RTL-Programm: Häppchen & Kammellen

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Programmpräsentationen von Privatsendern prahlen gern damit innovativ und bedeutsam zu sein. So auch RTL, das sein Saisonangebot wie immer und diese Zeit in Hamburg vorstellt. Da ist dann durchaus ein wenig Skepsis angebracht…

Von Jan Freitag

In Zeiten der Verzagtheit ist „Eigen“ das Präfix der Mutigen. Selbstbewusstsein durch Eigensinn, Selbstermächtigung per Eigeninitiative, Selbstheilung mit Eigenurin – wer auf sich statt andere setzt, sticht heraus aus dem Mainstream, diesem zäh-trüben Fluss des Verwechselbaren. Kein Wunder, dass auch Frank Hoffmann auf die selbstheilende, selbstwertige, selbstermächtigende Kraft von innen setzt, wenn er sein Programm vorstellt. „Wir sind mehr denn je davon überzeugt, dass eigene Inhalte der Schlüssel zum Erfolg bleiben“, ruft der Programmgeschäftsführer von RTL durch ein Industriedenkmal im Herzen Hamburgs, und es hallt gehörig nach unterm Lastenkran, als er die Überzeugung mit Zahlen füttert: „Deshalb starten wir mit mehr als 20 neuen Formaten in die neue Saison.“

So klingt es gern in einem Segment, das Understatement mehr hasst als Arte Scripted Reality. Wie jedes Jahr um diese Zeit stellt RTL in der früheren Medienhauptstadt sein Angebot vor. Wie jeder Privatsender geizt auch der frühere Marktführer dabei nicht mit Aufwand, Personal und Parolen. Wie bei jeder TV-Präsentation ist allerdings auch auf dieser am Dienstagabend Skepsis angebracht ob Aufwand und Personal die Parolen rechtfertigen. Unter den mehr als 20 neuen Formaten nämlich, die Frank Hoffmann in freier Rede feilbietet, ist „neu“ oft sehr diskussionswürdig.

Auf drei Begriffspaare reduziert, lässt sich die nähere RTL-Zukunft wie folgt verdichten: Sitcom & Mario Barth, Showrecycling & Günter Wallraff, Blockbuster & Karl May. Was der Hauptverantwortliche in einer ausgedienten Fabrikhalle auf strafraumgroßer Leinwand vorführt, ist demnach eher aufgewärmt als innovativ. Anders ausgedrückt: etwas mehr Flimmerkiste, etwas weniger HD-Flatscreen. Wirklich frisch wirkt nur die Idee von Schnapp dir das Geld, 30.000 Euro 30 Stunden lang vor Ermittlungsprofis zu verstecken. Meet the Parents hingegen, wo Singles ein Date anhand ihrer Eltern erwählen, gab es ähnlich schon, als MTV noch ein Musiksender war. Evergreens von (Merci Udo!) Jürgens nachsingen zu lassen, riecht nicht erst durch die Barbara Schönebergers Moderation abgestanden. Desperate Hartzer mit einem Koffer voller Chancen (vulgo: zwölf Sozialhilfesätze) aus dem Elend zu holen, lockt schon ewig Voyeure in den privaten Menschenzoo, der mit Relikten von Ruck Zuck übers Familienduell bis zum Heißen Stuhl zudem geradezu antiquarisch möbliert wird.

Als sich der hünenhafte Box-Weltstar Klitschko am künstlich per Killerheels aufgestockten Showgewächs Isabel Edvardsson zum Ausgang drückt, mag Hoffmann also selbstbewusst verkünden, den Promi-Gesangswettbewerb It Takes 2 habe es wie das erstaunlich erfolgreiche Selbstkasteiungsformat Kirmes-Könige mit Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen als Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen hierzulande „so noch nie gegeben“; mehr oder minder abgewandelt, gab es ziemlich viel bei RTL schon ziemlich oft. Für diese Erkenntnis bedarf es noch nicht mal der würdevoll gewelkten Hugo und Hella, deren Wiederkehr auf den Jahrmarkt der Sinnlosigkeiten allen Ernstes besser lief als die jungen Joko & Klaas parallel auf Pro7.

In den sechs Serienpiloten ermitteln unter anderem ein Alleinerziehender oder Jennifer Lopez. Die Show Big Bounce variiert Stefan Raabs sportives Absurdistan auf dem Trampolin. Comedy wie Magda macht das schon walzt die üblichen Humorklischees (Geschlecht, Fremde, Nachbarn) weiter aus. Es wird so viel angezogen getanzt und nackt gebalzt, so viel geraten, geulkt und gecastet, dass ein völlig unverhohlenes Recyclingprodukt dagegen fast modern wirkt: Winnetou. Mit dem aufwändigen Remake könnte schließlich gelingen, was Massenware und Scheinrealität ansonsten chronisch untergraben: Relevanz. Nach den ersten Bildern zu urteilen, vereint Philipp Stölzls starbesetzter Dreiteiler „inhaltlichen Mehrwert und Unterhaltungspotenzial“ (Hoffmann) so gekonnt wie der Vorwende-Thriller Deutschland 83, den RTL trotz mäßiger Quoten wohl fortsetzt. Also vornehmlich zum Wohle des Renommees, das zuletzt auch Peter Kloeppels Münchner Amoklauf-Berichterstattung oder Günter Wallraffs Tankstellen-Enthüllung gestärkt haben.

Entsprechend aufrecht laufen beide durchs Häppchen-Ambiente, als ihr Chef von einer „nachrichtlichen Chronistenpflicht“ schwärmt, mit der seine Informationsgesichter das Kerngeschäft leichter Unterhaltung erden. „Am Nachmittag läuft hier schon viel Scheiß“, räumt derweil ein anderes Aushängeschild beim Häppchenessen inoffiziell ein, lobt aber auch den Mut eines Senders, der angesichts des nachlassenden Nachschubs an erfolgreicher US-Fiction noch mehr Eigenproduktionen im Programm haben will, wie es Frank Hoffmann ausdrückt. Das dürfte dann selten allzu innovativ werden, aber mit allerlei Clowns und Helden bestückt, aberwitzig vereint zum Beispiel in der hartrechten Koksnase Ronald Schill, der demnächst vom schwarz-braunen Hamburger Senat über den Promi-Container ins Nudistencastingcamp Adam & Eva zieht. Der Irrsinn hat ein Zuhause: RTL.

Der Text ist vorab im Tagesspiegel erschienen

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