Elfenbeintürme & Sirtaki-Klischees

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

18. – 24. Januar

Und wieder gibt‘s eine Zielgruppe mehr, die das Publikum in senderbedarfsgerechte Portionen häckselt. Nach 0-3 (Teletubbies), 14-29 (Pro7) 14-49 (RTL), 29-59 (ZDFneo) und 66-199 (ZDF), plant die indische Mediengruppe Zee Entertainment einen Kanal für Frauen von 19 bis 59, der 24 Stunden am Tag Bollywood-Filme zeigt. Natürlich nur „die besten“. Wobei sich angesichts des Niveaus vermeintlich guter Operetten vom Subkontinent weniger fragt, wie dann denn bitte schlechtere klingen, als vielmehr, was als nächstes rund um die Uhr läuft.

Helene Fischers Ganztageskanal HFK24 war zwar nur ein Hoax. Im Regelprogramm laufen aber tatsächlich bereits 24 Stunden Snooker (Eurosport), Hitler (ZDFinfo), Heimatliebe (alle Dritten), Testosteron (DMAX), Östrogen (Sixx) oder Menopause (Sat1Gold). Fehlen eigentlich nur noch 24 Stunden Dschungelcamp, die den Zuschauerschnitt von RTL vermutlich auf acht Millionen verdreifachen würde. Und natürlich: 24 Stunden Politik, von dem die Kanäle mit dem irritierenden „n“ im Namen allerdings so weit entfernt sind wie die ARD vom Informationsskandal, den Programmchef Volker Herres auch auf der großen Angebotspräsentation in Hamburg gerade wieder herbei deliriert hat.

Gut, an Wahlabenden gewährt sein Sender der Politik – unterbrochen von der Lindenstraße, versteht sich – immerhin mal mehr als eine Spielfilmlänge Zeit. Im März hingegen könnte es bereits nach der ersten Hochrechnung in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz mit dem Tatort weitergehen, wenn der SWR die AfD auf Drängen der dortigen Regierungschefs wirklich von der Elefantenrunde ausschließt. Das allerdings wäre nicht nur ein Bruch lieb gewonnener TV-Routinen, sondern das Armutszeugnis verzagter Debattenkultur schlechthin. Und damit ein wenig an vordemokratische Zeiten erinnern, als das Establishment seine politischen Gegner ebenfalls lieber ausgesperrt als empfangen hat.

Das 19. Jahrhundert war aber ohnehin die Ära der verschlossenen Türen. In den Elfenbeintürmen der Eliten blieb das Elend davor unsichtbar, was sich bis tief hinein in unserer aufgeklärte Gegenwart fortsetzte: am Bildschirm, wo Historiendramen die Armut lange am liebsten irgendwie putzig und rein illustriert hat.

0-FrischwocheDie Frischwoche

25. – 31. Januar

Zum Glück kehrt da mittlerweile etwas mehr Realitätssinn an die Drehorte ein. Es staubt und fault und stirbt also auch in Die Pfeiler der Macht kräftig, wenn der ZDF-Zweiteiler 1866 auf Londons Straßen beginnt. Fern vom lausigen Alltag der Massen erschießt sich kurz darauf der bankrotte Unternehmer Toby Pilaster und reißt damit seinen reichen Sohn samt der bettelarmen Maisie ins Unglück, das sich allerdings nach zwei Teilen zum Guten wendet. Es ist das gewohnte Märchen vom Aschenputtel auf dem Weg zum Prinzen, wenngleich ein anderes als üblich. Opulent ausgestattet und solide gespielt, rechtfertigt Christian Schwochows Kostümfest am Montag und Mittwoch also durchaus Fernsehgebühren, die da in großem Umfang verbraten wurden. Oder um es mit Netflix-Chef Reed Hastings im SZ-Interview auszudrücken: „Wir kämpfen um die Freizeit der Nutzer und müssen nur so viel gewinnen, dass die Leute kein Problem damit haben, pro Monat zehn Euro für unser Angebot auszugeben.“

Die 17,50 Euro fürs öffentlich-rechtliche Angebot sind da auch am Dienstag gut angelegt: 8 Stunden mit Beate Zschäpe, ein ZDF-Dokudrama, das sich auf jene Autofahrt zur kranken Oma fokussiert, bei der die Hauptangeklagte im NSU-Prozess von einem BKA-Spezialisten verhört wurde. Dank Lisa Wagner und Joachim Król kommt dabei ein grandioses Kammerspiel heraus, so spannend wie lehrreich. Gut angelegt ist das Geld auch für den Arte-Abend zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung am Mittwoch, unter anderem mit einer Doku über jene Firma, deren Krematorien einst im Vernichtungslager brannten. Dagegen ist der Athen-Krimi mit Francis-Hawkeye Fulton-Smith als ermittelndes Sirtaki-Klischee (Donnerstag, ARD) Null Cent wert, aber gewiss ein Quotenbringer. Wie das Dschungelcamp-Finale zwei Tage später, womit dann aber auch mal gut ist.

Aber nicht mit den Wiederholungen der Woche. Da wäre am Montag um 22 Uhr im NDR die farbige des zweiten und besten Tatort-Einsatzes von Jörg Hartmann als Dortmunder Borderline-Kommissar Faber. Da wäre das farbige Defa-Melodram Ehe im Schatten (Montag, 20.15 Uhr, MDR) von 1947 über das kurze Leben des Schauspielers Joachim Gottschalk, der sich 1933 von seiner jüdischen Frau trennen sollte. Und da wäre die frische 3sat-Doku Cannabis – Medizin oder Droge am Donnerstag um 20.15 Uhr, die sich dem ideologisch aufgeheizten Thema sehr variabel nähert.

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One Comment on “Elfenbeintürme & Sirtaki-Klischees”

  1. […] der Macht" kommt nicht an Günther Jauch vorbei Die Pfeiler der Macht Xunte Mandeln Elfenbeintürme & Sirtaki-Klischees Medien – Die Pfeiler der […]


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