Cale, de staat, TheAngelcy, Annenmaykantereit

TT16.1 CageJohn Cale

Man ist seit Bowies posthum dekodiertem Nekrolog Blackstar ja wachsamer, wenn Altstars ein Spätwerk machen. Schwingt da etwa ein todgeweihter Hauch von Abschied mit? Bei John Cales Album M:Fans lautet die Antwort spontan: Ja. Weil er nochmals fünf Jahre älter ist als der frisch verstorbene Bowie und sein Remake von Music For A New Society selbst vor einer schwarzen Wand verschwände, so seelenwund klingt der enthaltene Trübsinn. Da das Original allerdings schon 1982 im Weltschmerz des psychischen wie physischen Wracks jener Tage gebadet hat, lautet die Antwort am Ende der acht bearbeiten plus dreier unveröffentlichter Tracks aber doch eher: Jein.

http://www.vevo.com/watch/john-cale/Close-Watch-(Official-Video)/GBA321400124D

Etwa wenn Cale sein totenstilles Einsamkeitsepos If You Were Still Around so bombastisch digitalisiert, dass fast noch niedergeschlagener zum Suizid ermutigt als damals, zum Finale dasselbe Stück aber einer Frischzellenkur mit Wave-Injektion unterzieht. Schwer zu sagen also, ob M:Fans als Nachruf in eigener Sache dient; verstörender Artrock von melodramatischer Eleganz für erlesenere Geschmäcker ist es so oder so.

John Cale – M:Fans (Unday Records)

TT16.1 de staatDe Staat

Verstörenden Artrock ohne melodramatische Eleganz, aber mit einer Extraportion Pathos liefern Cales entfernt verwandte Erben in spe De Staat. Seit 2007 loten die fünf Holländer um den einschüchternd charismatischen Ex-Solisten Torre Florim die Grenzen von Avantgarde und Pop aus. Erst kürzlich bewies das vielleicht beste Video des Vorjahres namens Witch Doctor, mit welch imposanter Wucht Theatralik auf Präzision treffen kann, ohne dass die Überlast an Impulsen zum Selbstzweck gerät. Man wird süchtig nach dieser Visualisierung des Irrsinns, unentrinnbar.

Auf der fünften Platte O, schalten sie die Frequenz ihres militärisch anmutenden Stakkatos im Rammstein-Takt nun um ein paar Stechschritte zurück und werden wieder melodiöser, filigraner. Markenzeichen bleibt aber eine treibende Energie, die den kybernetischen Drums Marke Eigenbau, mehr aber noch Florims englisch proklamierendem Sprechgesang entspringt. Zu Arrangements, in denen sich hämmernde Vierviertel-Beats und vibrierende Varieté-Synths die Hand reichen, entsteht daraus ein Sound, der zuweilen irre klingt, aber unentrinnbar fesselnd. Genie und Wahnsinn als Staatssache.

De Staat – O (Sony)

gridTheAngelcy

Fern von allem, was ein Begriff wie Staat an Formalismen verkörpert, ist die israelische Folk-Formation TheAngelcy. Mit Gitarre, Kontrabass, Klarinette, Viola und gleich zwei Drummern im Duett übertritt sie spielend Grenzen, als sei die Weltgemeinschaft zumindest musikalisch doch bereits Realität. Dennoch steckt das Sextett aus dem kulturellen Schmelztiegel Tel Aviv im Korsett national gefärbter Klischees. Wie Brasilianern bekanntlich gern die Samba unterstellt wird und den Südstaaten der Blues, assoziiert man mit Israel ja intuitiv Klezmer.

Auf dem fabelhaften Debütalbum Exist Inside ist er allerdings eher Accessoire als Substanz, die sich eher aus Rotem Bar Ors androgynem Gesang im Stile Nina Simones speist, mehr aber noch der zeitgenössischen Renovierung traditioneller Klänge. Sozialkritisch betextet, spiegeln sie leichten Herzens den täglichen Spagat zwischen Furcht und Lebensfreude wieder. Das spricht besonders jungen Israelis aus dem Herzen, das Exist inside zum Vibrieren bringt. Tanz den Terror weg: Angesichts der globalen Großwetterlage ist das auch bei uns ein anschlussfähiges Gebräu.

TheAngelcy – Exist inside (Sony)

Hype der Woche

annenmayAnnenMayKantereit

Noch kein echtes Album im Laden, aber minutenschnell ausverkaufte Konzerte? Zur EP Wird schon irgendwie gehen der zuckersüßen Kölner Emofolkrockband AnnenMayKantereit könnte die Hysterie (nicht nur) unter Mädchen kaum größer sein. Ob es sich lohnt? Hier ist ein Vorgeschmack aufs Album im März, mit Reibeisenstimme, Kontrabass und einem Sound, der so gar nicht zum Kommerz passt, den solche Vorschusslorbeeren oft umweht.

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