Katja Riemann: Radiopsychologie & Schmidt

emma-nach-mitternacht-der-wolf-und-die-sieben-geiseln-126~_v-varxl_82335eAussehen war nie ein Thema

Diva, Zicke, konfrontativ – es kursieren die wildesten Gerüchte über Interviews mit Katja Riemann. Im Gespräch über ihre Filmreihe Emma nach Mitternacht jedoch, die Mittwoch im Ersten startet, ist die Schauspielerin nicht nur freundlich, sondern überaus unterhaltsam. Was allerdings auch an ihrem Kollegen Andreas Schmidt liegt, der Riemann im gemeinsamen Gespräch (Foto: SWR/Alexander Kluge) ebenso Paroli bietet wie in der Geschichte um eine Radiopsychologin und ihren Chef.

Interview: Jan Freitag

Frau Riemann, Herr Schmidt, ist Emma nach Mitternacht so eine Art Nachruf auf Jürgen Domian, der im Herbst seine Sprechstunde beendet?

Katja Riemann: Nur insofern, als es sich bei mir auch um eine Radio-Psychologin handelt.

Andreas Schmidt: Davon abgesehen ist eine Late-Night-Psychologin so spannend, weil es ohne Krimielemente tief in die menschlichen Abgründe unserer Gesellschaftblickt.

Heißt das, die Thriller-Elemente des Pilotfilms sind eine Ausnahme?

Riemann: Das wäre zumindest mein persönlicher Wunsch. Ich finde Radio als Medium toll und die Idee, Fernsehen durchweg darin spielen zu lassen, umso mehr. Diese Reduktion ist dem Publikum allerdings nicht leicht zu vermitteln, das ist mir schon klar.

Schmidt: Wir haben ja geradezu Angst vor fehlenden Bildern.

Riemann: Hast du Locke mit Tom Hardy gesehen? Ein Mann, 90 Minuten beim Telefonieren im Auto, sonst nix. Diese Zuspitzung wäre mein erklärtes Ziel, allerdings mit mehr Spielraum als der frontalen Ansicht von Jürgen Domian. Emma kann und darf mehr agieren.

Im ersten Teil agiert sie jedoch auch mit vorgehaltener Waffe stets kontrolliert und cool, während ihr Redaktionsleiter Benno Heinle oft fast karikiert wirkt. Ist das realistisch?

Schmidt: Vom Spiel oder vom Aussehen her?

Davon abgesehen, dass ihr Aussehen nicht exakt jener Postertauglichkeit entspricht, die der Film von seinen Hauptdarstellern erwartet, wirkt auch ihr Spiel leicht überdreht…

Schmidt: (lacht) Ich nehme das mit der Postertauglichkeit mal als Kompliment. Karikaturen zu spielen, liegt mir allerdings fern. Mein Heinle ist schon eine humorvolle Figur in einem komplizierten Job mit vier Kindern. Er hat also viele Baustellen zu bewältigen, was sich in aller Seelenruhe schwer machen lässt.

Auch nicht bei Emma, die trotz Todesgefahr nie haspelt, nie schwitzt, nie zaudert?

Riemann: Ich habe generell keinen so ausgeprägten Realitätsanspruch; wir machen ja keine Doku. Dieser Hyperrealismus der Berliner Schule, Figuren gegenüber der Wirklichkeit zu vergrößern, ist nicht so meins, gerade in einer Fernsehreihe. Mich interessieren Emmas Geheimnisse mehr als ihre Wahrhaftigkeit.

Schmidt: Und zu der gehört bei einer Psychologin, die auf souveränen Umgang mit Fremden geschult ist und sie förmlich auf den Kopf zu stellen vermag, auch die Fähigkeit, in Extremsituationen Haltung zu bewahren. Ich wundere mich auch oft, wie Politiker komplexe Dinge in Echtzeit begreifen und artikulieren. Souveränität ist eine Frage der Übung, die Emma anscheinend hat.

Riemann: Ich glaube, unser Organismus kann eine Überlebensfunktion aktivieren, die ihn wie ein Airbag schützt, wenn es hart auf hart kommt.

Wie würden Sie selber denn wohl in solch einer Situation reagieren?

Riemann: Indem ich gar nicht erst in die Tankstelle mit einem bewaffneten Kidnapper hinein ginge. Aber solche Überlegungen helfen mir bei der Vorbereitung auf eine Rolle nicht weiter.

Schmidt: Ich würde da auch nur reingehen, wenn mir jemand darin so wichtig wäre wie ich selbst. Und wozu ich dann in der Lage wäre – wer weiß. Vielleicht entsteht daraus diamantklares Denken, das man sich sonst gar nicht zugetraut hätte.

Riemann: Ich erinnere mich an zwei, drei Situationen in meinem Leben, wo körperliche Bedrohung sehr real war. Da kam es zu dem, was Andreas diamantklares Denken nennt.

Schmidt: Ich hatte mal diese typische Nazi-Situation in der U-Bahn, als wir einen Studentenfilm gedreht hatten. Mir ist das Herz in die Hose gerutscht, aber einer aus dem Team ist aufgestanden, hat auf die fünf Glatzen eingeredet und einfach nicht aufgehört zu reden.

Riemann: Und hat es dadurch deeskaliert?

Schmidt: Absolut. Ohne Aggressivität, einfach durch bloßen Mut.

Riemann: Fantastisch!

Schmidt: Ich hoffe, mein Inneres hat dieses Verhalten aufgesogen und gibt es in einer ähnlichen Situation instinktiv frei. Denn währenddessen kam ich mir ziemlich klein und feige vor.

Riemann: Also nicht so richtig postertauglich.

Warum kriegen Schauspieler wie Milan Peschel, AlwaraHöfels, Martin Brambach oder Sie mittlerweile spielend Hauptrollen, obwohl sie dem Anspruch der Branche nach Makellosigkeit nicht genügen?

Schmidt: Ich möchte die Frage dahingehend umdrehen, dass äußerst gutaussehende Kollegen oft unglaublich tolle Schauspieler sind, das aber nicht oft zeigen dürfen, weil man sie aufs Aussehen reduziert. Und Frauen haben es noch viel schwerer. Dass ich so viele anspruchsvolle Sachen drehe, hat also womöglich gerade mit meinem ungewöhnlichen Gesicht zu tun.

Hatten Sie, Frau Riemann, je das Gefühl, Ihre Attraktivität stand Ihnen im Wege zu anspruchsvollen Rollen?

Riemann: Attraktivität?

Anfang der Neunziger, nach Abgeschminkt, hat sie nahezu jeder im geschlechtsreifen Alter angehimmelt…

Riemann: Echt? Hab ich damals gar nicht mitgekriegt.

Schmidt: Das kann nicht wahr sein, Katja!

Riemann: Doch, deshalb fühl ich mich auch nicht von Andreas Rückfrage angesprochen. Ich wollte immer komplexe Rollen spielen und darf das bis heute. Ich bin echt dankbar, wenn andere mich gut aussehend finden, sehe das selbst aber erst so, seit ich 40 bin. In den Neunzigern fand ich mich überhaupt nicht attraktiv.

Schmidt: Ist schon krass, wie viele schöne Frauen so eine Selbstwahrnehmung haben oder?

Riemann: Tja… Bewusster war mir, dass ich in den Neunzigern Teil einer Wende war, in der ein kommerzielles deutsches Kino abseits von Klamauk und Arthaus entstand. Deshalb hab ich immer lieber an der Schauspielerei als an meinem Sixpack gearbeitet. Aussehen war für mich nie ein Thema.

Schmidt: Beneidenswert!

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