Morgen hör ich auf: Pastewka & Walther White

pastewkaIm Plagiate-Panoptikum

Eigentlich wäre Morgen hör ich auf (seit 2. Januar, 22 Uhr, ZDF) mit Bastian Pastewka als notgedrungen krimineller Spießbürger Jochen Lehmann (Foto: Martin Valentin Menke/ZDF) durchaus ansehnlich – würde sich der Fünfteiler auf dem prominenten Samstagssendeplatz nicht so unverhohlen bei Breaking Bad bedienen.

Von Jan Freitag

Wann immer ganz Deutschland, wie der Boulevard gern raunt, mal wieder übers miese Fernsehen made in germany diskutiert, steht dieser Vorwurf unwidersprochen im Raum: Wir können einfach keine Serien. Weil es den Sender an Mut fehlt; weil statt Qualität nur Quote zählt; weil unsere Schubladen zu tief sind; weil darin keine guten Drehbücher landen, sondern höchstens Schauspieler, die ihnen nie mehr entkommen, sobald sie mal in einer sitzen.

Zum Beispiel Bastian Pastewka.

Seit bald 20 Jahren erfreut der außergewöhnlich lustige Komiker aus der ungewöhnlich nüchternen Beamtenstadt Bonn sein Publikum mit einer Mixtur aus Realsatire und Aberwitz, die ihn rasch von der ungelernten Comedyhilfskraft ins Stammpersonal des TV-Humors befördert hat. Dort allerdings steckt er nun fest wie ein Hamster im Käfig: wohlgenährt, gutbeschäftigt, stark unterfordert. Vielleicht bezieht sich die Metapher jenes pummeligen Nagers, der während seines erstem echten Ausflug ins pointenfreie Fach immer wieder durchs Laufrad rennt, also auch auf den Hauptdarsteller einer Serie, die es krampfhaft aufnehmen will mit der importierten Konkurrenz. In Morgen hör ich auf mühen sich alle drei – Pastewka, Hamster, ZDF – bis zur Erschöpfung um gutes Entertainment, dürften am Ende aber doch eher milde belächelt werden als euphorisch beklatscht.

Und das hat einen Grund, der gar nichts mit dem achtbaren Niveau des Fünfteilers zu tun hat. Es liegt am heimlichen, aber unübersehbaren Vorbild: Breaking Bad. Wie in Vince Gilligans brillantem Epos um den vermeintlich notgedrungen drogenkochenden Chemielehrer Walther White nämlich, schiebt das ZDF auch Bastian Pastewkas Antiheld Jochen Lehmann aus seiner finanziell prekären Spießbürgerlichkeit Schritt für Schritt näher an den kriminellen Abgrund. Weil sein kleines Familienunternehmen nach fast 100 Jahren Solidität kurz vor der Pleite steht, kann der linkische Vater dreier Kinder an der Tankstelle nicht mal mehr den Sprit zur Fahrt ins hessische Vororthäuschen bezahlen und widmet die Rotationsmaschinen seiner Druckerei aus einer Weinlaune heraus um: er druckt damit Falschgeld.

Doch was den Engpass anfangs noch spielerisch überbrücken soll, verselbständigt sich in einer unaufhaltsamen Eskalationsspirale, an der vom notorischen Gangster bis zum aasigen Banker bald allerlei Galgenvögel mitdrehen. Es ist eine unterhaltsame Geschichte: Spannend erzählt vom versierten Tatort-Regisseur Martin Eigler, der auch Teile des schlüssigen Buchs verantwortet, das mit Susanne Wolff als treu sorgende, aber untreue Ehefrau Julia oder dem Österreicher Georg Friedrich als herrlich irrlichternder Hehler fabelhaft verkörpert wird. Nur: auch diese zwei Charaktere erinnern verteufelt ans amerikanische Original und reihen sich somit ein in die Liste dramaturgischer Referenzen.

Die erste setzt es gleich zu Beginn, als eine der 50-Euro-Blüten in Zeitlupe durch trübes Wasser treibt – ein Bild, das fortan permanent wiederkehrt wie jener verkohlte Teddybär, der einst baugleich in Walther Whites Swimmingpool schwamm. Von da an hagelt es Parallelen zum Vorbild, die jedoch kaum mal dessen atemberaubenden Handlungstwists gepaart mit subversiver Brutalität erreichen. Dennoch verglich ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler sein neues Produkt öffentlich mit Breaking Bad und meinte das sogar positiv.

Kein Wunder, dass der schubladengeschädigte Bastian Pastewka im Spiegel von einer „Auszeit“ sprach, die sich das Team angesichts dieses unnötig aufgebauten Drucks zwischenzeitlich verordnet habe, um den „kleinen Wirbelsturm an uns vorbeiziehen“ zu lassen. So belegen auch diese fünf Stunden gefälschter Hauptabendkost nachhaltig den unveränderten Abstand zum internationalen Markt: Innovatives wächst weiterhin in Skandinavien, England, den USA, und wenn es das deutsche Fernsehen abkupfert, wird die Ursprungsradikalität so lange poliert, bis das Resultat selbst nach dem vorherigen Krimi noch massentauglich ist.

Diese sehr deutsche Verzagtheit führt regelmäßig zu filmischem Falschgeld von Alles außer Sex über Hilfe, meine Familie spinnt bis R.S.I., die dem Ideenraub sogar offen im Titel tragen. Weit häufiger werden die Urheber auch noch klammheimlich unterschlagen wie im neuen Sat1-Ulk Einstein, den nur das drollige Outfit der Titelfigur von seinem eleganten Stichwortgeber Sherlock unterscheidet. Wirklich selten kommt es dagegen zu kreativer Neuinterpretation á la Doctor’s Diary, wo RTL Grey‘s Anatomy durchaus eigensinnig mit Bridget Jones verknüpfte.

Morgen hör ich auf nimmt in diesem Panoptikum mal mehr, meist weniger gelungener Plagiate eine Mittelposition ein. Was viel mit Bastian Pastewka zu tun hat. Das Alter Ego seiner selbst, der als reale Fiktion unter eigenem Namen lange Jahre auf Sat1 das Beste geliefert hat, was humoristisch hierzulande möglich scheint, verleiht seinem Herrn Lehmann – und damit der gesamten Handlung – gelegentlich Anflüge jener trotzigen Würde, die auch Walther White kennzeichnet. Zugleich aber fällt es ungemein schwer, vom witzigen Basti zu abstrahieren, wenn der nüchterne Jochen zu grimassieren beginnt. Womit wir wieder bei der Schublade wären, der zu entfliehen für deutsche Komödianten fast unmöglich ist. Mit dieser Rolle wird es der lustige Pastewka nicht schaffen. Er hätte weitere Chancen verdient.

Der Text stand vorab bei Zeit-Online. Teil 1 ist noch in der ZDF-Mediathek zu sehen.

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