Milliardenmarken & Lustspielkunst

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

23. – 29. Mai

150.000 Euro – so viel verspürte der FC Bayern München trotz eines Jahresumsatzes oberhalb der Halbmilliardenmarke zu wenig auf dem Konto, um seine Meisterfeier kostenlos im Bayerischen Rundfunk übertragen zu lassen. 150.000 Euro – so viel wollte der weltweit viertwertvollste Fußballclub vom TV-Sender, also uns, den Gebührenzahlern für Bilder vom Rathausbalkon eintreiben. 150.000 Euro – das ist grob geschätzt der PR-Wert, den jede Sportschau, jeder sinnlose Beckenbauer Cup, jedes Dauerwerbeprogramm für den Rekordmeister auf öffentlich-rechtlichen Kanälen in die rappelvolle Kasse spült. 150.000 Euro – das ist demnach die Summe jener Lächerlichkeit, der sich dieser große, alte Verein zuweilen preisgibt.

Das einzig Gute daran ist, dass sich der BR vom FCB – diesmal zumindest – nicht erpressen ließ. Allerdings reagiert ein Alleinherrscher dieser Machtfülle auf Insubordination des Pöbels generell gern bockig. Könnte also sein, dass der global operierende Finanzkonzern mit angeschlossener Sportabteilung doch nicht an einem Projekt teilnimmt, dass die benachbarten Rundfunkmacher am Freitag von Arte klauen. In 24 Stunden Bayern wird dann wie zuvor schon in Berlin und Jerusalem ein vollständiger Tag bajuwarischen Alltags gefilmt und exakt ein Jahr später in Echtzeit ausgestrahlt.

Dem Vernehmen nach hat Karl-Heinz Rummenigge gefordert, dass alle Protagonisten Bayern-Trikots tragen und am Ende jeder Szene die Vereinshymne singen. Ob der BR auch da nicht mitmacht, sehen wir dann am 3. Juni 2017. Vorher sei hiermit empfohlen, sich in diesem Internet da draußen mal anzuschauen, was der wunderbare Late-Nite-Host Jimmy Fallon von einem deutschen Technokünstler namens namens Scooter so hält: Ebenso wenig wie vom deutschen Fernsehen, das dürfte wohl klar sein. Mutlos, so lautet das Urteil aus den USA oft, weshalb Krawall zu harmlos, Humor zu plump und Drama zu pädagogisch sei.

NeidDie Frischwoche

30. Mai – 5. Juni

Ein Regisseur, der mit unpädagogisch heiterem Krawall von hohem Niveau gegenhält, ist Tobi Baumann. Kennern bekannt aus Ladykracher, Pastewka und ähnlichem Geschmeide deutscher Lustspielkunst, feiert das Privatfernsehgewächs am Donnerstag im ZDF sein öffentlich-rechtliches Debüt, und man erkennt sofort seine Qualität. Neid ist auch keine Lösung dekliniert die Midlifecrisis des neuen 30 (also 40) mit so leichtfüßigem Ernst durch, dass erfrischend offen bleibt: ist das nun Komödie oder Problemfilm?

Marie und Markus verlassen für ein Wochenende Reihenhaus und Kinder, um den 40. Geburtstag einer alten Schulfreundin zu feiern. Angesichts des luxuriösen Lebensstils der lässigen Jubilarin löst das eine Kettenreaktion der Missgunst der zwei Gäste aus, die es sich in ihrer soliden Mittelmäßigkeit eingerichtet haben. Vor allem Christina Hecke (beneidenswert) und Stefanie Stappenbeck (neidisch) steuern dabei versiert auf den finalen Offenbarungseid hin, was den Film zu einer angenehm nachhaltigen Selbstreflexion macht.

Gänzlich humorfrei, aber sehr eindrücklich bewirkt das heute Abend der ZDF-Film Ellas Entscheidung. Wegen ihrer Erbkrankheit entscheidet sich die Titelfigur (Anna Schudt) für künstliche Befruchtung und selektiert bedrohliche Eizellen durch Präimplantationsdiagnostik aus. Das allerdings ruft innere wie äußere Konflikte hervor und geht in seiner herausgestellten Sachlichkeit mehr an die Nieren als so manches Tränendrama. So eines hat vermutlich RTL2 im Auge, wenn es zeitgleich sein intellektuellstes Aushängeschild Daniela Katzenberger mit Lucas im Hochzeitsfieber inszeniert, bevor sie den Schlagersängersohn Cordalis Samstag live zur besten Sendezeit heiratet. Flasche Korn, Packung Aufputschmittel, Gehirn ausschalten – dann wird das sicherlich ein großer Spaß.

Ohne Schnaps, Drogen und Stumpfsinn erträglich ist wie gewohnt Arte, wenn es die verstörend gute Mysteryserie Jordskott am Donnerstag ab 20.15 Uhr ins Staffelfinale bringt und tags drauf kurz vor Mitternacht ein paar Highlights vom 32. Hamburger Kurz Film Festival zeigt, die meist in wenigen Minuten das Ganzjahresniveau von RTL überbieten. Und wer dachte, zwischen Bundesliga, EM und Olympia gebe es mal eine öffentlich-rechtliche Bewegungspause – Pustekuchen! Zur Sportschauzeit zeigt das ZDF ein Fußballspiel der Deutschen gegen Ungarn.

Zum richtigen Showdown kommt es aber am Sonntag: Während die ARD ihr Tatort-Team in ein Berlin voll moralisch abgestumpfter Teenys schickt, soll Mensch Gottschalk erkunden, was Deutschland bewegt: Terrorgefahr, Autonomobilität, Krebs, Pubertät, solche Sachen, die ausgerechnet der ewig blonde Dampfplauderer im Gespräch beleuchten will. Na ja, wenn es schon keine Erkenntnisse erbringt, dann gewiss ein nostalgisches Gefühl jener Tage, als Fernsehen noch relevant war.

Apropos: 1972 ist jene Wiederholung der Woche namens Schottische Trilogie entstanden, in der Regisseur Bill Douglas heute (22 Uhr, Arte) einen bildmächtigen Schwarzweißblick zurück auf seine bitterarme Nachkriegszeit wirft. Einen kalten Krieg später spielt morgen in Farbe Bis nichts mehr bleibt (22.10 Uhr, WDR), wo Silke Bodenbender so authentisch in die Fänge von Scientology gerät, das der preisgekrönte Film 2010 auch politisch für Aufruhr sorgte. Aufruhr ist ein gutes Stichwort zum Dokutipp über Vincennes – Die revolutionäre Uni, in der nach ihrer Gründung nahe Paris im Aufruhrjahr 1968 von Michel Foucault über Gilles Deleuze bis Herbert Marcuse so ziemlich alles lehrte, was für die 68er philosophisch Rang und Namen hatte.

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