Majestätsbeleidigung & Schmuseorgane

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

18. – 24. April

Gute Nachrichten gefällig, zum Start der nächsten Woche voller Krisen, Krieg und Katastrophen? Im Oktober ersetzt Ingo Zamperoni den altersmüden Tagesthemen-Moderator Thomas Roth, der dann endlich Zeit hat, sich die lästige Kiefersperre lösen (und vielleicht mal rasieren) zu lassen. Zugleich gibt er dem jungen Nachfolgern die Chance, dank dessen Charisma, seiner Nonchalance, dem Augenzwinkern, gepaart mit großer Nachrichtenkompetenz den deutschen Medien einen dringend nötigen Schub Richtung Zukunftsfähigkeit zu geben. Zumindest hierzulande. Andernorts drängt sich schließlich zusehends der Eindruck auf, dass es schon mehr als einen Schub bräuchte. Tendenz Urknall.

In Russland zum Beispiel darf der Oberstaatsanwalt Alexander Bastrykin von seinem Freund Putin und auch sonst unwidersprochen fordern, Internetbeiträge fortan ohne Gerichtsbeschluss zu zensieren, falls sie „extremistische“ Dinge verbreiten, die hierzulande der Holocaust-Leugnung gleichkämen. Kritik am Krim-Referendum etwa. Starker Vergleich. In der Türkei wurde parallel dazu der SWR-Reporter Volker Schwenck nicht ins Land gelassen, um übers Flüchtlingselend an der syrischen Grenze zu berichten. Und da ist noch gar nicht von Präsident Erdoğan die Rede, der neben Jan Böhmermann 2000 weitere Personen wegen vermeintlicher Majestätsbeleidigung angezeigt hat.

Es ist übrigens gar nicht so provokant zu behaupten, das ZDF habe die lachhafte Reaktion aus Ankara förmlich erzwungen, indem es das „Schmähgedicht“ vorauseilend zensierte. Da wirkt Thomas Belluts Zusicherung, mit seinem pausierenden Mitarbeiter wenn nötig durch alle Instanzen zu gehen, allenfalls pflichtschuldig. Von journalistischer Größe würde es eher zeugen, Böhmermanns – ja: Satire endlich wieder öffentlich zugänglich zu machen. Und zwar nicht in der luftig leicht bearbeiteteten Fassung, die vorige Woche ebenso zum Klickkrösus wurde wie Claus Klebers famoses Interview mit Michael-Hubertus von Sprenger im heute-journal, das Erdoğans Anwalt als das entlarvt, was er ist – hier aber besser unausgesprochen bleibt, weil es gewiss eine Majestätsbeleidigungsklage des biegsamen Nazi-Verteidigers nach sich zöge.

Der wilde Junge aus den Wäldern (Denis Muri?) kann am Anfang besser mit Tieren als mit Menschen kommunizieren.

Der wilde Junge aus den Wäldern (Denis Muri)

Die Frischwoche

25. April – 1. Mai

Großmütiger auf Beleidigungen wie die, er sei vom Theaterstar zum Pilcher-Inventar geschrumpft, reagiert Christian Kohlund. Sein Schmuseorgan verleiht zwar selbst dem flachsten Melodram Tiefe, doch mit jedem Traumhotel, das er bezog, erklang es seltener in guten Rollen. Seit er ausgecheckt hat, ertönt es allerdings wieder etwas anspruchsvoller: Als Anwalt Borchert darf der Schweizer im Zürich-Krimi ermitteln. Und das macht er, nun ja, gar nicht mal übel. Schließlich hat seine Figur – wie so oft am ARD-Donnerstag – ein Geheimnis, das sie bei ihrer Rückkehr in die alte Heimat recht atmosphärisch umweht. Ohren statt Augen auf wäre dennoch mitunter der angenehmere Weg.

Beides schließen sollte man aber Dienstagabend. Wenn das ZDF den 70. Carl XVI. Gustavs feiert, alliteriert der Titel König, Krone, Kindersegen zwar prima, aber warum öffentlich-rechtliches Fernsehen einer konstitutionellen Demokratie springt, sobald Monarchen ihr royales Stöckchen werfen, bleibt das Rätsel der Gebührenfinanzierung. Die ja mitunter gute Güte zuwege bringt. Etwa Emma nach Mitternacht mit Katja Riemann als Radiopsychologin, die es Mittwoch im Ersten mit Ben Becker als Geiselnehmer aufnimmt. Das ist zum Start der Reihe nicht realistisch, aber auch dank Andreas Schmidt als überdrehter Redaktionschef seriös unterhaltsam.

Gegen die Bayern im Halbfinale der Champions League hat das allerdings nicht den Hauch einer Quotenchance. Aber dieses Schicksal teilt der Film mit dem preisgekrönten Regiedebüt Niemandskind auf 3sat (22.25 Uhr), eine Art jugoslawischer Kasper Hauser im Balkankrieg, der vor gut 20 Jahren nicht nur halb Osteuropa verwüstet hat, sondern auch die Seelen der Bewohner. Der Übergang zum Mythos Trümmerfrau wirkt jetzt vielleicht etwas plump, passt aber einfach zu gut, um ihn zu lassen. Im Finale des ARD-Dreiteilers Akte D werden die tatkräftigen Kriegerwitwen heute um 23.30 Uhr dokumentarisch entzaubert, ohne ihnen die Würde zu nehmen. Eine Kunst, die im heiteren Fach britischen Komikern vorbehalten bleibt. Oder österreichischen. Etwa Josef Hader.

Am Freitag auf Arte spielt er im Alpen-Fargo Der Tote am Teich einen pensionierten Bullen so bitterkomisch und gleichsam wahrhaftig wie die Wiederholung der Woche am Montag (23.15 Uhr, NDR): Wir können auch anders, Detlev Bucks Durchbruch von 1993 mit Joachim Król und Horst Krause als unfreiwillig kriminelles Deppen-Paar. Unfreiwillig komisch ist dagegen die Doku der Woche, mit der HR am Donnerstag um 20.15 Uhr auf eine Fernsehlegende zurückblickt: 50 Jahre Blauer Bock. Wer den nie selbst erlebt hat, wird kaum glauben, dass ganze Familien einst so ihre Abende verbracht haben, und die Klage vom schlechten Fernsehen der Gegenwart womöglich anders bewerten.

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