Distelmeyer, GoGo Penguin, EstA

songs300Jochen Distelmeyer

Songs from the Bottom? Pop so zu beschreiben, als käme er glaubhaft von Herzen, klingt zunächst mal nach einem Widerspruch. Schließlich ist es die Quintessenz musikalischer Verwertungskultur, Versatzstücke diverser Stile und Emotionen so zu kombinieren, dass sie genreübergreifend wirken, geschmacksneutral und leicht zugänglich. Wenn ausgerechnet Jochen Distelmeyer, der Großintellektuelle des hiesigen Diskurspops, ein Album mit Coversongs kompiliert, die aus seiner Sicht vom Boden der Gefühlswelten ihrer Verfasser stammen, muss man aber doch mal aufmerken. Immerhin kopiert er ja nicht nur The Verves außergewöhnlichen Britpopklassiker Bitter Sweet Symphony oder dessen atmosphärischen Urahnen On The Avenue der Aztec Cameras, sondern auch Lana Del Rey, Britney Spears, sogar den Aprés-Ski-DJ Avicii. Gefühlsböden? Wohl doch eher kalte Kellerlöche.

Nur, was Distelmeyer, inspiriert von seinem herzlich missratenen Romandebüt Otis, daraus macht, ist mehr als bloß Nachsingen. Mit angenehm präziser Gitarre und seinem akklamatorischem Schmusegesang formt er daraus kleine Kunstwerke am oberen Rand des Machbaren im Kosmos des repitiven Pop. Wie zuvor seine (Wahl-)Hamburger Schulkameraden Kristof Schreuf und Rocko Schamoni, strahlt Distelmeyers Plagiatesammlung neben großer Virtuosität eben wunderbaren Eigensinn aus, ohne die Originale zu verunstalten. Das klingt manchmal altersmilde und gefällig, aber immer wunderbar elegant.

Jochen Distelmeyer – Songs from the Bottom, Vol. 1 (Four Music)

album-coverGoGo Penguin

Vor Eleganz ganz zappelig ist hingegen die neue Platte von GoGo Penguin aus Manchester. Auf ihrem dritten Album, mit dem sie zum legendären Blue Note Label gewechselt sind, zelebriert das Trio seine akustische Electronica mit teils analogen, teils programmierten Breakbeats, die den Jazz auf eine höhere, zeitgenössische Stufe heben. Man Made Object klingt trotz der klassischen Wurzeln zehn Stücke lang viril und lebendig. Chris Illingworths Piano flattert am Rande des Synthesizers, angetrieben von Nick Blackas Bass. Das ist natürlich nichts für Puristen – weder von der technoiden noch der jazzigen Seite.

Aber es verfeinert die Fertigkeiten der ersten zwei Platten, sich aus dem unerschöpflichen Fundus globaler Musikeinflüsse beinahe alles zusammen zu sammeln, was im verrauchten Kellerclub ebenso funktioniert wie auf einschlägigen Festivals von London über Paris bis Hamburg. Dafür gab’s bislang zu Recht Preise und Huldigungen zuhauf. Blue Note hat dem Vernehmen nach noch zwei weitere Alben bei GoGo Penguin bestellt. Man darf höchst gespannt sein.

GoGo Penguin – Man Made Object (Blue Note)

Hype der Woche

BD_EstA_album_cover_2016_high_resEstA

Battle-Rap ohne Gegner, Gangsta-Rap ohne Gewalt, Mainstream-Rap im Seitenarm des großen Stroms? Der Saarbrücker HipHop-Exnewcomer EstA ist auf seinem zweiten Album ohne die bisweilen bisschen aufdringlichen Halunkenbande um Baba Saad zu hören und dadurch viel, viel unaufgeregter, spannender, abwechslungsreicher, spannender. BestA ist gewiss nichts für Sprechgesangsfeingeister, aber – trotz oder wegen einer gewissen Zotigkeit im – stets unterhaltsam und somit dieswöchiger Spitzenkandidat für den Hype der Woche

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