Kevin Morby, Hot Panda, R. Hollebon, Beyoncé

TT16-MorbyKevin Morby

Trüge das Gegenteil von Enthusiasmus im Indie-Folk einen Namen, Kevin Morby wäre wohl ein passender Kandidat. Mit der stimmlichen Durchschlagskraft Bob Dylans, in dessen Tradition sich der unscheinbare Texaners zweifellos wähnt, schwirrt sein betont beiläufiges Näseln im Hallraum des tiefenentspannt melodramatischen Genres umher, als gehe ihn die Sache mit dem dritten Album in drei Jahren ebenso wenig an wie die teils hymnische Kritik am wunderbaren Vorgänger Still Life. Doch all das könnte auch nur ein gerissener Täuschungsversuch sein.

Denn so dünn sein Gesang über die lösbaren Rätsel des Daseins wie Beziehung, Heimatliebe, Selbstzweifel auch wirkt: Sobald der 28-Jährige mit einem halben Leben Banderfahrung im Gepäck und dem Multiinstrumentalisten Sam Cohen zur Seite aufgeweckte Mariachi-Bläser unter seine Westerngitarre rührt und sodann oder auf einer Batterie Verzerrer herumtrampelt, die sein Singer/Songwriting kurz mal ins Psychedelische reißen, löst sich das Understatement in liebevollem Overacting auf. Ein wirklich zauberhafter Kontrast. Passend zum Albumtitel Singing Saw übrigens, an die seine gelegentliche Harmonieverweigerung tatsächlich erinnert. Bei aller Zurückhaltung.

Kevin Morby – Singing Saw (Dead Oceans)

HP_BP_VINYL-ART_02-16Hot Panda

Ob Musik schlecht ist oder nicht, hängt vom Vergleichsgegenstand ab. Schlechter Rock, Jazz, Soul, was auch immer gewinnt sein negatives Attribut ja erst im Kontrast zum reichen Fundus hochwertiger Erzeugnisse im selben Segment. Aber schlechter Pop – ist das auf dem Spielfeld popkultureller Beliebigkeit nicht die Antithese der Antithese, ergibt also wie Minus mal Minus Plus, ergo: gut? In Ausnahmefällen schon! Hot Panda zum Beispiel, sehr lustig benannt nach einem China-Restaurant ihrer kanadischen Heimatstadt Edmonton, mischen seit Jahren Fragmente aus aller Herren Genres so unterhaltsam zu einer schrill-schönen Kakophonie, dass ihr Indie-Rock zwar poppig wirkt, für radiogeschulte Mägen aber völlig unverdaulich.

Der Titel ihrer neuen Platte klingt daher gleichermaßen ironisch und ernstgemeint: Bad Pop. Den liefert Album Nr. 4  in der Tat. Allerdings im Stile von Green Day oder Weezer, deren fuzzig fröhliche Gitarren auch viel zu laut brüllen für den Belcanto davor oder umgekehrt eigentlich weitaus brachialeren Gesang erfordern würden. Aber gut – den setzt der Songwriter des Trios Chris Connelly ja immer wieder mal ein: Dann nämlich, wenn man es am wenigsten erwartet. Also irgendwie dauernd. Wie gesagt: Minus mal Minus. Bad Pop, sensationell gut…

Hot Panda – Bad Pop (Hot Pandas)

reuenReuben Hollebon

Pearl Jam hatten ihre Zeit. Sie ist schon eine ganze Weile her und hat sich ereignet, als Punk über den Umweg der Garage zum emotionalen Rock ohne Pathos oder sonstigen Gefühlsballast wurde und unterm Namen Grunge jene Gitarrenmusik revolutionierte, die zuvor ihrerseits Opfer einer Konterrevolution des Mainstream geworden war. Wenn ein unscheinbar blässlicher Brite aus dem tristen Norfolk mit dem merkwürdig barocken Namen Reuben Hollebon ein Vierteljahrhundert später so klingt wie Eddie Vedder und das Ganze mit einem Sound unterlegt, der auch irgendwie eher nostalgisch als zeitgemäß klingt, besteht also eigentlich kein Grund zu größerer Erregung. Eigentlich.

Denn was der musikalische Vagabund im besten Studentenalter nach ein paar Jahren Live-Praxis in halb Europa auf seinem Debütalbum zuwege bringt, mag mit Terminal Nostalgia seinerseit leicht rückwärtsgewandt klingen, ist aber ungemein ergreifend und dabei überhaupt nicht so süffig wie es Pearl Jam in ihrem Spätewerk leider wurden. Irgendwo zwischen The National und Grizzly Bear zelebriert er einen verwaschen schönen Alternative-Folk, der keinesfalls modern ist, aber eben auch nicht im Vorgestern badet, sondern die Gegenwart des Rock ein bisschen an jene Epoche erinnert, die dem Genre einmal Dampf unterm Hintern gemacht hat.

Reuben Hollebon – Terminal Nostalgia (Bright Antenna)

Hype der Woche

Beyoncé

Es gibt so Künstler und *innen massenwirksamer Musik, an denen kommt man partout nicht vorbei, so sehr man sich auch müht und windet. Beyoncé zum Beispiel, das schickste Postergirl des Planeten Pop, hat dem Feminismus mit ihrem selbstbestimmten Arschgewackel zum elaborierten Breitband-R’n’B zugleich die Pest und das passende Penicillin verabreicht. Ihr Sound ist so seifig, dass es aus den Boxen spritzt, zugleich aber so grandios inszeniert, dass der gigantische Rest des musikalischen Geldaldels vor ihr niederknien müsste. Für ihr sechsten Soloalbum, das sie wie gewohnt vorab praktisch überhaupt nicht promoten ließ, hat ihr Management demnach Stars von Jack White über The Weeknd, James Blake, Kendrick Lamar bis hin zu einem Dutzend erstklassiger Produzenten gewonnen, die Lemonade zu einem Glanzstück des Genres machen. Wer es gern independenter mag, kantiger und alternativer, wird also alles daran setzten, Beyoncés neuem Werk zu entgehen. Wer das nicht aus Prinzip tut, sollte sich dabei nicht zu sehr verkrampfen; Lemonade läuft rein wie die Titelbrause an einem heißen Sommertag. Verdammt…

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