Michael Souvignier: Event-Fan & Strauß-Feind

csm_Michael_Souvignier_neu_6d62b11567Hart bin ich nur beim Verkaufen

Seit fast 20 Jahren versorgt Michael Souvigniers Dokumentarfilmschmiede „Zeitsprung“ das Fernsehen auch mit vielfach preisgekrönten Historienevents wie Wunder von Lengede oder Contergan und hat sich damit zu einem der einflussreichsten Filmrealisierer im Land gemausert. Ein Gespräch mit dem Essener Produzenten (Foto: Zeitsprung), Jahrgang 1958, über appelative Filme, den frühen Tod seiner Frau, warum Filme wie In der Falle (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) so oft im Milieu der Reichen spielen und wie er mit dem Blockbuster Starfighter (Donnerstag, 20.15 Uhr, RTL) seinen Hass auf Franz-Josef Strauß aufarbeitet.

Vom Jan Freitag

freitagsmedien: Michael Souvignier, auch auf dem großen Sozialdramen-Platz am ARD-Mittwoch geht es diesmal um reiche Leute, wenn der Heiratsschwindel an BMW-Erbin Susanne Klatten als Fiktion verarbeitet wird. Was bitte  macht die Oberen Zehntausend dramaturgisch so interessant, dass verglichen mit ihrer Zahl so viele Filme davon handeln?

Michael Souvignier: Interessante These, diese empirische Datenlage ist mir unbekannt, aber vorstellbar. Schon Dallas und Denver haben gezeigt, dass der Zuschauer denen da oben gern dabei zusieht, wie sie die gleichen Probleme von denen da unten durchleben.

Hat das mit der Neid-Kultur zu tun, die uns Deutschen nachgesagt wird?

Da ist was dran. Die Amerikaner gönnen einem das dicke Auto und große Haus, weil deren System glaubhafter macht, jeder könne es mit viel Arbeit erreichen. Deshalb ist man dort weniger gehässig, falls jemand auf die Nase fällt, und wohlwollender, wenn es um die zweite Chance geht.

Eine Geschichte wie Susanne Klattens wäre also in den USA gar nicht so in die Medien geraten, weil es dort keine so ausgeprägte Neid- und damit Gehässigkeitskultur gibt?

Schwer zu sagen. Das Interessante  an unserem Film, der von wahren Begebenheiten inspiriert ist, ist,  dass die Protagonistin sich auf einen Heiratsschwindler einlässt, auf ihn reinfällt und trotz dieser Schmach den Mut hat, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Auf die Schadenfreude des Sturzes von oben folgt hier der Respekt, sie aufstehen zu sehen. Das fasziniert die Leute.

Machen Sie Filme, weil ein Thema das Publikum oder weil es Sie selbst fasziniert?

Idealerweise beides!

Dennoch haben Sie einen gewaltigen Hang, reale Ereignisse zu verfilmen.

Das ist sogar fast eine Obsession! Ich komme ja aus dem Journalismus und habe zuvor zehn Jahre lang Dokus und Reportagen gemacht; historische Fälle aufzuarbeiten, gibt mir seither die Möglichkeit, Missstände unterhaltsam aufzuarbeiten und damit eine Marke zu schaffen: Faktenbasierte Fiktion mit anschließender Doku zum Thema, die wir stets selbst produzieren. Das ist eine Zeitsprung-Nische, deren umfassende Recherchen große Budgets rechtfertigen.

Ihre Filme haben also keinen rein unterhaltenden, sondern appellativen Charakter?

Absolut. Nehmen Sie Starfighter – was hab ich Franz-Josef Strauß als kleiner Revolutionär während der Schulzeit nicht ausstehen können. Ich finde es bemerkenswert, wie lange die Katastrophe unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit bleiben konnte. Das Faszinierende an dem Film ist, dass er wie Top Gun anfängt und wie Erin Brockowicz endet und damit spannende Unterhaltung bietet und als Drama endet. Mehr verrate ich aber nicht. Ich möchte den Zuschauern nicht die Spannung nehmen.

Würden Sie sich als politischen Produzenten bezeichnen?

Das klingt mir zu aufgeladen, ich bin politisch interessiert. Politische Produzenten heben den Zeigefinger, politisch interessierte zeigen Missstände auf. Deshalb gibt es bei mir nie Gute und Böse, sondern richtiges oder falsches Handeln. Am Contergan-Film hat mich daher weit mehr als der Pharmahersteller Grünenthal interessiert, warum die Leute damals so wahnsinnig viele Schlaftabletten genommen haben.

Und warum?

Weil Contergan rezeptfrei war und bei Überdosis nicht zum Tod führte! Aber der wichtigste Faktor eines Filmes ist und bleibt das Menschliche; in der Tragödie entfaltet es eine grandiose Kraft.

Hat sich ihr Blick darauf verändert, seit ihre eigene Frau gestorben ist?

Nein. Der Tod meiner Frau war unglaublich schmerzhaft und tragisch, aber ich bin Gott sei Dank so gestrickt, dass er mich nicht umgehauen hat. Ich denke jeden Tag hundertmal an sie, schon weil ich in der Nacht ihres Todes die Hörkraft auf meinem linken Ohr durch einen Hörsturz verloren habe. Als kurz darauf auch noch mein engster und ältester Freund gestorben ist und dann mein Schwager, habe ich intensiv versucht, den Tod zu verstehen und dabei viel übers Leben gelernt.

Machen Ihre Erfahrungen damit demütig oder abgebrüht?

Ich bin für beides viel zu optimistisch.

Sind Sie dennoch härter geworden?

Das einzige, wo ich hart bin, ist beim Verkaufen.

Verkaufen Sie nur Filme, von denen Sie vollends überzeugt sind?

Nein. Wenn Sie eine Firma haben wie ich, ohne Konzern im Rücken, muss man Geld verdienen, um so etwas Langwieriges wie Contergan oder Starfighter zu schaffen. Ich versuche, leichte Sachen sogar in hoher Stückzahl zu produzieren, um mir die Goldstücke leisten zu können.

Wo sehen Sie sich und Zeitsprung in zehn Jahren?

Auf einem guten Weg. Deutschland ist immer noch ein großer Markt, lineares Fernsehen wird noch mindestens 15 Jahre bedeutend sein, zumal es die Online-Streams weiter schwer haben. In diesem Klima will ich seriöse, unterhaltsame Leuchtturmprojekte realisieren. Das ist mein Steckenpferd. Denn das deutsche Fernsehen ist nicht annähernd so schlecht wie man es gern darstellt.

Das deutsche Fernsehen nicht, aber deutsche Serien!

Deshalb ist der größte Traum ist die große horizontale Serie. Und das wird kommen. Dennoch ist unser Fernsehen insgesamt schon darum besser als das anderer Länder, weil es alles umsonst gibt und zwar ohne den Trash aus Italien auf allen Kanälen zum Beispiel. Amerikaner zahlen 150 Dollar pro Monat fürs Programm und dann noch HBO oder Netflix. Die Frage ist: wie viel ist der Deutsche bereit zu zahlen?

Ihre Antwort?

Nicht viel.

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