I Have A Tribe, Whitney, Soler/Claus, Strokes

TT16-tribeI Have A Tribe

Der Mond ist ein unbegreifliches Gestirn. Einst aus der Erde herausgeschlagen, hält es sie seither so konstant in der Umlaufbahn, dass darauf Leben wie unseres entstehen konnte, macht dieses Leben aber auch beharrlich kirre mit seiner magischen Anziehungskraft. Manche Menschen so sehr, dass sie ganz entrückt sind vom irdischen Dasein und dies auch kundtun müsen. Zumindest im Falle von Patrick O’Laoghaire ist das allerdings weniger esoterisch als irgendwie weltlich abgedreht, also ein großes Glück. Der junge Ire scheint nämlich im besten Sinne somnambul zu sein, ein Mondsüchtiger, der des Tags den Trabanten anheult und daraus hinreißende Musik erstellt. Musik, wie sein fantastisches Debütalbum Beneath A Yellow Moon.

Unter dem nämlich schlafwandelt er auf seinem Piano als I Have A Tribe durch die Nacht und erzählt mit bröckelnder Stimme davon, wie es so ist, zwischen den Welten zu schweben, halb wach, halb sediert. Selbst sein Englisch entgleitet ihn in diesem Stadium, als sei er ein Immigrant in die eigene Welt, als blicke er von außen auf das, was er tut und denkt und singt. Es ist schlichtweg zum Niederknien, wie er all dies auf der goldstuckierten Bühne seines inneren Theaters vorträgt, pathetisch und doch federleicht, eine Art von existenzialistischem Chanson, den auch der gewöhnliche Einsatz von Schlagzeug, Bass, Gitarre nie aus der Nische liebenswert verspielter Popavantgarde holt.

I Have A Tribe – Beneath A Yellow Moon (Groenland)

TT16-WhitneyWhitney

Liebenswert, verspielt, nicht so wirklich avantgardistisch, aber dafür von ergreifender Schönheit ist ein anderes Debüt, das ebenfalls durch seine Stimme besticht, aber keinesfalls nur. Wirklich nicht. Im Gegenteil. Der junge Mann mit dem zuckersüßen Popfalsett heißt Julien Ehrlich, und es ist nicht die Tatsache allein, dass er zugleich Drummer von Whitney ist, die an eine Band namens The Band und ihren singenden Schlagzeuger Levon Helm – R.I.P. – erinnern; seine Epigonen aus Chicago machen eine Art von lebensbejahendem Westcoast-Folk, an dem sich seit den Beach Boys gefühlt 20.000 Formationen jeder Herkunft versucht haben, dabei allerdings entweder zu leicht oder zu schwer klangen. Whitney hingegen schaffen eine seit den Beach Boys echt selten gehörte Balance.

http://www.vevo.com/watch/US38W1633713

Ihr Debütalbum Light Upon The Lake sprüht schließlich nur so vor guter Laune, die nie aufdringlich, sondern herzenswarm wirkt. Von fröhlichen Bläsersequenzen flankiert, gehen die zehn Stücke im kleidsamen Gitarrensound von Max Kakcek eher im Kopf spazieren, als bloß hindurchzurauschen. Noch die plattesten Analogien von Sonne, Sand und Lagerfeuer erscheinen da nicht zu blöde, ja selbst gelegentliche Lalala-Choräle und Stealguitars stören eigentlich nie, wenn Julien Ehrlich von den Facetten ihrer Großstadtexistenzen singt und dabei klingt wie Neil Young wohl gern noch einmal klingen würde. Ach Musik, du bist doch am größten!

Whitney – Light Upon The Lake (Secretly Canadian)

TT16-SolerPedro Soler & Gaspar Claus

Dabei ist Musik bekanntlich nur dann eine Sensation im wahrsten Sinne des Wortes, wenn sie wahrhaft Stilgrenzen überwindet, Hörgewohnheiten sprengt. Cello und Gitarre zum Beispiel sind zwar grundsätzlich keine Antipoden, aber in zweisamer Kombination zumindest für ein popgeschultes Publikum exotisch. Wenn sie dann noch förmlich verschmelzen wie bei Pedro Soler & Gaspar Claus, müssen sich selbst Klassikfans kurz schütteln, bevor sie in Begeisterung verfallen. Wie beim gefeierten Debüt des Duos namens Barlande vor fünf Jahren, zelebriert der 77-jährige Gitarren-Virtuose aus Frankreich auch auf dem Nachfolger mit seinem halb so alten Cellisten spanischer Herkunft eine Art Flamenco-Punk, der so wohl selten vernehmbar war.

Während Soler sein Handwerk aus dem Golden Age des musikalischen Weltkulturerbes aus Spanien mit der emotionalen Präzision einer lebenden Legende seines Genres vollführt, untergräbt Claus diese Makellosigkeit mit so hinreißender Kratzbürstigkeit, dass beim Hören förmlich ein Film vor Augen abläuft. Mit Aki Kaurismäki und Jim Jarmusch in acht Instrumentalstücken durch Katalonien. Eine Reise der Sensationen.

Pedro Soler & Gaspar Claus – Al Viento (Infiné Music)

Hype der Woche

8eb90bce95e16e32ecfc4f20b0e395e2The Strokes

Ein Sound, der sein Zeitalter wenn schon nicht revolutioniert, so doch gehörig aufgemischt hat, hat es bekanntlich schwer, fern dieser Epoche Gehör zu finden. The Strokes haben so einen Sound geliefert. Garagenrock so rau, rotzig und hymnisch, wie es ihn seit der Frühphase des Grunge nur selten gab. Stroke-Rock nannte man das, der Name im Genre, höchste aller Weihen. Anderthalb Jahrzehnte später nun gibt es die New Yorker noch immer. In Originalbesetzung! Und Julian Casablancas klingt auch auf der neuen EP mit dem emblematischen Titel Future Present Past (Cult Records) noch genauso beiläufig cool wie auf dem brillanten Debüt This Is It. Dass der Vorbote zum fünften Album da nicht mithalten kann – so what?! Aufgemotzt mit ein paar elektronisch generierten Samplings in ungewohnt molligen Tonfall, wirken die sechs Stücke schließlich, als wollten The Strokes die zwei langweiligen Platten zuvor vergessen machen und ein bisschen Nostalgie walten lassen, wo sie hingehört. Versuch gelungen.

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