24 Stunden Bayern: Kopie & Archäologie

24h-bayern-drehtag-122-_v-img__16__9__l_-1dc0e8f74459dd04c91a0d45af4972b9069f1135Vorsorgliche Paläoanthropologie

Oberflächlich hat der BR mit 24h Bayern (Bild: Ostkreuz Berlin/Anne Schönharting) gerade das vergleichsweise plumpe Plagiat eines Arte-Experimentes vor sieben Jahren in Berlin gedreht. Darunter aber schlummert eine Chance von fast archäologischer Bedeutung, die gern Schule machen darf. Kopie hin oder her…

Von Jan Freitag

Die Realität, heißt es im filmischen Volksmund gern, ist doch der beste Regisseur. Die Realität, besagt hingegen der zeitgenössische Publikumsgeschmack, muss dabei gar nicht so zwingend der Wirklichkeit entsprechen, um als solche durchzugehen. Da reicht bereits ein kurzer Blick ins heutige RTL-Programm: Nach dem Mittagsmagazin gaukeln Verdachts- und Betrugsfälle ebenso wie ein Blaulicht Report Tatsachen vor, die zwar allesamt erstunken und erlogen sind, vom Durchschnittszuschauer aber nachweislich verstörend für voll genommen werden. Scripted Reality eben, die Wahrheit des Fernsehkommerzes.

Umso erstaunlicher ist es da, dass sich auch die beglaubigte Gewissheit draußen vorm Flachbildschirm gut hält im Konkurrenzkampf mit dem täglichen Betrug der Privatsender. Wissenschaft, Politik, Geschichte erzielen als unterhaltsame Kofferwortformate wie Historytainment unverdrossen Topquoten, die das gemeine Dokudrama auch im Jahr 3 nach Guido Knopp verlässlich erzielt. Nachrichten und Magazine trotzen vor allem öffentlich-rechtlich dem Niedergang des Mediums. Und dann noch dieser seltsame Hang zur Echtzeitbeschreibung des Alltags.

Sieben Jahre ist es mittlerweile her, dass Arte gemeinsam mit dem RBB und zero film in einem aufsehenerregenden Echtzeitprojekt 24h Berlin dokumentiert hat. Von sechs bis sechs Uhr wurden seinerzeit ausgewählte Hauptstädter mit oder ohne bekannten Namen in Echtzeit von 80 Regisseuren mit oder ohne bekannten Namen beim Leben, Lieben, Arbeiten, Sein begleitet. Es war eine televisionäre Sensation, vom Feuilleton gefeiert, vielfach prämiert und für einen Kulturkanal mit ansehnlichem Zuschauerzuspruch bedacht. Alles so gelungen, dass Arte sein weltweit beachtetes Experiment 2014 in Jerusalem wiederholte. Und nun legt der Bayerische Rundfunk nach.

Für seine Version der Ganztagsstudie wurde vorigen Freitag ab Punkt sechs Uhr nun abermals das Leben einer Region eingefangen, nur eben diesmal im Freistaat vom ersten Kühemelken bis zum letzten Münchner Nachtschwärmer. Nächstes Jahr um exakt die gleiche Zeit wird das Ganze dann die vollen 24 Stunde nlang im BR ausgestrahlt. 24h Bayern heißt das Projekt wenig ehrgeizig, konnte aber wie einst in Berlin durchaus prominente Filmemacher gewinnen. Andreas Veiel zum Beispiel, Doris Dörrie, Marcus H. Rosenmüller, solche Kaliber. Mit 100 Kamerateams haben sie ihr Heimatland ohne die Möglichkeit nachzudrehen rund um die Uhr dokumentiert, 800 Stunden Material sind dabei zusammengekommen. Ein voller Erfolg, heißt es schon jetzt vom verantwortlichen Sender. Sogar die Flutkatastrophe im Landesosten findet darin statt.

Es mag also zunächst mal nach einer plumpen Kopie des preußischen Vorbilds klingen; im Ergebnis ist der Drehmarathon nicht nur ein Stück dokumentarische TV-Unterhaltung, sondern wahrhaftige Kulturgeschichte. Denn abgesehen von der Heisenberg’schen Unschärferelation, nach der jede Beobachtung schon durch die Präsenz des Beobachters verändert wird, betreibt der BR hiermit eine Art vorsorglicher Paläoanthropologie regionaler Allgemeinexistenz, die auch für künftige Generationen visuell erlebbar gemacht wird. Plagiat hin oder her: Im Grunde sollte also jedes Funkhaus die Gelegenheit ergreifen, diese Form der soziokulturellen Konservierung zeitnah vorzunehmen. Anders als handelsübliche Dokumentationen, Sachbücher oder Forschungsprojekte hat 24 Stunden XY nämlich die Chance, Realität nicht bloß abzubilden oder zu konstruieren. Sondern zu sein.

„Ein Bild des Lebens in Bayern, aus der Perspektive seiner Bewohnerinnen und Bewohner“, so nennt es die Produktionsfirma zero one 24 GmbH im Auftrag des BR. Klingt hochtrabend, entspricht aber durchaus der Wahrheit. Es ist eine ganz ohne Drehbuch. Wie sowas geht, will RTL gar nicht wissen.

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