat Marky Mark es vielen lange schwerer gemacht, den Schauspieler Mark Wahlberg ernst zu nehmen.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht so früh bei der damals erfolgreichsten Boy Group New Kids On The Block ausgestiegen wären?

Sehr wahrscheinlich das, was ich heute tue, das steckte ja schon damals in mir. Aber ich denke lieber über das nach, was geschehen ist, als das, was hätte geschehen können. Ich weiß ja nicht mal, ob ich noch singen würde. Doch auch ohne Musik gefällt mir mein Leben von heute bestens.

Wie würden Sie das denn bezeichnen – bürgerlich?

Dafür ist mein Blue Color Spirit wohl noch zu ausgeprägt?

Ihr was?

Diese Arbeiterattitüde: der Kerl, dem es nichts ausmacht, sich die Finger schmutzig zu machen, der das kaputte Rohr im Keller selber repariert, der jeden Tag rausgeht, um für sich und seine Familie hart zu arbeiten, zum Abendessen heimzukehren und danach mit den Kindern zu spielen. Ich werde öfter gefragt, mit welchen Schauspielern ich mich identifiziere und nenne da gern Steve McQueen oder Jimmy Cagney, diese unfreiwilligen Mittelklassehelden statt leuchtender Vorbilder, die schöner sind als das Mädchen, um das sie kämpfen. So was kauft mir keiner ab. Ich glaube ich bin eher so der männliche Mann.

Was genau heißt das?

Was es eben ist, mehr ein männlicher als ein weiblicher Mann.

Klingt konservativ.

Nein, es zeigt nur meine praktische Sicht auf die Rolle im Leben. Ich bin ein ganz normaler Mann, der nicht ständig ungewöhnliche Sachen macht, sondern den geraden Weg geht. Das bin ich.

Holen Sie deshalb gerade Ihren Highschool-Abschluss nach?

Unter anderem. Ich möchte nicht, dass ich meinen Kindern bei den Hausaufgaben immer sagen muss: Frag Mami. Ich bin allerdings noch längst nicht fertig, denn es erfordert doch mehr Arbeit, als ich anfangs dachte, aber ich ziehe das jetzt durch. Meine Lebenserfahrung mag mir beruflich helfen, aber wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich lieber zur Schule zu gehen. Man kann nicht alles haben…

Im Beruf dagegen produzieren Sie seit langem Filme, in denen Sie dann selbst Hauptrollen spielen; wollen Sie wie so viele Ihrer Kollegen dazu auch mal Regie führen?

Möglicherweise, aber nicht zwingend mit mir in der Hauptrolle. Regie ist sehr zeitaufwändig. Trotzdem habe ich schon öfter drüber nachgedacht, aber bislang noch kein Drehbuch gefunden, von dem ich das Gefühl hatte, nur ich könne das umsetzen.

Zur Not könnten Sie sich ja ein eigenes schreiben.

Das ist ja noch mehr Arbeit! Nehmen Sie das mit der Arbeiter-Attitüde bitte nicht zu ernst…

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