M.I.A. – Pop, Privates & Politik

image001Seid undefinierbar!

Mathangi „Maya“ Arulpragasam, bekannter unterm nom de guerre M.I.A., ist einer der umstrittensten, aber auch einflussreichsten Popstars von heute. Die Tochter eines tamilischen Freiheitskämpfers, geboren 1975 in London, aufgewachsen in Sri Lanka, kämpft meist mit klarer Botschaft für die Freiheit der Unterdrückten in aller Welt. Ihr ethnisch angetriebener Grime-HipHop war dafür bereits vier Platten lang der richtige Motor. Nun erscheint das fünfte Album namens AIM. Die alte Wut hat die globale Stilikone dabei hinübergerettet, allerdings eingekleidet in zuweilen eingängigere Rhythmen. Ein Gespräch über Vogellieder, Albumschlachten, Horizonterweiterung und wie die Gesellschaft ihre Beziehung zerstört hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Maya, deine Lieder sprechen seit jeher alles in klaren Worten an und plötzlich singst du auf deiner neuen Platte im Bird Song von Vögeln. Was genau ist damit gemeint?

M.I.A.: Eigentlich genau das, wonach es klingt: Es geht um Vögel.

Keine Metaebene, um etwas Größeres zu beschreiben?

(lacht) Natürlich ist da eine, aber ich werde sie dir nicht sagen. Man muss auch mal Raum für die eigene Interpretation lassen. Fühl dich inspiriert!

Zumal du ansonsten fast durchweg explizit politisch bist in deinen Texten.

Auch auf diesem Album?

Etwa nicht? Es hagelt auch hier ständig Verweise auf System, Freedom, Borders…

Trotzdem ist vieles in den Texten privat und handelt von mir persönlich. Dennoch ist am Ende natürlich auch das politisch, wie ja eigentlich alles politisch ist. Zu 100 Prozent sogar, so leid es mir tut. Ich sehe das ja schon in meinem Umfeld, wo alle Menschen sich ständig den politischen Verhältnissen anpassen müssen. Alles gerät ständig in den Einflussbereich von Macht und Geld, das kann selbst im intimsten Bereich des Lebens niemand kontrollieren. Wobei beides nur scheinbar der Selbstermächtigung des Menschen dient; tatsächlich sorgt es für Fremdbestimmung – so sehr man das Politische auch aus seinem Alltag herauszuhalten versucht. Ich kenne so viele Leute mit tollen Ideen und viel kreativer Energie; sobald es aber darum geht, die Miete zahlen zu müssen, gerät man in die Fänge von Macht und Geld. Darüber erzähle ich auch auf dieser Platte in meinen Songs.

Mit der Intention, die Verhältnisse zu beschreiben oder zu verändern?

Dazu muss ich vorweg nehmen, dass dieses Album zu einem interessanten Zeitpunkt meines Lebens gemacht habe. Für meine ersten drei Platten bin ich ja abseits aller Erfolge furchtbar bestraft worden – politisch, persönlich, beruflich.

Inwiefern?

Als ich danach Matangi gemacht habe, das ich politisch, künstlerisch, musikalisch wirklich gelungen finde, war es ziemlich unter, weshalb sich viele Leute über seinen Misserfolg amüsiert haben – nicht Nr. 1? Hahaha! Ich frage mich fortwährend, was ich zu sagen habe, nicht wie viel ich davon verkaufen kann; Musik nach Zahlen, statt Inhalten zu bewerten, ist falsch. Umso mehr habe ich es als unfair empfunden, das vierte Album so an kommerziellen Kriterien zu messen, weshalb ich lange Zeit keine Lust hatte, ein neues zu machen. Aber als die Flüchtlingsfrage so sehr ins allgemeine Bewusstsein der Masse vordrang, konnte ich als Kind mit Migrationswurzeln ebenso wie als Künstlerin meinen Mund nicht halten, zumal gerade, als ich Borders schrieb, auch noch eine private Liebesbeziehung aus politischen Gründen zerbrach.

Echt jetzt?

