A Summer’s Tale: Indiepop & Family-Yoga

deine-freunde-540x304Feierabendstimmung

Musikfestivals sind laut und dreckig? Nicht so das A Summer’s Tale nahe Hamburg. Auf dem Gelände eines weltberühmten Reitturniers hat es mit seiner Premiere eine neue Zielgruppe erschlossen: die High-End-Alternativen. Kommende Woche steht die Wiederholung an – mit besserer Versorgung und mehr Gästen.  Hoffen die Veranstalter.

Wie so oft: Die Sonne bringt es an den Tag. Schon zum Frühstück schieben sich dichte Wolken über die Lüneburger Heide. Auch dem idyllischen Luhmühlen graut es ein wenig vorm anbrechenden Wochenende, so sehr verdunkelt sich der Himmel – und öffnet seine Schleusen, noch bevor ein Konzert den jungen Tag beschallt hat. Im Hauptzelt, groß wie landestypische Mehrzweckhallen, erzählt ein kleiner ZDF-Reporter mit dem optimistischen Namen Möglich was Kritisches über Wild Germany, da droht auch dieses Festival abzusaufen, als sei es ein Naturgesetz für Open-Airs im Norden. Dann aber hört es auf. Einfach so. Kein Landunter, keine Schlammschlacht, nicht mal das kleinste bisschen Matsch.

Seltsam.

Seltsam wie so vieles am A Summer’s Tale, rund 40 Autominuten südlich von Hamburg gelegen, ein Festival der besonderen Art, das nur vorweg. Besonders teuer, sagen die einen. Besonders komfortabel, entgegnen die anderen. Besonders vielfältig – darauf können sich die meisten hier immerhin einigen. Auf dem ausladenden Gelände des örtlichen Reitvereins, in der Pferdesportwelt bekannt fürs internationale Vielseitigkeitsturnier CCI, geht am Mittwoch die zweite Ausgabe eines fünftägigen Events in der fortwährend wachsenden Liste musikalischer Großveranstaltungen zu Ende. Für bis zu 199 Euro pro Person kriegen die Gäste rund 75 Live-Stunden Musik geboten, mit Headlinern von Sigur Ros über Parov Stelar und Boy bis Billy Bragg. Zur Premiere vor einem Jahr waren es Tori Amos über Belle & Sebastian, Calexico und ZAZ bis hin zu allerlei melancholischen Songwritern wie Damien Rice oder Niels Frevert. Dazu Workshops, Lesungen, Filme, Theater, Kunst, Performances, Installationen und alles, was Kinderherzen erfreut – das Unterhaltungsangebot des selbsterklärten Sommermärchens ist facettenreich.

Weniger Dosenbier, mehr gediegener Zeitvertreib

Nur eins ist es nicht: sonderlich preiswert. Drei Dutzend Bands – das bieten andere Festivals dieser Preisklasse wie das benachbarte Hurricane oder das kaum fernere Wacken täglich. Locker. Und selbst, wenn man in Rechnung stellt, dass A Summer’s Tale von Mittwoch bis Samstag allerlei Randzonenentertainment abseits der drei Hauptbühnen zu bieten hat, ist der Gegenwert eines halben Hartz-IV-Satzes für ein Programm, das auf 150 Hektar Heideland gerade mal von Mittag bis Mitternacht reicht und nur wenige Megastars aufbietet, eher überschaubar. Es muss also was anderes dran sein, an der Luhmühlener Premiere, dass dennoch 7.000 Besucher daran teilhaben.

Zum Beispiel Matthias. Rote Vans, Röhrenjeans, Basecap. Augenscheinlich ein Hipster wie aus dem Handbuch, fachlich Winzer aus St. Pauli, der neben Mischwald und Kuhweide einen – kein Scherz – Sommelier-Workshop anbietet. Gut, schon nach zehn Minuten erweist sich der Schnellkursus für 50 Hobbykenner in spe als üppige Weinprobe; doch wenn Fachmann Matthias einen Tropfen nach dem anderen ausschenkt, lernt man nicht nur was über Verabreichung (immer schön schwenken) und Expertentum (immer viel trinken), sondern auch einiges über den gemeinen Gast eines Festivals dieser Art.

