EM-Fragen & Nazi-Spiele

TVDie Gebrauchtwoche

4. – 10. Juli

So, nach vier Wochen Fußballdruckbetankung mit 30 Millionen Zuschauern des französisch-deutschen Halbfinales und gut halb so viele bei Wales gegen Portugal können wir nun endlich wieder zur Tagesordnung übergehen. Für Suchtopfer hält sie zwar zunächst einen Wochenbeginn auf Entzug bereit. Um ihnen zumindest theoretisch ein bisschen Stoff nachzureichen, passen wir an dieser Stelle aber noch kurz vier Fragen abseits vom grünen Rasen in den freien Raum, deren Antworten die Faszination des Fußballs etwas klarer machen würde: Wieso lassen sich all die schicken, coolen, berlinmittigen Hipster-Models, die im Werbefernsehen andauernd mit Deutschlandtrikot ausrasten, nie zwischen den nicht ganz so schicken, coolen, berlinmittigen Durchschnittsbesuchern realer Fan-Feste blicken? Weshalb klingen sämtliche WM- und EM-Songs stets, als säße Xavier Naidoo mit Magenkrämpfen auf Peter Maffays Klo? Warum sehen die Bolzplatzkicker*innen im Respect-Spot der Uefa aus wie Sexroboter? Und war die Bandenreklame für Aserbaidschans Tyrannei eigentlich bereits ein PR-Feldzug für die Ausrichtung 2024 oder nur ernstgemeinte Produktinformation?

Das wäre doch mal ein Debatten-Thema, mit dem die Bild-Zeitung ausnahmsweise seriös Aufmerksamkeit erzielen könnte, statt ewig nur mit ihrer Mixtur aus Boulevard und Eigenlob, die das Springer-Blatt gerade abermals auf den zweiten Platz der meistzitierten Zeitungen im Land gerüpelt hat. Nur, dass Kai Diekmann die Originalbaupläne des Vernichtungslagers Auschwitz illegal außer Landes bringen ließ, hat sein Blatt gewiss nur zu erwähnen vergessen…

Erwähnenswert wäre noch die sensationelle Neuigkeit aus dem WDR-Rundfunkrat, dass die unendliche Geschichte, pardon: Lindenstraße um zwei weitere Jahre bis 2019 fortgesetzt wird. Auch nach den Staffeln 33 und 34 ist ein Ende allerdings außer Sicht. Es geht einfach immer und immer und immer weiter. So wie es eben einfach immer und immer und immer weitergeht mit dem TV-Dauerbrenner Nationalsozialismus.

1_Traum_von_Olympia_1936Die Frischwoche

11. – 17. Juli

Wer nun glaubt, die Themen könnten da ausgehen, kann sich am Samstag zur besten Sendezeit davon überzeugen, wie viel Stoff noch unerzählt ist. Der Traum von Olympia mag zwar ein ausgewalztes Feld beackern. Florian Hubers Dokudrama über Die Nazi-Spiele von 1936 jedoch wählt einen echt eigentümlichen Ansatz zur Illustration der NS-Propagandashow.

Mit Wolfgang Fürstner und Gretel Bergmann porträtiert er darin den linientreuen Chef des Olympischen Dorfes und die jüdische Weltklassehochspringerin, die beide am Rassewahn der Nazis zerbrechen – was für ersteren im Freitod endet, weshalb ihn letztere um mittlerweile 80 Jahre überlebt hat. Und das Archivmaterial zu den angenehm dezenten Spielszenen ist vor allem dann umwerfend, wenn etwa eine Ansagerin „alle Volksgenossen und Volksgenossinnen in den Fernsehstuben Großberlins mit dem deutschen Gruß“ begrüßt, während die Jugend der Welt ringsum feiert, als seien die Nazis ja eigentlich doch ganz okay. Die seifige Bruttigkeit des Genres vermieden, mit Wahrhaftigkeit überrascht – so darf der Nationalsozialismus gern TV-Thema bleiben. Immer und immer und immer wieder.

Derweil testet das Programm zwischen EM und Olympia kurz ein paar mehr oder minder innovative Erstausstrahlungen. ProSieben etwa schickt Thilo Mischke ohne journalistisches Handwerkszeug, aber mit lässigen Sneakers montags um 22.15 Uhr unter Ganoven wie japanische Mafiosi, die er dem Titel nach Uncovered, tatsächlich aber nur mit maximalem Thrill und verstörender Naivität vorführt. Arte startet Sonntag um 21.45 Uhr seinen jährlichen Summer of … diesmal Scandals. Zum Auftakt mit der italienischen Pornopolitikerin Cicciolina, die Anfang der 90er den Boulevard mit viel nackter Haut zum Sabbern brachte.

Noch weiter zurück in der Zeit reist die Mystery-Serie Stranger Things um ein vermisstes Kind im Jahr 1983, das Netflix am Freitag mit der immer noch hinreißenden Winona Ryder streamt. Tags zuvor startet der britische Achtteiler No Offense mit gleich drei ruppigen Ermittlerinnen im robusten Manchester auf ZDFneo. Das Nischenhighlight aber läuft heute im ZDF: Um 23.50 Uhr erzählt Cem Kayas Doku Remake, Remix, Ripp-Off die bizarre Story des türkischen Kinos der 60er und 70er. Unterm Namen Yeşilçam wuchs es seinerzeit mit Billigkopien bekannter Formate von Enterprise bis Supermann zur weltweit bedeutenden Filmindustrie – deren knisternde Dilettantismus heute fast ebenso erstaunt wie die Blüten des US-Präsidentschaftswahlkampfs, dem Arte Dienstag ab acht einen Themenabend widmet.

Und sonst? Gibt‘s feine Wiederholungen der Woche! Samstag zum Beispiel Ridley Scotts stilbildendes Roadmovie Thelma und Louise anno ‘91 mit Susan Sarandon und Geena Davis auf der Flucht und einem gewissen Brad Pitt in einer sexy Nebenrolle. Mittwoch zuvor (23.30 Uhr, BR) ist Martin McDonaghs Gangstergroteske Brügge sehen… und sterben? mit Colin Farrell als depressivem Killer auf der Abschussliste zu empfehlen. Schwarzweiß brilliert John Wayne heute (23.30 Uhr, NDR) als Siedlerschutz im Finale von Glen Fords legendärer Kavallerie-Trilogie Rio Grande von 1950. Und dokumentarisch ratsam: Guns N’Roses, das Bandporträt der gefährlichsten Band der Welt, Sonntag, 20.15 Uhr, auf Arte, mehr aber noch die famose Punkwurzelbehandlung Keine Atempause über die Ursprünge des deutschen Punk im Ratinger Hof, heute im WDR (23.50 Uhr).

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s