Denkmalsschutz: Altbauglanz & Abrissbirne

1-BA-621-2_28_A7 (2)Aus neu mach neu

Wer heutzutage Denkmalschutz sagt, meint meist uralte Prachtbauten von Kirche bis Rathaus. Dass er auch für zahllose Nachkriegs-, also Neubauten gilt, ist eher unbekannt – und keinesfalls unumstritten. Eine Suche nach Erhaltenswertem jüngeren Baujahrs am Beispiel eines Hamburger Amtsgebäudes, das trotz Schutzstatus kurz vorm Abriss stand.

Von Jan Freitag

Der große Sitzungssaal ist ganz schön klein. Schon wenn sich darin, wie an diesem sonnigen Frühlingstag, zwei Dutzend Ausbildungsleiter der städtischen Kernverwaltung treffen, wirkt es dort, wo 60 Jahre zuvor ein neuer Wind durch Hamburgs Bürokratie blies, eng und muffig. Wie soll es da in der nostalgischen Furnierholzvertäfelung erst zugehen, wenn die Bezirksversammlung tagt? Falls alle kommen, meint Harald Rösler, „müssen die zusammenrücken“. Als der Leiter des Bezirksamts Nord 50 Jahre zuvor im damaligen Ortsamt Eppendorf seine Lehre begann, hätten dort ja noch 40 Abgeordnete getagt. „Jetzt sind es 51.“

Entsprechend nüchtern wirkt der Chefadministrator des Areals zwischen Airport und Alster, als er die Perle seines Amtssitzes zeigt. Dabei ist der gesamte Bürokomplex ein architektonisches Juwel, mit dem Hamburgs Erster Baudirektor Paul Seitz der jungen Demokratie einst ein Monument kommunaler Selbstverwaltung erschuf. Um auch baulich den Staub aus der Obrigkeitsstaatlichkeit vordemokratischer Zeit zu klopfen, erzählt Harald Rösler im resopalgrauen Büro mit Blick auf die lauteste Kreuzung der Gegend. Um aufzuräumen im bürokratischen Morast.

Wie Grindelhochhäuser, Alsterschwimmhalle, die Staatsoper war auch das Bezirksamt-Nord bei seiner Eröffnung 1958 kühn, verwegen, also schon bei Grundsteinlegung denkmalschutzwürdig. Betonung auf war. Imperfekt. Denn gut ein halbes Jahrhundert nach dem letzten Anbau von historischem Rang taugt die Backsteinkonstruktion der Schreibmaschinenära nicht mehr so recht fürs Internetzeitalter. Meinen ihre Besitzer, meint auch Harald Rösler. „Wir kommen zurecht“, sagt der Mittsechziger nach einem lückenlosen Erwerbsleben vor Ort. Doch Denkmalschutz hin oder her – wenn es was Besseres für ihn und seine 650 IMG_5807Mitarbeiter gäbe, „stelle ich mich dem nicht entgegen.“

Was er dann auch nicht tat, als mit dem Verkauf der Immobilie an die Richard Ditting GmbH vor zwei Jahren ein Ideenwettbewerb zur Umgestaltung begann. Der sollte das ganze Spektrum von Erhalt bis Abriss erbringen. Eigentlich. Faktisch aber kam keinem Wettbewerber etwas anderes in den Sinn als Kahlschlag. Keinem einzigen! „Denkmalschutz hatte keine Priorität“, moniert Maria Koser vom neubaukritischen Stadtteilarchiv. Es gab allerdings einen Planungsbeirat aus Vereinen, Bürgern und Initiativen des Quartiers, der seinen Einfluss geltend machte. Es gab also neben Gewinn- und Geltungsstreben und „ein Beispiel demokratischer Einbindung“, wie Koser lobt. Es gab demnach viel Streit, „aber auch fruchtbare Debatten“, wie Amtsleiter Rösler bestätigt. Ende 2014 aber gab es: einen Ideenstopp. Status Quo. Bis auf Weiteres.