Denn der ist, zumindest optisch analysiert, tendenziell älteren Semesters, genussfreudig, kultiviert, dabei zu robuster Wochenendgestaltung bereit – aber bitte mit Stil, Contenance und einem Grundmaß an Bequemlichkeit. Was auch nach dem zweiten Regentief Richtung Samstag zwischen all den Yoga-Workshops und Mehrgänge-Menüs, Traumfänger-Bastlern und Urban-Gardening-Vorträgen, den Charleston-Kursen und Kunsthandwerk-Ständen, Toilettenparks mit Spülkasten und Hundertschaften uniformierter Ordner herrscht, ist gediegenster Zeitvertreib. Er hat mit dem Rock ‘n’ Roll vergleichbarer Freiluftpartys weniger gemeinsam hat als mit den Wagner-Festspielen in Bayreuth.

Sommermärchenlandbewohner schlafen offenbar weniger mit Dosenbier im Wurfzelt als im Mietzelt mit Polsterpritschen. Mindestens. Gleich nebenan hat ein Paar behaglichkeitsaffiner Best-Ager aus Bayern im “Komfortcamp” einen Container bezogen. Für 900 Euro samt Tickets, erzählt es in einem Tonfall zwischen Selbstzufriedenheit und Selbstkritik, sei das Dach überm Kopf “schon gemütlich”. Bei vier Nächten plus Anfahrt, Versorgung, dem ganzen Rest eben, sie der Preis aber auch “ganz schön happig”.

Ab Mitternacht geht das Gros der Leute zu Bett

Die Cuisine, wie das kulinarische Angebot natürlich heißt, mag vorwiegend vegetarisch sein und oft regional bestückt; eine Mahlzeit abseits der, nun ja, billigsten Pizza ist unter sieben Euro kaum zu haben. Die Getränkekarte ist reichhaltig, aber hochpreisig. Wohnmobile kosten 50 Euro extra, Kinder ebenso. Selbst das Programmheft schlägt mit rätselhaften 3,50 Euro ins Kontor, was verbreitet für sachten Unmut sorgt.

Wofür es indes nicht sorgt, ist Konsumverweigerung. Die meisten der 7.000 Besucher schlucken die Apothekenpreise nicht nur mit autogenem Langmut, sie haben den elitären Charakter förmlich verinnerlicht. Der gewinnorientierte Hamburger Konzertgigant Scorpio hat auf malerischem Heidegrund eine ganz neue Festivalzielgruppe entdeckt: den gutsituierten High-End-Alternativen. Auffällig viele Besucher sind knapp über 55, ausgestattet mit etwas Restrenitenz, oder knapp unter 44, begleitet von kleinen Kindern. Ihnen sind die Hygienedesaster der Scorpio-Schwester Hurricane zu wild und Wochenenden vorm Fernseher zu gewöhnlich.

Wenn bei den Protestsongs der hinreißend gereiften Punk-Ikone Patti Smith im Abendrot der Nostalgiegenerator wummert, sind die einen ebenso selig wie es die anderen sind, wenn ihr Nachwuchs zum kindgerechten HipHop von Deine Freunde durch den Birkenwald hopst. Es ist, als läge Nimmerland, die Insel, auf der Kinder nie erwachsen werden, genau hier. Da, wo das Hamburger Künstlerkollektiv 210 Klappen exakt 251 Zugvögel aus poliertem Blech vor die Waldbühne gehängt hat. Wo auch sonst ein Hauch des anarchistischen Fusion-Festivals durch die Wipfel weht.

Nicht mehr, nicht weniger.

Denn verglichen mit dem heimlichen Vorbild in Mecklenburg ist A Summer’s Tale schlicht zu kommerziell. Für übliche Großfestival-Hopper hingegen ist es wie das offizielle Vorbild Wilderness im britischen Oxfordshire zu behaglich, drogenfrei, zu esoterisch und ruhig. Schon ab Mitternacht schließen alle Live-Bühnen und das Gros der Leute geht zu Bett. Sonderbar beseelt und spürbar erleichtert – von ein paar Alltagssorgen und einer schönen Stange Geld. Viele werden trotzdem wiederkommen, im August 2016, zur festivaltauglichen High-End-Alternative ohne Verwilderungsbedarf. Schließlich hält das Areal auch dem zweiten Wolkenbruch am Samstag Stand. Spielend. Statt Schlammrutschen gibt’s bloß Espadrilles-Workshops, Family-Yoga und Jochen Distelmeyer am Teich.
Der Artikel ist voriges Jahr auf ZEIT-Online erschienen
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