Stephanie Nilles, Manfred Groove, Charles Pasi

coverfrontStephanie Nilles

Jazz. Gewöhnliche Menschen unter 65 kriegen bei dem Begriff schnell ein Grummeln aus Mitgefühl, Klassenbewusstsein, Langeweile im Magen. Jazz, das ist ja oft die Musik kultivierter Senioren mit Hang zur Selbstgerechtigkeit, die nie, niemals etwas anderes (außer Deutschlandradio) hören. Jazz ist demnach selten was für ein gedanklich wie körperlich jüngeres Publikum. Obwohl: Stephanie Nilles ist es doch. Aber die Pianistin macht ja auch keinen Jazz, sondern Jazz – als Ausdrucksform spontaner Leidenschaft, aber eben nicht als Alterungsbegleitung. Sie selbst nennt es Loungepunk. Und da sind wir der Sache nah und fern zugleich.

Ihr neues Album atmet den Rauch existenzialistischer Keller rings um den Krieg. Einerseits. Andererseits ist Murder Ballads so spürbar von Epigonen wie Tom Waits und Ani DiFranco inspiriert, dass es nicht nur dank der Texte um Drogen und Prostitution, Cyberkriminalität und Waffenfetischismus gegenwärtig wirkt. Studioplatte Nr. 4 der jungen Songwriterin aus Chicago, die über New York nach New Orleans, also an ihren Bestimmungsort zog, saugt alles auf, was die Enkel dem elaborierten Sound ihrer Großeltern verpasst haben: Folk, Alternative, Postpunk – fertig ist ein zwölfteiliges Stück Nostalgie mit Kontrabass und Schlagzeug, das dank der dunkel überdrehten Stimme unfassbar modern klingt. Selten hat jemand mit kaum 30 die Befindlichkeiten ihrer Generation gediegener und zugleich spannend zum Ausdruck gebracht.

Stephanie Nilles – Murder Ballads (Tradition & Moderne)

ManfredManfred Groove

Zumal sich Musik generell bestens eignet, Befindlichkeiten jeder Art auszudrücken. Klug betextet geht sie spielend zu Herzen und wirkt selbst beim saftigsten Pop wie ein Code zum Geheimfach des Geistes. Bei Manfred Groove jedoch ist zu bezweifeln, ob der Wortschwall des Debütalbums irgendetwas Bedeutsames vermitteln will. “Ich mach‘ mein Ding, auch wenn es scheiße ist / und achte dabei peinlich genau darauf, dass es nicht scheiße ist / warum ich das eigentlich mache, weiß ich nicht / wahrscheinlich weil ich muss / wie das halt beim Scheißen so ist” – in diesem Duktus rappt Milf Anderson zum Beatgewitter seines Berliner Kumpels Yellowcookie und tanzt dazu, “als hätt‘ ich Senf in der Kimme”.

Da breitet sich in 18 Stücken eine so gehaltvolle Redundanz aus, als passe die Welt tatsächlich “in eine Binsenweisheit”, wie es im wunderbar nöligen Stück Goldstaub heißt, der sich auch sonst daumendick über die hinreißenden Tonkaskaden legt wie K.I.Z. mit mehr Niveau oder wahlweise Bushido ohne den Hass. Ob Manfred Groove damit wirklich die Welt erklären, ändern, veräppeln oder bloß gut entertainenwollen, ist dabei Auslegungssache; aber nie wurde man beim Auslegen von Hip-Hop besser unterhalten.

Manfred Groove – Ton, Steine Sterben (Rummelplatzmusik)

Charles Pasi

Auslegungssache ist fraglos auch das Werk von Charles Pasi. Sein urbaner Soul brachte dem Songwriter aus Paris zwar schon mit Anfang 20 allerlei Vorschusslorbeeren; eine schwulstige Schicht Blues darüber verhinderte in den Jahren darauf allerdings, dass der Mundharmoniker auch unter Altersgenossen Anklang fand. Dafür könnte auf seinem dritten Album nun ausgerechnet ein Genre sorgen, das ihm zuvor bloß als Accessoire diente: Jazz. Zusammen mit Anklängen von Klassik verleiht er gleich dem zweiten Stück No Company eine Sperrigkeit, die Pasis kehligem Gesang filigranen Charakter gibt.

Gut, dem englischen Gefasel von Liebe, Sex und Zärtlichkeit hätte der Franko-Italiener in seiner Muttersprache sicherlich ein paar klügere Noten entlockt. Doch musikalisch ist Sometimes Awakeauch dank der exzellenten Band unterhaltsamer als alle Vorgänger: experimenteller, funkiger, verspielter, kreativer, jünger, mit Off- oder Afrobeat zur rechten Zeit auch lebendiger. Weil der Thirtysomething noch dazu immer schöner wird, könnte es also klappen, mit der Karriere über die Festivals grauer Männer hinaus.

Charles Pasi – Sometimes Awake (Believe Recordings)

Zwei der Texte sind zuvor bei ZEIT-Online erschienen, wo es noch mehr Sound’n’Pics gibt

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