Astronautalis, Monika Roscher, M83

astronautalisAstronautalis

Was Rapper von Rappern unterscheidet, hat leider oft mehr mit Attitüde und Form als mit Flow oder Inhalt zu tun. Um nicht im Filter der selektionsfreudigen Aufmerksamkeitsindustrie hängenzubleiben, opfern viele ihre realness schließlich einer Vermarktungsstrategie, die vielleicht mal such as life war (Gangster, 20. Jahrhundert), doch zusehends larger than life wird (Gangsta, 21. Jahrhundert). Glaubhafte Hingabe findet sich im Lichtkegel des Genres kaum. Das erklärt, warum ein Naturtalent glaubhafter Hingabe wie Charles Andrew Bothwell 13 Jahre, drei Platten, diverse Kollaborationen und eine halbe Weltreise durch kleine bis winzige Clubs nach seinem Debüt bloß Connaisseuren des Hip-Hop bekannt ist.

Unterm Nom de Guerre Astronautalis hämmert er schließlich auch auf dem neuen Album Cut The Body Loose Alltagsprosa im furiosen Sprechgesangsstakkato unter echten Bandsound bis hin zum Jazz, als ginge es um sein, um unser Leben. Mindestens. Ob es das tut, dafür benötigen Deutsche ein Auslandssemester in Minneapolis, so satt an Idiomen sind Bothwells Wortkaskaden. Doch auch ohne präzises Textverständnis wird klar: Wie der frühe Eminem rappt da ein Weißer aus dem Innersten einer gar nicht mal prekären, aber sehr erzählenswerten Existenz. Reich wird er damit wohl nicht; Astronautalis’ Bling-Bling glitzert im Herzen.

Astronautalis – Cut The Body Loose (Cargo Records)

CD_LP_coverart_verySMALLMonika Roscher Bigband

Wo Monika Roschers Herz ihr unermesslich reichhaltiges Bling Bling bezieht, erschließt sich hingegen schon aus dem Beinamen ihrer Band. Das “Big” zeugt ja nicht grad von Understatement und Bescheidenheit. Gleich 17 Musiker begleiten die Bandleaderin schließlich auf ihrer zweiten Reise durch die unermesslich reichhalige Welt elaborierter Orchestermusik, auf der sie sich nach ihrem furiosen Debütalbum Failure in Wonderland abermals befindet. Of Monsters And Birds knüpft allerdings nicht bloß an die hinreißende Mischung aus psychoaktivem Jazz und elektronischem Funk an, sondern erweitert sie in Regionen, die Ohr und Hirn noch mehr herausfordern als vor vier Jahren.

Das Singen, auf Englisch zumal, zählt zwar nicht gerade zu den herausragenden Fähigkeiten der Gitarristin aus dem Fränkischen, aber was sie ihrem Ensemble diesmal ringsum für Arrangements geschrieben hat, spricht weit mehr als alle Wörter. Geradezu hypnotisch flattern die Bläsereinsätze da durch polyrhythmische Flächen, als flögen wirklich Vögel und Monster umher, auf dieser wilden Melange. Keine Sekunde kommt das Ganze zur Ruhe, stets faltet sich der Sound irgendwo auf, verteilt sich, wird gebündelt und wieder gespalten. Das ist Bling Bling aus allen Poren.

Monika Roscher Bigband – Of Monsters And Birds (Enja)

Hype der Woche

m83M83

Während das Bling Bling von Astronautalis oder Monika Roscher aus allen Poren und Herzen sprüht, entstammt das der französischen Elektrodreampopper M83 durchaus einer gewissen Berechnung – was aber überhaupt nichts Negatives bedeuten muss. Denn so viel Kalkül auch hinter der synthetisch aufgemöbelten Analogie der Band um die Brüder Yann und Anthony Gonzalez steckt: Ihre Disco ist voller Leben, voller Aberwitz, voller Zitaten und Samples, die vor allem für große Kreativität sprechen. Allerdings eben auch für ein großes Sensorium zur Erfassung des geneigten Publikumsgeschmacks. Sei’s drum – Junk, Album Nr. sieben in 14 Jahren (Naive), macht vom ersten bis zum letzten Track gewaltig Laune. Und blinkt und blinkt und blinkt.

http://www.vevo.com/watch/GB5SH1600048?syndicationid=bb8a16ab-1279-4f17-969b-1dba5eb60eda&shortlink=R51RGp&country=DE

 

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