LFNT, Holy Fuck, Tom Odell

LFNT_ArtworkLFNT

Wer umgeben von Mauern lebt, muss seinen Horizont anderweitig erweitern. Da bietet sich natürlich die Musik an; ein wunderbarer Weg erweiterter Sicht mit einfachen Mitteln – für sich selbst und für andere. Der israelische Singer/Songwriter Ran Nir etwa hat die tägliche Weltflucht im seltsamen Inselstatus seines Heimatlandes zur Kunstform erhoben und macht unterm kryptologischen Kürzel LFNT für Elephant auch auf dem zweiten Album eine Art lässig-theatralischen Alternative, der die Sonnenseiten verschiedener Genres mit klassischen Band-Equipment und etwas ergänzendem Sampling auf bezaubernde Art und Weise verschmilzt. Artrock zum Beispiel, Britpop, Shoegazing, etwas Pathos hier, viel Rhythmus dort.

Wie schon seine Landsleute Umlala oder TheAngelcy pfeift sich der Multi-Instrumentalist auf Time To Bleed fröhlich eins aufs an- und abschwellende Chaos ringsum. Aufgenommen in Israels jüngster Stadt Tel Aviv und der zweitjüngsten Berlin, reibt ihm der versierte Produzent Brian Lucey (Beck, Black Keys) dabei reichlich longdringnebliges Partygefühl unter die rauchige Stimme, mit der Ran Nir schon im Auftaktstück die Titelzeile It’s Gonna Be Alright so oft zusammenhanglos aneinanderreiht, dass klar wird: Hier lebt einer im Hier und Jetzt, losgelöst von den Sorgen des Alltags, ohne sie lächerlich zu machen. Politik? Später! Die Flucht ins Private kann wunderbar sein.

LFNT – Time To Bleed (Cargo Records)

HolyHoly Fuck

Die Abkehr ins Innere kann aber auch klingen wie ein Fiebertraum. Besonders beliebt als Fluchthelfer ist da seit einiger Zeit die Kombination aus discoeskem DJing und technoider Electronica, gepaart mit echtem Bass und schwitzigen Drums. Letztere liefert im kanadischen Quartett Holy Fuck der hypnotische Schlagzeug-Virtuose Matt Schulz, letzteres vor allem der Keyboard-Wizzard Brian Borcherdt, der seine Folk-Gitarre immer mal wieder beiseite legt, um dem digitalem Noise dieser Art ein paar neue Facetten abzuringen. Auf dem vierten Album Congrats klingt das dann meist, als würde eine echte Rockband elektronisch tüchtig nachbearbeitet oder umgekehrt.

Man muss das beat- und basslastige Klanggewitter zwar wohl live erlebt haben, um seine treibende Dynamik vollends zu begreifen. Doch auch die Platte reicht dicke aus, um einen Spirit zu erfassen, der tief aus den Wurzeln des Punk stammt: Experimente durchzuführen wie im plötzlich absurd poppigen Neon Dad. Versuchsanordnungen, die kein konkretes Ergebnis herbeisteuern wollen, sondern die eigenen Möglichkeiten im Praxistest sondieren, bis daraus entweder infernalischer Krach zum Gliederschütteln wird oder wie hier ein gefälliges Popstück zum richtigen Tanzen. Holy Fuck – der Name ist nicht bloß ein krasses Label, es ist der Ausruf aller, die davon ergriffen werden. Und das geht fix.

Holy Fuck – Congrats (Innovative Leisure)

Hype der Woche

TT16OdellTom Odell

Gott, ist der entzückend, süße 25 und im Zirkus Pop doch abgebrühter als mancher Hochseilartist doppelten Alters. Einem unerlässlichen Bauteil gleich, packt Tom Odell auf dem Nachfolger seines gefeierten Debütalbums einfach wulstige Gitarrensoli übers Titelstück Wrong Crowd, pfeift wie ein Schulkind auf dem Heimweg gen Himmel und treibt das Pathos seiner mild kratzenden Wave-Stimme im Refrain noch zwei Erregungsstufen höher, wenn er sein Superstarleben beklagt, dem er mit jeder Note des Albums Futter gibt. Das erinnert an Populisten: Irgendwas Krasses rausblasen, hinterher halbherzig relativieren, sodann auskosten, was in den Köpfen der Leute flottiert. Hyperfettproduziert von Jim Abbiss (Arctic Monkeys) ist das Werk des englischen Pianisten allerdings in etwa so politisch wie ein Stück dick belegter Pizza. Jeder Track ein sorgsam kalkulierter Ohrwurm für die Generation Kreisch, Schlüpferstürmer vom ersten zum elften Hit. Und was soll man sagen: Es wirkt! Sein Songwriting ist präzise, jeder Geigeneinsatz pointiert, das Gefühl selten unglaubhaft, alles selbstgewiss professionell, ohne kühl zu wirken. Tom Odell ist exakt da, wo er sein will. Nix Wrong Crowd…

Einer der drei Texte ist zuvor auf Zeit-Online erschienen
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