Marseille: Yachthafen & Netflix-Ghetto

Marseille_PR_GROUPSex & Crime? Checkcheckcheck!

Mit der vermeintlichen Politserie Marseille (Foto@Marco Grob) zeigt Netflix ab Donnerstag seine erste europäische Eigenproduktion. Trotz vieler Klischees und handelsüblicher Standards ist die Geschichte um Macht, Sex, Gier und Gewalt aus Frankreichs vielschichtiger Hafenmetropole ein ordentlicher Anfang auf dem alten Kontinent.

Von Jan Freitag

Entertainment und Politik gehen selten Hand in Hand. Gut, es gab da mal Politentertainer wie Wehner, Strauß und Joschka Fischer, die sich gern am Rand der Realsatire stritten. Manches (ost)europäische Parlament gleicht zuweilen eher Boxring als Plenarsaal. Und als die FDP ihr Wahlziel mal unter Westerwelles Schuhsohlen druckte, ging es kurz lustig zu im Hohen Hause. Ansonsten aber ist das Geschäft darin ein zähes Ringen zwischen Lobbyismus, Fraktionszwang und Bürokratie.

Für Unterhaltung taugt die Gewaltenteilung demnach nur bedingt – das zeigen diverse Zuschauerflops mit politischer Thematik. Kanzleramt zum Beispiel mit Klaus J. Behrendt als Regierungschef, ist 2005 bei Kritik und Publikum so gnadenlos gescheitert, dass das ZDF sein fiktives Abgeordneten-Porträt Eichwald MdB kürzlich im Spartenkanal Neo vergrub. Auch der Zuspruch für Importe von Borgen bis House of Cards bleibt im linearen Mainstream trotz aller Preise mäßig. Und als zuletzt der famose ARD-Mehrteiler Die Stadt und die Macht im Quotentief versank, wurde deutlich: Mit großer Politik ist abseits der Nachrichten schwer Staat zu machen.

Vielleicht ist die französische Politserie Marseille ja deshalb keine dramatische Politserie, sondern eher ein Seriendrama mit etwas Politik. In Europas erster Eigenproduktion des amerikanischen Streamingdienstes Netflix wird sie von Gérard Depardieu als scheidender Bürgermeister Robert Taro, der seiner geliebten Brennpunktmetropole nach 20 Jahren im Amt ein riesiges Casino im Yachthafen und seinen Protegé Lucas Barrès als Nachfolger hinterlassen will, zwar äußerst schwergewichtig verkörpert. Doch das parlamentarische Geschacher um Frauen, Geld und Macht bildet im Grunde nur das übliche Brett eines Gesellschaftsspiels, bei dem aufwändig gestaltete Figuren möglichst aufregend verschoben werden.

So weit der Plan. Die Umsetzung von Showrunner Florent Siri wird ihm allerdings nur bedingt gerecht. Es beginnt bereits beim Start. Mit der riesigen Nase seines wuchtigen Darstellers zieht Bürgermeister Taro in den kühl-blauen Katakomben des örtlichen Fußballstadions zwei Nasen Koks, bevor er zur Marseillaise die VIP-Loge seines Heimatvereins betritt und in die Sprechchöre leidenschaftlicher Olympique-Fans hinein schmachtet, wie sehr er sie doch liebe, „diese verdammte Stadt“, während ihn ein Gangster nebenan in offenkundigster Miami-Vice-Schmierigkeit taxiert und somit gleich mal klarstellt, wer hier gut ist und wer böse.

Diese Grenzen mögen fortan zwar hier und da wieder verwischen. Doch nicht nur wegen des Kokains erinnert die Dramaturgie von Marseille unverzüglich an die Achtzigerjahre, als dem Publikum noch alles schnell und einfach erklärt werden musste, um sie nicht sofort an einen der zwei anderen Sender zu verlieren. Andererseits faltet sich die Geschichte zusehends in Randepisoden auf, die das Ganze komplizieren, aber doch eher der Vollständigkeit halber erzählt werden, als den Plot voranzutreiben: Intriganter Gegenspieler? Check! Depressive Ehefrau? Check! Tochter mit Unterschichtenabstecher? Check! Viel Sex? Check! Noch mehr Crime? Check! Branchenübliches Spannungsfeld zwischen Plattenbau und Villenviertel? Checkcheckcheck!

Dass Marseille trotzdem acht Teile lang weitestgehend überzeugt, liegt am exquisiten Cast, allen voran Depardieu. Es liegt aber auch am Ort des Geschehens, dieser aseptisch versifften Migrationshochburg mit angeschlossenem Yachthafen. Wie kaum eine andere, verkörpert Frankreichs zweitgrößte Stadt glaubhaft die groteske Ungerechtigkeit der gar nicht so sozialen Marktwirtschaft auf engstem Raum, bietet also etwas mehr Reibungsfläche als das vollends verrottete Neapel der Mafia-Serie Gomorrha, die am Dienstag bei Sky in Staffel 2 geht. Das Desaster mag dort wahrhaftiger sein, der Niedergang unwiderruflicher, die Gewalt absurder; wirklich unterhaltsam wird all dies erst im Kontrast zu den Strippenziehern der Upper-Class mit ihren Swimmingpools und Luxuskarossen. Politiker oder nicht.

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