Tobias Moretti: Luis Trenker & die Wahrheit

trenkerDer war wirklich so

Tobias Moretti hat schon öfter Nazis gespielt, auch Hitler. Im ARD-Film verkörpert der Österreicher nun eine der bizarrsten Figuren des NS: Luis Trenker (Foto: BR/Roxy/Christian Hartmann), der sich an der Seite von Brigitte Hobmeier als Leni Riefenstahl zwischen Persiflage und Porträt von Goebbels selbstbewusstem Liebling zum gebrochenen Bittsteller wandelt. Ein Gespräch über den Bergsteigerfilmstar und was er mit seinem Landsmann gemeinsam hat.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Moretti, kann es sein dass Ihr Luis Trenker die erste NS-Figur abseits der Führungsclique ist, die das Fernsehen nicht mit Samthandschuhen anfasst?

Tobias Moretti: Das mag vielleicht so erscheinen, wenn man diese Entschuldigungs-Epen der letzten Fernsehjahre betrachtet, aber Trenker ist nicht nur und unbedingt eine Figur des Nationalsozialismus. Trenker ist nicht Ferdinand Marian.

Einer von Goebbels‘ „gottbegnadeten“ Schauspielern, der in Veit Harlans Propagandafilm Jud Süß 1940 die Titelrolle gespielt hatte.

Dennoch ist er als Prototyp jemand, der mindestens fünf, sechs Epochen durchschwommen hat und am Schluss trocken aus dem Wasser gestiegen ist.

Spricht die Tatsache, dass so einer nun wirklich ungeschönt im Fernsehen porträtiert wird, für einen Gesinnungswandel des angeblich von Hitler bloß verführten Volkes?

Wer behauptet denn heute noch im Ernst, das Volk sei bloß verführt worden? Aber Trenker war auch nicht das Volk, er war immer ein Macher, eine leading person, also jemand, der das System benutzt und zeitgleich in seiner Eitelkeit nicht gemerkt hat, dass es ihn benutzt.

Wie Sie ihn darstellen, wirkt das manchmal wie eine Persiflage…

Ja, manchmal ist mir die Figur in ihrer Peinlichkeit direkt entglitten, so dass ich beim Anschauen das Gefühl hatte, die Figur steht teilweise neben mir.

Etwa, als Leni Riefenstahl vorm Sex mit ihm ausdruckstanzt?

Ach, da gibt es noch ganz andere Szenen. So was kann man ironische Distanz oder Fremdschämen nennen, wie man will.

Spielen Sie Trenkers seltsam entrücktes Selbstbewusstsein bewusst ein bisschen drüber oder war der wirklich so?

Ich glaube, der war wirklich so, und zwar sowohl im Selbstverständnis seiner Rolle als Mann als auch in seiner ästhetischen Überheblichkeit. Er greift zum Beispiel stilistisch die Moderne auf und packt sie dann doch in sein starres Weltbild. Ich glaube ebenso, dass der naive Trenker klüger war, als er gewirkt hat, kein unreflektierter Intuitionsmensch oder -künstler. Aber mit dem Naturell in der Tasche gehört dir die Welt.

Was am Film und Trenkers Darstellung darin ist historisch verbrieft?

Das meiste.

Auch die Liaison mit Leni Riefenstahl, von der sich im Internet wenig finden lässt?

Doch, sie kommt ja auch in Riefenstahl-Biographien vor. Ich weiß nicht, ob Zeit und Ort immer stimmen; aber vom Hauptstrang um Trenkers Versuch, mithilfe des US-Produzenten Paul Kohner Eva Brauns Tagebücher zu verfilmen, über den Sinneswandel von Goebbels in Bezug auf Trenker bis ins familiäre Umfeld ist alles belegt. Das Drehbuch ist hier sehr genau.

Wo hat es sich denn künstlerische Freiheit genehmigt?

