Magnetic North, Underworld, Killerpilze

The Magnetic North - Prospect Of Skelmersdale FRONT_mailThe Magnetic North

Konzeptalben sind oft Kopfgeburten. Bemüht durchdacht und dadurch wenig spontan, reiten sie ein Thema gern aus anstatt viele Themen ineinander fließen zu lassen wie ein gut komponiertes Festmahl. Konzeptalben sind da eher zerkochter Eintopf. Es sei denn, man vertont wie die britische Band The Magnetic North Landstriche, mit denen die Mitglieder etwas Innerliches verbinden, Gefühle zum Beispiel, Erinnerungen. Beim gefeierten Debüt waren es vor vier Jahren die schottischen Orkney Islands, zu denen die Londoner ein vielgängiges Klangmenü bereitet haben, das auch deshalb lange im Unterbewusstsein hängen blieb, weil es der Gitarrist Gawain Erland Cooper aus seiner Kindheit kannte und liebte. Nun hat sich das Trio die Heimat des Multiinstrumentalisten Simon Tong (The Verve, Blur) vorgenommen: West Lancashire.

Auch Prospect Of Skelmersdale klingt wie ein Besuch in einer Heimat, hier der Nordwesten Englands, den man wie einen dunklen Wald betritt, bis dieser Soundtrack seine Hand ausstreckt und mit sanften Worten der Zuversicht von Sängerin Hannah Peel darin herumführt. Mit hüpfenden Gitarrenpicks, hallenden Drums und spannenden Synthieflächen erinnert das manchmal an The XX, entwickelt aus der unterschwelligen Tristesse aber ungeheuer viel Energie voller Geigen, die sedieren, wenn es zu aufregend wird, und erhellen, wo Trübsinn droht. Eine Platte wie eine Lichttherapie, voller Wärme, Kraft und Indiesound. Das beste im sperrigen Alternative-Fach dieser Tage.

The Magnetic North – Prospect Of Skelmersdale (Full Time Hobby)

UnderworldUnderworld

Es ist Fluch und Segen einer Band zugleich, wenn sie untrennbar mit einem Song verbunden werden, der schon lange zurückliegt. Im Fall der Walisischen Elektropioniere Underworld ist es ohne Frage Born Slippy, die zeitlose Hymne gut gelaunter Selbstzerstörung aus dem Drogenepos Trainspotting, was auch schon wieder zwei Jahrzehnte her ist. Man kommt also nicht umhin, auch beim neunten Album Barbara Barbara, we face a shining future unwillkürlich Tauchgänge durchs Kneipenklo im Kopf zu haben oder sonstige Horrortrips der schottischen Filmjunkies. Der nölige Gesang von Frontmann Karl Hyde, die getragenen Bass-Flächen, all das synthetisch Fließende dessen, was erst seit Underworld Progressive House genannt wird – alles lässt sich irgendwie auf die eigenen Wurzeln zurückführen.

Und ist doch gleichermaßen stets ein Teil ihrer eigenen Modernisierung. Wie eh und je lullt einen der Sound des zum Duo geschrumpften Trios ein und taucht alles ringsum in hypnotische Lässigkeit. Stücke wie If Rah etwa beginnen, schwellen an, schwellen ab und enden auf eine gleichförmige Art und Weise wie ein technoides Mantra, klangreduziert und stets ein wenig nostalgisch, als habe man das alles schon tausendmal gehört. Dennoch lässt es einen nicht wieder los, gräbt sich ins Rückenmark, mäandert dort ein wenig herum und wechselt dann fast unmerklich zum nächsten von sieben langen Tracks, der das Prozedere dann abermals wiederholt. Barbara Barbara ist Unterwanderungsmusik. Fies eigentlich. Aber auch großartig.

Underworld – Barbara Barbara, we face a shining future (Caroline)

Hype der Woche

image003Killerpilze

Auch Schülerbands werden mal erwachsen. Sicher, die alten Zeiten, super, wir bleiben immer Kumpels, rocken einfach immer weiter, wie früher, als wir noch bayerischen Teenager waren und irgendwie zufällig ins Rampenlicht gespült wurden, als junge, wilde, hungrige Indiepopband mit Kraft und Perspektive. Tja. Vier, fünf Stilwellen und sieben Platten später hat sich das Trio nun endgültig in Posterboys verwandelt und produziert Posterboyzeugs wie HIGH, knitterfrei und radiotauglich, noch immer mit diesem hübschen Schimmer angepasster Renitenz von damals, aber, ach, dann kommen diese furchtbaren Ohohoh-Choräle zum Selbstfindungsgefasel und man denkt sich, vielleicht interessiert sich noch die kleine Schwester dafür, wenn Killerpilze Wir sind immer noch jung singbrüllen. Seid ihr noch. Aber trotzdem fast so alt wie Matthias Reim.

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