Interview-Classics: Senta Berger zum 75.

bergerUnglaubliche Verluderung

Auch wenn sie gefühlt halb so alt wirkt: Senta Berger ist seit ein paar Tagen unfassbare 75 Jahre auf Erden – und fast Dreiviertel davon vor der Kamera. Grund genug, ein Interview mit der Jubilarin zu dokumentieren, in dem es 2006 auch um einen neuen Fall ihrer Ermittlerin Eva-Maria Prohacek in der Arte-Reihe Unter Verdacht geht – die übrigens noch immer läuft. Ein erstaunlich aktuelles Gespräch über Politikverdrossenheit, Geschlechterfragen und verrohte Wahlkämpfe in ihrer österreichischen Heimat oder anderswo.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Berger, wenn man Sie so strahlend vor sich hat, glaubt man gar nicht an die düstere Atmosphäre bei Unter Verdacht.

Senta Berger: Das macht auch die Ruhe der Serie. Andere Krimis sind oft MTV-artig, aber das brauchst du heutzutage ja auch. Viele Abgänger der Filmhochschulen sind wunderbar und müssen schauen, dass sie erst mal mit Werbung klar kommen, weil sie sonst ihre Miete nicht zahlen können. Den richtigen Weg zu finden, ist zunächst sehr mühsam. Schnelle Schnitte, an die man sich mittlerweile gewöhnt hat, haben wir ganz bewusst nicht eingesetzt. Es ist eine ganz andere Erzählweise.

Weil Sie das moderne Tempo auch persönlich nicht mögen?

Nein, weil wir uns einfach auf die Fälle konzentrieren, die zudem sehr knifflig sind. Ich lese – überspitzt formuliert – jedes Buch dreimal, bevor ich überhaupt eine Ahnung habe, was ich da spiele und von was die Geschichte handelt. Doch obwohl wir uns schon so an die Vernetzungen zwischen Wirtschaft und Politik gewöhnt haben, an Korruption und Kriminalität, ist es interessanter, an der Geschichte dran zu bleiben, statt durch eine flotte Machart davon abzulenken.

Dennoch ist Atemlos, in dem es um Bestechlichkeit in der Politik geht, wie so oft in der Serie ein Märchen.

Das finde ich nicht, denn es ist klar einem Politiker nachgebaut, dessen Namen und Ende wir nur anders formuliert haben. Aber es ist ein authentischer Fall. Unter illegaler Parteienspende verstehen wir ja gemeinhin, dass Zuwendungen an die Partei in Wahlveranstaltungen umgesetzt werden, wo man etwa in Niederbayern Freibier ausschenkt oder eine Blaskapelle engagieren kann, die Geld kostet, aber Wähler bringt.

Sie meinen Bayerns Spezl-System.

Nein, das findet man in jeder Partei vor und in jedem Landkreis unseres schönen Landes. Ich denke nur an den Kölner Mülls- oder Berlins Bankenskandal und mir fiele sicher auch was zu Hamburg oder Hessen ein. Das Märchenhafte ist also nur, dass es die Partei, von der wir im Film reden, nicht gibt. Aber der Parteivorsitzende wird ja von seinen Wahlmännern gewählt, jenen Kollegen, die wiederum in anderen Wahlkreisen organisiert sind. Und irgendwann muss sich alles zuspitzen auf die Wahl des Parteivorstandes. Das ist unser Film – dass die Zuwendungen innerhalb der Partei fließen, um Unterstützung zu honorieren. Diese Gruppenbildung ist auf gar keinem Fall ein Märchen.

Aber die hohe Aufklärungsquote ihrer Fälle, die in der Realität gegen Null tendiert.

Das weiß ich gar nicht. Woher hätten wir denn unsere Fälle, wenn nicht aus der politischen Presse, die viel nachhakt. Wir haben in Deutschland unendlich viel erfahren, was früher unterm Deckel gehalten wurde. Da kann ich mich überhaupt nicht beklagen.

Bildet die anhaltende Politikverdrossenheit ein günstiges Klima für solch eine Serie?

Um Urteile und Vorurteile bestätigt zu sehen – ja. Aber wir stellen die Politiker nicht alle als Schweine dar (lacht). Der Herbert Knaup ist in dieser Folge eigentlich ein netter Kerl, der halt Karriere machen will. Wer will das nicht? Wir zeigen ihn auch als Menschen, der sich im Laufe der Jahre einen gewissen Zynismus zugelegt hat. Wir waren anfangs etwas skeptisch, dass dieses Genre des Politkrimis auch bei uns einen Boden hat, denn es hat seine Wurzeln im Angelsächsischen, mit erfolgreichen Serien wie Internal Affairs und seiner Kritik an Ober- oder Unterhaus. Aber es hat einen Boden. Andererseits treten wir jeden Samstag gegen den Musikantenstadl an. Das Land ist also polarisiert, aber wenn du dann immer noch sechs Millionen Zuschauer hast, ist das ein großer Erfolg.

Verspüren Sie selbst so etwas wie Politikverdrossenheit?

Überhaupt nicht. Dazu bin ich einfach zu naiv.

Was halten Sie dann von Sätzen wie in Atemlos, die Politiker dächten doch immer nur an sich und seien sowieso alle bestechlich?

Hab ich das gesagt?

Nein, Herbert Knaup beim Wahlkampf auf dem Marktplatz.

