Plants & Animals, Astronautalis, Hollebon, Udo

Plants and Animals_Waltzed in from the Rumbling_Album Cover_hiresPlants and Animals

Die Frage ist natürlich eher hypothetischer Natur, aber was wäre wohl gewesen, wenn Thom Yorke und seine Radioheads vor gut 30 Jahren so richtig gut gelaunt ins Studio gegangen wären, voller Esprit und Lebensmut anstatt der brillanten, aber schwermütigen Inspiration des Abgründigen im Nacken? Sie hätten vermutlich ein bisschen geklungen wie das kanadische Trio Plants and Animals. Wobei – angesichts des zeitlichen und berühmtheitsbedingten Vorsprungs der Britpoplegenden muss man es wohl doch andersherum ausdrücken: auch auf ihrem vierten Album klingen die vergleichsweise jungen Nachfolger so, wie Radiohead mit einer großen Portion guter Laune im Bauch. Und es klingt wirklich gut.

Mit selbstbewusster Eleganz lässt Waltzed In From The Rumbling schon im Auftaktstück We Were One viel positive Stimmung zwischen leicht melodramatische Riffs hindurch scheinen. Optimistisch schwingen da Geigen wie in einer Sixties-Romanze über die Gitarre von Warren Spicer, dessen Stimme dazu leicht kratzig, aber ohne Pathos von der Liebe singt, die im anschließenden No Worries Gonna Find Us von fabelhaft verspielter Folkigkeit ummantelt wird. So geht das Album elf Tracks lang weiter: Permanent um Geschmeidigkeit bemüht, dabei selten anbiedernd und bei aller Emotionalität nie larmoyant. Radiohead auf Ecstasy, so scheint es manchmal. Ein bisschen mehr Herz als Schmerz. Schönes Album.

Plants and Animals – Waltzed In From The Rumbling (Secret City Records)

astronautalisAstronautalis

Was Rapper von Rappern unterscheidet, hat leider oft mehr mit Attitüde und Form als mit Flow oder Inhalt zu tun. Um nicht im Filter der selektionsfreudigen Aufmerksamkeitsindustrie hängenzubleiben, opfern viele ihre realness schließlich einer Vermarktungsstrategie, die vielleicht mal such as life war (Gangster, 20. Jahrhundert), doch zusehends larger than life wird (Gangsta, 21. Jahrhundert). Glaubhafte Hingabe findet sich im Lichtkegel des Genres kaum. Das erklärt, warum ein Naturtalent glaubhafter Hingabe wie Charles Andrew Bothwell 13 Jahre, drei Platten, diverse Kollaborationen und eine halbe Weltreise durch kleine bis winzige Clubs nach seinem Debüt bloß Connaisseuren des Hip-Hop bekannt ist.

Unterm Nom de Guerre Astronautalis hämmert er schließlich auch auf dem neuen Album Cut The Body Loose Alltagsprosa im furiosen Sprechgesangsstakkato unter echten Bandsound bis hin zum Jazz, als ginge es um sein, um unser Leben. Mindestens. Ob es das tut, dafür benötigen Deutsche ein Auslandssemester in Minneapolis, so satt an Idiomen sind Bothwells Wortkaskaden. Doch auch ohne präzises Textverständnis wird klar: Wie der frühe Eminem rappt da ein Weißer aus dem Innersten einer gar nicht mal prekären, aber sehr erzählenswerten Existenz. Reich wird er damit wohl nicht; Astronautalis’ Bling-Bling glitzert im Herzen.

Astronautalis – Cut The Body Loose (Cargo Records)

reuenReuben Hollebon

Pearl Jam hatten ihre Zeit. Sie ist schon eine ganze Weile her und hat sich ereignet, als Punk über den Umweg der Garage zum emotionalen Rock ohne Pathos oder sonstigen Gefühlsballast wurde und unterm Namen Grunge jene Gitarrenmusik revolutionierte, die zuvor ihrerseits Opfer einer Konterrevolution des Mainstream geworden war. Wenn ein unscheinbar blässlicher Brite aus dem tristen Norfolk mit dem merkwürdig barocken Namen Reuben Hollebon ein Vierteljahrhundert später so klingt wie Eddie Vedder und das Ganze mit einem Sound unterlegt, der auch irgendwie eher nostalgisch als zeitgemäß klingt, besteht also eigentlich kein Grund zu größerer Erregung. Eigentlich.

Denn was der musikalische Vagabund im besten Studentenalter nach ein paar Jahren Live-Praxis in halb Europa auf seinem Debütalbum zuwege bringt, mag mit Terminal Nostalgia seinerseit leicht rückwärtsgewandt klingen, ist aber ungemein ergreifend und dabei überhaupt nicht so süffig wie es Pearl Jam in ihrem Spätewerk leider wurden. Irgendwo zwischen The National und Grizzly Bear zelebriert er einen verwaschen schönen Alternative-Folk, der keinesfalls modern ist, aber eben auch nicht im Vorgestern badet, sondern die Gegenwart des Rock ein bisschen an jene Epoche erinnert, die dem Genre einmal Dampf unterm Hintern gemacht hat.

Reuben Hollebon – Terminal Nostalgia (Bright Antenna)

Hype der Woche

UdoUdo Lindenberg

Was will man machen – es geht nicht an ihm vorbei, keine Chance. Seit seinem unfassbaren Comeback, das Uns Udo 2008 nicht nur das erste Nr-1-Album in 37 Jahren Studioarbeit einbrachte, sondern auch jenen Respekt, den dieses Land seinen Auferstandenen gern zuwirft wie einen Hundekeks, gilt Lindenberg als Antiantiheld der Kulturrepublik schlechthin, auf einer Stufe mit Juhnke, Franz und Helmut Kohl – Zeitgenossen also, denen man zum Wohle eines nationalen Wirgefühls alles sogar Arroganz, Egoismus, schlechte Songs verzeiht. Das Hamburger Kiezgestein aus Westfalen vollbringt dabei allerdings auch auf dem nächsten Nr.-1-Album Stärker als die Zeit ein Wunder: Es macht Allerweltsmusik, die außergewöhnlich klingt, das ewig Gleiche, als wäre es brandneu, Langeweile im Gewand des Aufregenden un umgekehrt, der man sich nicht nur wegen des dauernden Mea Culpa kaum entziehen kann. Man muss es an dieser Stelle daher kurz zur  Diskussion stellen: ist dieser Unsterbliche ein Gott? Ganz irdisch ist seine Wiederauferstehung jedenfalls nicht. Udo – bleib bei uns, nochmals 70 Jahre, bitte!

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