Jan Böhmermann: Poesie & Panik

BöhmermannMit Schlips und Stierhoden

Die Erdogan-Affäre zeigt mehr denn je: Jan Böhmermann ist der lustigste und peinlichste, brillanteste und chaotischste, eloquenteste und redundanteste Talk-Host im Regelprogramm. Kein Wunder, dass ihn die ARD ebenso wie das ZDF in der Nische versteckt, wo sein gefilmtes Radio LateLine neben Neo Magazin Royale – die einzige Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit Resonanz im Nachwuchspublikum – und einer Gesprächssendung mit Oli Schulz vor wenigen Zuschauern für Furore sorgt. Ein älteres Porträt aus gegebenem Anlass, dass den großen Austeiler des Humors nun erstmals so einstecken ließ, dass er seine morgige Sendung bei ZDFneo abgesagt hat.

Von Jan Freitag

Dieses Tempo muss man erstmal gehen, diese Prüfung erdulden, diesen Doppelsalto stehen: Auf jeden Wink folgt ein Sperrfeuer brachialer Sottisen, auf jede Steilvorlage ein schlagfertiger Abschluss, auf jede Antwort eine Gegenfrage, auf jede Gegenfrage eine Antwort, alles in Echtzeit, garniert mit Begriffen von „frisch gepresster Stierhoden“ bis „Bildung to Go“. Garantiert unverschämt, unverschämt gut – wer sich auf Jan Böhmermann einlässt, sollte besser schnell sein, er sollte diskursiv belastbar sein oder wenigstens zum eleganten Untergang bereit. Dieser Jan Böhmermann ist nämlich der moderierende Eisberg am Rumpf des Mehrheitsfernsehschiffsrumpfs, mithin nicht irgendein Moderator, der irgendwelche Worte bloß irgendwie zur Überbrückung irgendeines Formatzwangs absondert – Jan Böhmermann ist eine Waffe. Eine der Zunge, nicht tödlich, nur angemessen schmerzhaft.

Und jetzt – endlich sagen die einen, oje die anderen – kriegt dieser Nachwuchsmann von auch schon 32 Jahren seine ganz eigene Sendung. Sie heißt „LateLine“, ist im Grunde „abgefilmtes Radio“, wie er es im Zwiegespräch umrahmt von gefühlt 174 überflüssigen, aber interessanten Worten beschreibt, und unterzieht den Flatscreen einer weiteren Belastungsprobe. Seit drei Jahren läuft die „skurrile Sendung ohne Konzept“ voll „verhaltensauffälliger Mediengestalten“ (Böhmermann) rund um Mitternacht quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf den „jungen Wellen“ der ARD à la N-Joy, nun lockt das Leitmedium. Das klänge nach Aufstieg, liefe die zweistündige Mixtur aus Gehalt und Trash, ehrlicher Anteilnahme und selbstgerechtem Desinteresse nicht bei EinsPlus, was rund um Mitternacht noch weniger Menschen erreichen dürfte als das Testbild zu Zeiten, in denen der kleine Jan seine Bremer Lehrer subtiler zur Weisglut trieb als die ruppigen Klassenkasper am Schultisch nebenan.

Aber gut – der große Böhmermann kehrt nach seiner Trennung von Charlotte Roche auf dem Spartenkanal in Abwicklung (ZDFkultur) zurück auf den Bildschirm, live dazu, und das ist doch mal einer tieferen Beschäftigung mit dem Sonderfall des TV-Wesens wert. Kenner mögen den notorischen Schlipsträger bereits in den schlecht beleuchteten Ecken der Hauptsendezeit entdeckt haben: als Impro-Komiker der WDR-Reihe echt Böhmermann, im RTL-Ulk TV-Helden, neben Harald Schmidt bei Sat1 oder Klaas Heufer-Umlauf auf der Bühne, überall dort also, wo einem fernsehfernen Szenepublikum heimtückisch vorgegaukelt wird, eigentlich gar nicht fernzusehen. Das gelang ihm meist dank gediegener Zeitverschwendung plus der Kunst des fortwährenden Redens um seiner Selbst Willen. Bei Roche & Böhmermann hat er es fast zur Perfektion gebracht.

Denn Jan Böhmermann kann reden, und wie er das kann. Aus Rückenmark und Stehgreif. Ohne Punkt, ohne Komma, ohne Haspeln, ohne Äh, ohne Unterlass, ohne Sinn, aber nie vollends redundant. „Ich hab ne Aufmerksamkeitsspanne wie ein Goldfisch“, haut er beim Zuhörerchat über geile Zweilochstuten, meckernde Vorpommer und irgendwas mit Testikeln schon mal raus aus dem Nichts, als LateLine Ende 2012 testweise für EinsPlus gefilmt wurde, donnerstags ab 23 Uhr, „wo Arbeitslose, Studenten und die üblichen ARD-Jugendlichen von 55 bis 73“ zusehen, wie er auch im Interview mit halbautomatischer Phrasenknarre aus der Hüfte schießt. Das ist gern zotig, meist brachial, oft peinlich, öfter brillant, selten primetimetauglich, und doch muss die Frage erlaubt sein, was so ein eloquenter Berserker des geschliffenen Mono- bis Polylogs in der Nische der Nische der Nische verloren hat, jenseits der Wahrnehmung, diesseits messbarer Quoten. Seine Sparte sei „eine Mischung aus Schutz- und Entwicklungsraum“, entgegnet der gelernte Printjournalist und geübte Radioentertainer glaubhaft, „und ich bin dankbar, dass es sie gibt.“ Denn hier kann er seine 120 Studiogäste erst beschimpfen und dann mit Dosenbier versöhnen, mit Anrufern über fäkale Themen debattieren und sodann über Weltpolitik, hier kann er sich austoben.

Das könnte er im Hauptprogramm nicht. Gut: „Wenn der Intendant meine Telefonnummer im Papierkorb vom 3sat-Chef findet, sag ich: klar! Schmeiß die Wetten raus, lad keine Ostdeutschen mehr ein und dann nach dem Motto: Gebt mir vier Jahre Zeit!“ Doch der Autor, Entertainer, Alleskönner weiß natürlich, dass das so irrsinnig niemand ist, im öffentlich-rechtlichen Beamtenapparat mit seinen Pfründen, Deals und Zwangsneurosen. Dabei wäre er es, der zwischen zwei Gottschalkschen Schlüpfrigkeiten über die Oberweite des Hollywoodstars auf der Couch den Besitz dreier Privatjets oder 57 Badezimmer in Malibu problematisieren würde, wie er es mit Britt Hagedorns menschenverachtendem Nachmittagstalk getan hat, von Angesicht zu Angesicht. Insofern könnte LateLine doch nur Durchgangsstation sein. Irgendwann im Nachtprogramm der Großkanäle, zuvor bei ZDFneo, wo er ab eine Herbst eine „knallharte politisch-investigative Magazinsendung à la Monitor, Panorama oder Explosiv Weekend macht. Ob er das ernst meint? Schwer zu sagen. Aber auch egal. Wird schon lustig werden.

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