Führerbeleidigung & Pharmatyrannei

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

2. – 8. April

Die Öffentlich-Rechtlichen Sender, so scheint es, haben zurzeit einen Pakt mit höheren Mächten geschlossen, der ihnen zurzeit unerwartete PR beschert. Erst erntet die NDR-Satire extra 3 für Erdoğans diplomatische Intervention wegen eines ziemlich wahrhaftigen Liedchens über den Führer der Türkei weltweit Aufmerksamkeit; nun rührt die Staatsanwaltschaft Mainz für ein zugegeben plumpes, aber brüllend komisches Gedicht vom ZDF-Rowdy Böhmermann, das einen ausländischen Staatsmann beleidigen soll, die Werbetrommel. Dabei bleibt völlig offen, ob der inkriminierte Erdoğan wirklich „Mädchen schlägt und dabei Gummimasken trägt“ oder gar „Ziegen ficken“ ebenso mag wie „Minderheiten unterdrücken“, aber darum geht es auch gar nicht, in dem abstrusen Fall von Fremdeinfluss und Selbstzensur. Es geht ums Prinzip.

Das nämlich wollen beide Seiten partout gewahrt sehen: Die eine jenes künstlerischer Freiheit, die andere das soziokultureller Moral. Einigen wir uns doch mal diplomatisch darauf, dass Reccep Tayyip Erdoğan zwar auch dank Angela Merkels langjähriger Ausgrenzungspolitik ein lupenreiner Faschist zu werden droht, aber vermutlich weder Sex mit Ziegen, Mädchen noch sonstwem hat. Dafür fehlt einem Tyrannen wie ihm beim ständigen Unterdrücken von Minderheiten doch nun wirklich schlicht die Zeit.

Andererseits ist die Sache mit Böhmermanns Poesie und der Justiz am ZDF-Standort eine willkommene Ablenkung von den Panama-Papers, die nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit bald auch ein paar deutsche Promis in die Leitmedien von Süddeutsche bis Tagesschau spülen dürften. Ach, wie wünscht man sich angesichts des unablässig hereinbrechenden Irrsinns der Weltpolitik doch manchmal die biedere Bonner Republik zurück, der das Erste nächstes Jahr einen Mehrteiler widmet, wie es grad historytainmentstolz verkündet hat. Die Nachkriegsjahre werden darin – vermutlich mit Heino Ferch als Ludwig Erhard im Fatsuit plus Veronica Ferres als Kriegerwitwe ohne – opulent in Szene gesetzt und damit jene Epoche, deren Abgründe ausgerechnet die ARD heute abermals hervorhebt.

aktedDie Frischwoche

9. – 15. April

Im zweiten Schwung der preisgekrönten Doku-Reihe Akte D geht es zunächst um Macht der Pharmaindustrie. Und die, das belegt der herausragend recherchierte Auftakt zur herausragend miesen Sendezeit (23.30 Uhr), hat in der jungen BRD ihr NS-erprobtes System bedingungsloser Profitmaximierung so zur Perfektion getrieben, dass all die Menschenversuche der zwölf Jahre zuvor seltsam logisch wirken. Von Contergan über HIV-verseuchte Blutgerinner oder Arzneitests an DDR-Bürgern bis hin zur radikalen Lobbyarbeit gegen Patientenrecht und gesetzliche Regulierung hat sich die frühere Apotheke der Welt zum Selbstbedienungsladen unternehmerischer Gier deformiert. Ein fabelhafter Film zum Reihenstart.

Von dem aus man tags drauf bedenkenlos zum BR überleiten kann, der um 22.30 Uhr seinen Whistleblower-Schwerpunkt mit dem Welterfolg Citizenfour startet. Darin trifft Autorin Laura Poitras den heilsamen Geheimnisverräter schlechthin: Edward Snowdon. Statt NSA steht an den zwei darauffolgenden Dienstagen dann der israelische Mossad im Mittelpunkt. Da die breite Masse des Publikums aber nicht mit Substanz belastet werden will (und wird), feiert das ZDF zur besten Sendezeit lieber den 90. Geburtstag von Queen Elizabeth II. Ist ja alles so schön bunt hier…

Bei den Privaten dagegen hat man ja schon seit längerem den Verdacht, dass dort allerlei seltsame Pillen ins Fingerfood gemischt werden. Anders lässt sich Die große ProSieben Völkerball-Meisterschaft kaum erklären, die das beliebte Kinderspiel Samstag-Abend volle vier Stunden lang live mithilfe mehrheitlich rätselhafter C-Promis auf Krabbelgruppenniveau senkt. Allerdings entstammen einige der Mitspieler direkt den sozialen Netzwerken, was erklärt, warum der Kaugummikanal fast ebensoviele Facebook-Freunde hat wie die anderen Vollprogramme zusammen. Fernsehen als Netzpropaganda – das ist noch perfider als die dritte Staffel von Sing meinen Song, ab Dienstag bei Vox, die sich mit anschließender Nena-Story ziemlich unverhohlen als PR-Plattform zugkräftiger Stars wie Xavier Naidoo darstellt.

Das Zeug zum Star des Tatort hatte ein gewisser Gisbert, der die Wiederholungen der Woche in Farbe einleitet: Als den Assistenten der Münchner Kommissare 2012 schon im ersten Fall Der tiefe Schlaf (Mittwoch, 22 Uhr, SWR) das Zeitliche segnete, gab es einen veritablen Shitstorm im Netz und Petitionen auf Papier – allerdings so erfolglos, dass Fabian Hinrichs mittlerweile als Kommissar in Nürnberg ermittelt. Sein Western-Pendent wäre übrigens ein Marshal, der im schwarzweißen Tipp zum wohl berühmtesten Duell der Filmgeschichte lädt: High Noon mit Cary Grant von 1952 (Dienstag, 23.40 Uhr, WDR). Die Doku der Woche ist hingegen deutlich zeitgenössischer: Leiden schafft (Mittwoch, 21 Uhr, EinsFestival), ein musikalischer Streifzug durch die Weltsicht deutscher Rapper, etwa Maxim und Ebow. Zum Schluss eine DVD: Er ist wieder da (ab 15,99 Euro, Constantin), David Wnendts verstörende Hitler-Auferstehung.

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