Sehen Sie? Sehr geschickt, sich selbst aufzuwerten, indem er andere abwertet. Das hören wir ja immer wieder. Dieses Zuschieben, den anderen niedermachen, ist eine entsetzliche Unart, die durch die Medienflut vergröbert wird, die auch unsere Akzeptanz vergröbert. Das heißt, wir gucken nicht mehr so genau hin. Wir bauen uns etwas auf, das unfassbar ist, sind aber dennoch ganz zufrieden damit. Es ist ja nicht so, dass wir sagen, ich hab die Gesundheitsreform nicht verstanden; erklärt es mir bitte noch einmal. Nein, es scheint besser zu sagen, die ist schlecht. Seltsamerweise werden Informationen in Zeiten der Informationsflut immer weniger. Man entzieht sich. Aber das alles ist nichts im Vergleich zu Österreich. Der Wahlkampf dort war eine so unglaubliche Verluderung der Sprache und Sitten, dass es mir als Österreicherin richtig weh tut. Da fühle ich mich noch immer verantwortlich.

Gibt es dort eine vergleichbare Serie wie Unter Verdacht?

Nein, dafür ist der Sender viel zu klein und das Land auch. Es gibt zwei staatliche Sender, einer mehr volkstümlich, der andere eher mit gehobener Unterhaltung, und die bringen Unter Verdacht regelmäßig, nur sehr viel später am Abend.

Überwiegen bei Ihnen mittlerweile die Heimatgefühle für eines der beiden Länder?

Eigentlich nicht. Obwohl ich für die Lesereise zu meinem neuen Buch auf große Fahrt geschickt wurde, bei der ich Deutschland von oben bis unten und von links nach recht kennen gelernt habe. Gerade war ich an den Stationen Weimar, Jena, Leipzig, Dresden, Erfurt und das war sehr, sehr interessant für mich. Ich begreife langsam dieses Land und habe es gern. Wissen Sie, Österreich und Wien sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich bin Wienerin und liebe die Stadt und es wird mir fast übel vor Heimweh, weil ich nicht dort bin. Ich bin dort zuhause, wo meine Freunde sind, in München. Aber zur Verantwortung: ich möchte dennoch das Österreich gut dasteht. So wie ein kleines Kind, das möchte, dass wir die Guten sind.

Gelten Sie in Österreich als Botschafterin des Landes, bei ihrer internationalen Bekanntheit?

Nein, weil ich nicht glaube, dass man es mir so ohne weiteres verziehen hat, Wien verlassen zu haben. Ich bin schon ein bisschen fremd und werde immer wieder gefragt: Kennen’s denn überhaupt no Wianerisch? Und da sog i: Na kloar! Aber das ist so ein kleiner schwarzer Punkt in meiner Biografie, zumindest aus Sicht der Wiener.

Sie sagen im Film mehrfach, die Berge zu hassen. Das muss Ihnen schwer gefallen sein.

Das nicht, aber ich hasse die Berge natürlich überhaupt nicht und bin ein großer Wandermensch, der einzige in meiner Familie. Aber ich bin auch ganz verrückt nach Sylt. Das Wetter dort ist herrlich, die scharfen Tropfen am Strand im Gesicht zu spüren, wie das gerochen hat. Aber ich bin auch sehr durch die Berge getröstet. Euch gibt’s schon so lange, ihr seid so groß, dahinter verschwindet mein kleiner Kummer. Ich würde es mit geschlossenen Augen erkennen.

Zurück zu Ihrer Rolle. Sie verkörpern eine Ermittlerin…

Eine Kriminalrätin. Sie kann nur intern ermitteln, nicht gegen einen Bankangestellten wegen Diebstahls zum Beispiel, nur dann, wenn jemand von der Polizeibehörde involviert würde. Eva Prohacek ist die Chefin aller Ermittler. Eine Kriminalrätin hat zumeist ein Studium der Forensie oder der Psychologie, und bei uns kann sie beides. Unsere Rollenauswahl hat auch damit zu tun, dass immer mehr Kriminalrätinnen eingestellt werden, weil sich offenbar die Beobachtungsgabe der Frauen und ihre Intuition, auf die sie sich eher verlassen als Männer, die ihr Gefühl doch eher nochmals mit dem Verstand überprüfen, dafür eignet. Ich möchte jetzt aber nicht, dass jemand denkt, ich glaubte, Männer seien weniger sensibel als Frauen. Überhaupt nicht. Es ist nur oftmals eine andere Herangehensweise an Probleme.

Und dabei haben Frauen – gerade als interne Ermittlerinnen – durchaus noch höhere Mauern einzurennen.

Da wird sie sehr einsam und das versuche ich auch zu spielen, dass sie diese Einsamkeit nicht zeigt und sich eine Fassade zugelegt hat, die allerdings sofort bröckelt, wenn man nur ein bisschen dran kratzt. Jetzt müssen wir nur noch sehen, wie wir mit der Zigarette fertig werden. Denn ich wollte keinen Gutmenschen ohne Makel spielen. Ich wollte, dass Sie Fehler hat und dachte, wenn sie nervös wird und nicht weiter weiß, greift sie zur Zigarette, auch wenn das political uncorrect ist und ihrem Asthma nicht bekommt. Mittlerweile bekomme ich aber so viel Post von Lehrern und so, dass ich schon sagte, Kinder, wir müssen da was machen. Vielleicht Akupunkturnadeln. Ich dachte, das wird als Zeichen der Schwäche erkannt.

Ein echtes Hindernis, dass sie in einzelnen Szenen sogar kampfunfähig macht. Verweist das auf das Bild des Weiblichen solcher Rollen, das erwartete Unterlegene?

Da stimme ich zu, aber es gibt noch eine andere Lesart als Vorbild. Viele sagen dann, machen Sie doch so was nicht, Frau Berger. Aber es war nicht unsere Absicht, das Rollenklischee zu bedienen, eine Frau hätte Schwächen zu haben. Das war ganz pragmatisch. Es ging Alexander Adolf ursprünglich um das Spannende des Asthma-Atmens in der Dunkelheit.

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