Brennpunkt-Mangel & Punk-Gedenken

TVDie Gebrauchtwoche

1. – 7. August

Kein ARD-Brennpunkt, nicht ein einziger! Sieben Tage ohne terroristischen, putschistischen, sezessionistischen oder sonstwie dummdreisten Anlass, das Programm für die Nachrichtenlage zu ändern; das gab‘s zuletzt im Mai. Ist also alles wieder gut? Nix ist gut! Nicht mal jetzt, da der Sport dem Weltgeschehen gern wie früher alle vier Jahre 17 Tage Sommerauszeit gönnen würde. Doch statt Entspannung herrscht Verkrampfung. Und sie beginnt nicht bei Terror-Gefahr, Zika-Viren, Doping-Sumpf, Standort-Chaos oder IOC-Korruption, sondern mit der olympischen Sprachpolizei, die streng über alles wacht, was aus dem Produkt keinen Profit schlägt. Frechheit! Von daher die Bitte: vermeiden Sie bei jeder Art medialer Äußerung unbedingt die Begriffe „Olympia“, „Spiele“, „Rio“, „2016“, „Gold“, „Silber“ und „Bronze“. Darauf reklamiert das IOC nämlich ein Exklusivrecht, angeblich um Sportler (und Sponsoren) vor Kommerzialisierung zu schützen.

Ach ja – „Sommer“, „Leistung“, „Sieg“ sind ebenfalls verboten, wenn man jene Jugend der Welt materiell unterstützen will, denen die (ups) Spiele in (uups) Rio (uuups) 2016 eigentlich gewidmet sind. Und die fünf Ringe bitte immer nur in vorgegebenen Farben, korrekter Perspektive und gegen Gebühr verwenden. Man wünscht sich angesichts dieses Vermarktungsirrsinns, dem ohnehin nur noch Tyranneien den Teppich ausrollen, eine zünftige Revolte wie die die von 1976. Damals unterspülte eine Subkultur namens Punk erst die britische, dann die amerikanische, schließlich die globale Superkultur des konservativen Mainstreams jener Zeit. Hätte es Arte da schon gegeben – der Kulturkanal wäre ganz wuschig geworden bei so viel Renitenz.

punk-caminoDie Frischwoche

8. – 14. August

Als Spätgeborener widmet er ihr im Rahmen des Summer of Scandals daher nur verspätet einen Themenabend. Eingeleitet wird der Samstag um 21.55 Uhr von Campino, der 90 Minuten durch jenes London streift, das er 40 Jahre zuvor erstmals besucht hatte, als dort jener PUNK! des Doku-Titels entstanden war. Von spürbarer Neugierde getrieben, begibt sich die Tote Hose in London’s Burning zurück an einen Ort, der den Angriff auf alle Konventionen seinerzeit zum Antichrist erklärt hatte, nun aber als Kulturerbe vergöttert.

Als Erleuchteter, Importeur, Nutznießer und Nachlassverwalter des Genres ist Campino der perfekte Geschichtslehrer. Er trifft Wegbereiter wie Bob Geldof, streift Randgewächse wie Nina Hagen, besucht Clubs wie das Roxy und lässt das Ganze aus gut gefülltem Archiv bebildern. Was einen Wettstreit mit der Doku Not Future im Anschluss entfacht. Deren Regisseur Fred Aujas arbeitet darin auch seine eigene Biografie im nachverpunkten Paris auf und hat gegenüber Campinos Film die Nase leicht vorn: Trotz einer halben Stunde weniger Sendezeit visualisiert er die irren Siebziger einfach strikter und zieht daraus die klügeren Schlüsse für unsere Gegenwart.

Die könnte man auch vom Reportage-Dreiteiler Inside mit Stefan Gödde erwarten, in dem der nette Reporter erst Russland, dann China, zuletzt Japan bereist. Dummerweise auf Pro7, und da ist zwar viel Effekthascherei, aber Null Erkenntnisgewinn zu erwarten. Letzterer ist dafür umso unterhaltsamer, wenn Netflix Freitag auf Zeitreise geht. Kreiert vom Starregisseur Baz Luhrmann gräbt die Serie im New York der Siebzigerjahre furios kostümiert nach den Wurzeln des HipHop, der dort im Nährboden aus Armut, Wut und Funk der afroamerikanischen Subkultur entstand.

Nicht richtig Subkultur ist trotz seiner Biografie als Handy-Verkäufer der Party-Tenor Paul Potts, dem im britischen Original der RTL-Kopie Supertalent 2007 mit einer schiefen Arie der Durchbruch gelang. One Chance fiktionalisiert ihn am Donnerstag um 20.15 Uhr mit angemessenem Pathos, was nur deshalb Erwähnung findet, weil es außer Sport grad wenig zu sehen gibt. Außer Maria Eibl-Eibesfeldts ARD-Filmdebüt Im Spinnwebhaus (Dienstag, 22.45 Uhr) über den zwölfjährigen Jonas, der nach dem Verschwinden seiner Mutter die Verantwortung für seine Geschwister trägt. Danach gibt‘s Kurzfilme als Kontrastprogramm zu den Olympischen Spielen – deren aktuelle Präsenz mehr Wiederholungen der Woche als üblich erfordert.

Etwa den Klassiker Barbarella mit Jane Fonda als SciFi-Agentin im Ringen mit dem irren Wissenschaftler Duran Duran von 1968 (heute, 20.15 Uhr, Arte). Mittwoch brilliert Daniel Day-Lewis als Kleinganove von 1993, der 1974 zu Unrecht als IRA-Terrorist verurteilt wurde (Im Namen des Vaters, 20.15 Uhr, Arte). Zwei Stunden später heißt der SWR Klaus J. Behrend und Dietmar Bär als frische Tatort-Ermittler „Willkommen in Köln“ (1997). Die Doku der Woche widmet sich dagegen doch noch mal kurz dem Programmfüller schlechthin, wenn 3sat am Freitag um 20.15 Uhr Das Olympische Dorf von 1936 in der Brandenburger Heide unter die Lupe nimmt.

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