Reine Fiktion war eigentlich nur sein Auto; das war natürlich ein Mercedes, kein Alfa Romeo. Das hatte bei uns aber weniger einen politischen Grund als einen budgetären.

Haben Sie Luis Trenker zu Lebzeiten je getroffen?

Ich hab ihn als Student einmal in Bozen vorbeigehen sehen und hab gedacht, das ist also der Trenker. Ein stattlich alter Herr.

War das vor Drehbeginn ihr Bild von ihm?

Bei uns in Tirol war er als Fernsehfigur nicht so gegenwärtig wie in Deutschland. Wir waren ja als Buben auch mit dem Alpinismus eng verbunden, und später hat sich herauskristallisiert, welches gesellschaftspolitische und alpinistische Chamäleon er war, also auch zwischen Pioniertum und Dampfplauderei. Und sein Erscheinungsbild als Fernsehonkel war mir sowieso befremdlich. Daher war für mich diese kritische Distanz der Erzählung notwendig, um ihn so spielen zu können, dass ich ihn dann selber mag und eine Schnittmenge erarbeiten kann. Jetzt ist er eben auch ein Teil von mir.

Aus einer neuen oder der alten Perspektive?

Also ich habe jetzt keine Erkenntnisse gewonnen, die nach dem Film andere wären als vorher, bin aber froh, dass es mir gelungen ist, Trenker als schillerndes Kaleidoskop in seiner Widersprüchlichkeit zu mögen.

Nur mal hypothetisch gefragt: Wenn Sie seinerzeit für Entnazifizierung zuständig gewesen wären – hätten Sie Trenker und Riefenstahl ungeschoren davonkommen lassen?

Ein Thema des Films war ja, dass Trenker als Italiener keine Entnazifizierung brauchte. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass er je der Ideologie verfallen wäre. Das macht seinen Opportunismus nicht besser, aber vielleicht anders. Leni Riefenstahl hingegen hat ihre Ästhetik nicht bloß in den Dienst der NS-Ideologie gestellt, ihre Ästhetik war NS-Ideologie. Dennoch kenne ich genug hochstehende Persönlichkeiten, und zwar auch der entgegengesetzten politischen Couleur, die ihr begegnet sind und die ihr eine unglaubliche Faszination attestieren, und zwar bis ins hohe Alter.

Sie selbst spielen häufiger Nazis und deren Helfershelfer, darunter Hitler selbst, Ferdinand Marian, den Gestapo-Chef Rudolf Diels – was qualifiziert Sie bloß dafür?

Jetzt bringen Sie mich wirklich zum Nachdenken. Naja, diese Figuren sind wahrscheinlich in unserer Medienkultur auch dramaturgisch viel gegenwärtiger als die kommunistischen Weltschlächter und ihre Helfershelfer. Aber vielleicht sollte ich mich ja mal um Honecker bewerben. Eine Herausforderung, auch für den Friseur.

Was war denn im Falle Trenkers für Ihre Besetzung wichtiger: Optik oder Ihre Gabe, männlich übersteigertes Selbstwertgefühl in einem Blick zerbröseln zu lassen?

Diese Herausforderung hat in der Tat meine spielerische Lust provoziert. Optisch würde ich geeignetere kennen.

Haben Sie selber eine eher brüchige oder unverbrüchliche Männlichkeit?

Ich habe beides, gleichermaßen und im Übermaß. Und das ist keine rhetorische Antwort

Gibt es irgendwas Bemerkenswertes, das Trenker und Sie teilen?

Da gibt es einiges: Die leidenschaftliche Beheimatung in meinen Bergen, die mein Wesen geprägt haben und es noch immer tun. Sie sind meine Sehnsucht, meine Begrenzung und damit auch ein Motor meines ständigen Aufbruchs, vielleicht auch meiner Überschätzung. Und die Neigung zu schnellen Frauen und leidenschaftlichen Autos auch, natürlich.

Der Film ist noch eine Woche in der ARD-Mediathek zu sehen

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.