Heikedine Körting: 100 Goldplatten & Drei ???

aufnahmestudioHerrscherin im Hörspielschloss

TKKG, Hui Buh, Drei ???: Die Kassetten, Schallplatten und CDs des Europa-Verlags sind Teil des kollektiven Kindheitsgedächtnisses der Republik. Und seit bald 50 Jahren werden sie von der gleichen Frau produziert: Heikedine Körting. Besuch in ihrer prächtigen Villa in Hamburgs nobler Rothenbaumschosse, dem Märchenschloss der Hörspielära.

Das Märchenschloss hat keine Zinnen. Ein Graben fehlt, ebenso die Zugbrücke. Es gibt weder edle Ritter noch livrierte Diener, geschweige denn Prinzessinnen – und von dicht befahrenem Asphalt vorm Burgtor war in Grimms Weisen auch nie die Rede, da rauscht ja allenfalls der dunkle Wald. Doch obwohl hier nur Straßenverkehr rauscht, ist die Villa an der Rothenbaumchaussee das Märchenschloss zeitgenössischer Dichtung schlechthin. Zumindest für die Jüngsten bis jung Gebliebenen. Denn im edlen Stadtteil Harvestehude, wo die Gärten Parkmaße haben und die Grundstücke Garagen wie Einfamilienhäuser, schlägt das Herz des deutschen Hörspiels.

Und wie es schlägt. Es schlägt laut, es schlägt rasch, es schlägt auch an diesem Frühlingsvormittag ganz aufgeregt, aber längst nicht so rasch, laut, aufgeregt wie das der Burgherrin: Heikedine Körting. Wer den Namen nicht kennt, braucht nur mal in seine Kiste mit Kindheitserinnerungen zu greifen und bei irgendeiner Hörspielkassette oder Schallplatte auf Beipackzettel oder Cover zu sehen. Die Wahrscheinlichkeit, das unter “Regie” Körtings Name steht, liegt nahe 100 Prozent. Gut 2.000 Stücke, womöglich 3.000, so genau weiß sie selbst das nach 47 Jahren im Geschäft nicht recht, hat die Regisseurin in ihrem prächtigen Jugendstilbau produziert. Von TKKG über Hui Buh, Hexe Lilli, Perry Rhodan bis zum Blockbuster schlechthin, den Drei Fragezeichen, ist alles dort entstanden, wo auch jetzt wieder Hochbetrieb herrscht.

Ein knappes Dutzend Leute wuselt chaotisch, aber bester Laune durchs Dachgeschoss, als die 117. Folge der Fünf Freunde entsteht: Julian, Dick und Anne, George und Tihimmi der Huhuhund, Eltern der heutigen Zielgruppe bestens bekannt aus der eigenen Jugend. Von den anwesenden Sprechern lebte noch keiner, als das Plattenlabel Europa 1966 erstmals mit Märchen in Serie ging. Und auch als Europa zwölf Jahre darauf erstmals Enid Blytons Bestseller adaptierte, waren Theresa Underberg, Ivo Möller, Alexandra Garcia noch nicht mal in Planung. Trotzdem werden Spätgeborene wie sie von Heikedine Körtings Hingabe ergriffen, als wären sie schon immer dabei.

“So Kinder, weiter geht’s”, ruft die Allverantwortliche und treibt ihr Team händeklatschend vom liebevoll gestaltetenmischpult Mittagsbüffet an den runden Tisch des Studios. Als sei sie keine 70, sondern jung wie die Studentin beim ersten Studioeinsatz im Nebenjob. Kaum volljährig hatte die Lübeckerin Europa-Label-Chef Andreas Beurmann auf einem Straßenfest erst kennen, dann lieben gelernt und seither nicht mehr von der Seite gelassen. Fast 100 Goldene Schallplatten später, die den gesamten Bürotrakt im Keller tapezieren, macht sie nun an einem Wochenendtag aus 30 Seiten Drehbuch das neueste Hörspiel, dessen Absatz zwar keine Preise mehr verheißt, aber noch immer bestens läuft.

Das liegt auch am Eifer der Frühaufsteherin Körting. Doch er überträgt sich eins zu eins auf alle anderen. Sie sei halt die letzte Hörspielproduzentin, deren Darsteller gemeinsam am Mikro sitzen, sagt Körting. “Wie eine Familie beim Sonntagsfrühstück”, erklärt Mutti unter Ölporträts bedeutsamer Ahnen im Pausenraum. Wenn Ivo etwa nach zehn Jahren als Reihenheld Julian um die dritte Wiederholung bittet, ist das spürbar. Außer dem dicht tätowierten Kinderdarsteller selbst fiel es keinem auf, dass er dauernd “in der” statt “inner” sagt, aber er will nun mal jenes Optimum, das die Chefin ihrem Personal bei aller Freude abverlangt.

Körting ist eben eine Besessene des Metiers, die als Anwältin bestens verdient, aber seit jeher mehr Energie in das steckt, was sie liebt, als das, was sie einst studiert hat. Ihr großbürgerliches Nest bot zwar ein komfortables Sprungbrett – aber als Frau in den sechziger Jahren Jura zu studieren, Fallschirm zu springen, Autos zu reparieren? Das war auch Ausdruck einer kraftvollen Liberalität, die es ihr möglich machte, ihr Hobby selbstbewusst zum Beruf zu erklären und ohne Standesdünkel mit einem jungen Punk namens Oliver Rohrbeck umzugehen. Knapp 500 Mark kostete damals eine Aufnahme mit dem Sprecher des Fragezeichens Justus.

Heute ist es das Achtfache in Euro und wird zusätzlich vor zigtausend Zuschauern live in Großraumhallen gesprochen. Das schien vor gar nicht langer Zeit undenkbar. Dem Boom bis in die Achtziger, als Europa-Kassetten jedes Kinderzimmer pflasterten, folgte im Zuge der Computerspiele ein Tief, das erst die Retrowelle der Nuller durch sorgsam modernisierte Klassiker überwand. Wenn Körting etwa zu Hanni & Nanni einlädt, kommen dieselben Sprecherinnen wie 40 Jahre zuvor. Die haben dann zwar Smartphones, sind aber so aufgeregt wie früher. “Da ist Kindergeburtstag”, erzählt die Regisseurin von reifen Damen, denen ihr Hörspiel noch mehr bedeutet als den Epigonen der Fünf Urfreunde, von denen nur der ewige Erzähler Lutz Mackensy noch dabei ist.

“Julian, weniger männlich”, bittet die Regisseurin übers Mischpult und lacht ihr altersloses Lachen. Alterslos wie die vielen Tausend Tonspuren auf Magnetband im Archiv nebenan: quietschende Reifen, Hundebellen, eine Tür, die schon im Horrorschloss von Körtings Lieblingsserie Macabros knarrt und beim “Wolf in den Highlands”, mit dem es die Fünf Freunde heute zu tun kriegen, wohl wieder.

Nach acht Stunden Arbeitsspaß wird das Resultat zwar digital gemastert, aber wie eh und je auch auf echten Musikkassetten gespeichert, denen zwar die Hardware ausgeht, aber egal: “Augen zu, Ohren auf, Film ab”, rät Heikedine Körting auch ihren mitgealterten Fans, von denen es kaum weniger gibt als junge. Nostalgie auf Magnetband, verabreicht von einer Frau ohne Alter. Im jüngsten Märchenschloss der Welt.

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