Fufanu, Júniús Meyvant, Sarathy Korwar

TT16-JuniusJúniús Meyvant

Wie begeisterungsfähig Nordeuropäer wider alle Klischees sein können, erschließt sich nicht nur vorurteilsbehafteten Südeuropäern zurzeit ganz gut in Frankreichs Stadien. Je weiter man das Mittelmeer hinter sich lässt, desto ekstatischer werden die Leute. Welcher Sound für, sagen wir: Island steht, hätte man jedoch auch nach dem euphorischen EM-Auftritt der Eingeborenen mit Dreampop, Ambient, Electronica beantwortet. Zugeknöpftes Zeugs also. Aber Funk? Aldrei! würden da selbst Betroffene verneinen. Bis auf Júniús Meyvant. Der hat ihn ja, den Funk, wie sein Debütalbum Floating Harmonies belegt. Wobei ihn der junge Skater von den Westmanninseln weniger besitzt, als erobert.

Video: https://www.youtube.com/watch?v=9fyH9M3l2pw&feature=youtu.be

Und welche Wucht das entfaltet, hat der Cockney-Rapper Plan B ebenso gezeigt wie sein deutscher Kollege Jan Delay. Ihr Funk versucht sich gar nicht erst an dessen tief empfundener Innerlichkeit. Er kocht auf mittlerer Flamme gar, bis daraus ein Pop wird, der bei aller Tanzbarkeit zum Denken anregt. Auch der von Meyvant alias Unnar Gísli Sigurdmundsson transponiert das Virile afroamerikanischen Ursprungs eher kopf- als bauchgesteuert in die Mitternachtssonne. Synkopischer Bass, verschwitzte Bläser – alles dabei. Aber ebenso ein Schuss nordischer Reserviertheit, der das Ganze so schön spannend macht.

Júniús Meyvant – Floating Harmonies (Record Records)

TT16-FufanuFufanu

Und um nochmals bei der Atmosphäre zu bleiben, die das winzige Inselreich gerade interkontinental emittiert hat: Das südpolare “Huh” der fußballbegeisterten Massen, also nahezu jedes Insulaners, hallt auch knapp eine Woche nach dem Viertelfinal-Aus gegen Frankreich weiter wie ein Soundtrack europäischer Völkerverständigung durchs Netz. Dass diese liebenswerte Kernigkeit allerdings keine Ausnahme vom wächsernen Minimalismus der örtlichen Popszene zwischen Sigur Rós und Björk ist, zeigt eine richtige Band mit richtigem Sänger zu richtigen Instrumenten, die alles andere als lieblich klingt, ohne dabei allzu kernig daherzukommen. Sie heißt Fufanu und macht eine Art technoiden Noiserock, das jedes beseelte Brüllen ihrer Landsleute zum Wiegenlied macht.

Als Techno-Duo gestartet, haben sich Frontmann Kaktus und sein programmierender Gittarist Guðlaugu zu einem Quintett erweitert, das voriges Jahr ein wenig beachtetes Debütalbum herausgebracht hat – bis Blur-Kopf Damon Albarn seine Liebe zu Fufanu entdeckte, woraufhin sie Radiohead zur Vorgruppe erhob, was die Aufmerksamkeit radikal nach oben trieb. Um dem wachsenden Hype um ihren psychedelisch dräuenden Alternative mit englischer Wave-Stimme gerecht zu werden, gibt die Band eine Deluxe-Edition von Few More Days To Go heraus, das ungeheuer breitwandig klingt, mit raunenden Synths unter der windschiefen Gitarre und einem Schlagzeug, dass den Bass mit überreichlich Becken aus der Tiefe holt. Nicht modern, nicht neu, umso weniger isländisch, aber unentrinnbar energetisch.

Fufanu – Few More Days To Go (One Little Indian)

PrintSarathy Korwar

Energie war auch das alte Antriebsmodul dessen, was einstmals Weltmusik hieß. Eine Art erdverbundener Kraft, so heißt es gern, habe den zum Ethno und entkolonialisierten Sound globaler Bodenständigkeit durchströmt, als entführe er den Genen, nicht den Boxen. Na ja. Aber ein bisschen was ist schon dran am Energiehaushalt irgendwie urwüchsiger Klänge. Etwa, wenn man Sarathy Korwar zuhört. Der Perkussionist aus den USA wuchs in der indischen Heimat seiner Ahnen auf und hat dort jene Traditionals der Sidi eingesogen, die vor 1400 Jahren als Händler über den Subkontinent zogen und dort allerlei tonale Spuren hinterließen, die Korwars Debütalbum nun aufschnappt.

Mit ziemlich coolem Jazz und vielfach treibender Electronica reichert er die historische Sangeskunst zu einer grandiosen Melange globaler Vielfalt an, die gelegentlich ein wenig verstört in ihrer disharmonischen Experimentierfreude, aber immer wieder den Weg zurückfindet in den ordnenden Beat. Und dazwischen flattert immer wieder hitzig ein Saxofon unter die fremdartigen Vocals und wilden Drums, als wolle es die Luft ringsum entzünden. Das macht Day To Day zu einem der ganz großen Geheimnisse des Sommers, irritierend und ergreifend, eine echte Energieleistung des Wahl-Londoners, ob nun ethnisch oder nicht.

Sarathy Korwar – Day To Day (Ninja Tune + Steve Reid Foundation)

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