Was zwei Fragen aufwirft: Warum opfert die Freie & Abrissstadt Hamburg selbst bei wunderschönen Stadtvillen am Alsterufer den Denkmalschutz so leicht? Und: warum braucht Nachkriegsarchitektur wie die City-Höfe am Hauptbahnhof eigentlich gesetzliche Fürsorge? Jedes achte der rund 5000 Baudenkmäler ist nach 1945 erbaut, scheinbar also, nun ja, zu neu, um erhaltenswert zu sein. Anders als Laien glauben, erklärt das zuständige Amt nicht nur das per Verwaltungsakt zu Wahrzeichen, was golden glänzt wie Hamburgs Rathaus, Irdischem trotzt wie der Michel oder Gäste lockt wie die Landungsbrücken; über konsensfähige Attraktivität hinaus, erklärt Enno Isermann von der Kulturbehörde, begründen auch „historische, künstlerische, wissenschaftliche Bedeutung oder die Bewahrung charakteristischer Eigenheiten des Stadtbildes ein öffentliches Erhaltungsinteresse“. Anders ausgedrückt: Die todgeweihten City-Höfe am Hauptbahnhof mögen nicht mehr schön sein, stadtsoziologisch bedeutsam sind auch nach Jahrzehnten gezielter Verwahrlosung noch immer.

b-luftbildIm Bezirksamt Nord mit seinem wabenförmigen Grundriss, der zeittypischen Stahlskelettkonstruktion und dem nimmermüden Paternoster im luftigen Treppenhaus, mehr aber noch der Grundschule nebenan, die Helmut Schmidts Sandkastenfreund Gerhart Laage 1955 im Lichte innovativer Sonderpädagogik entworfen hatte, kam aber noch etwas anderes hinzu. Rösler nennt es „politische Komponente“. Er spricht das trocken aus, ohne Wertung, gar Empathie. Abwägungsprozesse, Belastungsszenarien – solche Begriffe wirft der Pragmatiker im hanseatisch blauen Zweiteiler beim Rundgang oft durch sein Reich. Er sieht es als funktionalen Mikrokosmos, der früher Bücherhalle, Druckerei, Kohlenkeller zählte und nun eben digitalisierte Dienstleistungszentren für Bürger, die jetzt Kunden heißen. Dank dauernder Modernisierungen gebe es demnach keinen Leidensdruck. Dennoch dürfe Denkmalschutz nicht dazu führen, „die Stadt in alle Ewigkeit einzufrieren“.

Der glasstählerne Beleg dieser denkmalschutzkritischen Haltung steht in Sichtweite. Wo einst ein kommunales Kino, später dann Karstadt im schmucken Art-Deco residierten, ragt seit 2008 das Technische Rathaus klinisch weiß ins Farbllinkerumfeld. Oberflächlich betrachtet passt der organisch runde Zweckbau zur kantigen Verwaltungszentrale daneben wie der Fernsehturm zu Planten un Blomen. Aber so, wie sich Hamburgs höchstes Gebäude im Kontext der betonsüchtigen Sechziger unentbehrlich gemacht hat, könnte Hadi Teheranis mondäner Wurf seinerseits den Zorn künftiger Denkmalschützer auf sich ziehen – wenn ihn der Investor nach Ablauf des 20-jährgen Pachtvertrags für überflüssig hält.

Freunde des baulichen Bestands sehen die Sache mit dem Bezirksamt daher differenziert. Als voriges Jahr mit dem Alten Brauhaus das (vor)letzte Stück dörflicher Struktur aus dem Viertel gerissen wurde, war der Widerstand auch wegen des seelenlosen Ersatzes so laut: Ein öder Riegelbau, wie er von Flensburg bis Füssen die Städte dominiert. Teheranis Rathaus, räumt selbst Hakim Raffat vom nostalgischen Stadtteilarchiv ein, „zeigt immerhin Mut.“ Das Gros der Neubauten diene dagegen nicht dem Mensch, nur der Rendite. Dabei sind Deutschlands Städte im Grunde fertig, also allenfalls für Nachverdichtung und Verfallsbeseitigung geeignet.

Für diesen raumsoziologischen Konsens ist Hamburg jedoch kein gutes Pflaster. Nirgends ist Denkmalschutz zahnloser, nirgends Abriss leichter; da hat Ole von Beust ein Trümmerfeld ertragsorientierter Privatisierung hinterlassen, das alle Bürgermeister vor ihm bestellt haben – und sein Nachfolger nicht weniger. Das Bezirksamt ist also keinesfalls gerettet. Harald Röser nennt den Erhalt daher „Momentaufnahme“, als er auf einen Vogel überm Dauerstau zeigt. „Das ist unser Reiher.“ Der flöge ständig über sein Büro mit dem mächtigen Airbus an der Wand zum Teich im Park gegenüber. Dorthin, wo jüngst ein historisches Schwesternheim des benachbarten UKE statt saniert öde ersetzt wurde. Denkmalschutz, Denkmalschutz her.

Der Text ist zuvor bei Zeit-Online erschienen
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