Die allgemeine Stimmung hatte zumindest Einfluss darauf. Sie war und ist so entzweiend, dass die Beziehung einer dunkelhäutigen Frau wie mir zu einem weißen Mann wie meinem Mann von außen unter Druck geriet. Ganz gewöhnliche Differenzen unter Liebenden bekamen plötzlich eine gesellschaftliche Komponente und wurden so verstärkt. Erst in dieser Stimmung wurde uns bewusst, wie sehr es in Großbritannien noch üblich ist, dass Weiße unter Weißen bleiben und Farbige unter Farbigen. Alles andere erschien uns plötzlich zusehends als ferner Traum.

Den auch Musik nicht realisieren kann?

Schön wär’s.

Welchen Einfluss kann sie auf die Verhältnisse ausüben?

Große, in doppelter Hinsicht. Wegen einiger meiner Texte erhalte ich in den USA nur schwer ein Visum, weil sie dort offenbar als irgendwie bedrohlich wahrgenommen wird. Darum kann ich mein Kind nicht besuchen, wenn es dort mit seinem amerikanischen Pass Urlaub macht; obwohl ich hier in England Steuern zahle, behindert meine Musik also meine eigene Freizügigkeit. Andererseits kann und will sie den Horizont anderer erweitern und ihnen sagen: werdet was immer ihr sein möchtest, geht wohin ihr wollt, seid undefinierbar! Das ist schließlich auch meine Story. Auch im Verhältnis zur Musikindustrie übrigens, die immer wieder versucht hat, mich zu definieren und daran gescheitert hat.

Warum?

Unter anderem, weil ich zehn Jahre in Sri Lanka gelebt habe und dadurch einen anderen Blick auf die westliche Welt habe. Ich bewerte Dinge anders als Eingeborene. Das möchte ich weitergeben.

Bist du in diesem Sinne einflussreich?

Bis zu einem gewissen Grad vielleicht, auch wenn ich dafür nicht das entsprechende Feedback kriege.

Immerhin hat dich das Time-Magazine mal unter die einflussreichsten 100 Menschen der Welt gewählt.

Das stimmt, aber das lag wohl vor allem am Zeitpunkt, zu dem ich bekannt wurde. Damals gab es noch kein klares Raster für meine Art Popmusik, weshalb ich mehrere andere zusammenführt habe, vermittelt übers Internet, das sich damals gerade mit Smartphones, Apps und sozialen Netzwerken gewaltige Verbreitungsnetze geschaffen hatte. Von 2005 bis 2009 habe ich viel Zeit darauf verwendet, einen Sound und einen Look zu kreieren, der das undefinierbar Multikulturelle zum Stilmittel erhebt.

Ganz bewusst?

Schon. Aber erst, als beides dann plötzlich von der Subkultur zum Mainstream wurde, geriet ich in diese Time-Liste. Da kamen ein paar Dinge eher zufällig zusammen, die mich zur Königin eines Trends machten, der dann allerdings schnell wieder ausverkauft wurde an größere Popstars und größere Marken der dominierenden Kulturkreise, die noch mehr Geld daraus machen konnten als ich.

Wie also hat sich in diesem Prozess deine Musik entwickelt vom Debüt Arular über den Durchbruch mit Kala bis zum aktuellen AIM?

Das erste handelte im Grunde davon, morgens aufzuwachen, angepisst zu sein von der Welt da draußen und darüber nachzudenken, wie man das selber wohl ändern könnte. Das zweite Album macht sich auf dem Weg in diese Welt da draußen, um sie zu verstehen und Leute zu finden, die ebenso angepisst sind. Das dritte Album dann zieht mit ihnen gemeinsam in die Schlacht. Im vierten Album findet man sich im Krankenhaus wieder, leckt sich die Wunden der Schlacht, spürt aber auch, sie überlebt zu haben. Hier setzt das fünfte Album an, sammelt die Scherben auf und geht weiter vorwärts.

Hast du die erste Schlacht also gewonnen oder verloren?

Weiß ich gar nicht so genau. Aber ich habe ihn begonnen, das zählt. Und die wichtigste Erkenntnis ist sowieso eine andere: Wie viele Schlachten du auch nach außen hin führst, wie oft du auch am System scheiterst – wenn du den Kreis durchbrechen willst, musst du auch die nötigen Schlachten gegen dich selber schlagen.

Ist das die Message der einflussreichen M.I.A.?

Das ist die Message des Menschen Maya: Wenn du etwas für andere ändern willst, vergiss nicht, dich selbst zu verändern.

Der Text ist vorab beim MusikBlog erschienen

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