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tt16-bodyShow Me The Body

Können Bands wie Städte klingen? Für den populärkulturell noch immer bedeutenden NME schon. Übers Debüt von Show Me The Body etwa schreibt das Musikmagazin, seit This Is It der Strokes vor 15 Jahren, habe kein Album so unverkennbar New York wiedergespiegelt wie Body War. Liest man die extrem knappe Selbstauskunft der Eingeordneten als Hardcore-Trio ohne weitere Zusatzinfos als den Standort, erscheint der Ursprungszusammenhang zwar leicht überinterpretiert; aber irgendwas ist schon dran: Eher gekotzt als gerappt, möblieren die drei Namenlosen den HipHop am Scheideweg zum Crossover mit extrem rabiaten Sound neu auf.

Stilistisch irgendwo zwischen Living Colour, Bleach-Nirvana und Sleaford Mods gelegen, brettert das Grundgerüst aus Postpunkgitarre und Garagendrums unter knüppelharten Raps am Rande des Shoutings hindurch wie ein street riot in den Häuserschluchten der Bronx. Man duckt sich fast ein bisschen weg, wenn die Lautstärkeregler aufgerissen sind, springt aber umso höher auf dem Moshpit herum, sobald der Lärm Kontakt zum Magen aufnimmt, also recht schnell. Show Me The Body sind so räudig wie New York immer dann gerade nicht sein wollte, wenn es dort noch viel, viel krasser zuging. The Strokes? Doch wohl eher Manhattan…

Show Me The Body – Body War (Caroline/Universal)

Album_Leaf_Album_Cover_Between_WavesThe Album Leaf

Und wo wir grad bei alten Hasen im vergleichsweise neuen Revier sind: The Album Leaf, das Projekt vom früheren Tristeza-Gitarristen Jimmy LaValle, hat eine frische Platte rausgebracht. Und abgesehen von gefühlt ein paar Hundert Kollaborationen und Soundtracks ist es angeblich erst das fünfte in fast 20 Jahren, wirkt beim Zuhören aber wie so oft, als hätte man das Ganze schon tausendmal gehört – diese flächigen Indietronic-Arrangements, in denen echte Instrumente gesampelt klingen und digitale Einsprengsel seltsam analog. Doch Between Waves ist bei aller Geschmeidigkeit abermals ein Werk von so eindringlicher Tiefe, dass ein paar Wiederholungen von früher gar nicht weiter stören.

Denn wie zuvor erinnern die vorwiegend instrumentalen Stücke eher an Symphonien als Tracks, was mit Gesang versehen nicht nur wegen des entspannten Popfalsetts im Stile von The Notwist die Höhen ganz großen Pops erklingt. Mit Bläsersequenzen, Geigenfetzen und gelegentlicher Atari-Spielerei gerät das Ganze dann nicht nur zu einer weiteren Note im anschwellenden Werk des harmoniesüchtigen Kaliforniers, sondern erhält auf fast magische Art und Weise Alleinstellungskraft. Sicher, es läuft ein wenig durch einen durch, allerdings wie gute Filmmusik, die man auch kaum merkt, wenn sie passgenau ist. Schon wieder ein schönes Album von The Album Leaf, diesmal ganz ohne Altersmilde; dafür war das aktuelle Quintett einfach nie tough genug…

The Album Leaf – Between Waves (Relapse Records)

tt16-clippingClipping

Toughness im HipHop ist hingegen eine Kategorie, die manchmal ernsthaft bedrohlich, oft leidlich konstruiert, meist aber ziemlich lästig ist, weshalb Gangsta-Rap auch vornehmlich in Kreisen eher physisch als intellektuell ausgetragener Konfliktschemata populär ist. Definieren wir “tough” hingegen nicht über den Umfang des Bizeps, sondern der Radikalität verwendeter Skills, sind Clipping definitiv die allerhärtesten Jungs im Sprechgesang. Man muss sich dafür nur mal den Auftakt ihrer neuen Platte anhören. Nach einem verstörend grundrauschenden Intro rattert Daveed Diggs da in 58 Sekunden einen Schwall an Lyrics runter, als überholte er sich selbst, ohne auch nur einmal zu haspeln, ja sogar, ohne unverständlich zu werden.

Dennoch ist es auch auf Splendor & Misery keinesfalls bloß das Tempo, dem man staunend Respekt zollt. Die experimentelle Aura des oft sehr verwirrenden Klangs zieht einen auch wegen der wild durchmischten Loops und Samples in den Bann, dieses permanente Verstreuen atmosphärischer Stimmungen, die vom Kommandodeck eines verlassenen Raumschiffs mit geheimnisvoller Besatzung zu kommen scheinen, dabei aber selten den Bezug zur terrestrischen Realität verlieren. Ein Album, das unbedingt Konzentration beim Zuhören erfordert, dann aber ein Panorama entfaltet, das die gesamte Vielfalt des Genres ausbreitet. Nichts für zarte Gemüter, erst recht nichts für aggressive.

Clipping – Splendor & Misery (Sub Pop) 

Hype der Woche

tt16-delasoulDe La Soul

Wie wenig Aggressivität eine Subkultur braucht, die sich auf dem Weg Richtung Kommerz bis zur Kiefersperre verspannt vor Relevanz und Realness, belegten 1989 De La Soul. Damals brach das Trio aus New York fröhlich mit dem Mainstream böser Ghettojungs. Es hatte zwar weder den besten Flow noch die tightesten Lyrics, aber so viel Witz und Esprit, dass es zwei zeitlose HipHop-Alben gebar, ohne die Arrested Development, Cypress Hill, gar Fettes Brot undenkbar wären. Da Revolutionen gern ihre Kinder fressen, fragt sich dennoch, was Kelvin Mercer, Vincent Mason und David J. Jolicœur dem Metier nun noch zu geben haben. Exakt jene Selbstironie, die ihm Millionen BlingBling-Videos mit Milliarden Wackelärschen später weiter abgeht wie Afroamerikanern die Gleichberechtigung! Fast jeder der 17 Tracks ihrer ersten Platte in zwölf Jahren sprüht vor lebenskluger Coolness. Dank gereifter Stimmen wirkt And The Anonymous Nobody (Kobalt) sogar noch nachhaltiger. Und mit Features von der Metal-Sirene Justin Hawkins bis zum Rap-Narziss Snoop Dogg erfährt das Ganze genreübergreifend Respekt. Kein revolutionäres, aber frisches Album. It’s just this, ourselves and them und immer wieder grandios.

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