Starfighter: RTL-Event & Aggressionsabbau

starfighterNiveauzwergs Witwenmacher

Wenn RTL Zeitgeschichte verfilmt, rast irgendwie stets die Autobahnpolizei durchs Bild. Das tut sie auch in Starfighter (heute, 20.15 Uhr; Foto: RTL/Wolfgang Ennenbach). Davon abgesehen liefert die Fiktion der reale Absturzserie deutscher Kampfjets vor rund 50 Jahren darauf, dass der Privatsender gutes Fernsehen kann, wenn er es mit Herz und Hirn, statt Testosteron und Titten versucht.

Von Jan Freitag

Pietät ist keine Kernkompetenz kommerziellen Fernsehens. Zählt es doch zum – oftmals einzigen – Daseinsgrund rücksichtsloser Medien, die Kamera voll draufzuhalten, sobald Körperflüssigkeiten jeder Art fließen. So gesehen war es eine beachtliche Entscheidung von RTL, die Ausstrahlung seines Blockbusters Starfighter kurz nach dem Absturz des Germanwings-Flugs 9525 Ende März zu verschieben, wie es Pro7 zehn Jahre zuvor mit einem Film namens „Tsunami“ getan hatte.

Damals wäre allerdings wünschenswert gewesen, die Rücksichtnahme hätte sich nicht nur auf die Trauerphase der realen Katastrophe erstreckt, sondern in alle Ewigkeit – so missraten war die fiktive Flutwelle vor Sylt, so wenig hatte sie mit einer echten zu tun. Dass nun der Film über die „Witwenmachter“ genannten Bundeswehrjets neun Monate nach dem Ausgangstermin läuft, ist hingegen durchaus zu begrüßen und zieht Sensationelles nach sich: Eine Empfehlung für RTL!

Aber zum einen zeigen Formate vom männlichkeitsdechiffrierenden Restauranttester Rach über das journalistisch brisante Jenke-Experiment bis hin zum neuen Feuilleton-Darling Dschungelcamp, dass der ehemalige Titten-Kanal seinen Testosteron-Überschuss längst selten, aber sichtbar in solide Unterhaltung mit einer Prise soziokultureller Relevanz umzuwandeln versteht. Andererseits ist der seriositätshemmende Hang des Senders zum dramatischen Overkill in diesem Fall völlig angebracht: zählt das wahrhaftige Starfighter-Desaster, in dem zwischen 1962 und 1984 fast ein Drittel der 916 Maschinen vom Typ F-104 abgestürzt sind, zu den skandalösesten Affären der an skandalösen Affären keineswegs armen Historie bundesdeutscher Industriepolitik.

RTL erzählt sie so: Anfang der swinging sixties, als unterm Haarturm die Kleiderfarbe explodiert, verliebt sich Parfümverkäuferin Betti in den kernigen Kampfpilot Harry, der sie in die schillernde Welt verwegener Flieger am rheinischen Luftwaffenstützpunkt entführt. Doch der rock’n’roll-bunte american dream nahe Köln gerät zum Albtraum, als die Starfighter des US-Herstellers Lockheed gleich reihenweise ihre Besatzungen mit in den Tod reißen – darunter bald auch Harry selbst. „Pilotenfehler“, meldet das Verteidigungsministerium wie immer, was die hochschwangere Witwe bezweifelt und bei der Recherche in ein engmaschiges Netz aus Vertuschung, Lügen, Manipulation gerät, aus dem sie sich mithilfe einer Sammelklage zu befreien versucht. Erfolgreich, so viel sei über einen Prozess gespoilert, der 1975 Justizgeschichte schrieb.

Gut, RTL wäre nicht RTL, würde es aus diesem Stoff kein künstliches Kaugummientertainment voller Klischees und Knalleffekte im Beschuss permanenter Soundkaskaden stricken. Und Miguel Alexandre wäre zudem nicht Miguel Alexandre, würde der Melodramen-Regisseur alle Emotion, jeden Effekt, das ganze VFX-Gewitter weniger als ein, zwei Stufen zu hoch pitchen. Trotzdem unterscheidet sich dieses „Eventmovie“ von jedem, das den Bildschirm sonst auf diesem Kanal im Soundbrei ertränkt. Es ist: Empathie, so leidenschaftliche wie glaubhafte Empörung übers kriminelle System des korrupten Bayern-Paten Franz-Josef Strauß, das dem Profitinteresse des militärisch-politischen Komplexes neben Milliarden veruntreuter Steuergelder auch 116 Pilotenleben opferte.

Produzent Michael Souvignier, dessen geistreicher Enthüllungsfuror schon Contergan-Hersteller oder Spenderblut-Händler ins Portemonnaie traf, sagt ganz unverblümt, mit Starfighter arbeite er auch all die Schweinereien von FJS auf, den er schon als „kleiner Revolutionär in der Schule” gehasst habe. Für jene Dokumentionen, mit denen Souvigniers Firma Zeitsprung einst den Grundstein des deutschen Exportschlagers Historienevent legte, mag das zu subjektiv klingen; Spielfilmen mit Herz und Hirn kann es durchaus dienlich sein. Während keinesfalls nur Privatsender ihr Erinnerungsentertainment gern abspulen wie Trickbetrüger ihr Becherspiel, verhilft vor allem Souvigniers Mitgefühl dem opulenten Zweistünder samt seiner aufwändigen Computeranimationen aus der Quotenfalle zwischen „Top-Gun“ und „Grease“, in der die Handlung anfangs landet, um nach der Hälfte nahe Erin Brockovitch zu landen.

Das liegt auch an Picco von Groote, deren Betti einen plausiblen Wandel vom Traumprinzenaccessoire der spießbürgerlichen Vorkrisenjahre zur selbstbewussten Frau des folgenden Aufbruchs vollzieht und damit einiges über den Umbruch rings um 1968 erzählt, der verkrustete Autoritäten in Frage stellt und aufkommenden nicht ungeschoren lässt. Beides wird  versiert verkörpert von zwei tragenden Nebenfiguren: Rainer Bock als Verteidigungsminister Hermann Weltke alias Kai-Uwe von Hassel, der trotz Verlust seines eigenen Sohnes im Starfighter vom „Blutzoll“ faselt, den eine wehrhafte Demokratie in Friedenszeiten zu leisten habe und ansonsten weiter am Geflecht seines Amtsvorgängers webt; und Alice Dwyer als Bettis beste Freundin Helga, die aus der Pilotenclique in die APO abweicht, dort allerdings zur Fundamentalopposition neigt.

Das lässt die übliche Zielgruppenversorgung zwischendrin glatt vergessen, bei der die Darsteller kataloggemäß gekleidet im Cabrio vom Bowling übers Autokino zum Käseigel gen Zukunft fahren, wo Sätze damals ferne Sätze à la „das musst du dir mal reinziehen“ erklingen. Aber wenn sie ein Großschauspieler wie Frederick Lau für den Niveauzwerg RTL sagt, muss wohl was dran sein, am kurzweiligen Film über ein Kapitel deutscher Realpolitik, die bis heute ungesühnt zum Himmel stinkt, den die Piloten – wie der depperte Untertitel brüllt – gar nicht erobern wollten, sondern am Ende einfach überleben.

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